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Stadt ohne Namen
Der Killer erwachte in einem billigen Motelzimmer.
Ein kurzer Blick auf seine Uhr bestätigte nur, was er ohnedies vermutet hatte: Es war später Abend.
Eine weitere Nacht in einer grässlichen Stadt ... Oh, die große Stadt! Schmunzelnd entsann er sich kindlicher Faszinationen, die der Name der Stadt in ihm ausgewirkt hatte.
Nun, da er ein winziger Blutstropfen war, der das Herz dieser Stadt am Leben erhielt, verabscheute er sie. Der Killer stand auf, gähnte lustlos und begann sich zu entkleiden, da er eine warme Dusche nehmen wollte.
Geduldig faltete er die einzelnen Kleidungsstücke und legte diese auf die mit Widmungen zerkratzte Platte einer alten Holzkommode neben dem Bett.
Nackt, ein Frotteehandtuch über der Schulter baumelnd, suchte er das Badezimmer auf. Der Duschvorhang hing an einigen Stellen durch: Geistlose Vandalen hatten einige der Befestigungsringe abgerissen.
Die Duschwanne wies Ornamente getrockneten Drecks auf. Ekel erfüllte den Killer, weshalb er lediglich wenige Minuten unter dem warmen Wasserhagel zubrachte.
Er wünschte, er hätte ein Radiogerät mit sich geführt.
Jeder Tag ohne Musik war ein verlorener, einsamer Tag für ihn.
Und an Einsamkeit hatte es ihm nie gemangelt. Deshalb stellten seine Aufträge etwas ganz Besonderes für ihn dar: Kurze Momente tröstender Nähe menschlicher Wesen. Viel zu kurze Momente, verbesserte er sich in Gedanken und schluckte hart.
Er trocknete seinen schlanken, kräftigen Körper mit reibenden Bewegungen des weichen Handtuchstoffes und bekleidete sich dann. Er wollte sich noch einmal von der Hässlichkeit der Stadt überzeugen.
Eine blaue Denim-Jeans und ein unauffälliges Shirt schienen ihm zu diesem Zwecke angebracht, obwohl es gewiss einerlei war, mit welchen Kleidungsstücken er seinen Leib bedeckte - Selbst in neonfarbenen Shorts und T-Shirts gehüllt, hätte er kein Aufsehen erregt.
Nicht hier, nicht jetzt.
Zufrieden goutierte er sein Aussehen vor dem Spiegel über dem Waschbecken. Narzissmus lag ihm fern, aber er schätzte seine eigene Person als, nun ja, nicht unattraktiv ein.
War es nicht das, worauf es letztendlich ankam? Attraktives Leben, attraktive Freizeitgestaltung, attraktive Sozialumgebung?
Der Killer schlüpfte in wunderbar leicht zu tragende Turnschuhe und steckte einen Streifen Kaugummi in den Mund, ehe er das Zimmer verließ.
Dunkelheit senkte sich über das Zimmer und verbarg schreckliche Geheimnisse vor neugierigen Augenpaaren.
Der Killer schlenderte die Straße entlang, ohne darauf zu achten, wohin er ging. Er ließ sich treiben, wie ein Blatt im Wind, das von einem jähzornigen Baum abgestoßen worden war.
Hoch ragten Gebäude neben ihm auf, wie gewaltige Finger, die in den Himmel wiesen, auf etwas deutend, das er nicht zu sehen vermochte.
Der Stadt Geliebte war die Nacht, denn in ihrem Schutze, hinter ihrem Gazeschleier verborgen, strahlte sie einen Hauch von Schönheit und Würde aus.
Am Tage war sie eine hässliche Fratze, deren Atem nach Tod und Verderben, Müll und Unrat, Schuld und Sühne roch.
Wie anders die Nacht, wenn ihre Narben von Schwärze verschluckt wurden; wenn ihre verfaulten Zähne schön und ihre fettigen Haare lieblich wirkten.
Am Morgen danach würde von all dem Glanz nichts bleiben, denn wehmütige Erinnerung und ein schlechtes Gewissen, das sich in den Gesichtern ihrer Kinder spiegelte und in den Gazetten immer wieder aufs Neue niedergeschrieben wurde.
Der Killer wurde unsanft aus seinen Gedanken gerissen: Er wurde angerempelt und blickte nach rechts, auf eine Entschuldigung wartend, die doch niemals kommen würde, was er auch wusste. Höflichkeit galt hier etwa soviel wie Ehrlichkeit: Es war Luxus, der einen um nichts besser riechen ließ.
Autos fluteten die Straßen, Lichter schnitten kleine Löcher in den Mantel der Finsternis, Menschen fluchten, schrieen, lachten, sprachen, artikulierten sich in wahnsinniger Selbstverliebtheit. Nachts gab es weder Grenzen, noch Schranken. Nachts war alles erlaubt, was das eigene Tun schamlos verbergen konnte.
Der Killer bog in eine Seitenstraße ein, um dem Getümmel auf den Hauptwegen zu entfliehen. Seine Schuhe kratzten über den schmutzigen Asphalt.
Kalte Winde schaukelten zwischen den Gebäuden umher wie Schiffe ohne Segel.
Der Killer fror.
Entweder man fror oder man erstickte förmlich in der Hitze des Asphalts.
Der Name des Killers war Legende auf der inoffiziellen Karte des Lebens. Seine gefälschten Ausweispapiere wiesen ihn als Mister David Garraty, geboren in Stratford, Kalifornien aus. Er akzeptierte seine neue Identität, denn sie ähnelte seiner Wahren in vielen Punkten.
Nun, sein Alter war um ganze zwei Jahre nach oben hin verschoben worden, aber er war kein eitler Mensch, weshalb ihm dies auch keine Probleme bereitete.
Vor einer Bar blieb er stehen, als hätte er das Ziel einer unbestimmten Reise erreicht. Er zögerte kurz, betrat dann die Bar und fühlte sich augenblicklich von den Menschen, die das geschmacklose Gemäuer eine Nacht lang bewohnten, abgestoßen.
Trotzdem, oder gerade deshalb, schritt er an die Theke, wobei er eine gewisse Würde nicht vermissen ließ. Er war stolz darauf, anders zu sein und unterstrich seine Außergewöhnlichkeit mit jedem Schritt, jeder Geste, jeder Handlung.
Die Theke war oval und eine Bastion der Barkeeper gegenüber dem Abschaum, der sie buchstäblich umgab.
Der Killer machte sich nicht lautstark bemerkbar, sondern wartete geduldig ab, bis er nach seinem Trinkwunsch gefragt wurde.
Bud light.
An seine Order fügte er ein Bitte an. Er gefiel sich als Edler unter gemeinem Lumpenpack.
Aufdringliche, viel zu laute Musik vibrierte in seinen Knochen. Die Tage in der Stadt überzeugten ihn davon, dass alle Menschen Unrat waren.
Den Nächten blieb es vorbehalten, ihn in seiner Vorstellung geringfügig zu korrigieren.
Außerdem war die Menschheit dazu verdammt, in ihrer eigenen Langeweile und schier grenzenlosen Dummheit langsam zu verfaulen. Dennoch verspürte der Killer Mitleid mit den Menschen, die so anders als er waren.
Die enervierende Musik gestattete es ihm nicht, in Gedanken zu versinken. Längst hatte er herausgefunden, dass Persönlichkeit an sich lediglich ein Gemisch aus multiplen Charakteren war und es daher galt, diese eine Persönlichkeit zur einzig dominanten im Körper des jeweiligen Individuums zu bestimmen. Fast jeder Mensch war schizophren, mehr oder weniger.
Der Killer selbst hatte von allem etwas, aber nichts von einem allein. Er hatte es geschafft, seine Emotionen Repressalien auszusetzen die es ihm möglich machten, seinen Blick auf das Nötigste zu verlagern und das Unwichtige beiseite zu lassen.
Er empfand niemals Angst, die ihn in Panik versetzen und falsche Entscheidungen treffen lassen konnte. In Filmen und Büchern gelang es den Heroen im Angesichte der Gefahr trotzdem, soweit Ruhe zu bewahren, einen Ausweg aus scheinbar ausweglosen Situationen zu finden.
Der Killer wusste nur allzu gut, dass dies in der Realität fast immer ad absurdum geführt wurde.
Wirkliche Heroen waren Maschinen, die sich niemals von Gefühlen leiten ließen und deshalb Übersicht bewahrten, wo andere hysterisch agierten oder reagierten.
Der Killer trank gewohnheitsmäßig langsam, fast religiös bedächtig. Junge Erwachsene, kaum der Kindheit und Pubertät entflohen, betranken sich wie von Sinnen, als gälte es, etwas zu beweisen, das ansonsten keiner als bewiesen ansehen würde.
Nicht, dass es ihn in seiner Lebensauffassung wesentlich berührt hätte: Sein Standpunkt zum Thema Jugendliche und Drogen/Alkohol war: Laissez-faire.
Sollten sie sich betrinken.
Sollten sie ihre Körper- und Geistesenergie von merkwürdigen Suchtstoffen schmerzhaft zerfressen lassen.
Aber was ihn anwiderte war ihre Würdelosigkeit.
Außerdem könnte es ihnen grausame Kopfschmerzen ersparen, würden sie bedächtiger dem Alkohol Gehör schenken. Die Vorstellung, dass auch er dereinst 16, 19 oder 22 war, kam ihm unfassbar vor: Ein Blick in eine Zeitmaschine, die ein Fremder durch Zeit und Raum steuerte.
Der Name des Fremden war Gott.
Oder wie auch immer.
Der Killer trank das Glas nicht zur Neige. Er bezahlte, überließ fast zwei Dollar Trinkgeld und setzte seinen Weg, der so unbestimmt wie seine Zukunft war, fort.
Das Leben in der Stadt war oberflächlich wie ein gefrorener See. Erst im unbarmherzigen Tau des Frühlings wurde man dem gewahr, was unterhalb dicker Eisplatten verborgen war.
Meistens ekelhafter Abfall.
Die Bettler an den Krusten der Stadt riefen in ihm kein Gefühl hervor, das dem des Mitleids auch nur im Entferntesten ähnelte. Sie, die Armen der Stadt, waren die verbrannten Stellen im Teig einer Pizza. Einfach unverzichtbar, denn nur wenn man das Abscheuliche mit eigenen Augen gesehen hatte, wusste man das Schöne neu zu definieren.
Also füllten die Hässlichen Lücken aus, zugunsten der Glücklichen.
Endlich irrte der Killer nicht mehr ziellos umher, sondern hatte eine Destination, eine unausweichliche Bestimmung, die zu finden es galt.
Seine Auftraggeber hatten ihn wissen lassen, wen er dieser Bestimmung zu überantworten hatte. Ein unscheinbarer, versiegelter Brief war ihm von der mürrischen alten Dame an der Rezeption gereicht worden.
Noch vor dem Öffnen hatte er gewusst, dass SIE ihm diese Nachricht zukommen hatten lassen. Sie, seine Auftraggeber ohne Gesicht und Namen, waren paradoxerweise seine einzigen Freunde.
Niemand sonst kannte seine wahre Identität.
Nur seine Auftraggeber gaben ihm das vage Gefühl zu leben, nicht bloß zu existieren. Und natürlich verdiente er sich seinen Lebensunterhalt mit ihrer Hilfe. Wer hatte ihm gefälschte Papiere und Ausweise zugesandt? Sie. Und sie gaben ihm eine trügerische Sicherheit der Nützlichkeit.
Er suchte die auf der Botschaft angegebene Adresse auf, welche er unfehlbar in seinem Kopf gespeichert hatte, nachdem er alle Spuren, die auf die Auftraggeber deuteten, vernichtet hatte.
Den Auftrag erledigte er mit gewohnter Präzision und Eleganz. Ehe er an die Tür des Apartments klopfte, vergewisserte er sich, dass keine verräterischen Augen ihn in seinem Tun beobachteten. Stets gab er sich als Mitarbeiter einer Telefongesellschaft aus, der den Telefonanschluss überprüfen müsse.
Die Stadt war die Brutstätte allen Misstrauens, deshalb wurde ebenso unablässig sein Mitarbeiterausweis verlangt. War erst die Tür ganz geöffnet, gab es kein Zurück mehr für jene, die er dem Leben entriss.
Da er jede Wohnung seiner Opfer als einzig Lebender verließ, konnte er seinen kleinen Trick immer wieder aufs Neue zelebrieren, wie ein besonders gelungenes Zauberkunststück, das niemand entlarven konnte.
Er bedauerte den Tod Unschuldiger, was manchmal vorkam, aber er tröstete sich damit, dass jeder irgendwann in ewiger Unschuld erstarrte.
Außerdem war er ein aufrechter Killer: Was war beispielsweise mit Automobilherstellern, die bewusst den Tod Tausender einkalkulierten? War dies nicht ungleich zynischer?
An diesem Nachmittag hatte er beim üblichen Durchsuchen der Wohnung festgestellt, dass zwar nicht die Ehefrau des Opfers, aber eine andere weibliche Person anwesend war.
Sie hatte im Wohnzimmer einer dümmlichen Fernseh-Talkshow fasziniert ihre Aufmerksamkeit geschenkt und hatte das Eindringen des Killers nicht bemerkt.
In der Annahme es handle sich um den Wohnungsinhaber, hatte sie beiläufig, aber gewiss nicht interessiert, gemurmelt: "Wer war's denn."
Und ohne einen Laut von sich zu geben, hatte der Killer drei Schüsse in ihren unattraktiven Schädel abgefeuert.
Stumm war sie zur Seite gesackt, ohne von der Couch, deren Überzug wie menschliche Haut von der Qual der Jahre ausgebleicht war, zu fallen.
Ihre Augen starrten ins Nirgendwo; in ihren Ohren hallte noch das Echo der letzten Worte, die sie jemals vernehmen sollte: "Sie lügt! Ich hätte keinen Grund gehabt-"
Aus der Zeitung erfuhr der Killer zwar den Namen der unattraktiven Frau, jedoch nicht das Motiv ihrer tödlichen und endgültigen Anwesenheit in dem Apartment.
Vielleicht war sie die Schwester der Witwe, vielleicht war sie die Geliebte des Toten gewesen.
Um das Bild sinnloser Grausamkeit abzurunden, hatte der Killer das Wohnzimmer effizient, aber leise, verwüstet. Er hatte keine Wertsachen gefunden. In ihrer Ahnungslosigkeit ging die Polizei von klassischem Raubmord, mit besonderer Kaltblütigkeit aus.
Der Vollständigkeit halber hatte der Killer weitere zwei Schüsse in den toten Leib des Opfers entleert.
Niemand sollte Zusammenhänge erkennen, geschweige denn die Professionalität des Wirkens des Killers als solche entlarven. Um auszuschließen, dass man ein und denselben Täter, also ihn, vermutete, gestattete sich der Killer nicht, eine Handschrift an den jeweiligen Orten des blutigen Geschehens zu hinterlassen.
So, wie kein Tag dem vorangegangenen glich, so war kein erfüllter Auftrag des Killers einem anderen gleichzustellen.
Längst hatte seine Arbeit den unausgesprochenen Reiz des Verbotenen zuungunsten einer reinen Pflichterfüllung verloren, was ihn nachdenklich und nachgerade melancholisch stimmte.
Der Killer hatte seinen kleinen Koffer gepackt. Er hatte nicht viele Habseligkeiten.
Da er nirgends zu Hause war, war er auch sich selbst fremd und benötigte keine Bestätigung hierfür in Form materieller Gegenstände.
Er liebte Musik, und Musik war ihm frei zugänglich.
Er nahm das Geld der gesichtslosen Auftraggeber an und gab es weiter an Hilfsorganisationen.
Er selber benötigte nur wenig davon.
Darüber hinaus bedeutete es ihm nichts, tausend, oder auch das tausendfache an Dollar in der Hand zu halten.
Hätte er Freunde gehabt und hätten diese Freunde von seiner Arbeit gewusst, sie hätten ihm Zynismus vorgeworfen: Mit jenem Geld, das er für die Beseitigung von Menschen kassierte, unterstützte er Hilfsorganisationen. Der Killer hätte nur mit der Schulter gezuckt, wäre die Sprache auf dieses Thema gekommen, und hätte sein Agieren als weder gut, noch böse definiert.
Tatsächlich hielt er sich für keinen schlechten Menschen; nicht schlechter als die meisten anderen.
Der Killer hob den Koffer auf und blickte sich ein letztes Mal in dem Zimmer um: Er war peinlich darauf bedacht, es in sauberem Zustand zu hinterlassen. Zufrieden durfte er dies als gegeben annehmen.
Er verließ das Motelzimmer, zahlte seine Rechnung, wünschte der Angestellten noch einen angenehmen Abend und wartete auf das von ihm telefonisch bestellte Taxi, welches ihn zum Busbahnhof bringen sollte.
Mit dem Bus würde es in die nächste Stadt gehen.
Die Prozedur würde dieselbe bleiben.
Die Stadt würde ihm zu essen und trinken geben, ihn ein paar Tage oder Wochen in ihren Bann schlagen und dann grässlich lachend verstoßen.
Er wünschte insgeheim, es könnte ein Zuhause für seinen kalten Körper geben.
Bald ... vielleicht.
Der Killer stieg in das Taxi ein, wobei er seinen Koffer auf den Schoß legte und beide Arme Wache hielten.