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Strip my soul
Jetzt klettert die Sonne die Fassaden entlang. Wie auf senkrechten, weißen Bergen turnt sie darauf. Davor blies ein Wind und die Straßen waren voll von den Schatten der Wolkenstädte über den Dächern. Die Bootsstege sind angekettet an schlingernden, weißen Rümpfen. Wie lange Zungen spielen sie mit dem Glas der Wellen, ragen in die Lichtflut der Binnenalster. Segel knattern weit draußen.
Drinnen leuchtet ihr Haar, duftet der Capuccino, in dem sie rührt, ist ihre Halskette da, auf der ein in Silber eingefasster Stein baumelt. Ihr Hals, den er diesen Augenblick, und jeden anderen auch, küssen möchte, riecht nach dem Bett vom Morgen.
Zeit verschwindet im Handumdrehen.
Warum ist das so? Fällt die Zeit aus offenen Händen? Aus Händen, die sich sonst die Waage halten? Hände, aus denen die Zeit rieselt? Sanduhrhände? Ist die Zeit wie Sand? Lassen wir das zu? Wäre es verständlicher mit dem Zulassen? Ist das Rieseln zu verstehen?
Keine Fragen, nein, nur ein weiteres Eingeständnis an die mit jedem Atemzug verschwindende Gegenwart. Eine Gegenwart, die, kaum das Hände nach ihr greifen können, zu Vergangenem zerfällt. Doch die Vergangenheit erinnert. Die Gegenwart verspricht und hält manches nicht. Das Licht spielt mit dem Himmel. Kein Dunkel ist hier.
Die Alster klopft an die Bohlen der Stege, klopft an die Wünsche, die sie sich groß und richtig träumen. Da klopft die Zukunft, denkt er. Sie denkt ähnlich. Sie müssen deshalb nicht die Stille zerbrechen. Die Stille ist jetzt das Gold.
Er will mit ihr schlafen, nachdem er das weiße Capuccino- Bärtchen von ihrer Oberlippe liebkost hat. Die Tische rundum sind besetzt. Er sieht keine Leute. Die Worte fallen wie Steine. Sie sind lautlos. Zwischen lautlosen Einschlägen finden sie ihre Antworten. Später erzählt sie, dann er, sie hören sich, dann sich zu, es ist ruhig zwischen ihren Händen, ein ruhiges Blitzgewitter tobt in der Waagschale. Die Herzen wissen alles. Wozu also all die Aufregung, die Andere zur Genüge verstreuen? Die Sonne hängt in den Uferweiden und gehört den Beiden.
Irgendwann werden wieder Stunden gegangen sein.
Wenn sie weg sind und irgendwo schon Anderen als vergängliche Zeit zur Verfügung stehen, dann werden sie fehlen hier. Es ist nicht besonders fair, das Ganze, und gerade auch deshalb richtig. Wer will schon wissen, was passiert, wenn die Zeit aufhört, weiter zu wandern. Wer will schon.
Ich, schreit es in ihm. Ich will. Immer und sofort und immer wieder.
Schau’, ich hab’ den Ring wiedergefunden, lächelt sie. Ja, sagt er, die kleinen Dinge verschwinden nicht. Sie kostet von der Apfeltorte. Sankt Georg spiegelt sich in ihren Augen. Polierte Messingglocken hängen über den Tischen. Darunter sind Lampen versteckt und spielen kraftlos mit dem Wassergespiegel, das von der Sonne auf den Holzboden, auf die Tischplatten, in ihr Haar geworfen wird. Danach hasten sie über die Straße.
Hotel Bellevue steht über der Glastür. Es ist noch alles da. Auch die Liebe. Mehr als das.
Die Lange Reihe. Hans Albers. Sein Geburtshaus irgendwo auf der rechten Straßenseite. Leute sitzen entlang der Gehsteige, lümmeln vermummt in den kalten Klappstühlen der Bistros und Cafes.
House warming Party im vierten Stock. Kommt alle, steht auf einem Pappschild.
Bass’n’drum aus einem Hinterhof.
Sie wissen ihren Kebab- Stand nicht weit und doch besuchen sie ihn nicht. Er ist für sie immer da. Es ist das sichere Gefühl, das sie darüber glücklich macht. Sie hält ihre Nase in den Wind, wie immer in Sankt Georg. Es ist derselbe Wind wie immer. Es ist immer Anfang hier.
Gut, dass ich eine Jacke anhabe, sagt sie. Ihre Hand ist heiß und klein in der seinen.
Ob er denn ihre neuen Schuhe bemerkt hat, fragt sie. Er küsst sie. Sie schließt die Augen. Das tut sie dabei immer.
Ja, hab’ ich, gibt er zur Antwort. Sie gefallen ihm.
Doch das sagt er nicht. Sie hat nicht danach gefragt. Sie weiß, dass er ihre Beine liebt.
Es ist mit ihren Schuhen wahrscheinlich dasselbe. So war es noch nie, denkt er.
Vielleicht ist das, was sie weiß, zuviel. Aber so ist es nun mal.
Der Wind treibt Tauben über den Hauptbahnhof. Sie suchen den Wagen.
Das Schwulenlokal von damals hat die Läden hochgerollt. Schöne Männer mit alten Gesichtern putzen den Tresen. Die Böden sind weinrot. Auch die Wände. Frühlingssträuße stehen auf den Tischen.
Damals hatten alle große Augen gemacht, doch der Abend war wunderschön, weil auch der alte Song von Cher ein neuer Beginn war.
Glaubst du an ein Leben nach der Liebe?
Alle um uns herum hatten Rotwein getrunken, denkt sie, alle hatten sich an behaarte Arme gefasst, hatten mit ihren Zungen gespielt, hatten auf der Männertoilette ihren Lidstrich nachgezogen. Wir hatten von der Liebe in diesem Moment gewusst. Wir hielten uns und bemerkten es. Wir standen ganz hinten. Später hatten wir zu tanzen begonnen und alles danach war richtig. Wir vergaßen, wer wir waren und wo wir standen.
Werden wir zu den Elbbrücken zurückfinden, fragt sie.
Er wendet den Wagen an einer unübersichtlichen Stelle, überquert dabei eine Sperrlinie.
Es ist Sonntag.
Ja, sagt er.
Die Sonne klebt auf Aluminiumfassaden.
Sie hat den Wind von der Alster in ihren Haaren mit in den Wagen genommen. Es riecht nach den Schwänen dort. Er hört die Rufe der Segler. Der Nachmittag ist so hell. An der Alster gibt es keine Angst und kein Dunkel. Die Häuser, die Segelboote, die Schwäne. Alles will aufgesogen werden und wirft sich als warmer Traum entgegen.
Sie fahren an den Deichtorhallen vorbei. Die Kontorhäuser leuchten in mattem Weinrot.
Er denkt an die dunklen Böden bei den schönen Männern.
Jetzt wird es angenehm im Wagen. Porcupine tree spielen „Strip my soul“.
Radio Hamburg bringt Verkehrsmeldungen. Zwei Schäferhunde balgen sich am Straßenrand.
Sie müssen nicht unter der Elbe durch. Der Elbtunnel ist gesperrt. Es würde Stunden dauern. Alles war, so wie sie, draußen im Licht und verstopft nun die Heimfahrt.
Sie hat ihre Jacke ausgezogen, beobachtet die Ladekräne. Echsen aus Stahl mit langen Hälsen, denkt sie. Sie weiß nicht, dass die Scheidung in einem Monat sein wird.
Sie werden noch Ralph treffen. Ihren Freund Ralph. In Harburg. Im Caspari. Sie sprechen über ihn, über die Trennung von seiner Frau, über Gesetze, die einen Mann in die Armut treiben können. Er hat zwei halbwüchsige Töchter. Manchmal weiß er nicht mehr weiter mit all dem, das jetzt für ihn passiert. Sollen sie mir eben noch eine auf den Kopf geben, sagt er dann. Zu oft hat er alles stumm ertragen. Der Unterhalt, die Alimente. Eine Frau, die nicht arbeitet. Seine Firma will Personalkosten sparen.
Auf den Elbbrücken ist wenig Verkehr. Sie küsst ihn, stößt mit der Brille an seine Stirn.
Mein unrasierter Mann, sagt sie. Wir müssen gleich abfahren.
Ja, sagt er, und, hast du gelesen, dass Gunther Gabriel auf einem Hausboot im Harburger Hafen lebt? Er glaubt nun, dass er glücklich ist. Vielleicht ist es der Geruch der Freiheit, der über einem Hafen schwebt. Auch wenn das Wasser ölig ist. Vielleicht sind es auch die Gespräche, die er dort mit den Möwen führt.
Wir brauchen die Alster, sagt sie.
Er weiß, dass sie damit ihre Beziehung mit ihm meint.
Als sie den Parkplatz entdecken, ist die Sonne von den Harburger Bergen gefallen. Ralph wartet. Er hat rote Augen. Vielleicht hat er wieder geweint. Viele Stunden blieben ungenützt. Sanduhrstunden? Jetzt fehlen sie. Seine Frau fehlt ihm mehr, als er zugibt.
Ich liebe dich, flüstert er ihr ins Ohr, bevor sie sich zu Ralph an den Tisch setzen.
Wieder leuchtet ihr Haar, duftet ihr Hals.
Wieder will ich mit ihr schlafen, denkt er.