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The Sunsetriders

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13.12.2002
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The Sunsetriders

Anmutig und grazil galloppierte der schwarze Hengst die von ausgetrockenetem Gras übersäte Anhöhe herauf, um auf dem höchsten Punkt, der die beste Aussicht über das tiefe Tal gebat, stehen zu bleiben. Ein wenig unruhig tänzelte der Hengst umher, bevor er nach einem heftigen Schnauben ruhiger wurde und in seiner Position verharrte. Sein Reiter ließ den Blick über das von der untergehenden Sonne ausgeleuchtete Bergland schweifen. Die wundervolle Ruhe auf dem Hügel verleitete ihn beinahe dazu, seinen Gelüsten nach einer kleinen Atempause nachzugeben und mit geschlossenen Augen den beruhigenden Geräuschen der Natur zu lauschen. Die wohlige Wärme der in tiefdunklem orange flimmernden Abendsonne umspielte die harten Züge seines von Bartstoppeln übersäten Gesichts. Das Zusammenkneifen seiner Augen formte dezente Krähenfüße an deren seitlichen Ausprägungen.

Elegant beugte er sich leicht zur Seite und griff sich einen Getreidehalm, den er sogleich zerkleinerte und sich in den Mund steckte. Während sein Blick suchend umherschweifte, ließ er den Halm in seinem Mundwinkel hin- und herwandern. Der zerklüftete Canyon nördlich seiner Position erstrahlte geradezu in tiefem kaminrot. Einen Blick hinter sich werfend stellte er fest, dass seine drei Freunde Mühe hatten, die Rinderherde im Zaum zu halten. Der Reiter wendete seinen Blick wieder ins Tal. Irgendwo dort unten musste sich der kleine Ausreißer doch befinden. Diese kleinen Kälber, die sich immer wieder von deren Herde entfernten, mussten ihm im Grunde mittlerweile lästig werden, doch im Gegenteil, auf ihre Art und Weise waren sie ihm sympathisch.

Sie gehorchten nicht dem stupiden Herdentrieb, sondern rissen aus, neugierig und entdeckungsfreudig, das Risiko und das Abenteuer suchend, keinerlei Bedenken gegenüber den vielleicht drastischen Konsequenzen hegend. Vielleicht waren sie ihm so sympathisch, weil sie ihn an sein eigenes Wesen erinnerten. Als der Hengst, dessen schwarzes Fell intensiv im güldenen Sonnenuntergang glänzte, zunehmend unruhiger wurde, reichte ein sanftes Streicheln des Reiters über dessen Hals aus, um es wieder kalmieren. „Ruhig mein Kleiner, gleich haben wir es geschafft“, sagte der Reiter in einem sanften und gelassenen Tonfall, der klang, als würde er zu einem vertrauten Freund sprechen. Kaum hatte er seine Worte beendet, fiel ihm ein weißes Getier auf, dass sich in der Talsohle umherbewegte. Anhand der körperlichen Beschaffenheit und der Farbgebung des Fells wusste der Reiter sofort, dass es sich hierbei um das entflohene Kalb handeln musste. Neugierig und ängstlich zugleich inspizierte das Kälbchen sein Spiegelbild im Takohee – Fluss, welcher das Plateau durchquerte. „In Ordnung, Kumpel, sieht so aus, als müssten wir uns beeilen“, brummte der Reiter, zog sich seinen Cowboyhut ins Gesicht und gab dem Hengst sogleich die Sporen, welcher sich zunächst auf den Hinterhufen aufbäumte um daraufhin den Hügel hinunter zu spurten.

Bedingt durch den rasanten Galopp wurde der Reiter im Sattel umhergeworfen, weshalb er die Zügel heftiger umklammerte. Bei diesem Tempo aus dem Sattel geworfen zu werden hätte gewiss mit dem Tod enden können. Dennoch gab er dem Pferd wieder die Sporen und heizte es zu einer erneuten Geschwindigkeitssteigerung an. Elegeant wich der Hengst größeren Steinformationen aus und sprang schließlich mit einem gewaltigen Satz über ein etwa zwei Meter breites Loch in der Erde, welches unmittelbar vor ihm auftauchte. Der Reiter blickte während des gigantischen Satzes nach unten und erkannte, das dieses Loch tief genug war, um nicht nur dem Pferd, sondern auch ihm persönlich sämtliche Knochen zu brechen. Als der Hengst wieder auf der Erde aufkam, fiel der Reiter beinahe kopfüber aus dem Sattel. „Weiter mein Junge, schneller, schneller!“ schrie er. Das kleine Kalb streckte unterdessen vorsichtig seine rosarote Zunge aus, um von dem kühlen Wasser zu kosten, welches direkt vor seiner Nase floss. Kaum hatte es sich tiefer hinab gebeugt, rutschte es auch schon aus und stürzte in den Fluss.

Die Stromschnellen des Takohee – River reichten aus, um das kleine unbeholfene Kalb abtreiben zu lassen. Kläglich brüllte es seine verzweifelten Hilfeschreie, die immer wieder gurgelnd unterbrochen wurden, weil es Wasser schlucken musste. „Verdammte Scheisse“, murmelte der Reiter, der aus der Ferne die Szeneriebeobachtet hatte. Der Hengst preschte mit unglaublicher Rasanz durch die Prärie. Seine Hufen, die sich in die staubige Erde eingruben, wirbelten kleine Staubwölkchen auf. Der Reiter ging in eine leicht geduckte Haltung über. Plötzlich formierte sich ein erneutes Hindernis vor dem Pferd und dem Reiter. Zwei Baumstämme, die im Abstand von etwa drei Metern zueinander auf der Erde lagen. Offensichtlich hatte der Fluss sie vor längerer Zeit angespült. „Oh nein“, keuchte der Reiter und ließ das Pferd nach links ausweichen, um dem ersten Baumstamm zu entgehen. Kurz darauf steuerte er es nach rechts, um dem zweiten Baumstamm auszuweichen, doch der Aktionsradius des Pferdes war zu gering, es steuerte unweigerlich auf den mächtigen Stamm zu. „Spring!“ schrie der Reiter und zog an den Zügeln, worauf der Hengst von der Erde abhob und über den Baumstamm flog. Nur wenige Millimeter trennten die Hufen des Pferdes von den Kanten des Baumstammes, dann ging der Ritt weiter. „Mann, das war knapp“, schnaufte der Reiter und blickte kurz nach hinten. Währenddessen planschte das Kälbchen weiter verzweifelt um sein Leben. Allmählich begann es schwächer zu werden.

Der Reiter hatte nun den Fluss erreicht und ritt ihn entlang der Stromschnellen, die das Kälbchen auf direktem Weg in Richtung des angrenzenden Wasserfalles führten, der grollend in der Ferne das Felsplateau hinabstürzte. Nach rechts blickend konnte er den Kopf des Kälbchens erkennen, der mit weit aufgerissenen Augen ab und an blökend aus dem Wasser auftauchte. Der Reiter dirigierte den Hengst nun ins Wasser. Schäumend spritzte die aufgewühlte Gischt seitlich des Pferdes hoch. Wassermassen schossen fontänenartig in die Höhe und nässten sowohl Pferd als auch Reiter ein. Das Flusswasser reichte dem Pferd mittlerweile bis an den Bauchansatz. Die Stiefel des Reiters versanken bereits im Fluss. Er merkte, wie der Hengst gegen die Stromschnellen ankämpfte, um nicht hinfort gerissen zu werden. Je weiter er das Pferd nach rechts steuerte, desto tiefer versank es im Wasser. Als es etwa zur Hälfte in den Stromschnellen versunken und das Wasser dem Reiter beinahe an die Kniescheibe reichte, nahm er schwungvoll das Lasso zur Hand, das er in einem Lederbeutel seitlich des Sattels aufbewahrte, und wirbelte es mit pendelnden Handbewegungen über seinem Kopf, so dass sich die Schlinge in voller Größe ausdehnen konnte.

Der Reiter konnte die Entfernung zum Wasserfall schwer einschätzen, doch allzu weit entfernt konnte er nicht mehr sein, zumal das Rauschen immer lauter wurde. Kraftvoll schwang er das Lasso in Richtung des Kalbes, doch das Lasso war um einige Meter zu kurz, so dass es ins Wasser fiel. Wieder verschwand der Kopf des Kälbchens für einige Sekunden unter Wasser. Der Reiter erkannte in seinen Augen die Todesangst und Verzweiflung. „Nur keine Sorge, mein Kleiner, heute gehst du mir noch nicht drauf“, keuchte der Reiter, während er das Lasso wieder zu sich zog. Er musste sich etwas anderes einfallen lassen. Sein Pferd hatte immer größere Mühe, sich den Stromschnellen zu widersetzen, welche immer reißerischer wurden, je näher sie dem Wasserfall kamen. „In Ordnung, Atlus, wir müssen noch weiter in den Fluss hinein“, schrie der Reiter zu seinem Pferd. Das Rauschen hatte sich mittlerweile zu einem ohrenbetäubend lauten Geräusch gewandelt. Die Stromschnellen reichten dem Pferd mittlerweile bis zum Hals. Noch gehorchte es dem Willen seines Reiters, doch die weit aufgerissenen Augen des Hengstes verrieten dem Reiter, das die Grenze hiermit erreicht war. Der Reiter entschloss sich, dem Pferd nicht noch mehr zuzumuten. Er stützte sich mit seinen Händen auf dem vom Wasser umschlossenen Rücken des Pferdes ab und stellte sich aufrecht auf seinen Sattel. Wackelnd versuchte er das Gleichgewicht zu halten, um nicht kopfüber in die Stromschnellen zu fallen. Im Prinzip hatte er kein durchdachtes Konzept, sondern handelte, wie schon so oft zuvor in seinem Leben, lediglich nach seinem Instinkt.

Hoffend, dass dieser ihn dieses mal nicht im Stich lassen würde, ließ er erneut sein Lasso über seinem Kopf kreisen. Kurz rutschte ihm unter Wasser der Fuß weg, so dass er für einen Moment des Schreckens in die Knie gehen musste. Sein Herz pochte mittlerweile wohl in ähnlicher Rasanz wie das des Pferdes. Wieder stellte er sich aufrecht und schwang das Lasso. Einen Blick nach geradeaus werfend erkannte er, dass der Wasserfall nicht mehr als zweihundert Meter von ihm entfernt sein konnte. Die schäumende Flut am Ende des Horizonts verhieß nichts gutes. „Kumpel, dass ist unsere letzte Chance“, schrie er zu dem kleinen Kalb, bevor er das Lasso in dessen Richtung schwang, „und du könntest dich langsam mal etwas kooperativer zeigen!“ Das Lasso flog in Richtung des Kälbchens und wickelte sich um seinen Hals.

Kaum hatte der Reiter einen Freudenschrei ausgestoßen, wurde er mitsamt des Lassos ruckartig vom Sattel des Pferdes gerissen und stürzte in den reissenden Bach. Nachdem er wieder auftauchte, erkannte er, dass sein Pferd wohl kameradschaftlich versuchte, ihm zu folgen, doch schließlich aufgeben musste, als das Wasser bereits seine Nüstern umspielte.

„Hey Leute, Jack braucht aber ziemlich lange, um das kleine Kalb einzufangen, oder?“ fragte einer der drei Reiter, die damit beschäftigt waren, die Herde im Zaum zu halten. „Am besten, ich schaue mal nach, ob mit ihm alles in Ordnung ist!“ Bob ritt die Anhöhe hinauf, um anschließend seinen Blick über das Plateau wandern zu lassen. Nirgends konnte er Jack oder das Kalb erkennen. „Verdammter Mist, wo stecken die beiden bloß“ fragte er sich, mit einer Stimme, die vom Whiskeygenuss gezeichnet war, während er an seinem Vollbart rieb. Als er nach links in Richtung des angrenzenden Wasserfalles blickte, erkannte er schließlich die Notlage: Jack und das kleine Kalb trieben gemeinsam direkt auf den großen Wasserfall zu. „Scheiße Bob, du solltest das Kalb einfangen und nicht versuchen, ihm Schwimmen beizubringen“, murmelte er, dann gab er seinem Pferd die Sporen, welches sogleich wiehernd in Richtung Wasserfall spurtete.

Jack versuchte unterdessen, seinen Kopf irgendwie über Wasser zu halten. Auch er musste bereits Unmengen an Wasser schlucken. Das Rauschen wurde lauter und lauter, der Wasserfall konnte nur noch Augenblicke entfernt sein. „Kleiner, wenn du einen Plan hast, solltest du ihn mir langsam mitteilen“, gurgelte er dem Kälbchen zu. Bob ritt mit immenser Geschwindigkeit entlang des Flusses. Bei diesem höllischen Tempo wäre er nicht in der Lage gewesen, unvermittelt vor ihm auftauchenden Hindernissen auszuweichen. „Jack, wärst du so freundlich deine Schwimmstunde auf einen anderen Tag zu verlegen?“ schrie er. Mühevoll richtete Jack seinen Blick auf den sich nähernden Reiter. „Bob, schön dich zu sehen, hättest du was dagegen,mir das Leben zu retten?“ krisch er. „Wenn ich schon mal in der Nähe bin“, antwortete Bob lauthals. Jack schaute dem Kalb nochmals in die Augen, die ihn förmlich anflehten, es nicht im Stich zu lassen. Kurz bevor die Wassermassen donnerhallend meterweit in die Tiefe fielen, stand eine Reihe von drei kahlen Bäumen. Einer der Bäume trug einen großen, breiten Stumpf. „Bob, siehst du den großen Baum da vorne?“ „Was soll damit sein, willst du an dem beerdigt werden?“ wollte Bob wissen. „Nein, versuch das Seil irgendwie um diesen großen Stumpf zu wickeln, damit ich mich daran festhalten kann!“ „Großen Stumpf? Du meinst doch nicht etwa diesen abgebrochenen Ast da vorne?“ „Mach einfach, ich schmeiß dir jetzt das Ende des Seils zu und du wickelst es da drum!“ ordnete Jack kompromisslos an.

Die Geschwindigkeit, mit der Jack und das Kalb den Fluss entlang trieben und Bobs Reitgeschwindigkeit waren mittlerweile synchron. Mit der rechten Hand fing Bob das ihm zugeworfene, durchnässte Seil auf. „Willst du mich verarschen, du hast es ja noch gar nicht zu einem Lasso geknotet?“ brüllte Bob erbost. „Verzeih mir, aber meine Zeit war bisher doch recht knapp bemessen. Beeilung, knote ein Lasso und wickele es um diesen verdammten Baum!“ brüllte Jack zurück. Bob nahm beide Hände von den Zügeln, angesichts des rasanten Ritts musste er scharfsinnig aufpassen, nicht das Gleichgewicht zu verlieren und aus dem Sattel zu kippen. Er ritt nun gewissermaßen freihändig. „Ist dir bewusst, wie ich diese Stressituationen hasse? Ich will dir ja den Mut nicht nehmen, aber ich brauche sogar in gewöhnlichen Situationen zwei Minuten, um ein Lasso zu binden, und das auch nur, wenn ich wirklich gut drauf bin, wie zum Teufel soll ich es hier in wenigen Sekunden schaffen?“ wollte Bob wissen, während er hektisch versuchte, das Ende des Seils zu einem Lasso zu knoten.

Jack konnte nicht antworten, da er angesichts der Tatsache, dass ihn die gierigen Hände des Flusses ständig unter Wasser zogen, nur Satzfragmente gehört hatte und ihm allmählich die Kraft zum Reden ausging. Hektisch spielten Bobs Finger mit dem Ende des Seils, legten es über Kreuz und zogen es durch die sich ergebende Schlaufe. Bob hob triumphierend das Lasso in die Höhe: „Alles klar, das war neue Rekordzeit!“ jubelte er, während er stolz das Lasso empor streckte, welches sich sogleich wieder öffnete, worauf das Ende des Seils wieder schlaff an seiner Hand herunter hing. „Oh Gott ich bin des Todes!“ schrie Jack verzweifelt, als er den unbeholfenen Bob mit dem Seil hantieren sah. Bob blickte kurz nach vorne, der Abgrund war nur noch wenige Meter entfernt, die Bäume schon beinahe zum Greifen nahe. Bob wusste, das dies seine absolut letzte Chance war. Wieder vollzog er denselben Vorgang, den er so oft bereits im Stall geübt hatte und zog den Knoten so fest er konnte.

Nochmals prüfte er kurz, ob das Seil sich nicht wieder entknoten würde, es schien der Belastung stand zu halten. Wieder nach vorne blickend erkannte er, dass er beinahe an den Bäumen vorbei ritt. Überrascht darüber, musste er blitzschnell reagieren, stülpte innnerhalb von Sekundenbruchteilen das Lasso um den Stumpf und zog den Knoten zu. Das Seil spannte sich sofort, der Baum begann zu knarren. Durch die schlagartige Bewegung hatte es Bob vom Pferd gerissen, welcher daraufhin unsanft auf der Schulter landete. Stöhnend rieb er sich das schmerzende Schultergelenk. Mit Schrecken musste Bob feststellen, dass der Knoten des Lassos sich bereits allmählich zu lösen begann und dass zu allem Überfluss der Ast bereits erste Brüche aufwies. „Jack, ich weiß nicht, was hier zuerst zerstört wird, entweder der Ast, oder das Seil!“ „Du solltest die Liste um `mein Leben´ erweitern!“ jammerte Jack.

„Jedenfalls wird es gleich ungemütlich!“ Das Seil spannte sich nun von dem einen Ende, welches den Ast umwickelte, bis zum anderen Ende, welches den Nacken des Kälbchens umwickelte, quer über den Fluss. In der Mitte befand sich Jack, der sich entgegen den kraftvollen Wassermassen am Seil in Richtung des Festlandes zog. Nun ergiff auch Bob das Seil und zog es in seine Richtung. „Durchhalten, Jack, du darfst jetzt nicht loslassen!“ gab Bob Jack zu verstehen. „Bist du dir eigentlich bewusst, wie sinnlos deine Aufmunterungen wirken?“ meckerte Jack mit gequältem Gesichtsausdruck.

Der Kopf des Kälbchens verschwand vollends unter Wasser. Es musste grausame Schmerzen ausstehen, denn die Wassermassen drohten ihm förmlich den Kopf abzureissen. Ächzend vor Schmerz zog Jack sich weiter am Seil entlang. Bob ging kurz in die Knie, dann stemmte er sich nach hinten, als würde er Seilziehen gegen eine Horde wilder Bullen spielen. Knackend brach der Ast wieder ein Stück ein. Ängstlich blickte Bob hinter sich, Holzsplitter rieselten von dem Ast herab, der jeden Moment zu zerbersten drohte. Die Tiefen des Wasserfalls waren nur noch etwa zehn Schritte von ihm entfernt, er konnte in der Ferne bereits die Womoha – Wälder erkennen, das Gebiet der den Weißen gegenüber feindlich gesinnten Wom – Indianer. Er estimierte, das der Wasserfall mindestens vierzig Schritte in die Tiefe hinab stürzte. Wenn Jack nicht durch den Sturz gestorben wäre, so hätten ihn mit Sicherheit die rauen Felsen dort unten aufgespießt. Die einzige Chance für ihn zu überleben bestand darin, sich ans Festland zu ziehen. Stück für Stück kam Jack dem trockenen Festland näher. Abermals wickelte sich der Knoten des Seils am Baumstamm ein Stück auf, zugleich knackte der dicke Ast neuerlich. Der Riss war eindeutig optisch zu erkennen. Bob war sich bewusst, dass er ruckartig nach vorne gezogen werden würde, sobald der Ast sich vom Baumstamm lösen würde und er das Seil nicht schnell genug losgelassen hätte. Jack bekam mittlerweile sogar wieder den von kleinen Steinen gesäumten Flussboden unter seinen Füßen zu spüren. Mit einem gewaltigen Satz sprang er schreiend aus dem wilden Fluss und landete direkt vor Bobs Füßen. „Hey Jack, Du bist der erste Mann, der mir zu Füßen liegt!“ keuchte er. Jack hob unterdessen sein mit Sand bedecktes Gesicht und hustete angewidert einige Sandkörner aus seinem Mund. In dem Moment, als Jack sich aufrappelte, riss der Ast des Baumstammes ab.

Bob handelte sofort instinktiv richtig, indem er das Seil losließ, doch das Ende des Seils, welches immer noch zu einem Lasso gewickelt war, wickelte sich um seinen Arm, zog sich zusammen und riss ihn umgehend nach vorne. Bob landete auf dem Bauch und rutschte auf der sandigen Erde geradewegs auf den Abgrund zu. Kaum war Jack auf die Beine gekommen, hechtete er sich auch schon wieder nach vorne und hielt sich an Bobs Stiefeln fest. „Bob du meinst es aber gut mit dem Kälbchen, aber spätestens jetzt würde sogar ich das Seil loslassen!“ schrie er. „Scheiß auf dieses Kalb, das gottverdammte Seil hat sich um meinen Arm gewickelt!“ brüllte Bob panisch zurück, während er verzweifelt versuchte, das Seil von seinem Handgelenk zu lösen. Zusammen rutschten die beiden geradewegs näher und näher auf die tödlichen Tiefen zu. Jack musste einsehen, dass dem Kalb nicht mehr zu helfen war. Das Leben seines Gefährten galt es nun zu retten. Mit letzter Kraft zog Jack sich an Bobs Beinen entlang und stellte sich schließlich auf Bobs Rücken. Während Bob schmerzvoll bäuchlings über die Erde gezogen wurde, balancierte Jack wackelig auf seinem Buckel. „Willst du mich tot treten bevor ich da herunterstürze oder was soll das jetzt wieder?“ schrie Bob zornig hinauf.

Mit der rechten Hand zog Jack seinen Revolver, drehte ihn kurz in der Hand und feuerte schließlich auf das Seil, um die Verbindung zu dem Kälbchen, das mittlerweile den Wasserfall hinabstürzte, zu unterbrechen. Der erste Schuss ging daneben. Der Abgrund war förmlich zum Greifen nahe. Bob malte sich gedanklich bereits aus, wie er den Abgrund kopüfber hinunterfallen und schließlich von einem spitzen Felsen durchbohrt werden würde, der ihm direkt in den Rachen schnellte. Sein gesamter Bauch- und Brustbereich brannte schmerzvoll, Sand und Kies hatten ihm die Kleidung aufgerieben und scheuerten mittlerweile seine Haut blutig. „Scheisse, wie viele Schüsse hast du noch?“ fragte Bob angsterfüllt. „Zwei!“ antwortete Jack kurz, bevor er den Auslöser drückte. Auch der zweite Schuss verfehlte sein Ziel und ließ eine kleine Stabfontäne aus der Erde schiessen. „Einen!“ Bob stieß einen langen Schrei aus.

Zu allem Überfluss verlor Jack nun auch noch das Gleichgewicht und stürzte von Jacks Rücken. Während er zu Boden fiel, betätigte er den Auslöser und ließ die letzte Patrone aus dem Lauf seines Revolvers schießen. Die Kugel sauste knapp über Bobs Kopf hinweg und zerfetzte direkt das Seil. Bob verlor an Geschwindigkeit und bremste immer mehr ab, bevor er schließlich vollends zum Stillstand kam. Mit weit augerissenen Augen starrte er die Tiefe hinab. Kleine Steine rieselten den Abgrund hernieder und verschwanden in der Ferne während sie ein prasselndes Geräusch hinterließen. Rechterhand preschten die Wassermassen in die Tiefe, direkt unter ihm konnte er die zerklüfteten Steinformationen erkennen, die das Landschaftsbild der unteren Flussebene prägten. Bis zum Brustansatz hing er bereits über dem Abgrund, der Rest seines malträtierten Körpers lag auf dem staubigen Boden. Hätte sich das Seil auch nur eine Sekunde später von seinem Arm getrennt, wäre er trotz aller Bemühungen den Abgrund hinab gestürzt. Als er mit zusammengekniffenen Augen nach links blickte, erkannte er Jack, der sich gerade noch so am Felsvorsprung festgehalten hatte und sich mühsam versuchte, nach oben zu ziehen. Seine Beine baumelten über dem Abgrund und immer wieder warf er einen Blick hinab in die Tiefe. „Bob, ich kann mich nicht mehr lange halten“, klagte er, während seine verkrampften Finger, die sich um zwei Steine geklammert hatten, langsam wegzurutschen drohten. Bob quälte sich schmerzerfüllt auf die Beine und ergiff Jacks Hand.

Mit letzter Kraftanstrengung gelang es ihm, Jack nach oben zu ziehen, kurz bevor sich die beiden Steine aus dem Felsen lösten und nach einem langen Flug zerschellten. Die beiden standen sich gegenüber, starrten sich von gegenseitiger Dankbarkeit erfüllt in die Augen, machten eine Geste, sich gegenseitig die Hand schütteln zu wollen und fielen schließlich mit ausgestreckten Händen um. Bob kippte entkräftet nach hinten und fiel auf den Rücken, Jack krachte mit dem Bauch zuerst direkt neben ihm auf die Erde. Beide lagen keuchend und stöhnend auf dem dreckigen Boden. Ihre Brustkörbe verrieten das Tempo mit dem sie zu atmen versuchten. In kurzen Abständen hebten und senkten sie sich. „Ich esse drei mal in der Woche ein Steak“, keuchte Jack leise, „und riskiere mein Leben für so ein verfluchtes Kalb, irgend etwas kann mit mir nicht stimmen!“ hustete er in den Sand. „Das ist der Teil, den ich dir schon seit Jahren beizubringen versuche!“ hechelte Bob zurück. Nach einger Zeit des Durchatmens kamen sie wieder auf die Beine und bestiegen schmerzerfüllt ihre Hengste.

„Verdammt, wo bleiben Jack und Bob bloß, am besten ich schaue mal nach ihnen, sonst fallen die noch mitsamt des Kalbes den Wasserfall hinab“, scherzte der dritte Reiter, Billy, der zusammen mit Frank auf die restlichen Rinder aufgepasst hatte. Frank und Billy lachten lauthals auf. „Also, ich traue den beiden ja vieles zu, aber so blöd sind noch nicht mal....“ Frank musste seinen Satz unterbrechen und starrte mit aufgeklapptem Mund den Hügel hinauf. Billy zog verwundert die Augenbrauen ins Gesicht und blickte daraufhin ebenfalls den Hügel hinauf, worauf sein Gesichtsausdruck dasselbe schockierte Ausmaß annahm. Mit der Hand schirmte er die herabfallenden Sonnenstrahlen von seinen Augen ab. Jack und Bob hingen förmlich in ihren Satteln und stöhnten bei jedem Schritt, den ihre Pferde tätigten. Die orangene Halbkugel der untergehenden Sonne lag direkt in Ihrem Rücken. Bobs Oberkörper blutete und war zudem vollkommen mit Staub und Dreck bedeckt, während Jack von Kopf bis Fuß eingenässt und vorderseitig mit Sand bedeckt war. Beide hatten Mühe, ihre Augen offen zu halten und nicht ohnmächtig vom Pferd zu stürzen. „Ähm, ihr seid doch nicht etwa.......“ deutete Frank zaghaft an. Genervt nickte Bob mit dem Kopf. „Doch, sind wir.“ „..... in den Fluss.......???“ führte Billy andeutungsvoll fort. Auch Jack nickte genervt mit dem Kopf. „.........in Richtung des Wasserfalls?“ fragten Billy und Frank gleichzeitig mit ungläubigem Unterton in der Stimme.

„Ja, verdammt nochmal!“ schrien Jack und Bob gleichzeitig zurück. Erkennend, dass weitere Nachfragen lediglich weitere Wutanfälle produziert hätten, trabten die vier schließlich schweigsam zurück in die Stadt, in der sie vor einem Jahr von den Bürgern Daisytowns zu Sherrifs ernannt wurden, zu Hütern des Gesetzes, zu Männern, die den bösen Kräften des wilden Westens den Kampf angesagt und die sich verpflichtet hatten, ihre Stadt und deren Bürger vor ebendiesen Kräften zu beschützen. Dies ist die Geschichte von vier Männern, die den wilden Westen prägten und gleichsam von ihm geprägt wurden, dies ist die Geschichte der „Sunsetriders“.

 

Hallo MarkMan,

Deine Geschichte liest sich flott und ganz unterhaltsam. Du hast die Geschehnisse recht plastisch erzählt, man fühlt sich teilweise mitten im Geschehen.

Auch sprachlich war das Ganze recht ansprechend, wenngleich Du an der einen oder anderen Formulierung noch ein wenig feilen könntest.

Der eine oder andere Absatz ist vielleicht ein wenig lang geraten, aber das ist auch Geschmackssache. Bei den Dialogen würde ich aber auf jeden Fall mehr Absätze machen und jedem Dialogsprecher einen neuen Absatz geben, dann wird es übersichtlicher.

Hier zum Beispiel:

„Bob, siehst du den großen Baum da vorne?“ „Was soll damit sein, willst du an dem beerdigt werden?“ wollte Bob wissen. „Nein, versuch das Seil irgendwie um diesen großen Stumpf zu wickeln, damit ich mich daran festhalten kann!“ „Großen Stumpf? Du meinst doch nicht etwa diesen abgebrochenen Ast da vorne?“ „Mach einfach, ich schmeiß dir jetzt das Ende des Seils zu und du wickelst es da drum!“ ordnete Jack kompromisslos an.
Warum nicht so:

„Bob, siehst du den großen Baum da vorne?“
„Was soll damit sein, willst du an dem beerdigt werden?“, wollte Bob wissen.
„Nein, versuch das Seil irgendwie um diesen großen Stumpf zu wickeln, damit ich mich daran festhalten kann!“
„Großen Stumpf? Du meinst doch nicht etwa diesen abgebrochenen Ast da vorne?“
„Mach einfach, ich schmeiß dir jetzt das Ende des Seils zu und du wickelst es da drum!“, ordnete Jack kompromisslos an.


Den Schlussabsatz würde ich kürzen bzw. die letzten Sätze komplett streichen. Das wirkt irgendwie zu klischeehaft und fast kitschig, und es passt eigentlich gar nicht zum Rest des Textes.


Ein paar Einzelanmerkungen:

"Als der Hengst, dessen schwarzes Fell intensiv im güldenen Sonnenuntergang glänzte, zunehmend unruhiger wurde, reichte ein sanftes Streicheln des Reiters über dessen Hals aus, um es wieder kalmieren."
>>> was ist denn "kalmieren"? Und müsste es nicht "um es wieder zu kalmieren" heißen?

"Elegeant wich der Hengst größeren Steinformationen aus"
>>> Elegant

"„Weiter mein Junge, schneller, schneller!“ schrie er."
>>> Nach der wörtlichen Rede steht (nach der neuen Rechtschreibung) immer ein Komma:
"...schneller!", schrie er


"Seine Hufen, die sich in die staubige Erde eingruben"
>>> Seine Hufe

"Hoffend, dass dieser ihn dieses mal nicht im Stich lassen würde"
>>> Die Konstruktion mit dem "Hoffend, dass" klingt nicht schön

"und stürzte in den reissenden Bach. Nachdem er wieder auftauchte, erkannte er, dass sein Pferd wohl kameradschaftlich versuchte"
>>> reißenden
Nachdem er wieder aufgetaucht war, erkannte er ...

"„Hey Leute, Jack braucht aber ziemlich lange, um das kleine Kalb einzufangen, oder?“ fragte einer der drei Reiter, die damit beschäftigt waren, die Herde im Zaum zu halten."
>>> Vor diesem Absatz würde ich den Wechsel von Jack zu den anderen deutlicher kennzeichnen als nur mit einem normalen Absatz.

"Überrascht darüber, musste er blitzschnell reagieren, stülpte innnerhalb von Sekundenbruchteilen"
>>> ein bisschen viel "n" :D

"denn die Wassermassen drohten ihm förmlich den Kopf abzureissen."
>>> abzureißen

"Er estimierte, das der Wasserfall mindestens vierzig Schritte in die Tiefe hinab stürzte."
>>> was bedeutet denn "estimierte"?
..., dass der Wasserfall

"„Hey Jack, Du bist der erste Mann, der mir zu Füßen liegt!“"
>>> du

"doch das Ende des Seils, welches immer noch zu einem Lasso gewickelt war, wickelte sich um seinen Arm"
>>> ich würde versuchen, solche Wortwiederholungen zu vermeiden

"betätigte er den Auslöser und ließ die letzte Patrone aus dem Lauf seines Revolvers schießen."
>>> das würde ich ändern, klingt nicht gut

"Mit weit augerissenen Augen starrte er die Tiefe hinab."
>>> aufgerissenen

"Jack und Bob hingen förmlich in ihren Satteln und stöhnten bei jedem Schritt"
>>> Sätteln

"„Ähm, ihr seid doch nicht etwa.......“"
>>> Für Auslassungen nimmt man nur drei Punkte ...

Ich hoffe, dass Du mit meinen Anmerkungen etwas anfangen kannst. :)

Viele Grüße
Christian

 

Hi Christian,

und ob ich damit etwas anfangen kann. Erschreckend, dass ich trotz mehrmaligen Probelesens immer noch so viele Fehler übersehen habe. Aber zum Glück gibt es Personen wie Dich, die solch einen Text mit der perfekten Akribie lesen, um sämtliche Fehler aufzuspüren, die ich bei nächster Gelegenheit korrigieren werde.

Das Ende ist in der Tat wenig zufriedenstellend, ich muss allerdings auch aufführen, dass die Sunsetriders eine komplette Geschichte werden, d.h., dass es anschließend noch weitergeht (ich plane 70-80 Word-Seiten).

Ich wollte bloß mal den Anfang veröffentlichen, um einige Kritiken zu erhalten und mir diese zu Herzen zu nehmen.

Also, danke nochmal, freut mich, dass Dir der Anfang ganz gut gefallen hat.

Mit freundlichen Grüßen,
Markus

 

Hallo Markus,

freut mich, dass Du was mit der Kritik anfangen kannst und die Fehler auch verbessern willst. Immerhin macht es ja ein bisserl Arbeit, sie aufzuzählen. ;)

kg.de ist prinzipiell nur für Kurzgeschichten gedacht, da aber der Text, so wie er dasteht, eine in sich abgeschlossene Geschichte darstellt, ist es okay so. Wenn Du daraus einen Roman machen willst, ist kg.de allerdings nicht das richtige Forum (für den kompletten Roman).

Viele Grüße
Christian

 

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