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Tägliche Verführung
Ich begegne ihr, wenn ich morgens zum Bäcker gehe. Sie wartet schon auf mich, breitet sich vor mir aus, dringt in mich ein. Ich bin machtlos gegen sie, gegen ihre roten Lippen und die Peitsche in ihrer Hand. Wenn ich fliehe, dann folgt sie mir nicht. Sie wartet lieber an der nächsten Kreuzung. An der Hand einer anderen wirft sie mir einen Blick zu, lächelt mich an, verführt mich, während ihre prekären Reize den Blick ihrer Begleiterin fesseln. Ich wende mich ab, gehe weiter. In der U-Bahn steht sie vor mir, breitbeinig, drohend, anziehend. Schon in der Tür streicht sie mir über den Arm. Mühsam kann ich sie beiseite schieben. Doch im Vierer sitzt sie schon wieder vor mir. Ich schaue nach draußen, konzentriere mich auf die Stadt, die am Fenster vorbeifliegt. In der Spieglung der Scheibe entblättert sie sich, schiebt mir ihre Zunge ins Ohr, streicht mir sanft über das Bein. Ich habe keine Chance ihr zu entgehen.
Dreimillionenfach lauert sie uns täglich auf, aus Papierkörben, Hosentaschen, Aktenmappen. 45 Minuten lang besorgt sie es täglich ihren Freiern, raubt ihnen die Sinne, impft sie mit Parolen, badet sie in Schmutz. Sie nennt sich Zeitung und ist in Wahrheit eine unserer Geißeln.