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Spatzenhirn
Spatzenhirn
Mit einem Seufzer drehte er sich um, genoss fuer einen Augenblick die morgendliche Stille und
liess sich dann, einigermassen ermuedet, auf der Parkbank nieder. Seine Knochen waren auch
nicht mehr die besten, das brachte das Alter so mit sich, und der woechentliche Weg zum
See im Stadtpark fiel ihm von Mal zu Mal schwerer.
Er streckte sich ein wenig, nahm die Baskenmuetze ab, und hielt sein Gesicht in die ersten
Strahlen der Morgensonne. So verharrte er einige Minuten, die Augen geschlossen, die Haende
im Schoss gefaltet, die Lippen von einem leichten Laecheln umspielt.
Schliesslich oeffnete er die kleine Tasche, die er mitgebracht hatte, und holte eine
Thermoskanne mit Kaffee und einen kleinen Beutel hervor. Frueher hatte seine Frau ihm den
Kaffee noch aufgesetzt und in die Kanne gefuellt, seit sie ihrer Krankheit wegen ans Bett
gefesselt war, musste er es selbst tun. Anfangs war es schwer gewesen, mit der neuen
Situation und den anfallenden Arbeiten, den grossen wie den kleinen, fertigzuwerden, doch
mit der Zeit gewoehnte er sich daran. Er liebte seine Frau aufrichtig, und das seit mehr
als einem halben Jahrhundert.
'Das Leben ist leichter, wenn man sich ab und zu etwas Spass goennt.' sagte er sich oft
selbst. Und dieser Spass ab und zu, das waren fuer ihn die woechentlichen Ausfluege in den
Park, um die Voegel zu fuettern.
Vergnuegt pfiff er eine kleine Melodie vor sich hin, waehrend er den Blick suchend
umherschweifen liess und genuesslich an seinem Becher Kaffee nippte.
Es war ruhig um diese Zeit im Park, einfach noch zu frueh fuer all das Volk, das sonst
hier unterwegs war.
Er oeffnete den kleinen Beutel, den er mitgebracht hatte, griff hinein und holte eine
handvoll Brotkrumen hervor, die er vor sich auf den Weg streute. Dabei liess er seine
Augen umherschweifen, zu den Wiesen, ueber die Oberflaeche des Sees, zu den Wipfeln der
Baeume, die es in diesem Teil des Parks nur vereinzelt gab.
Die Menschen schliefen noch um diese Zeit, doch die Voegel hatten bereits vor Stunden ihr
Tagewerk begonnen. Und tatsaechlich, der Alte musste nicht lange warten, da erschien ein
kleiner Spatz in seinem Blickfeld, der neugierig die Parkbank und den Mann begutachtete.
Erfreut griff der Alte erneut in den Beutel, und mit langsamen Bewegungen, um das kleine
Tier nicht zu verschrecken, warf er eine handvoll Krumen vor sich auf den Weg.
"Na mein kleiner Freund", murmelte der Alte. "Nicht so zaghaft, komm naeher!" Er ruehrte
sich nicht, besah sich nur belustigt das kleine Voegelchen. Dieses schien dem Frieden jedoch
nicht so ganz zu trauen, es starrte auf die Krumen, dann auf den Alten, dann wieder auf die
Krumen. Aengstlicher Glanz in seinen kleinen Augen, dann ein zoegerlicher Schritt auf die
Parkbank zu. Abwarten. Noch waere es nur ein Fluegelschlag, um jegliche Gefahr hinter sich
zu lassen.
Der Alte neigte den Kopf ein wenig zur Seite. "Hab keine Angst", fluesterte er leise. "Nur noch
ein paar Schritte, und der Schatz gehoert Dir, mein kleiner Freund."
Der Spatz huepfte erneut in Richtung der Brotkrumen, den Alten jedoch nie aus den Augen lassend.
Nur noch wenige Zentimeter trennten ihn jetzt von der ersehnten Mahlzeit. Seinem Ziel so nahe,
rueckte er auf einmal heldenmutig vor. Ein rascher Blick, ein kurzes Picken, dann fuenf grosse
Schritte rueckwaerts, aus der Gefahrenzone heraus! Der Schatz war ihm!
Hungrig schlang er ihn herunter, und der Mann beobachtete ihn mit zufriedenem Gesichtsausdruck.
"Ach, schon so spaet?", erschrak der Alte nach einem Blick auf die Uhr. Er wollte seine Frau
keinesfalls so lange allein lassen. Schade, er waere gern noch ein wenig laenger geblieben,
um den kleinen Spatz zu beobachten. Doch er war einfach zu schnell in Sorgen wegen seiner Frau.
Das kleine Voegelchen schien ihm jetzt weniger misstrauisch als anfangs, denn es war schon
wieder auf wenige Zentimeter an ihn herangekommen, um den naechsten Leckerbissen zu ergattern.
Mit einem Ausdruck in den kleinen Augen, der fast an Dankbarkeit erinnerte, schien es dem
Alten zuzuzwinkern.
Der Alte zwinkerte zurueck. "Du kleiner Tor!", murmelte er. "Haettest nicht so gutglaeubig
sein duerfen."
Naechste Woche musste er unbedingt neues Rattengift kaufen, er hatte nicht mehr viel ueber.
ENDE
(nach einem Gedicht eines begnadeten Freundes von mir