Stille Wasser
Der alte Douglas McDern und der etwas jüngere Martin Scott saßen wie jeden Abend zusammen an ihrem Stammtisch. Im Hintergrund spielte ein altes Radio, kaum lauter als die Stimmen der wenigen Besucher des Gasthauses „zum See“.
„Es ist einfach tragisch, was der Familie alles zugestoßen ist. Es ist mir ein Rätsel, wie sie so viel ertragen konnten.“ „Das ist wohl wahr“, antwortete Martin im Brustton der Überzeugung. „Frank war noch so jung und hatte noch so viel vor sich. Und zudem lief es für ihn mehr als gut. Sieh dich doch mal um. In den letzten Jahren hat er dieses Haus zu etwas gemacht. Früher war es nicht mehr als irgend eine beliebige Bruchbude. Als er dann mit seiner Familie hier herauf kam und das Haus kaufte, dauerte es nicht lang und die Besucher kamen und gingen. So lange es dieses Haus schon gibt, so lange waren hier auch noch nicht so viele Menschen unterwegs.“ „Wie alt ist denn das gute Stück.“ Martin war noch nicht lange in Mays Garden. Erst vor ein paar Monaten ist er mit seiner Frau hierher gekommen, und hatte sich ein kleines Haus unten am See gemietet. „Och, dass lässt sich schwer sagen, da es nirgends irgendwelche genauen Daten gibt. Aber man schätzt sein Alter so auf ungefähr 400 – 500 Jahre – wenn man den Wiederaufbau 1867 mitrechnet.“ „Was war denn damals passiert?“ fragte Martin sichtlich interessiert. „Der damalige Besitzer hat es einfach niedergebrannt. Die Leute erzählten sich, dass er verrückt geworden ist, nachdem seine Frau ihn verlassen hatte. Das verrückteste an der Geschichte war allerdings, dass er gar keine Frau hatte. Er schwamm dann irgendwann auf den See raus und kam nicht wieder.“
Thomas Guillami, ein kleiner untersetzter Italiener, kam zu den beiden Männern. Seine Stimme klang genau so, wie er aussah. „Sagt mal, hat man schon was gehört?“ Thomas mochte in Mays Garden keiner so richtig gern. Aber er lebte nun einmal mit am See, also duldete man ihn. „Frank ist ertrunken.“ „Das weiß ich wohl auch, Martin. Ich will wissen wie es dazu kam.“ „Spielt das denn eine Rolle. Und wenn schon. Ich wüsste kaum, was dich das anginge Guillami. Du bisst doch sowieso der letzte, den das interessieren dürfte.“ „Kaum ein Grund so zu reagieren, Scott, ich habe es euch schon oft genug gesagt, dass ich nicht sauer auf ihn war.“ Martin blickte den Italiener nur erstaunt an. Douglas erging es da anders. Er musste etwas sagen. „Ja genau, keiner hier weiß von deiner Attacke auf Franks Auto, nachdem er dir das Haus vor der Nase weggekauft hatte. Sofern man das überhaupt sagen kann. Immerhin wolltest du das Haus schon zwei Jahre vor seiner Ankunft hier kaufen, hast es aber nie getan. Und auch keiner hier weiß von den nächtlichen Graffiti Aktionen. Wo du wie ein amerikanischer Straßengangster bei Nacht um Nebel um das Haus geschlichen bist und deine kleinen Botschaften an die Wände gesprayt hast.“ Thomas guckte arrogant nach oben, wobei man sich fast Sorgen machten musste, dass seine spitze Nase in den Deckenventilator geriet.
Die zwei Männer unterhielten sich weiter, als wäre nichts passiert.
„Morgen ist die Beerdigung. Wirst du hingehen?“
„Sicher werde ich das, wie jeder hier vom See das tun wird. Sogar unser kleiner italienischer Freund wird da sein.“
Der 95er Ford Escort fuhr die Schotterstraße Richtung Burry Hills hinab und wirbelte dabei Wolken von Staub auf. Das Licht brach sich darin, und tausende, kleine, blinkende Partikel tanzten langsam zu Boden. Am Steuer des Wagens saß Steven Connor. Er war unterwegs zu der Beerdigung seines Bruders Frank. Steven ist damals als einziger nicht mit nach Mays Garden gezogen. Er fand, dass es seine Chance war unabhängig zu werden. Damals, im März 1991, fuhr sein Vater allein an den See um Urlaub zu machen, während seine Mutter Ellis in der Heimat auf die Kinder aufpasste. Stevens Vater kam nie aus dem Urlaub zurück, denn in seiner zweiten Woche ertrank er im May. Dem See, der die ganze Umgebung ihren Namen zu verdanken hatte. Danach fuhr Ellis mit Frank und ihrer kleinen Tochter Margret an den See, um ihren Mann dort zu beerdigen. Steven fuhr damals nicht mit, da er nicht verstehen konnte, wieso man seinen Vater dort beerdigen musste. Und dann folgte die Nachricht seiner Mutter, dass die Familie dort bleiben würde und Frank ein altes Gasthaus gekauft hatte. Und jetzt war Frank auch tot, ertrunken im gleichen See. Das war auch der Grund, warum Steven jetzt doch noch dort herauffuhr. Er wollte das Wasser, dass seinen Vater und seinen Bruder getötet hatte sehen. Außerdem hatte Margret ihm von einem Italiener erzählt, der Frank schon unzählige male belästigt hatte. Vielleicht hatte er ja etwas damit zu tun, denn alle Connors waren hervorragende Schwimmer. Das waren sie zwangsläufig, da ihr Urgroßvater einmal in der Olympiaauswahl mitschwamm. Und sobald man alt genug war, um ein Schwimmbad betreten zu dürfen, hatte der alte Max Connor seine Kinder, bzw. Enkel oder Urenkel auch schon dorthin geschleift.
Steven war ein großer, gutaussehender Mann von kräftiger Statur, ohne ein Gramm Fett. Er hatte kurzes, schwarzes Haar und trug immer einen Dreitagebart, der ihm ein raues, maskulines äußerliches verlieh. Allem in allem war er eine imposante Erscheinung, dem im Zusammenspiel mit seinem Charme keine Frau wiederstehen konnte.
Burry Hills war der letzte Ort vor Mays Garden. Eine typisch schottische Kleinstadt, mit ihren alten Häusern und Straßen. Steven machte dort halt, da er noch einen Anzug für die Beerdigung brauchte. Er war mehr der legere Typ, dessen Auswahl an feinen Klamotten aus ein paar Papageienhemden und ein paar Stoffhosen bestand. Alles andere was in seinem Kleiderschrank hing, war der Wille seiner Ex Frau, also ausschließlich Sachen, die er niemals freiwillig angezogen hatte und es auch nie mehr tun würde. Das war seine stille Rache.
Dann ging alles recht schnell. Die Ankunft im Gasthaus, das Treffen mit der Familie und die Vorbereitung der Beerdigung. Ellis war in der Zeit, in der Steven sie nicht mehr gesehen hatte stark gealtert. Ihr Gesicht war fahl und blass. Und jedes Mal, wenn Steven sie anblickte machte er sich Sorgen. Seine Schwester Margret hingegen wurde immer schöner. Ihr Gesicht war makellos und sie hatte den Körper eines Models. Es war ihm unverständlich, warum sie immer noch keinen Freund gefunden hatte, was auch Ellis immer wieder zu so manchen Bemerkungen kommen ließ.
Die Bestattung fand auf einem kleinen örtlichen Friedhof statt, auf dem auch schon sein Vater zur Ruhe gebettet wurde. Die Sonne schien und die Vögel zwitscherten. Freunde und Verwandte waren zahlreich erschienen, um Frank ein letztes Mal die Ehre zu erweisen und auf der Wange von dem ein oder anderen war eine Träne zu entdecken. Stevens Mutter hielt sich erstaunlich gut. Nur gelegentlich begann sie zu schluchzen und zu zittern, hatte sich aber schnell wieder im Griff. Aber Margret ging es gar nicht gut. Sie heulte so laut, dass der Pfarrer immer wieder inne halten musste, da man ihn sonst kaum verstand. Steven hielt sie fest in seinen Armen, damit sie nicht umfiel. Es war viel schlimmer seine gebrochene Schwester anzublicken, als den Sarg seines Bruders, der nun langsam im Erdboden verschwand. Ein dumpfes Geräusch ließ alle Körper kurz zusammenzucken. Der Sarg hatte den Boden berührt. Vier Männer lösten nun die Seile und der Pfarrer begann unter den Wehklagen von Margret die erste Erde auf den dunklen Eichensarg zu werfen. Steven holte tief Luft, wobei der erdige Geruch des Mutterbodens in seine Nase kroch und sich dort festsetzte. Dieser Geruch und das Weinen seiner Schwester waren seit diesem Augenblick miteinander verbunden und er wusste genau, dass jedes Mal, wenn er diesen Geruch wahrnehmen würde, er auch wieder den Schmerz von Margret fühlen würde.
Nach der Beerdingung trafen sich alle im Gasthaus um einen Tost auf Frank zu auszubringen. Steven blickte durch den großen Saal und sah den alten McDern, der allein an einem Tisch in der Ecke saß. Über der Tür daneben hing ein altes Holzschild mit einem Zitat des damaligen Hausherren: „Die einzige Liebe meines Lebens war der See. Niemand vermochte mir jemals soviel zu geben.“
Steven setzte sich zu dem gebbürtigen Schotten.
„Sie sind Steven, nicht wahr?“
„Ja, der bin ich.“
„Das tut mir Leid, mit ihrem Bruder. War ein toller Kerl,“ seufzte McDern aufrichtig.
Steven sah einfach nur ins Leere, denn so langsam wurde ihm erst richtig bewusst, dass sein Bruder tot war.
„Ach wissen Sie,“ begann McDern, als er den verlorenen Ausdruck im Gesicht seines Gegenübers sah, „das hier,“ dabei machte er eine weit ausholende Geste mit seiner Hand, „war sein ein und alles. Seine ganze Zeit hat er hier hineingesteckt. Tja – seine Frau weiß es wohl am besten.“
Steven blickte nun wieder klar. „Inwiefern?“
„Ach, sie kam damit nicht zurecht. Sie machte Frank andauernd Vorwürfe, dass er nicht genug Zeit für sie aufbringen würde. Aber in Wirklichkeit bedeutete sie ihrem Bruder eine Menge. Vielleicht tatsächlich nicht soviel wie dieses Gasthaus. Aber eine Menge. Wenn er von ihr sprach hatte er immer einen Glanz in seinen Augen. Irgendwie – tiefe Zufriedenheit.“
„Und warum hat er es ihr nie gesagt?“
„Oh das hat er. Oft sogar. Aber sie glaubte ihm nicht. Und ihr Bruder war hin und hergerissen, da seine Frau verlangte dieses Haus hier aufzugeben und den See weit hinter sich zu lassen. Für ihn war das die reinste Qual, denn eine Entscheidung konnte er nicht fällen. Er sagte immer nur: Liebe tötet, Doug, Liebe tötet.“
„Erzählen sie mir von diesem Guillami,“ bat Steven.
„Thomas, der kleine... Entschuldigung.“
„Macht nichts.“
„Ich denke mal, dass ihnen bekannt ist, dass er auf dieses Haus hier scharf ist. Er hat ihrem Bruder sogar schon gedroht, wenn er es nicht verkaufen wolle. Aber, er ging natürlich nicht darauf ein. Und so nahm das Unheil seinen Lauf. Kaputte Fenster, zerstochene Reifen und so weiter.“
„Glauben sie, dass er irgendetwas damit zu tun hatte?“
„Er ist, noch mal Entschuldigung, ein Arschloch. Aber Mord – Nein – nicht er. Thomas ist verlogen, hinterhältig, aggressiv und von Neid zerfressen, aber so etwas würde er nicht machen. Niemals hätte er genug Mumm.
Er liebte dieses Haus hier regelrecht und er wusste auch genau, dass nach Frank, Margret das Haus führen würde.“
Steven betrachtete wieder das alte Holzschild, überdachte noch einmal die letzten Worte von McDern und erinnerte sich an den Spruch seines Bruders: Liebe tötet.“
Vom Gasthaus aus führte ein kleiner Schotterweg herunter zum See. Steven schlenderte diesen gelassen entlang und hing seinen Gedanken nach. Die Sonne verschwand langsam am Horizont und warf ihre letzten wärmenden Strahlen auf den kleinen schottischen Ort. Das tiefe Orange hüllte die Gegend in ein ruhiges Zwielicht, dass Steven in eine depressive Stimmung versetzte. Er blickte sich um, betrachtete die kleinen Büsche am Wegesrand und die Grasebenen, wie sie sich zwischen den Hügel wanden und ein eigenartiges Muster ergaben. Er dachte über seinen Bruder nach, über die vergangene Zeit mit ihm, über seine Schwester, die sich direkt nach der Beerdigung in ihr Zimmer gesperrt hatte und den See, der in der Abendsonne glitzerte. Sein Wasser war still und trüb und nur an wenigen Stellen kräuselte sich das Wasser in seichten Spiralen, durch den sanften Wind der an diesem Abend wehte. Silberne Fische funkelten vereinzelt an der Oberfläche, um kurz darauf wieder in der Tiefe zu verschwinden. Es war kaum etwas zu hören, nur leise Geräusche von Vögeln und ein seltenes Plätschern. Steven sog die leichte Luft tief in seine Lungen, verinnerlichte den Geruch von Blüten und Wasser und blinzelte in die vergehende Sonne, während er den Bootssteg entlang ging. Die Bretter waren alt und von einer grünlichen Moosschicht überzogen. Am Ende des Stegs war ein kleines Boot befestigt, dass immer wieder leicht gegen die dicken Streben schlug. Steven hockte sich ans Ende und blickte lang dieses Boot an, ohne einen konkreten Gedanken zu fassen. Erst langsam fiel ihm auf, dass unter den beiden Sitzbänken die Paddel lagen. Sie forderten förmlich dazu auf, eine Runde auf dem May zu rudern. Und irgendetwas schien an Franks Bruder zu zerren, ihn zu zwingen das Boot zu betreten. Noch bevor er sich entscheiden konnte auf den See hinaus zu fahren, saß er bereits in dem hölzernen Ruderboot und zwängte die Paddel in die dafür vorgesehenen Halterungen. Er band das Halteseil los und stieß sich vom Steg ab. Das erste Stück lies er sich treiben, dann legte er sich mit voller Kraft hinein, wobei die Ruder das Wasser zischend durchschnitten und eine feine Schicht aus Gischt sich auf seinem Körper niederließ. Er ruderte immer weiter, bis seine Arme schmerzten und der Schweiß auf seiner Stirn in Tropfen herabfloss. So schnell er angefangen hatte das Boot hinaus zu steuern, so schnell beendete er auch sein Bemühen die Ruder im schnellsten Rhythmus ins Wasser zu tauchen. Sein Atem ging schwer, während sich das Wasser um ihn herum wider beruhigte. Das Boot war nun ganz zum Stillstand gekommen. Stevens Finger spielten im Nass des Sees, seine Augen bohrten sich in die Tiefe und sein Kopf war völlig leer. Auch seine Arme waren nicht mehr zu spüren. Alles war anders, still, ruhig, wie ein Traum, ein blasser Traum, so real und doch so illusionär.
Mitten in diesem Moment absoluter Stille, absoluter Belanglosigkeit begann sich das Wasser wieder zu regen. Im ersten Augenblick bemerkte Steven davon gar nichts, da er noch immer versunken vor sich hin starrte. Luftblasen strebten an die Oberfläche, während der junge Connor langsam seine Wahrnehmung wiedergewann. Im Wasser war ein Glitzern auszumachen. Er dachte zuerst an einen Fisch, aber er verschwand nicht direkt wieder wie die anderen und er glitzerte auch anders, irgend wie konstanter, harmonischer und in einem matten grün, kaum von der Farbe des Wassers auszumachen, aber dennoch deutlich und klar. Dann glättete sich das Wasser wieder und eine Silhouette war undeutlich auszumachen. Ein Abriss eines Menschen, der jetzt langsam deutlicher wurde. Steven packte die Panik, das Bild seines toten Bruders schoss ihm durch den Kopf, wie er bleich im Wasser treibt. Seine Muskeln verkrampften sich, sein Herz schlug, hämmerte durch seinen ganzen Körper, als ein Gesicht unter der Oberfläche erschien, verschwommen, dann klarer. Es war ein Frauengesicht das ihn schimmernd ansah. Während es lächelte konnte er den Körper erkennen, nackt, voller Anmut und Schönheit. Träume, Märchen, Sagen schienen sich zu erfüllen, Realität zu werden, die ihn nun fast erschlug. Das Gesicht tauchte aus dem Wasser auf, lieblich, feine Züge, strahlende Augen, die so tief waren, dass man meinen könnte, man blicke in den See selbst. Steven verkrampfte sich und starrte gebannt auf die Gestalt, die aus dem Wasser ragte. Sein erster Gedanke war ihr zu helfen, sie auf das Boot zu holen und an Land zu bringen. Aber irgend etwas in ihm wusste, dass sie das nicht wollte, dass sie das nicht konnte. Lange blickten sie sich nur an, verschwanden in den Augen des anderen und verschmolzen miteinander.
„Hallo,“ hauchte sie, still und kraftvoll. Voller Leidenschaft und Hingabe. Mehr wurde nicht gesagt. Es war als unterhielten sie sich lang und innig, ohne ein Wort zu sprechen, lautlos, bis der Mond steil am Himmel stand und sein mattes Licht hinunter warf. Sie neigte den Kopf zu Seite und verschwand im See. Steven konnte sich kaum regen. Noch immer hallten in seinem Kopf die Wörter wieder, ein Echo ihrer Stimme, vollkommene Lieblichkeit.
Er ruderte zurück, ging den schmalen Weg zurück zum Gasthaus und betrat es leise, um niemanden zu wecken. Er betrat sein Zimmer und legte sich mitsamt seiner Kleidung ins Bett.
Er schlief schnell ein und träumte so intensiv, wie nie zuvor. Er sah einen Ozean, weit und friedvoll. Verspürte aber ein Gefühl von Gefangenheit und Einsamkeit. Es belastete ihn, drücke auf ihn nieder und doch merkte er, dass da noch etwas anderes ist. Hoffnung, die Aussicht auf Befreiung. Die Nacht war lang. Steven warf sich immer wieder hin und her in seinem Bett. Als er aufwachte war er schweißgebadet und sah vor seinem geistigen Augen nur noch das Bild einer Frau. Draußen war es schon hell. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es bereits Nachmittag war.
Unten im Gasthaus saß Margret. Es schien Steven so, der gerade die schwere Holztreppe herunter kam, als sei sie wieder völlig gefasst und hätte den ganzen Schmerz in einer Nacht vergessen. Er setzte sich auf einen freien Stuhl neben seine Schwester und sah sie prüfend an.
„Steven,“ begann sie, „ich werde dieses Haus weiterführen.“
„Ich weiß.“
„Ich schulde es Frank. Alle sagen sie, dass dies hier sein Leben war. Sein Traum. Und wenn ich das hier nicht mache, wird dieser kleine Italiener das Haus kriegen.
Glaubst du, dass er etwas mit dem zu tun hatte?“
Steven blickte seine Schwester lange nachdenklich an, bevor er antwortete.
„Ich weiß es nicht. Auf der einen Seite glaube ich das nicht. Auf der anderen Seite währ mir das – irgendwie recht. Ich mein, da währ jemand der an seinem Tod schuld ist. Ich kann und will mir nicht vorstellen, dass Frank einfach so ertrunken ist.“
„Man erzählt sich er hatte ein Alkoholproblem. Er währ jeden Abend runter zum See gegangen und kam völlig verwirrt wieder mitten in der Nacht zurück.“
Steven lief rot an. Sein Bruder hatte sich noch nie betrunken. Und so etwas währe für ihn nie ein Ausweg gewesen. Seine Stimme überschlug sich jetzt förmlich.
„Alkohol, Frank – niemals. Und das weißt du genauso gut wie ich. Wer erzählt so etwas?“
„Ich weiß es nicht. Ich hab das irgendwo heute morgen gehört. Und dann machte ich mir Sorgen um dich.“
„Warum?“
„Ich hab dich diese Nacht gesehen, wie du zurückgekommen bist, vom See mein ich. Und du warst irgendwie komisch. Ich hab mir wirklich Sorgen gemacht und als ich das dann von Frank gehört habe, bekam ich richtige Angst.“
Steven stand langsam auf und streichelte seiner Schwester über den Kopf.
„Das brauchst du nicht, glaube mir.“
„Wo gehst du hin?“
„Zum See.“ Denn Steven konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Alles woran er dachte war diese Frau im Wasser und ihre Stimme, die wie gefangen in seinem Kopf flüsterte.
Es war noch hell, als er auf den See hinaustrieb. Er wartete, während die Zeit einfach nicht vergehen wollte. Sie floss langsam dahin, ohne ein Zeichen von Schnelligkeit, als mache sie es absichtlich, nur um Steven weh zu tun. Sich zwischen ihn und diese Frau zu stellen. Er hasste plötzlich die Zeit. Sie wurde zur greifbaren Person und Steven schrie auf den See hinaus, sie solle damit aufhören, ihn in Ruhe lassen und so sein wie immer. Zeit, sie tötet uns, sie quält uns und sie trennt uns. Lange, zu lange.
Dann wurde es endlich dunkler und ein voluminöser Nebel bildete sich über dem Wasser, als sei er die zweite Oberfläche des Sees. Der Mond stieg am Himmel empor und spendete sein güldenes Licht, als das stille Wasser sich zu regen begann. Das Gesicht tauchte auf und Steven fühlte sich als Gewinner, er hatte die Zeit geschlagen und war nun eins mit seinen Wünschen und Träumen, und wieder war dieses Gefühl der Einsamkeit da, was ihn in tiefster Seele traf, ihn schmerzte, ihn verzehrte, als ginge es um sein Leben.
Die Frau im Wasser hob ihre Hand. Tropfen perlten an ihrer reinen, glatten Haut, die sich nun an Stevens schmiegte. Ihre Stimme erklang.
„Komm – schließ die Augen. Glaube mir. Wir werden eins.“
Behutsam zog sie ihn ins Wasser. Das kühle Nass umhüllte nun seinen Körper und es schien, als währe er eins mit dem See. Er fühlte sie, sie berührten sich, küssten sich, lagen in tiefer Umarmung, wanden sich voller Erregung, voller Liebe, nie mehr dazu bereit sich zu trennen. Verbunden, vereinigt, durchdrungen von unsagbaren Gefühlen. Immer tiefer sanken sie in den May hinab. Und so tiefer sie sanken, desto stärker wurden ihre Gefühle, und langsam verblasste das Gefühl der Einsamkeit in Stevens Kopf. Es war der Moment absoluter Erfüllung. Steven fühlte sich so lebendig wie noch nie. Er öffnete die Augen, um diese Frau, die ihm alles gegeben hatte anzusehen. Sie war schön, wie nichts auf dieser Welt. Sonst sah er nichts. Es war dunkel. Sie waren so tief, dass kaum ein Lichtstrahl bis dorthin vordrang. Plötzlich verspürte Steven eine Not. Seine Lungen waren leer, lechzten nach Sauerstoff. Er versuchte sich zu lösen, doch sie hielt ihn immer noch küssend umschlugen und zog ihn immer weiter hinab. Er hörte ihre flüsternde Stimme, wie sie ihn umgarnte. Er hatte Angst, Angst um sein Leben. Aber er war auch zufrieden, glücklich. Er fühlte sie an sich, in seinem Kopf, diese unglaubliche Liebe, so intensiv, so friedlich. Dann wurde das Wasser kalt. Die Stimme verschwand und alles was noch blieb war die trübe Dunkelheit des Sees.
Margret Connor saß allein am May und blickte tränenüberströmt hinaus. Sie betrachtete das stille Wasser, wie es einfach dort stand. Es hatte ihre Familie getötet. Innerhalb weniger Tage war ihre Welt völlig zusammengebrochen und sie fragte sich, wie alles soweit kommen konnte. Ihr Bruder hatte einen Traum. Und es war irgendwie dieser Traum, der ihm das Leben nahm und damit auch das seines Bruders Steven. Und vielleicht hatte ihr Vater auch diesem Traum gehabt. Jetzt war alles vorbei, aber sie würde das Haus nicht abgeben. Sie würde diesen Traum jetzt leben. Und am Ende schien es so, dass der See zu ihr spricht. Margret stand auf und blickte dem Mann, der neben ihr stand ins Gesicht. Sie hatte ihn hier kennen gelernt und die beiden verstanden sich auf anhieb. Sie nahm seine Hand und ging mit ihm den Weg hinauf zum Gasthaus. Ihr Freund folgte ihr, konnte sich aber nur schwer von diesem See lösen, als würde ihn etwas gefangen nehmen.