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Sonia und Bertolt (Überarbeitet)

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17.10.2001
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Sonia und Bertolt (Überarbeitet)

Rewrite auf Seite 2

Das Fenster, auf das einer der weißen Vögel zuflog, stand eine Handbreite offen, um den Sommer herein und den Geschmack der Vergangenheit herauszulassen. Es lag im dritten Stock einer Reihe von Wohnhäusern am Rand des Stadtkerns und schaute hinab auf eine Lindenallee, deren Bäume einen Schatten auf die zwischen den Häuserreihen liegende Straße warfen. Autos fuhren über diesen Schatten vorbei, Menschen gingen durch diesen Schatten ihren Weg. Die Kronen der Bäume jedoch waren in Sonnenlicht getaucht, und vom Fenster aus fühlte man sich wie auf einer Bergspitze oder in einem Flugzeug über den Wolken. Auf der anderen Seite der Straße brachen weitere gebirgige Wohnhausreihen durch das belaubte Hindernis und räkelten sich im Sonnenlicht. Von diesem leicht geöffneten Fenster schaute Sonia hinunter, stützte ihre nackten Arme auf der Fensterbank ab, spürte die rissige, leicht abblätternde Farbe unter ihrer Haut, und betrachtete verträumt die vorbeischlendernden Menschen.

Von der Höhe des dritten Stocks aus beobachtete sie die Maxim Gorkis, Kuprins, Bloks, Sologubs, Remizovs, Averchenkos, Tchornys, Kuzmins, Bunins... und all die anderen, die dort unten umherliefen wie kleine Ameisen. Sie pfiff ein paar zufällige Takte und schloss dann ihre Augen, um ihre Lider von der Sommerluft wärmen zu lassen. Der kleine weiße Vogel auf dem Fenstersims ahmte ihre spontane Melodie für einen Moment nach, bevor er mit den Flügeln schlug und sich erneut in die Luft schwang. Sonia sah, wie er hoch zum Himmel hinaufstieg, um sich dann von den Schüben der Sommerluft tragen zu lassen. Die Leute am Boden sahen noch immer wie Ameisen aus.

Sie drehte den Rücken zum Fenster. Mit dem Gefühl der Wärme auf ihrer nackten Haut musterte sie das winzige Schlafzimmer und schaute sich zum ersten Mal seit ihrer Ankunft genauer um. Im Dunkeln war ihr die rote Tapete lila erschienen, das kleine Zimmer hatte geräumig, das Durcheinander wie Jugendstildekoration auf sie gewirkt. Sie schaute auf die beiden Weingläser, eins leer, eins halbvoll und fragte sich, aus welchem sie letzte Nacht getrunken hatte. Ihre Hand glitt durch das schwarze Haar, nachtschwarz fast, bis auf die lila Strähnen. Das Zimmer roch nach Alkohol, nach Alkohol und Schweiß. Ihr fiel auf, wie clichéehaft der Raum ihr jetzt vorkam, gefüllt mit "der Morgen danach"-Atmosphäre, als wäre es das Zimmer irgendeinen Mannes, mit dem sie Telefonnummern ausgetauscht hatte. Zerstreute Kleidungsstücke, zerwühlte Bettlaken, ein abgestellter Wecker. Und zwei nackte Körper. Sie dachte daran, sich wieder ins Bett zu legen, weiße Farbe zu nehmen und um sich und ihren Liebsten zu streichen. Sich selbst in einer romantischen Mordszene zu verewigen. Der verschüttete Rotwein auf den hellen Laken sah aus wie Blut.

Draußen fuhr ein großer Lastwagen vorbei. Das Geräusch erinnerte sie an einen tief gestrichenen Ton eines Kontrabasses. Auf seiner Ladefläche klapperten leere Flaschen wie die Tasten eines Konzertflügels. Die raschelnden Blätter ergaben dazu eine süße Percussioneinlage, und der leichte Wind lümmelte sich über dem ganzen Stück. Die Musik erhob sich in ein kurzes Crescendo, ließ genauso schnell wieder nach, und die alles umgebende Stille setze wieder ein. Ihre Gedanken stiegen im Zimmer auf und ab wie kleine Papiervögel, die über dem schlafenden Geliebten kreisten, darauf wartend, dass er erwachte, sie aus der Luft pflückte, auseinander faltete und die Verse las, die nur für ihn allein bestimmt waren. Wie er so dalag, völlig in sein Bettlaken eingewickelt. Genauso eingewickelt wie die Gedanken in seinem Kopf, verschlossen hinter Träumen und Phantasien. Sie weigerten sich, sich zu offenbaren, sich ins Bild einzufügen und zusammen mit ihren Papiervögeln umher zu schweben, weigerten sich davor, die Grenzen seines Kopfes zu überschreiten. Sie fragte sich, warum sie ihn nicht schälen konnte wie einen süßen, saftigen Apfel, ihn nicht dazu bringen konnte, ein Körnchen Wahrheit zu sprechen oder ihr wenigstens ein wenig Klarheit zu verschaffen. Warum gab es diesen Unterschied zwischen ihm und ihr, warum benahm er sich so anders als sie? Sie erhielt keine Antwort.

Wann immer er sich weigerte, sich ihr zu öffnen, wann immer er nichts mehr zu sagen hatte, wollte sie dieses eine so sehr von ihm hören, dass sie sich dazu in der Lage fühlte, seine Brust aufzureißen und ihr Ohr an sein schlagendes Herz zu pressen. Er lief weiterhin von ihr fort, und sie wünschte sich, seine Riesenschritte unterbrechen zu können, damit er in ihre Arme fiel. Jedesmal wenn er an die Decke starrte kam der Wunsch in ihr auf, sich selbst an die Gipsdecke zu kreuzigen, damit er statt auf die feinen Konturen in ihre Augen starrte.

In manchen Nächten stellte sie sich vor, eine winzige Kreatur zu sein, die während er schlief durch sein Ohr wanderte und die ganze Nacht mit seinen Gedanken tanzte. Es gab wenige Augenblicke, in denen es ihr wenigstens ein bisschen gelang, ihn dazu zu bringen, hinter dem von ihm selbst vernagelten Bretterzaun hervorzukommen. Immer wenn er sich aus seinem Gefängnis heraus grub, verspürte sie Augenblicke, die der Verzückung tausender Engel glichen.

Es gab Abende, an denen sie beide im Bett saßen und lasen, sie russische Theaterstücke, er Gedichte von Bédard. Er konnte aber nicht leise lesen, und so legte sie ihre Tragödie weg und hörte zu, wie seine Stimme sang. Er hatte eine so schöne Stimme, aber war sich nicht der Tatsache bewusst, dass die von ihm gelesenen Worte ihren Gedanken über ihn sehr ähnelten. Manchmal glaubte sie aber auch, er parodierte einfach seine Unfähigkeit, ihr gegenüber Gefühle zu zeigen. Dann wieder fragte sie sich, ob er vielleicht diese Parodie als eine Art Hand nutze, die sich nach ihr ausstreckte.

Sonia ging langsam zum Bett herüber und küsste ihren Liebsten auf den Mund. Sein leichtes Ausatmen schien wie eine Antwort, doch noch verblieb er in seiner Traumwelt. Sie setzte sich vorsichtig auf die Bettkante, schlug ihre Beine übereinander und überlegte, ob sie ihn wecken sollte. Überlegte, was sie wohl heute zusammen machen würden. Überlegte, ob sie abends zusammen ausgehen würden. Eins der Gefühle, das um sie herum durch den Raum geschwebt war, landete neben ihrem Fuß. Sie schaute hinunter auf die in eine Origamitaube gefaltete Regung, hob sie auf und entfaltete ihre Flügel zwischen ihren Fingern, passte genau darauf auf, bloß keine der Federn zu zerreißen. Nach einer Ewigkeit des Entfaltens hielt sie ein kleines beschriftetes Stück Papier in ihrer Hand. Dann beugte sie sich über ihren Geliebten und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Er drehte sich um und küsste sie sanft, dann blitzten seine Augen auf und er war hellwach, obwohl er doch so fest geschlafen hatte. Sie musste grinsen und küsste ihn wieder.

Bertolt gähnte. Seine Augen starrten an die Zimmerdecke. Manchmal zog er in Gedanken Muster durch die Rillen des Stucks und stellte sich vor, die Decke wäre ein neues, weites Sonnensystem und sah sich als den Astronauten, der als einziger in der Lage war, die verschiedenen Sternzeichen auf Karten zu verzeichnen. Dafür, dass er Sonia seit vier Wochen kannte, wusste er sehr wenig über sie. Er wusste, sie mochte Filme mit Untertiteln, Kartoffelpüree, sie schlief meistens mit dem Rücken zu ihm, musste lachen, wenn er ihre Brust berührte und sprach manchmal Russisch am Morgen, wenn sie noch müde war. Bertolt konnte kein Russisch. Sie hatten sich an der Fährstation getroffen, wo er an einem kalten Morgen saß und eine Zigarette rauchte. Er konnte sich nicht mehr an den Grund erinnern, warum er da gesessen hatte. Eigentlich rauchte er gar nicht.

Er hatte seine Tasche in der einen Hand, und seine Fahrkarte nach Russland in der anderen gehalten. Dann war er stehengeblieben, um Sonia den Weg zu erklären. Nachdem sie zwei Tage in seinem Bett, den umliegenden Kneipen und den diversen Kinos der Stadt verbracht hatten, fiel ihm auf, dass er nie die Fähre nach Russland betreten hatte. Außerdem hatte er vergessen, was er eigentlich in Russland wollte. Aber er wusste, dass sie die einzige Frau war, mit der er für den Rest seines Lebens zusammensein wollte.

Die Sonne goss eine Aura um Sonia, ein weißes Leuchten umrandete ihren leicht gebräunten Körper. Sie lächelte wieder und stand dann auf, die Lichtstrahlen durchbrachen die Barriere, blendeten ihn, zerborsten an der Wand und durchfluteten das Zimmer. Als er wieder aufsah, sah er Sonias Gedanken durch den Raum schweben, jeden Morgen beobachtete er sie, meistens war er so damit beschäftigt, ihre Gedanken zu betrachten, dass er vergaß, selbst welche im Raum zu verteilen. Meistens lag er da wie ein Baby, das die Bewegungen des Mobiles unter der Zimmerdecke verfolgt. Ihm war klar, dass er mehr von seinen eigenen Gefühlen dazusteuern sollte, aber so sehr er es auch versuchte, er konnte es nicht.

Bertolt setzte sich auf und sah Sonia an. Sie schauten sich beide an. Er lächelte, sie lächelte. Sie hob eine Augenbraue, er legte den Kopf in den Nacken und ließ den Blick zur Decke gleiten, bevor er ihn wieder auf sie richtete.

"Bertolt..."
"Sonia."
"Bist du jemals zuvor verliebt gewesen?"
"Ich glaube nicht, kann mich nicht erinnern."
"Wie meinst du das, du kannst dich nicht erinnern?"
Na ja, vor Ewigkeiten war ich mal in ein Mädchen verliebt... aber ich habe sie längst vergessen."
"Aber wie konntest du sie vergessen?"
"Wer seine erste Liebe nicht vergisst, wird seine letzte nie erfahren..." Er flüsterte sich die Worte eher selbst zu.
"Ich liebe dich..."
"Ich liebe dich auch."

Sie schauten sich für eine Weile an, Bertolt fühlte sich befangen, Sonia unbehaglich. Sie fragte sich immer noch, welches ihr Glas war, das halbvolle oder das leere. Bertolt lehnte sich zurück und starrte an die Decke, Sterne zählend. Sonia schüttelte ihr schwarzes Haar mit den lila Strähnen und seufzte. Ihre Hand berührte sein Knie, aber er wich zurück. Als er die Augen wieder schloss, stand sie auf, schaute sich im Zimmer um, überlegte, was sie heute machen wollte und pfiff eine falsche Melodie. Sie hob ihre Hände und tat, als dirigiere sie ein Orchester. Sie dachte an Russland, berührte den abgebrochenen Fingernagel an ihrer Hand und hatte für einen Augenblick ihre Zweifel. Sie sah, wie ihre Gefühle noch immer ziellos um sie schwebten und überlegte, ob ihr Geld für Frühstück reichen würde. Sonia liebte Bertolt.

Und Bertolt liebte Sonia. Er öffnete die Augen und überlegte, ob er noch saubere Kleidung zum Anziehen hatte. Er dachte an sich als kleinen Jungen, versuchte sich an die Strophe eines Gedichts zu erinnern und betrachte Sonia, wie sie sich aus dem Fenster lehnte.

Er drehte sich auf die Seite und hatte für einen Augenblick seine Zweifel. Er wollte mit ihr schwimmen gehen. Er überlegte, was er sagen sollte. Er wollte durch ihre Augen hindurch schauen. Er überlegte, ob er genug Geld hatte, um für sie beide Frühstuck zu kaufen.

"Sollen wir an den Strand gehen? Es ist ein schöner Tag..." fragte Bertolt plötzlich.
"Können wir da frühstücken?"
"Warum nicht?"
"Kann ich am Strand Muscheln sammeln?"
"Bekomme ich einen Kuss?"
"Hmmm, na ja... ich glaube schon."
Sonia ging zu ihm herüber. Sie lächelte. Er setzte sich auf und streckte eine Hand nach ihr aus. Sie küssten sich.
"Sollten wir uns nicht anziehen?" fragte Bertolt.
"Gute Idee. Kann ich mir von dir ein Paar Strümpfe ausleihen?"
"Wenn ich noch ein sauberes Paar habe..."

Plötzlich wurde Sonia klar, warum Bertolts Gedanken nicht herumschwebten wie ihre. Sie konnten es gar nicht. Seine Gedanken waren keine Vögel, sondern eher Fische und schwammen in seinem Inneren. Sie waren wie Seepferdchen oder Delphine, elegant und beweglich. Aber sie konnten nicht fliegen wie ihre Vögel, konnten nicht einfach aus ihm herauskommen und durch den Raum schweben. Aber das hieß nicht, dass Sonia sie nicht sehen konnte. Sie musste ihm einfach mehr in die Augen sehen, ihn von nun an besser beobachten. Sonia fragte sich, ob, wenn sie seine Gefühle einfach aus ihm herauszog, sie sich wie Fische auf dem Trockenen hin und her drehen und dann verenden würden. Sie entschied sich dafür, es erst gar nicht zu versuchen und lächelte sich selbst beim Anziehen im Spiegel an. Einer ihrer Papiervogelgedanken glitt an Bertolts Auge vorbei, er beobachtete, wie er erst näher kam und dann mit ausgestreckten Flügeln wieder aus seiner Sichtweite verschwand. Für einen Moment trank der Vogel aus dem Wasser seines Blicks, die Fische sahen ihm dabei zu, und der kleine Vogel schaute mit einem naiven Interesse zurück. Wieder schien die Sonne in das Zimmer und versetzte die Szene mit allen Spektren ihres Lichts. Sonia beugte sich vor und küsste Bertolt auf die Schulter, der den Kopf zur Seite drehte und mit gehobener Augenbraue lächelte. Dann zogen sie sich weiter an. Bertolt hatte sogar zwei Paar saubere Strümpfe gefunden.

Als das Paar die kleine Wohnung verließ, blieb das Fenster geöffnet, um die frische Sommerluft hereinzulassen. Als sie auf die Straße hinaustraten, sahen auch sie von diesem Fenster im dritten Stock aus wie kleine Ameisen.

[Beitrag editiert von: Rabenschwarz am 26.02.2002 um 21:10]

 

Klasse. Deine Metaphern sind stimmig, sie vermitteln Gefühle und Athmosphäre perfekt. Der vorletzte Absatz wimmelt von "sie", da kann man evtl. noch ein paar streichen, umschreiben bzw. durch Namen ersetzen. Ich empfehle immer "wegdeklinieren". Einige Wortwiederholungen sind eindeutig intendiert, bewusstes Stilmittel, andere m.E. überflüssig. Und mit "...und die Verse lies..." meintest Du "las", oder?
Was mir am besten gefiel, war der offensichtliche Gegensatz zwischen innerer und äußerer Welt, der eklatant sein kann - selbst wenn man nicht realitätsfremd ist.

 

Danke Alpha. Ein paar hab ich gekickt, muss mir aber noch was besseres einfallen lassen.

San

 

Wahnsinn! Ich bin wie ein Vogel mit deiner Geschichte geflogen und wie ein Fisch in sie hineingetaucht.
Großes Kompliment!

sie sich wie Fische auf dem Trockenen hin und her drehen und dann verendeten würden

...verenden würden.
Ich habe mit einer Lupe gesucht. ;)

Sylvia

 

Hallo Rabenschwarz,

großes Kompliment für deine Geschichte. Stimmig und sprachlich ausgefeilt bringst du die Gefühle sehr gut rüber. Man kann wunderbar in die Geschichte "eintauchen" und deine elegant gezeichneten Bilder gut nachvollziehen, auch die krassen ("...sich selbst an die Decke kreuzigen, damit er statt auf die feinen Konturen in ihre Augen starrte.").

Nur am Rande zwei kleine Fehlerchen:

"Das Geräusch erinnerte sie an einen tief gestrichener Ton eines Kontrabasses."

"Meistens lag er da wie ein Baby, dass die Bewegungen des Mobiles unter der Zimmerdecke verfolgt"

Viele Grüße

Christian

 

Hiya Christian.

Danke fürs Lesen und Kommentieren.

Die erste Korrektur habe ich übernommen, bei der zweiten hast Du Dich vertan (ein 's', wenn man 'dieses/welches' einsetzen kann). Schon komisch, der Text ist schon so alt und wurde so oft überarbeitet...und trotzdem findet sich immer noch irgendwo ne Erbse.

San

 

Hiya San!

Sorry für die Erbsen, aber eine ist noch übrig. :D

ein 's', wenn man 'dieses/welches' einsetzen kann
Genau, drum ist's noch ein "s" zuviel. Ich hab' deinen Satz zitiert, also mit "dass". Richtig ist aber "das", wie du treffend bemerkt hast. Vielleicht hätte ich das bei meiner Randbemerkung genauer sagen sollen. Aber kein Problem, oder?

Ich für meinen Teil bin froh, wenn ich auf Fehlerchen aufmerksam gemacht werde, weil ich trotz sorgfältiger Überarbeitungen auch immer mal was übersehe und meine Geschichten, die ich alle auf dem Rechner gespeichert habe und hierher nur rüberkopiere, möglichst fehlerfrei bekommen möchte.

@palladon:
"Hineingetappt" doch wohl hoffentlich im positiven Sinne?! :)

Christian

 

Oups...:shy:...ok, ok, ich editier ja schon :D

Hatte da irgendwie nen Aussetzer, danke nochmal, Chris.

San

 

Hallo Rabenschwarz,

ich finde Deine Geschichte wunderschön sanft.

Mir fällt nur ein kleiner formaler Fehler auf: Aus dem dritten Stock welches Hauses auch immer sieht kein Mensch aus wie eine Ameise.;)

Viele Grüße,
fiore

 

hi San!
eine wirklich gute Geschichte! Du hast mir damit bewiesen, daß Metaphern doch nicht zu Kitsch oder Überladung oder Pathos führen müssen! Sehr sauber Bilder erzeugt und durch die KG geführt. Die Stimmung und die unterschiedlichen Personen hast Du schön herausearbeitet. Besonders hat mich das Spiel mit der Erzählperspektive fasziniert, das für mich mehr aussagt, als alles andere...
Ich hab noch ein paar Stellen, zu denen ich was anmerken möchte:

ich finde es ein wenig auffällig, daß die Bäume alle zusammen EINEN Schatten werfen. nicht eher viele zusammenhängende?

Von diesem leicht geöffneten Fenster schaute Sonia hinunter,
jetzt knüpfst Du an ein Fenster an, das man vor lauter Bäumen schon vergessen hat, ein wenig. Ich finde, der Bezug ist zwar völlig klar, aber er verlangt vom Leser, der noch in den Baumkronen schwebt, die Du ihm nahegebracht hast, einen Spagat... vielleicht wäre ein Bezug leichter in der Art: Sonja hatte das Fenster leicht geöffnet / trat an das leicht geöffnete Fenster heran... weißt, was ich meine? Andere Satzaufbau-Methode und nicht "dieses"...

ein abgestellter Wecker.
cool, gefällt mir. Man sieht dem Wcker ja nicht an, daß er abgestellt ist, aber sie sieht ihn eben so..
weiße Farbe zu nehmen und um sich und ihren Liebsten zu streichen.
sehr schöne Szene, aber die letzte Formulierung hakt etwas: man streicht doch Farbe nicht um jemanden. Man streicht eine Fläche oder zieht eine Linie oder malt herum oder so...
und sie wünschte sich, seine Riesenschritte unterbrechen zu können,
die "Riesenschritte" sind im Vergleich zu Deinen sonst viel subtileren Bildern nicht ganz so gelungen, finde ich.

Krasser Perspektivwechsel! Der sagt eine Menge über das "Kräfte-Verhältnis" in der Beziehung aus... kaum ist er wach, bestimmt der das Geschehen!

Er konnte sich nicht mehr an den Grund erinnern, warum er da gesessen hatte. Eigentlich rauchte er gar nicht.
die betonung des Zufalls / Schicksals schlechthin! sehr schön!
Bertolt setzte sich auf und sah Sonia an. Sie schauten sich beide an.
da ist das Anschauen doppelt... die beiden Sätze kann man evtl. besser verbinden.
Plötzlich wurde Sonia klar, warum Bertolts Gedanken nicht herumschwebten wie ihre.
erst hier kommt ihre Sicht der seinen zuvor! Dabei ist er in diesm Moment anwesend und wach! Über die Bedeutung dessen denke ich noch nach.

Lieben Gruß,

Frauke

 

Hi San,

ich finde Deine Geschichte fantastisch! Du beweist hier eine Kreativität und Leidenschaft, die ich schon als beneidenswert empfinde. Obwohl der Text kaum Handlung beschreibt, verstehst du es, eine Art metaphysische Parallelwelt um die beiden Darsteller zu beschreiben, die auf ihre ganz eigenständige und originelle Weise Spannung zu erzeugen vermag. Den Erzählfluss empfand ich als ausgesprochen homogen.

Am eindrucksvollsten fand ich das Bild von Bertolts schlagendem Herzen, an das sie ihr Ohr presst, sowie ihre Vorstellung ihrer Kreuzigung an der "Gipsdecke". Diese an Wahnsinn grenzenden Ideen sind erschreckend konsequent in ihrer Absicht und für mich der Höhepunkt der Erzählung.

Sonias Erkenntnis über die mentale Verschiedenartigkeit zwischen ihr und Bertolt am Ende runden die Erzählung auf angenehme Weise ab, so dass die zentralen Metaphern am Schluss nicht nur Spielerei waren (wie in so manchen anderen Stories hier auf kg), sondern einen nachvollziehbaren Sinn in sich tragen.

Für den Fall, dass Du perfektionistische Neigungen in Dir birgst:

[...]stand eine Handbreit offen, [...]
...also ohne "e". Hab sogar extra im Duden nachgekuckt.
Als das Paar die kleine Wohnung verlies, [...]
Über diese Stelle bin ich beim Lesen gestolpert, da es sich so liest, als ob das Paar Strümpfe die Wohnung verlassen würde! ;)
Da würde ich eher "Als die beiden..." verwenden. Es liest sich dann flüssiger.

Das waren allerdings die einzigen beiden Stellen, über die ich gestolpert bin.

Gruß
Philo-Ratte

 

Oh, ich hatte gar nicht gesehen, dass hier noch so viel kommentiert wurde. Danke dafür, sowie fürs Lesen!

Eins ist bemerkenswert (oder peinlich, ich weiß es nicht): An diesem Text habe ich so lange herumgebastelt, immer und immer wieder korrigiert...und dennoch finden sich immer wieder Rechtschreibfehler und sprachliche Unstimmigkeiten. Ich glaube, eine weitere Runde Korrekturlesen ist angesagt, danke für die Hilfe!

 

Hi Rabenschwarz,

dass Deine Geschichte gut ist haben Dir schon genug Leute gesagt, so dass Du es nicht von mir nochmal hören musst. Dennoch: ich bin schnell eingetaucht, war gefesselt bis zum Schluß und war trotz der für kurzgeschichten.de bemerkenswerten Länge Deiner Geschichte enttäuscht, als sie "schon" zu Ende war.

Eine kleine Unstimmigkeit finde ich wie folgt:

Sonja beschreibt an einer Stelle "seine Unfähigkeit, seine Gefühle ihr gegenüber auszudrücken", als er dann aber mit ihr spricht ist einer seiner ersten Sätze "ich liebe Dich" und auch sonst hält er mit dem ausdrücken seiner Gefühlen für Sonja nicht wirklich hinterm Berg...

mhhh nun frage ich mich, wieviel mehr "Ausdruck" von Gefühlen stellt sie sich vor oder anderst: meintest Du wirklich "Gefühle ausdrücken" nicht doch eher "zu Gefühlen stehen" "Gefühle ausleben" oder sowas in der Art?

lieben Gruß
mod

 

Hallo Rabenschwarz,

wunderwunderwunderschön.

Ab dem dritten Absatz hast Du mich wirklich gepackt.
Außerordentlich schöner Stil, behutsam erzählt.

"Wer seine erste Liebe nicht vergisst, wird seine letzte nie erfahren..."
Ein schön formulierter Satz, inhaltlich kann ich mit ihm nicht einverstanden sein.

lg Petra

 

Hallo Sandra,
eine völlig ereignislose Geschichte, die trotzdem nicht langweilig ist, gelingt nicht vielen. Ich habe gar nicht darauf gewartet, dass etwas passiert. Warum eigentlich "clischeéhaft" statt "klischeehaft"? Leuchtete mir nicht ganz ein.
Die Charaktere scheinen alle ein wenig entrückt. Bertholt, der raucht, obwohl er das normalerweise nicht tun, und vergisst, warum er nach Russland wollte - wo er doch nicht einmal die Sprache beherrscht.
Und Sonia, die Gedankenverlorene.
Warum Menschen im dritten Stock aussehen wie ameisen, ist nicht richtig einleuchtend. Verleg das ganze doch noch ein wenig nach oben...
Grüße,
Steffen

 
Zuletzt bearbeitet:

Habe den Text nochmal überarbeitet. Hauptsächlich ging es mir darum, den Text einen Ticken zu straffen, Wiederholungen zu vermeiden und an so einigen Stellen präziser zu formulieren, damit der Text flüssiger wird. An vielen Stellen hat er echt geklebt wie Kaugummi. Hab auch versucht, deutlicher zu machen, was Sonia eigentlich von Bertolt will. Deshalb habe ich sein 'Ich liebe dich auch' auch weg gelassen. Es stimmt schon, was in einer Kritik stand, mit diesem Satz macht Bertolt alle Zweifel zunichte, im Prinzip fasst er in einen Satz alles, was Sonia von ihm hören will. Deshalb die Änderungen, damit die Erkenntnis am Ende deutlicher hervor tritt. Würde mich über Feedback sehr freuen, auch dieser Text soll Teil einer Bewerbung sein. Ja, ich weiß, ich hab in letzter Zeit selbst arg wenig kommentiert, aber sobald ich mit der Bewerbung fertig bin, hau ich mich wieder voll rein. Danke im Vorraus!


Das Fenster, auf das einer der weißen Vögel zuflog, stand eine Handbreit offen, um den Sommer herein und den Geschmack der Vergangenheit heraus zu lassen. Es lag im siebten Stock einer Reihe von Wohnhäusern am Rand des Stadtkerns und schaute hinab auf eine Lindenallee, deren Bäume ein Netz aus Schatten auf die zwischen den Häuserreihen liegende Straße warfen. Autos fuhren vorbei, Menschen gingen ihren Weg. Auf der anderen Seite der Straße brachen weitere Wohnhausreihen durch das belaubte Hindernis und räkelten sich im Sonnenlicht. Von diesem Fenster schaute Sonia hinunter, stützte ihre Arme auf der Fensterbank ab, spürte die rissige, leicht abblätternde Farbe unter ihrer Haut, und betrachtete verträumt die vorbei schlendernden Menschen.

Von der Höhe des siebten Stocks aus beobachtete sie die Gorkis, Kuprins, Bloks, Sologubs, Remizovs, Averchenkos, Tchornys, Kuzmins, Bunins und all die anderen, die dort unten umher liefen wie kleine Ameisen. Sie pfiff ein paar zufällige Takte und schloss dann ihre Augen, um ihre Lider von der Sommerluft wärmen zu lassen. Der kleine weiße Vogel auf dem Fenstersims ahmte ihre spontane Melodie für einen Moment nach, bevor er mit den Flügeln schlug und sich erneut in die Luft schwang. Sonia sah, wie er hoch zum Himmel hinaufstieg, um sich dann von trägen Windschüben stützen zu lassen.

Sie drehte den Rücken zum Fenster. Mit dem Gefühl der Wärme auf ihrer nackten Haut musterte sie das winzige Schlafzimmer und schaute sich zum ersten Mal seit ihrer Ankunft genauer um. Im Dunkeln war ihr die rote Tapete lila erschienen, das kleine Zimmer hatte geräumig, das Durcheinander wie Art Nouveau auf sie gewirkt. Sie schaute auf die beiden Weingläser, eins leer, eins halbvoll, und fragte sich, aus welchem sie wohl letzte Nacht getrunken hatte. Das Zimmer roch nach Alkohol, nach Alkohol und Schweiß. Ihr fiel auf, wie klischeehaft der Raum ihr jetzt vorkam, als gehöre er irgendeinem Mann, mit dem sie am Abend zuvor erst Telefonnummern ausgetauscht und ihn dann doch zu sich nach Hause begleitet hatte. Zerstreute Kleidungsstücke, zerwühlte Bettlaken, ein abgestellter Wecker. Und zwei nackte Körper. Sie dachte daran, sich wieder ins Bett zu legen, weiße Farbe zu nehmen und um sich und ihren Liebsten zu streichen. Sich selbst in einer romantischen Mordszene zu verewigen. Der verschüttete Rotwein auf den hellen Laken sah aus wie Blut.

Draußen fuhr ein großer Lastwagen vorbei. Das Geräusch erinnerte sie an den tief gestrichenen Ton eines Kontrabasses. Auf seiner Ladefläche klapperten leere Flaschen wie die Tasten eines Konzertflügels. Die raschelnden Blätter ergaben dazu eine süße Perkussionseinlage, und der leichte Wind lümmelte sich über dem ganzen Stück. Die Musik erhob sich in ein kurzes Crescendo, ließ genauso schnell wieder nach, und die alles behütende Stille setzte erneut ein. Ihre Gedanken stiegen als kleine Papiervögel im Zimmer auf und ab, kreisten über dem schlafenden Geliebten kreisten und warteten darauf, dass er erwachte, sie aus der Luft pflückte, auseinander faltete und die Verse las, die nur für ihn allein bestimmt waren. Wie er so da lag! Völlig in sein Bettlaken eingewickelt. Genau so wie die Gedanken in seinem Kopf. Sie weigerten sich, der Hülle seines Kopfes zu entfliehen und zusammen mit ihren Papiervögeln umher zu schweben. Sie fragte sich, warum sie ihn nicht schälen konnte wie einen süßen, saftigen Apfel, um an den Kern seiner Gefühle für sie zu gelangen. Warum gab es diesen Unterschied zwischen ihm und ihr, warum benahm er sich so anders als sie? Sie erhielt keine Antwort.

Wann immer er keinerlei Anstalten machte, sich ihr zu öffnen, wann immer er nichts mehr zu sagen hatte, wollte sie eben jene Worte so sehr von ihm hören, dass sie sich dazu in der Lage fühlte, seine Brust aufzureißen und ihr Ohr an sein schlagendes Herz zu pressen. Er lief weiterhin von ihr fort, und Sonia wünschte sich, seine Riesenschritte unterbrechen zu können, damit er in ihre Arme fiel. Jedes Mal, wenn er an die Decke sah, kam der Wunsch in ihr auf, sich selbst dort oben zu kreuzigen, damit er statt auf die feinen Konturen in ihre Augen starrte.

In manchen Nächten stellte sie sich vor, eine winzige Kreatur zu sein, die während seines Schlafes durch sein Ohr wanderte und die ganze Nacht mit seinen Gedanken tanzte. Es gab wenige Augenblicke, in denen es ihr wenigstens ein bisschen gelang, ihn dazu zu bringen, hinter seinem selbst vernagelten Bretterzaun hervorzukommen. Solche Momente schienen ihr wie die Verzückung dutzender Engel.

Es gab Abende, an denen sie beide im Bett saßen und lasen. Sie russische Theaterstücke, er Gedichte von Bédard. Er konnte aber nicht leise lesen, und so legte sie ihre Tragödie weg und hörte zu, wie seine Stimme sang. War sich nicht der Tatsache bewusst, dass die von ihm gelesenen Worte ihren Gedanken über ihn so sehr ähnelten? Manchmal glaubte sie aber auch, er parodierte einfach seine Unfähigkeit, ihr gegenüber Gefühle zu zeigen. Dann wieder fragte sie sich, ob er vielleicht diese Parodie als eine Art Hand nutzte, die sich nach ihr ausstreckte.

Sonia ging langsam zum Bett herüber und streichelte seinen Arm. Als Antwort erhielt sie ein leichtes Ausatmen. Sie setzte sich vorsichtig auf die Bettkante, schlug die Beine übereinander und dachte darüber nach, ob sie ihn wecken sollte. Überlegte, was sie wohl heute zusammen machten, ob sie abends zusammen ausgingen. Eins der Gefühle, das um sie herum durch den Raum trieb, landete neben ihrem Fuß. Sie schaute hinunter auf die in eine Origamitaube gefaltete Regung, hob sie auf und entfaltete ihre Flügel zwischen ihren Fingern, passte genau darauf auf, bloß keine der Federn zu zerreißen. Schließlich hielt sie ein kleines, beschriftetes Stück Papier in ihrer Hand. Sonia beugte sich über ihren Geliebten und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Er drehte den Kopf und küsste sie sanft, dann blitzten seine Augen auf und er war hellwach, obwohl er doch so fest geschlafen hatte. Sie musste grinsen.

Bertolt gähnte. Seine Augen richteten sich an die Zimmerdecke. Manchmal zog er in Gedanken Muster durch die Rillen des Stucks und stellte sich vor, die Decke wäre ein neues, weites Sonnensystem und er der einzige Mensch, der die verschiedenen Sternzeichen auf Karten verzeichnen konnte. Dafür, dass er Sonia seit vier Wochen kannte, wusste er sehr wenig über sie. Sie mochte Filme mit Untertiteln, Kartoffelpüree, sie schlief meistens mit dem Rücken zu ihm, musste lachen, wenn er ihre Brust berührte und sprach manchmal Russisch am Morgen, wenn sie noch müde war. Bertolt konnte kein Russisch. Sie hatten sich an der Fährstation getroffen, wo er an einem kalten Morgen saß und eine Zigarette rauchte. Er konnte sich nicht mehr an den Grund erinnern, warum er da gesessen hatte. Eigentlich rauchte er gar nicht.

Er hatte seine Tasche in der einen, die Fahrkarte nach Russland in der anderen Hand gehalten. Dann war er stehen geblieben, um Sonia den Weg zu erklären. Nachdem sie zwei Tage in seinem Bett, den umliegenden Kneipen und diversen Kinos der Stadt verbracht hatten, fiel ihm auf, dass er nie die Fähre nach Russland betreten hatte. Außerdem hatte er vergessen, was er eigentlich in Russland gewollt hatte. Aber er wusste, dass sie die einzige Frau war, mit der er für den Rest seines Lebens zusammen sein wollte.

Die Sonne goss eine Aura um Sonia, ein weißes Leuchten umrandete ihren leicht gebräunten Körper. Sie lächelte wieder und stand auf. Lichtstrahlen durchbrachen die Barriere, blendeten ihn, zerborsten an der Wand und durchfluteten das Zimmer. Als er wieder aufsah, sah er Sonias Gedanken durch den Raum schweben. Jeden Morgen beobachtete er sie, oft war er so damit beschäftigt, ihre Gedanken zu betrachten, dass er vergaß, selbst welche im Raum zu verteilen. Er lag dann da wie ein kleines Kind, das die Bewegungen eines Mobiles unter der Zimmerdecke verfolgt. So sehr er es auch versuchte, seine Gefühle für Sonia in den Raum zu entlassen, er schaffte es einfach nicht.

Bertolt setzte sich auf. Sie schauten sich beide an. Er lächelte, sie lächelte. Sie hob eine Augenbraue, er legte den Kopf in den Nacken und ließ den Blick ein letztes Mal zur Decke gleiten, bevor er ihn wieder auf sie richtete.

Bertolt...
Ja, Sonia?
Bist du jemals zuvor verliebt gewesen?
Ich glaube nicht, kann mich nicht erinnern.
Wie meinst du das, du kannst dich nicht erinnern?
Na ja, vor Ewigkeiten war ich mal in ein Mädchen verliebt. Doch die habe ich längst vergessen.
Aber wie konntest du sie vergessen?
Wer seine erste Liebe nicht vergisst, wird seine letzte nie erfahren. Er flüsterte sich die Worte eher selbst zu.
Ich liebe dich.

Schweigen. Sonia fragte sich immer noch, welches ihr Glas gewesen war, das halbvolle oder das leere. Bertolt lehnte sich zurück und starrte wieder an die Decke, zählte wieder seine Sterne. Sonia schüttelte ihr schwarzes Haar und seufzte. Ihre Hand berührte sein Knie, aber er wich zurück. Als er die Augen schloss, stand sie auf, schaute sich im Zimmer um, überlegte für einen Moment und pfiff eine falsche Melodie. Sie hob ihre Hände und tat, als dirigiere sie ein Orchester. Gedanken an Russland kamen in ihr auf, sie berührte den abgebrochenen Fingernagel an ihrer Hand und zweifelte einen Augenblick lang an Bertolts Gefühlen für sie. Ob das Geld für ein gemeinsames Frühstück reichte? Sonia liebte Bertolt.

Und Bertolt liebte Sonia. Als er die Augen wieder öffnete, überlegte er, ob er noch saubere Kleidung für den Tag hatte. Ein Bild von ihm als kleiner Junge tauchte vor ihm auf, dann versuchte er, sich an die Strophe eines Gedichts zu erinnern und betrachtete Sonia, wie sich sich aus dem Fenster lehnte. Er drehte sich auf die Seite und zweifelte kurz an sich. Er wollte mit ihr schwimmen gehen. Er überlegte, was er sagen sollte. Er wollte durch ihre Augen hindurch schauen, ihr sagen, dass er nicht wusste, ob ihr Geld noch für ein Frühstück reichte.

Sollen wir an den Strand gehen? Es ist ein schöner Tag, begann er.
Können wir da frühstücken?
Warum nicht?
Kann ich am Strand Muscheln sammeln?
Bekomme ich einen Kuss?
Sonia ging zu ihm herüber. Sie lächelte. Er setzte sich auf und streckte eine Hand nach ihr aus und zog sie zu sich aufs Bett.
Sollten wir uns nicht anziehen?, fragte Bertolt.
Kann ich mir von dir ein Paar Strümpfe ausleihen?
Wenn ich noch ein sauberes Paar habe.

Und da begriff Sonia, warum Bertolts Gedanken nicht durch den Raum schwebten wie ihre. Sie konnten es gar nicht! Seine Gedanken waren keine Vögel, sondern eher Fische, die in seinem Inneren schwammen. Sie bewegten sich wie Seepferdchen oder Delphine, flink und elegant. Aber sie konnten nicht fliegen wie ihre Vögel, konnten nicht einfach aus ihm heraus kommen und sich im Zimmer verteilen. Das hieß jedoch nicht, dass Sonia sie nicht sehen konnte. Sie musste ihm einfach öfter in die Augen schauen, ihn von nun an besser beobachten. Sonia fragte sich, ob sich seine Gedanken auf dem Trockenen hin und her warfen und dann verendeten, wenn sie sie aus ihm heraus zöge. Sie entschied sich dafür, es erst gar nicht zu versuchen.

Einer ihrer Papiervögel glitt an Bertolts Auge vorbei. Er beobachtete, wie die Regung erst näher kam und dann mit ausgestreckten Flügeln wieder aus seiner Sichtweite verschwand. Für einen Moment trank der Vogel aus dem Wasser seines Blickes, seine Fische sahen ihm dabei zu, und der kleine Vogel schaute mit naivem Interesse zurück. Wieder schien die Sonne in das Zimmer und versetzte die Szene mit allen Spektren ihres Lichts. Sonia beugte sich vor und küsste Bertolt auf die Schulter, der den Kopf zur Seite drehte, eine Augenbraue hob und grinste. Dann zogen sie sich weiter an. Bertolt fand sogar zwei Paar saubere Strümpfe.

Die beiden verließen die Wohnung. Zurück blieb das Fenster, noch immer geöffnet. Als Sonia und Bertolt auf die Straße traten, sahen auch sie von hier oben aus wie kleine Ameisen.

 

Hallo Sandra,:)

Ich habe nun die erste und zweite Fassung gelesen, und ich finde du hast es wunderbar dargestellt, wie es ist, wenn zwei ungleiche Menschen sich lieben, welche Zweifel entstehen können, und welche negativen Gefühle in der Liebe entstehen können, wenn die Erwartungen und Sehnsüchte nicht erfüllt werden. Du machst mit deiner Geschichte deutlich, dass die Ungleichheit der Liebenden, nicht unbedingt das Ende dieser Beziehung sein muss, wenn beide sich der Ungleichheit bewusst sind und sie es akzeptieren ohne den anderen entsprechend seiner Wünsche umzuformen.

Ein paar Anmerkungen:;)
Zitat: Habe den Text nochmal
noch mal
Zitat: im Vorraus
im Voraus

Zitat: Sonia sah, wie er hoch zum Himmel hinaufstieg, um sich dann von trägen Windschüben stützen zu lassen

...hmm wie wäre es, um dann vom Aufwind getragen zu werden

Zitat: Dunkeln war ihr die rote Tapete lila erschienen, das kleine Zimmer hatte geräumig, das Durcheinander wie Art Nouveau auf sie gewirkt. Sie schaute auf die beiden Weingläser, eins leer, eins halbvoll, und fragte sich, aus welchem

Art Nouveau oder vorher Jugendstildekoration finde ich für einen Vergleich eines Mädchens, das gerade aus Russland kommt nicht nachvollziehbar, es sei sie ist Kunststudentin oder ähnliches.

Zitat: . Sie dachte daran, sich wieder ins Bett zu legen, weiße Farbe zu nehmen und um sich und ihren Liebsten zu streichen. Sich selbst in einer romantischen Mordszene zu verewigen. Der verschüttete Rotwein auf den hellen Laken sah aus wie Blut.

..... dieser Satz ist schwer verständlich wie wäre es mit, um ihre Konturen nachzuzeichnen

Zitat: Wann immer er keinerlei Anstalten machte, sich ihr zu öffnen, wann immer er nichts mehr zu sagen hatte, wollte sie eben jene Worte so sehr von ihm hören, dass sie sich dazu in der Lage fühlte, seine Brust aufzureißen und ihr Ohr an sein schlagendes Herz zu pressen. Er lief weiterhin von ihr fort, und Sonia wünschte sich, seine Riesenschritte unterbrechen zu können, damit er in ihre Arme fiel. Jedes Mal, wenn er an die Decke sah, kam der Wunsch in ihr auf, sich selbst dort oben zu kreuzigen, damit er statt auf die feinen Konturen in ihre Augen starrte.


Hier machst du eine sehr wichtige Aussage in deinem Text, da Sehnsüchte die nicht erfüllt werden in Wut umschlagen können, Sehnsüchte, die der andere, der anders denkt, bedrängen und gar zum Rückzug zwingen.
Ich weiß, du hast du hast diesen Teil schon einmal überarbeitet....... Vielleicht so... Immer, wenn sie meinte, dass er sein Innerstes vor ihr verschloss......oder, immer wenn er für sie unerreichbar war...... sehnte sie sich nach der Bestätigung ihrer Liebe

... na ja ..... du wirst schon die passende Formulierung finden

Zitat: Solche Momente schienen ihr wie die Verzückung dutzender Engel.

Sind Engel verzückt? Die Metapher mit einem Engel finde ich ganz gut
... wie wäre es mit Solche Momente erschienen ihr, als hätte ein Engel ihr Herz berührt,

Zitat: Sonia ging langsam zum Bett herüber und streichelte seinen Arm. Als Antwort erhielt sie ein leichtes Ausatmen


Die alte Fassung war mir lieber.


Zitat:
Bertolt...
Ja, Sonia?
Bist du jemals zuvor verliebt gewesen?
Ich glaube nicht, kann mich nicht erinnern.
Wie meinst du das, du kannst dich nicht erinnern?
Na ja, vor Ewigkeiten war ich mal in ein Mädchen verliebt. Doch die habe ich längst vergessen.
Aber wie konntest du sie vergessen?
Wer seine erste Liebe nicht vergisst, wird seine letzte nie erfahren. Er flüsterte sich die Worte eher selbst zu.
Ich liebe dich.

es fehlen die Anführungszeichen

Zitat:
Sollen wir an den Strand gehen? Es ist ein schöner Tag, begann er.
Können wir da frühstücken?
Warum nicht?
Kann ich am Strand Muscheln sammeln?
Bekomme ich einen Kuss?
Sonia ging zu ihm herüber. Sie lächelte. Er setzte sich auf und streckte eine Hand nach ihr aus und zog sie zu sich aufs Bett.
Sollten wir uns nicht anziehen?, fragte Bertolt.
Kann ich mir von dir ein Paar Strümpfe ausleihen?
Wenn ich noch ein sauberes Paar habe.

Es fehlen die Anführungszeichen

Zitat: Ein Bild von ihm als kleiner Junge tauchte vor ihm auf, dann versuchte er, sich an die Strophe eines Gedichts zu erinnern und betrachtete Sonia, wie sich sich aus dem Fenster lehnte.

Sie

Zitat:
Und da begriff Sonia, warum Bertolts Gedanken nicht durch den Raum schwebten wie ihre. Sie konnten es gar nicht! Seine Gedanken waren keine Vögel, sondern eher Fische, die in seinem Inneren schwammen. Sie bewegten sich wie Seepferdchen oder Delphine, flink und elegant. Aber sie konnten nicht fliegen wie ihre Vögel, konnten nicht einfach aus ihm heraus kommen und sich im Zimmer verteilen. Das hieß jedoch nicht, dass Sonia sie nicht sehen konnte. Sie musste ihm einfach öfter in die Augen schauen, ihn von nun an besser beobachten. Sonia fragte sich, ob sich seine Gedanken auf dem Trockenen hin und her warfen und dann verendeten, wenn sie sie aus ihm heraus zöge. Sie entschied sich dafür, es erst gar nicht zu versuchen.

Auch diese Stelle des Textes halte ich für einen der wichtigsten und da war mir die alte Fassung über die Erkenntnis Sonjas besser herausgearbeitet..


So liebe Sandra, ich wünsche dir bei deiner Bewerbung
Viel Glück, das Talent ist ja da.
Liebe Grüße
Petra

 

Hallo Petra.

danke fürs Lesen und Kommentieren. Werde mir Deine Anmerkungen durch den Kopf gehen lassen.

Die Anführungszeiten habe ich bewusst weggelassen. Mittlerweile ist es in moderner Literatur Gang und Gebe, auf Anführungszeichen zu verzichten, wenn es deutlich ist, dass es sich um wörtl. Rede handelt.

Schade, dass Du an zwei oder drei Stellen nicht genauer darauf eingegangen bist, warum die Passagen aus der ersten Fassung 'lieber waren'. So klingt das sehr subjektiv, und aus subjektiven Anmerkungen etwas herauszuholen, dass für den Text gut und wichtig ist, ist immer sehr schwer.

Trotzdem nochmals Danke & Grüße,
San

 

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