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Strip my soul

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02.11.2001
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Strip my soul

Jetzt klettert die Sonne die Fassaden entlang. Wie auf senkrechten, weißen Bergen turnt sie darauf. Davor blies ein Wind und die Straßen waren voll von den Schatten der Wolkenstädte über den Dächern. Die Bootsstege sind angekettet an schlingernden, weißen Rümpfen. Wie lange Zungen spielen sie mit dem Glas der Wellen, ragen in die Lichtflut der Binnenalster. Segel knattern weit draußen.
Drinnen leuchtet ihr Haar, duftet der Capuccino, in dem sie rührt, ist ihre Halskette da, auf der ein in Silber eingefasster Stein baumelt. Ihr Hals, den er diesen Augenblick, und jeden anderen auch, küssen möchte, riecht nach dem Bett vom Morgen.
Zeit verschwindet im Handumdrehen.
Warum ist das so? Fällt die Zeit aus offenen Händen? Aus Händen, die sich sonst die Waage halten? Hände, aus denen die Zeit rieselt? Sanduhrhände? Ist die Zeit wie Sand? Lassen wir das zu? Wäre es verständlicher mit dem Zulassen? Ist das Rieseln zu verstehen?
Keine Fragen, nein, nur ein weiteres Eingeständnis an die mit jedem Atemzug verschwindende Gegenwart. Eine Gegenwart, die, kaum das Hände nach ihr greifen können, zu Vergangenem zerfällt. Doch die Vergangenheit erinnert. Die Gegenwart verspricht und hält manches nicht. Das Licht spielt mit dem Himmel. Kein Dunkel ist hier.
Die Alster klopft an die Bohlen der Stege, klopft an die Wünsche, die sie sich groß und richtig träumen. Da klopft die Zukunft, denkt er. Sie denkt ähnlich. Sie müssen deshalb nicht die Stille zerbrechen. Die Stille ist jetzt das Gold.
Er will mit ihr schlafen, nachdem er das weiße Capuccino- Bärtchen von ihrer Oberlippe liebkost hat. Die Tische rundum sind besetzt. Er sieht keine Leute. Die Worte fallen wie Steine. Sie sind lautlos. Zwischen lautlosen Einschlägen finden sie ihre Antworten. Später erzählt sie, dann er, sie hören sich, dann sich zu, es ist ruhig zwischen ihren Händen, ein ruhiges Blitzgewitter tobt in der Waagschale. Die Herzen wissen alles. Wozu also all die Aufregung, die Andere zur Genüge verstreuen? Die Sonne hängt in den Uferweiden und gehört den Beiden.

Irgendwann werden wieder Stunden gegangen sein.
Wenn sie weg sind und irgendwo schon Anderen als vergängliche Zeit zur Verfügung stehen, dann werden sie fehlen hier. Es ist nicht besonders fair, das Ganze, und gerade auch deshalb richtig. Wer will schon wissen, was passiert, wenn die Zeit aufhört, weiter zu wandern. Wer will schon.
Ich, schreit es in ihm. Ich will. Immer und sofort und immer wieder.
Schau’, ich hab’ den Ring wiedergefunden, lächelt sie. Ja, sagt er, die kleinen Dinge verschwinden nicht. Sie kostet von der Apfeltorte. Sankt Georg spiegelt sich in ihren Augen. Polierte Messingglocken hängen über den Tischen. Darunter sind Lampen versteckt und spielen kraftlos mit dem Wassergespiegel, das von der Sonne auf den Holzboden, auf die Tischplatten, in ihr Haar geworfen wird. Danach hasten sie über die Straße.
Hotel Bellevue steht über der Glastür. Es ist noch alles da. Auch die Liebe. Mehr als das.

Die Lange Reihe. Hans Albers. Sein Geburtshaus irgendwo auf der rechten Straßenseite. Leute sitzen entlang der Gehsteige, lümmeln vermummt in den kalten Klappstühlen der Bistros und Cafes.
House warming Party im vierten Stock. Kommt alle, steht auf einem Pappschild.
Bass’n’drum aus einem Hinterhof.
Sie wissen ihren Kebab- Stand nicht weit und doch besuchen sie ihn nicht. Er ist für sie immer da. Es ist das sichere Gefühl, das sie darüber glücklich macht. Sie hält ihre Nase in den Wind, wie immer in Sankt Georg. Es ist derselbe Wind wie immer. Es ist immer Anfang hier.
Gut, dass ich eine Jacke anhabe, sagt sie. Ihre Hand ist heiß und klein in der seinen.
Ob er denn ihre neuen Schuhe bemerkt hat, fragt sie. Er küsst sie. Sie schließt die Augen. Das tut sie dabei immer.
Ja, hab’ ich, gibt er zur Antwort. Sie gefallen ihm.
Doch das sagt er nicht. Sie hat nicht danach gefragt. Sie weiß, dass er ihre Beine liebt.
Es ist mit ihren Schuhen wahrscheinlich dasselbe. So war es noch nie, denkt er.
Vielleicht ist das, was sie weiß, zuviel. Aber so ist es nun mal.
Der Wind treibt Tauben über den Hauptbahnhof. Sie suchen den Wagen.
Das Schwulenlokal von damals hat die Läden hochgerollt. Schöne Männer mit alten Gesichtern putzen den Tresen. Die Böden sind weinrot. Auch die Wände. Frühlingssträuße stehen auf den Tischen.
Damals hatten alle große Augen gemacht, doch der Abend war wunderschön, weil auch der alte Song von Cher ein neuer Beginn war.
Glaubst du an ein Leben nach der Liebe?
Alle um uns herum hatten Rotwein getrunken, denkt sie, alle hatten sich an behaarte Arme gefasst, hatten mit ihren Zungen gespielt, hatten auf der Männertoilette ihren Lidstrich nachgezogen. Wir hatten von der Liebe in diesem Moment gewusst. Wir hielten uns und bemerkten es. Wir standen ganz hinten. Später hatten wir zu tanzen begonnen und alles danach war richtig. Wir vergaßen, wer wir waren und wo wir standen.

Werden wir zu den Elbbrücken zurückfinden, fragt sie.
Er wendet den Wagen an einer unübersichtlichen Stelle, überquert dabei eine Sperrlinie.
Es ist Sonntag.
Ja, sagt er.
Die Sonne klebt auf Aluminiumfassaden.
Sie hat den Wind von der Alster in ihren Haaren mit in den Wagen genommen. Es riecht nach den Schwänen dort. Er hört die Rufe der Segler. Der Nachmittag ist so hell. An der Alster gibt es keine Angst und kein Dunkel. Die Häuser, die Segelboote, die Schwäne. Alles will aufgesogen werden und wirft sich als warmer Traum entgegen.
Sie fahren an den Deichtorhallen vorbei. Die Kontorhäuser leuchten in mattem Weinrot.
Er denkt an die dunklen Böden bei den schönen Männern.
Jetzt wird es angenehm im Wagen. Porcupine tree spielen „Strip my soul“.
Radio Hamburg bringt Verkehrsmeldungen. Zwei Schäferhunde balgen sich am Straßenrand.
Sie müssen nicht unter der Elbe durch. Der Elbtunnel ist gesperrt. Es würde Stunden dauern. Alles war, so wie sie, draußen im Licht und verstopft nun die Heimfahrt.
Sie hat ihre Jacke ausgezogen, beobachtet die Ladekräne. Echsen aus Stahl mit langen Hälsen, denkt sie. Sie weiß nicht, dass die Scheidung in einem Monat sein wird.
Sie werden noch Ralph treffen. Ihren Freund Ralph. In Harburg. Im Caspari. Sie sprechen über ihn, über die Trennung von seiner Frau, über Gesetze, die einen Mann in die Armut treiben können. Er hat zwei halbwüchsige Töchter. Manchmal weiß er nicht mehr weiter mit all dem, das jetzt für ihn passiert. Sollen sie mir eben noch eine auf den Kopf geben, sagt er dann. Zu oft hat er alles stumm ertragen. Der Unterhalt, die Alimente. Eine Frau, die nicht arbeitet. Seine Firma will Personalkosten sparen.
Auf den Elbbrücken ist wenig Verkehr. Sie küsst ihn, stößt mit der Brille an seine Stirn.
Mein unrasierter Mann, sagt sie. Wir müssen gleich abfahren.
Ja, sagt er, und, hast du gelesen, dass Gunther Gabriel auf einem Hausboot im Harburger Hafen lebt? Er glaubt nun, dass er glücklich ist. Vielleicht ist es der Geruch der Freiheit, der über einem Hafen schwebt. Auch wenn das Wasser ölig ist. Vielleicht sind es auch die Gespräche, die er dort mit den Möwen führt.
Wir brauchen die Alster, sagt sie.
Er weiß, dass sie damit ihre Beziehung mit ihm meint.
Als sie den Parkplatz entdecken, ist die Sonne von den Harburger Bergen gefallen. Ralph wartet. Er hat rote Augen. Vielleicht hat er wieder geweint. Viele Stunden blieben ungenützt. Sanduhrstunden? Jetzt fehlen sie. Seine Frau fehlt ihm mehr, als er zugibt.
Ich liebe dich, flüstert er ihr ins Ohr, bevor sie sich zu Ralph an den Tisch setzen.
Wieder leuchtet ihr Haar, duftet ihr Hals.
Wieder will ich mit ihr schlafen, denkt er.

 
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Hi Aqualung

Wahrscheinlich muss man nicht sagen, dass deine Geschichte aus den meisten anderen hier schlicht und einfach herausragt. Ich sag es trotzdem mal.
Auf den ersten Blick wirkt wieder einmal alles belanglos bis alltäglich. Aber ich finde gerade dieses tiefstapelnde Erzählen so gut. Die Handlung hat kein Anfang und kein Ende, ist einfach aus dem Leben gegriffen, aus keinem bestimmten, es könnte fast jedes sein.
Müsste ich jetzt einige besonders schöne Phrasen herausgreifen, wäre das unfair gegenüber den vielen, die ich vergesse ;)
Gerade die scheinbar beliebigen Unterhaltungen über alltägliche Geschehnisse sind eindringlich und verhindern, dass alles im Anonymen untergeht.

Seine Frau fehlt ihm mehr, als er zugibt

Normalerweise mag ich diese Sätze nicht, in denen dem Leser die Fakten auf den Teller geworfen werden, aber wenn sie so dezent und unauffällig gesetzt werden, gefallen sie auch mir.

Ein paar Bilder könnten vielleicht noch feiner abgestimmt werden, mir fällt gerade die am FEnster klebende Sonne ein, da denke ich an Homo Faber und Südamerika, nicht an die Alster :)

Ach ja, ich glaube, es heißt Drum´n´Bass und Kebap
:D

Liebe Grüße
wolkenkind

 

Hallo wolkenkind,

freut mich, dass du dich in diesen Alltagsauszug verirrt hast und darin gerne herumspaziert bist.
Zu deinen Anmerkungen:
Laut Duden stimmt Kebab (am Spieß gebratenes Lammfleisch, türkisches Gericht).
Bei Drum'n'Bass bin ich mir ob der Rechtschreibung ziemlich sicher, da die Übersetzung hierfür ,Schlagzeug und Bass' heißt.
,Base' wäre die Basis, das Fundament. Auch in amazon.de wird meine Schreibweise verwendet.

Liebe Grüße an dich - Aqua

 

Hei Aq, zwei Antworten, soll das ein Witz sein. Allein die ersten 11 Zeilen, bis zu "Zeit verschwindet im Handumdrehen" ist eigentlich mit dem Roten Briefumschlag zu würdigen. Übrigens Belohnung: Da fällt mir was ein.

Diese sentimentale Geschichte in diesem Stil mit diesen Bildern sind die geschichten, die gerne in der Zeitschrift "Brigitte" prämiert werden. Der "Bettina von Arnim Preis" findet im Frühjahr statt. (Läuft vielleicht grad?)

"Brigitte" ist ne deutsche Frauenzeitschrift.
Die ersten drei Preise sind irgendwas mit n paar tausend Euro. Ich weiss, dass es ungefähr 2000 Einsendungen nur von Amateuren gibt. Ich halte dich für chancenreich, vielleicht ein Sprunbrett? Also kümmere dich bitte drum!

Liebe grüsse Arche

 

Hallo Aqualung,

ohne andere herabstufen zu wollen muss ich auch (bereits nach nur kurzer "Mitgliedschaft" in diesem Forum) feststellen, dass Deine Texte eine eigene, sehr ausgeprägte und professionelle Qualität haben. So auch dieser.
Viel ist nicht dazu zu sagen. Ganz leise und unaufdringlich erzählst Du von einem Abschied, der so leicht nicht sein wird, und einem Anfang, der noch nicht die rechte Freude aufkommen lässt. Eine Momentaufnahme.

Zwei Anmerkungen:

"Eine Gegenwart, die, kaum das Hände nach ihr greifen.." - dass


"Als sie den Parkplatz entdecken, ist die Sonne von den Harburger Bergen gefallen."

Dieses Bild erscheint mir ein wenig zu künstlich. Und es scheint mir falsch zu sein.

Gruß
Bobo

 

Hi Aqua!

„Ob er denn ihre neuen Schuhe bemerkt hat, fragt sie. Er küsst sie. Sie schließt die Augen. Das tut sie dabei immer.
Ja, hab’ ich, gibt er zur Antwort. Sie gefallen ihm.
Doch das sagt er nicht. Sie hat nicht danach gefragt. Sie weiß, dass er ihre Beine liebt.“ – ist eine meiner Lieblingsstellen. Manches muss man einfach nicht sagen.
Ein irgendwie ehrlicher Text. Die Beschreibungen und Erinnerungen der Protagonisten sind dennoch toll geschildert – ganz alltäglich und unspektakulär und grad deshalb so gut.
Liebe Grüße
Anne

 
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Hi Aqualung,

größtenteils gut. Sensibel, mit einem "besonderen Ton", der in jeder Beobachtung, jedem Satz mitschwingt.

Zeit verschwindet im Handumdrehen.
Warum ist das so? Fällt die Zeit aus offenen Händen? Aus Händen, die sich sonst die Waage halten? Hände, aus denen die Zeit rieselt? Sanduhrhände? Ist die Zeit wie Sand? Lassen wir das zu? Wäre es verständlicher mit dem Zulassen? Ist das Rieseln zu verstehen?
Keine Fragen, nein, nur ein weiteres Eingeständnis an die mit jedem Atemzug verschwindende Gegenwart. Eine Gegenwart, die, kaum das Hände nach ihr greifen können, zu Vergangenem zerfällt. Doch die Vergangenheit erinnert. Die Gegenwart verspricht und hält manches nicht. Das Licht spielt mit dem Himmel. Kein Dunkel ist hier.

Diese Stelle hat mir nicht so gefallen und mich aus dem Lesen herausgerissen. Für mich eher ein Reflexionen-Paket, aus dem ich einige Sätze herausnehmen würde. Sanduhrhände fand ich übrigens ein schönes Bild. Ich denke, diese Textpassage gewinnt durch Kürzung. Dann wirken die Gedanken nicht so "vorgekaut". Als Leser wünsche ich mir Leer-Räume.

Fällt die Zeit aus offenen Händen? Hände, aus denen die Zeit rieselt? Sanduhrhände. Ist die Zeit wie Sand. Ist das Rieseln zu verstehen.
Keine Fragen. Nur ein weiteres Eingeständnis an die Gegenwart. Eine Gegenwart, die, kaum das Hände nach ihr greifen, zerfällt. Doch die Vergangenheit erinnert. Die Gegenwart verspricht und hält manches nicht. Das Licht spielt mit dem Himmel. Kein Dunkel ist hier.
Unbedingt würde ich mit der poetisch klingenden Frage "Fällt die Zeit aus offenen Händen?" beginnen.
Ein paar Fragezeichen würde ich streichen, das wirkt sonst zu penetrant. Nicht jede Frage braucht auch ein ??. Eine typografische Lösung, die mir schon öfters in neuerer deutscher Literatur aufgefallen ist.

lg Pe

 

Hallo petdays,

ein spätes Danke für deine sehr ausführliche Kritik an diesem Text. Mit den Fragezeichen hast du recht. Die müssen nicht immer dahinter stehen. Da werde ich mir was überlegen. Das Andere MUSS ich so stehenlassen, sagt mir mein Autorenherz.

Liebe Grüße an dich - Aqua

 

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