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Sternkarte
»Hey Marcel, damit würde ich mal zum Arzt gehen!«
Marcel, der gerade aus dem Schwimmbecken stieg und noch mit dem Chlor in seinen Augen kämpfte, drehte sich überrascht zu seinem Freund um.
»Womit soll ich zum Arzt gehen?«
Er musterte Chris, während er sich die Augen rieb, um seine normale Sehschärfe wieder herzustellen. Chris war nun zum dritten Mal mit ihm im Schwimmbad. Sie hatten zu Semesterbeginn beschlossen, sich zweimal pro Woche vor den Vorlesungen körperlich zu betätigen, um die Zeit im Hörsaal etwas erträglicher zu machen. Schwimmen zu gehen schien eine gute Lösung zu sein.
»Mit deinen Leberflecken.«, sagte Chris. »Du hast ´ne ganze Menge davon.«
»Ja, ich weiß. Die habe ich schon von Kindheit an.« Dann fügte er hinzu: »Habe ich von meiner Mutter geerbt.«
»Damit solltest du echt nicht spaßen. Ein paar davon sehen ziemlich übel aus.« Chris überlegte kurz: »Sind jetzt die dunklen gefährlich oder die kleinen?«
»Ich habe keine Ahnung.«, sagte Marcel. Ihn ärgerte das Thema und wollte es mit diesem kurzen Satz beenden. Er hatte schon immer eine übertriebene Angst vor Krankheiten. Chris, der Marcel lange genug kannte um zu wissen, dass es klüger wäre, jetzt über etwas anderes zu sprechen oder einfach die Klappe zu halten, versuchte die Laune seines Freundes mit einer abschließenden, lockeren Bemerkung ein wenig zu heben. Er grinste.
»Man, du siehst aus wie eine Sternkarte.«
Am späten Nachmittag saß Marcel über seinen Vorlesungsmitschriften und Büchern. Er laß nun schon zum vierten Mal vergeblich dieselbe Seite in dem von seinem Dozenten Prof. Schwarz geschriebenen Buch über Stochastik (das sich besser jeder seiner Studenten für teures Geld kauft, es sei denn, er wäre nicht erpicht darauf, die Abschlussklausur zu bestehen - eine Aussage, die in dieser Form natürlich nie gemacht wurde). Obwohl er den Inhalt erst vor wenigen Stunden in der Vorlesung gehört hatte - Prof. Schwarz hatte die Unterrichtszeit wie immer ausschließlich dazu genutzt, um aus seinem Buch vorzulesen - konnte er sich nicht darauf konzentrieren. Marcel ging nach wie vor das Gespräch mit Chris durch den Kopf.
Wie eine Sternkarte.
Was für ein Blödsinn! Gedankenverloren betrachtete er seinen linken Arm. Allein zwischen Ellenbogen und Handgelenk zählte er mehr als zehn Muttermale, viele davon recht hell und stecknadelkopfgroß. Wie viele waren in den letzten Jahren wohl dazugekommen? Wie viele davon hatten ihre Farbe oder Größe geändert? Es war unmöglich, dabei den Überblick zu behalten. Aber warum auch, keiner sah wirklich gefährlich aus.
Aber welche sind gefährlich?
Nun, vermutlich die großen schwarzen, die zudem noch dick und fleischig sind und aussehen, wie Maulwurfshügel. Aber auf dem Unterarm waren keine zu sehen, auf die diese Beschreibung gepasst hätte.
Um sich selber zu versichern, dass jedwede Form von Angst hier völlig unangebracht wäre, zog Marcel sein T-Shirt hoch und blickte an seinem schlanken, braungebrannten Oberkörper herab. Er erblickte ein weiteres Sammelsurium von Leberflecken, von denen zwei bedenklich nahe an einem Maulwurfshügel waren.
Meine Sternkarte, dachte er und lachte in einer Mischung aus Zweifel und Selbstsicherheit in sich hinein. Plötzlich blieb ihm das Lachen im Halse stecken.
Links unter der muskulösen Wölbung seiner haarlosen Brust fiel sein Blick auf sieben Male, die recht nahe bei einander standen. Obwohl er sie in einem flachen Winkel und verkehrt herum betrachtete, war ihm die Anordnung vertraut. Mit erhobenem Shirt rannte er in das Badezimmer und stellte sich vor seinen großen Spiegel. Jetzt war das Bild zwar spiegelverkehrt, aber doch genauer zu erkennen.
Der kleine Wagen.
Oder auch kleiner Bär, da war er sich nicht mehr sicher. Er hatte sich in seiner Kindheit für Astronomie begeistert, hatte seinen Vater dazu gebracht, mit ihm zum Flohmarkt zu fahren, nachdem er von einem Schulfreund gehört hatte, dass dort jemand ein Teleskop verkauft. Er hatte seine gesamten Ersparnisse, die sich damals auf ca. 200,- DM beliefen, dafür geopfert und anschließend Abend für Abend auf der Terrasse verbracht, mit Karten und Büchern bewaffnet, um den nächtlichen Himmel zu erforschen.
Und jetzt das! Er fuhr mit seinem Finger die Verbindungslinien nach, dann rannte er von Panik und Erstaunen ergriffen zum Schreibtisch und kehrte mit einem Kugelschreiber zurück, um die gedachten Linien sichtbar zu machen.
Es passte.
Zufall!
Klar, ein Zufall, was sonst? Er stand noch immer regungslos vor dem Spiegel, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, doch seine Augen hatten sich schon auf die Suche nach etwas anderem gemacht. Dann sah er es. Seinen Bauchnabel umschließend ergaben sechs Flecken das Sternbild des großen Wagen.
Nur wenige Minuten später hatte Marcel seinen Bücherschrank durchforstet und eilte mit dem alten Sternenatlas zurück ins Bad. Er brauchte nicht lange zu suchen, bis er die richtige Karte fand. Dann zeichnete er mit dem Kugelschreiber die Verbindungslinien, die auf seinem Bauch aus den sechs Muttermalen das Sternbild des großen Wagen entstehen ließen. Sogar die Helligkeit der unterschiedlichen Sterne wurden durch das Aussehen der Flecken imitiert. Die hellen Sterne waren besonders große, fleischige Muttermale.
Hastig zog er sich seine Hosen runter und resignierte, als er wie in Trance acht weitere Male auf seiner Leiste und den Oberschenkeln zusammen mit den anderen zum großen Bären verbunden hatte.
Konnte das noch ein Zufall sein? Vielleicht, aber unwahrscheinlich. War es ein Wunder? Ein Zeichen? Ein Fluch? Oder war er einfach nur ein Freak, der als weitere Attraktion den Rest seines Lebens auf Rummelplätzen verbringen würde, statt als erfolgreicher Informatiker viel Kohle zu machen? - Das war natürlich Blödsinn, aber was sonst als blödsinnige Gedanken könnten einem in solch einem Moment durch den Kopf gehen?
Er betrachtete wieder den Atlas und stellte überrascht fest, dass ein Leberfleck beim großen Wagen fehlte, der 80 Lichtjahre entfernte Alioth, der zwischen den Sternen Megrez und Mizor sein müßte. Aber hatte sich an diesem Punkt seine Hautfarbe nicht schon verändert? Dann untersuchte er sich weiter.
Gut 30 Minuten später zierte seine vordere Körperhälfte - auf der hinteren war es schwer, ohne fremde Hilfe Striche zu ziehen - ein Netz aus aufgemalten Sternbildern. Er hatte bis runter zu seinen nackten Füßen alles vom Drachen bis zum Schiff gefunden. Einige Male
Sterne
waren noch nicht vorhanden, aber die würden bald auftauchen.
Das, was er im Spiegel gerade noch von seinem Rücken erkennen konnte, passte hervorragend zu den Sternbildern Nördliche Krone, Herkules und Cepheus und wenn er statt seiner schwarzen Locken eine Glatze gehabt hätte, könnte er bestimmt auf seinem Hinterkopf den Schwan erkennen.
Plötzlich stockte Marcel der Atem. Hastig nahm er den Atlas in die eine Hand und schob mit der anderen die Haare aus der Stirn. Ein helles Muttermal, direkt am Haaransatz kam zum Vorschein. Dann erst fielen ihm zwei weitere auf, ein kleines über seinem rechten Augenlid und eines neben der Augenbraue. Ungläubig starrte er zwischen Atlas und Spiegel hin und her. Sie bildeten einen Teil des Sternbildes Leier. Aber ein
Stern
Muttermal fehlte noch. Die Leier ist auf der ganzen Welt sichtbar, besonders markant am Sommerhimmel und beinhaltet einen der zehn hellsten Sterne, die Vega.
Und sie würde direkt auf seinem Augapfel wachsen.