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Tägliche Verführung

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07.04.2012
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Tägliche Verführung

Ich begegne ihr, wenn ich morgens zum Bäcker gehe. Sie wartet schon auf mich, breitet sich vor mir aus, dringt in mich ein. Ich bin machtlos gegen sie, gegen ihre roten Lippen und die Peitsche in ihrer Hand. Wenn ich fliehe, dann folgt sie mir nicht. Sie wartet lieber an der nächsten Kreuzung. An der Hand einer anderen wirft sie mir einen Blick zu, lächelt mich an, verführt mich, während ihre prekären Reize den Blick ihrer Begleiterin fesseln. Ich wende mich ab, gehe weiter. In der U-Bahn steht sie vor mir, breitbeinig, drohend, anziehend. Schon in der Tür streicht sie mir über den Arm. Mühsam kann ich sie beiseite schieben. Doch im Vierer sitzt sie schon wieder vor mir. Ich schaue nach draußen, konzentriere mich auf die Stadt, die am Fenster vorbeifliegt. In der Spieglung der Scheibe entblättert sie sich, schiebt mir ihre Zunge ins Ohr, streicht mir sanft über das Bein. Ich habe keine Chance ihr zu entgehen.
Dreimillionenfach lauert sie uns täglich auf, aus Papierkörben, Hosentaschen, Aktenmappen. 45 Minuten lang besorgt sie es täglich ihren Freiern, raubt ihnen die Sinne, impft sie mit Parolen, badet sie in Schmutz. Sie nennt sich Zeitung und ist in Wahrheit eine unserer Geißeln.

 

Hallo Raindiver!

Ich gehe davon aus, dass du solche Pointen gerne hast. Ich steh nicht auf sowas. Das ist eine Meinung, die du irgendwie verpackt hast. Nicht schlecht geschrieben, sicher nicht, aber es ist doch eigentlich bloß ein Gedanke, der hinter diesem Text steckt. Für mich reicht das nicht, um Begeisterung hervorzurufen. Man denkt, ja, er hat sich Gedanken über das gemacht, was wir alle täglich hinnehmen, was wir konsumieren und über Medien und hat dann die eigentlich unbescholtene Zeitung genommen, um sie zu verurteilen, weil sie nicht anders ist als der Fernseher etc. nur eben altmodischer. Das ist auch ein guter Gedanke, kann man ja machen, aber es reicht doch nicht für eine ganze Geschichte. So seh ich das.

Lieben Gruß

Lollek

 
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Hallo Raindiver,

Die Zeitung! Jetzt echt? Der Text hier muss doch aus den 90ern sein, oder? :) Ich gehöre zu jener Generation, ich weiß fast gar nicht, wie das geht, Zeitung lesen. Ab und zu mache ich es … und dann kämpfe ich voll mit dem Großformat.
Also interessant, dass du ausgerechent Zeitungen angreifen möchtest, wo da doch scheinbar noch echte Journalisten arbeiten, die noch Recherche machen, und nicht nur Blogger sind und so …
Kennst du den Film "State of Play"? Da spielen sie beim Abspann den Song von Creedence "As long as I can see the light" und man sieht eine alte Fabrik wo Zeitungen am Fließband durchrauschen und das ist total melancholisch/nostalgisch und da denke ich immer dran, wenn ich an Zeitungen denke. Und was jetzt kommt, ist total off-topic, aber wenn ich gerade an "Enden" denken muss, der Film hat das schlechteste Ende aller Zeiten! Als hätte die CIA kurz vor knapp noch angerufen und gesagt: Nein ... das könnt ihr nicht bringen. Ändere das bitte. Nein, echt, this is an offer you can't refuse, change it … we don't like the end.

Ansonsten sehe ich das wie Lollek. Gut geschrieben, aber zu platt der Schluß, zu wenig einfach.

Willkommen auf kg.de :)

MfG,

JuJu

 

Danke euch für eure Meinung. Ich merke, dass ich etwas deutlicher hätte werden müssen. Gemeint ist natürlich nicht die Zeitung im Allgemeinen (ich mag es sehr "altmodisch" darin zu lesen), sondern eine bestimmte. Eben jene, die schon Heinrich Böll 1974 zu "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" inspirierte und der sich täglich 3.000.000 ausliefern.

 

Ich hab sie erkannt, die Verführung! Und ich fand gerade schön, dass das etwas unterschwellig kommt.
"beiseiteschieben" schreibt man zusammen. Und du wiederholst viele Wörter. Bei 200 Wörtern hast du: 2x wartet, 2x gegen, 2x Blick, 2x schon, 2x streicht, 2x täglich. Vielleicht hier und da ein Stilmittel, aber fiel mir beim lesen unangenehm auf (weshalb ich nachgezählt hab ;)). Und viel zu viele der wenigen Sätze beginnen mit "ich" oder "sie". Das kannst du kreativer.

 

Hallo Raindiver,

dein Text hat mir zu wenig Aussage.

Wenn du dich gegen Zeitungen stellst, wobei du, wie ich in deiner Kritikerwiderung gesehen habe, die Bildzeitung meinst, dann muss dies auch deutlicher werden, was genau dich an der Zeitung stört.

Du schilderst die Form der Verführung, des Sogs, aber du erklärst dem Leser nicht, weshalb der Erzähler sich dem entziehen möchte. Du setzt einfach voraus, dass jeder so denkt wie du. Darauf kann man eigentlich nur Texte aufbauen, die von Insindern gelesen werden, z.B. wenn hier auf kg.de
mal wieder eine Satire über die Behandlung von Neuankömmlingen auftaucht, dann wäre das so eine Insiderstory. Verstehen kann die im Prinzip nur die Gruppe der Kgler.
Ich kann derselben Ansicht sein wie du in Bezug auf diese Zeitung, aber das ändert nichts daran, dass der Text so nicht funktioniert. Ich soll doch etwas vom Erzähler erfahren, aber der lässt mich nicht weiter blicken als zu dem Punkt, dass er sich einer Zeitung entzieht.
Ich erfahre nicht warum und weshalb, aber gerade DAS wäre nun spannend gewesen und genau das hätte vermutlich auch eine Geschichte aus dem Text gemacht.


Was mir nämlich noch an deinem Text fehlt, ist die Geschichte.
Es gibt keinen Plot, keine Erzählung, keinen Spannungsbogen, es gibt nur ein Thema, eine Aussage. Das reicht nicht.

Lieben Gruß

lakita

 
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Danke für deine Einschätzung Lakita. Ja, du hast Recht. Es ist tatsächlich keine Kurzgeschichte und gehört deshalb nicht wirklich hierher. Ich muss gestehen, dass ich Lust hatte etwas darüber zu schreiben (Geburtstag der Bild, Geburtstag von Springer), mir aber nicht wirklich Gedanken über die Form gemacht habe. Es ist mehr ein Essay, eine persönliche Auseinandersetzung mit der Bild und dem was sie mit ihren Lesern macht.

Grüße
Raindiver

P.S. Als Neuling auf kg.de möchte ich noch sagen, dass mir diese ersten Kommentare zu etwas von mir Geschriebenem jedesmal ein Kribbeln durch die Magengegend jagen und ich diese Erfahrung sehr genieße. Danke dafür!

 

Ich begegne ihr, wenn ich morgens zum Bäcker gehe
, und genau da geht die Geschichte los, wenn der Bäcker nicht nur seine Brötchen losschlagen muss, sondern auch nochProstituierte im Nebengeschäft führt, die irreführend das "Zeitung" in ihrem Namen führen.

Feine Prosa,

lieber Raindiver!

 

Hallo raindiver,

zufällig entdeckt und gerne gelesen. :)
Ein sprachliches Bonbon, mit Ausnahme des letzten Satzes.

Sie nennt sich Zeitung und ist in Wahrheit eine unserer Geißeln.

So, wie das dasteht, ist es nur eine Behauptung. Das passt in einen Zeitungsartikel, aber nicht in einen literarischen Text. Alles zuvor war sinnlich und bildhaft, wirklich schön, und dann dieser Bruch.
Hättest du diese Aussage in Handlung und Bildern aufgelöst, dein Beitrag wäre literarischer (und länger) geworden, mAn.
Ich habe auch "Im Regen" gelesen. Ebenfalls eine gelungene Talentprobe, wie ich finde, überhaupt wirkt deine Sprache auf mich erfrischend interessant. Was deinen Texten Imho noch fehlt, ist eine richtige Geschichte. Aber das kommt schon noch. Talent hast du genug.

Netten Gruß,
Manuela :)

 
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Ich hab das auch gelesen und zur Kunstform wird es erst in Verbindung mit Jujus' Kommentar, finde ich.

Das ist Böll - die Ehre der Katharina Blum - ohne den Hintergrund der RAF und der Böll-Geschichte. Und es zeigt, wunderbar, wie sich Zeiten ändern. Juju kennt weder Böll noch hat die Bild eine große Rolle für ihn, wahrscheinlich. Und wenn man die Bildzeitung heute sieht: Ach, sie hat so herrlich viel Bedeutung verloren. Das Fernsehen und Plassberg und das Radio und das Internet und der Wandel der Gesellschaft - schön. (Großartig die Vorstellung, dass die Bildzeitung nicht mehr funktioniert, weil immer weniger junge Leute überhaupt wissen, wie man Din A3 liest! - das ist nix gegen Juju, ich mag den, aber das ist ja eigentlich das "geile Bild", das dem Text hier fehlt. Dass Leute unter 30, unter 25 immun gegen die Verführung werden aus ganz praktischen Gründen. Warum 60 Cent für etwas ausgeben, das es im Fernsehen umsonst gibt? Lokalzeitungen - denen sterben die Abonnenten weg!).

Ich glaube heute hasst man die Bildzeitung eher aus nostalgischen Gründen. Deshalb ist der Text für mich so ein Anachronismus. Als wäre man gegen Pershingrakten oder gegen Franz Josef Strauß oder gegen das Tanzverbot am Karfreitag.

Seltsamer Text. Lakita oder wer das geasgt hat, natürlich: Das ist kein Text, das ist politische Prosa, wenn man so will.

Wenn man heute einen Journalisten hassen will: Plassberg! Fleischhauer! Friedmann!
Nicht mehr das Medium, sondern Individuen. Das ist Fortschritt.

 

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