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Sonderbares Leben

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01.05.2003
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Sonderbares Leben

lang, aber recht einfach zu lesen ... vielleicht traut sich jemand.

I.


Eine kleine Passagiermaschine befindet sich im Sturzflug. Das linke Triebwerk ist ausgefallen, der Pilot bemüht sich, das Schlimmste zu verhindern und das Flugzeug möglichst unbeschadet im Sand aufkommen zu lassen. Es gelingt ihm, er landet zwischen zwei größeren Sandhügeln.

Pilot (im Cockpit sitzend, alle Geräte ausschaltend): So, meine Damen und Herren, wir sind da, bitte aussteigen!

Junge, zierliche Frau (klettert ins Freie): Wirklich toll gemacht! Und wo sind wir jetzt?

Mann in Uniform (folgt ihr): In der Wüste.

Junge Frau (dreht sich zu ihm und sieht ihn genervt an): Sehr witzig.

Zwei weitere Frauen und zwei Männer verlassen das Flugzeug, der Pilot kramt einen Werkzeugkoffer heraus und steigt ebenfalls aus.

Mann mit Schnurrbart (streckt sich): Ich nehme an, wir dürfen uns auf eine längere Wartezeit gefasst machen, nicht wahr, Herr Pilot?

Pilot (lächelt breit): Ich befürchte, ja.

Mann mit Schnurrbart (zu den anderen, während der Pilot eine Klappe am Flugzeug öffnet und beginnt, darin herumzuschrauben): Dann sollten wir das Beste aus dieser Zeit machen und uns vorstellen, nicht wahr? Ich bin Schriftsteller. (reicht jedem die Hand und schüttelt sie kurz)

Mann in Uniform: Soldat.

Junge Frau: Ich bin Tänzerin.

Ältere Frau: Ärztin.

Dritte Frau (sonnengebräunt, muskulös): Bergsteigerin.

Schriftsteller (geht auf den letzten Mann zu, der in einiger Entfernung von der Gruppe steht, mit den Händen in den Hosentaschen, und in den klaren Himmel sieht): Hallo! Sie stehen so still da, ich hätte Sie fast übersehen, wenn ich Sie nicht schon vorhin im Flugzeug bemerkt hätte! (lacht kurz) Ich bin Schriftsteller. Und Sie sind ... ?

Stiller Mann: Eigentlich nichts Bestimmtes, ich mache von allem ein wenig.

Schriftsteller (nickt): Ah ja. Was machen Sie denn so?

Stiller Mann: Manchmal baue ich, lehre ab und zu ... male auch gern.

Schriftsteller (nickt): Interessant, interessant ...

Pilot (mit dem Kopf im Flugzeug, bearbeitet eine verrostete Platte mit dem Schraubenschlüssel): Ich habe es ihnen gesagt. Ich sagte ihnen, dieses Ding hält keinen weiteren Flug durch. Verschiebt den Flug um einen Tag, gebt mir Ersatzgeräte, und ich reparier' das Teil. Nein, sagten sie, das ist uns jetzt zu teuer, du fliegst 'rüber und lässt die Reparatur dort durchführen. Und wenn es abstürzt, fragte ich, hört ihr nicht wie es klappert? Wird schon nicht, sagten sie, flieg nur. Verdammt.

Soldat: Hast du kein Funkgerät?

Pilot: Ist hin.

Soldat: Gar nichts? Und wie steht es mit Proviant?

Pilot: Reicht für drei Tage. Vier, wenn wir sparsam sind.

Soldat: Schaffst du's bis dahin?

Pilot: Natürlich, aber ohne Ersatzgeräte kriege ich nicht die volle Leistung raus.

Tänzerin: Und das heisst?

Pilot: Weiss ich noch nicht.

Tänzerin: Aha.

Man holt ein paar Kisten aus dem Laderaum und setzt sich in den Schatten des Flugzeugs. Der Soldat sitzt neben der Tänzerin, mustert ihr Gesicht.

Soldat: Du bist also Tänzerin, ja?

Tänzerin: Ja. Und du bist Soldat, ja?

Soldat: Was tanzt du denn so? Walzer, Ballett? Gogo?

Tänzerin: Vieles.

Soldat lacht.

Ärztin: Tanzen ist gesund. Gut für den Körper.

Soldat: Und nicht nur für den eigenen! (macht eine Andeutung auf Striptease)

Bergsteigerin: Klettern ist aber auch nicht ohne.

Ärztin: Gefährlich. Belastet die Gelenke. Man kann noch im hohen Alter tanzen, aber kaum klettern, wenn die Knochen nicht mehr mitmachen.
Bergsteigerin (lächelnd): Wenn man so lange überlebt.

Soldat: Jetzt spiel mal nicht die Coole! Du hast doch genau so viel Angst vor dem Tod wie

wir alle! Ich habe gesehen, wie verkrampft du warst, als wir abstürzten.

Bergsteigerin: Ich habe keine Angst, wenn ich klettere. Ich will nicht in einem Flugzeug sterben, sondern auf einem Berggipfel.

Ärztin (lacht): Da bemüht man sich, den Leuten Gesundheit zu schenken, damit sie hinausgehen und sich selbst in Gefahr bringen!

Schriftsteller: Damit ist Ihre Aufgabe doch erfüllt! Was die Menschen mit ihrer Gesundheit machen, ist dann deren Sache.

Tänzerin: Was schreiben Sie eigentlich so?

Schriftsteller (räuspert sich): Ich ... schreibe in erster Linie für mich selbst, Kurzgeschichten, Gedichte ... Ich arbeite auch an einem Buch.

Soldat: Muss ja stinklangweilig sein, den ganzen Tag nur zu schreiben ... ich geh mal pinkeln.

Der Soldat steht auf und geht Richtung Hügel.

Ärztin (ruft ihm hinterher): Danke für die Information!

Tänzerin: Worum geht es denn in Ihrem Buch?

Schriftsteller: Es geht um eine Liebe ... eine Liebe, die sehr schmerzhaft endet, die nichts gegen das Schicksal ausrichten kann und alle Beteiligten völlig vernichtet.

Tänzerin: Keine Schnulze?

Schriftsteller: Nein. Vielmehr eine psychologische Untersuchung.

Tänzerin: Schade, ich mag Schnulzen. (kichert) Mensch, ist es heiss ...

Die Tänzerin beginnt, ihre leichte Strickjacke aufzuknöpfen. Darunter trägt sie ein knappes Top.

Stiller Mann: Tun Sie das bitte nicht. Ziehen Sie sich nicht aus.

Tänzerin (hält verdutzt inne, knöpft dann provokativ weiter auf): Warum denn nicht? Gefällt Ihnen etwa nicht wie ich aussehe?

Stiller Mann: Sie sind sehr schön, deshalb sollten Sie das lassen. Die Sonne brennt zu stark. Es wird Ihnen nicht gut tun, auch wenn es Ihnen jetzt als Erleichterung vorkommen mag.

Tänzerin (knöpft wieder zu): Ach so. Gut, wenn Sie meinen ...

Soldat kommt wieder.

Soldat: Überall nichts als Wüste. Keine nette Gegend hier.

Schriftsteller: Einer meiner Protagonisten musste einmal eine Wüste durchqueren. Ich habe mir, um das zu schreiben, eine Menge Bücher zum Thema "Überleben in der Wüste" geholt, um alles möglichst realistisch zu gestalten. Es hat sich sehr echt angehört, was ich geschrieben hatte, aber ich fürchte, ich wäre in solch einer Situation völlig verloren.

Soldat: Macht es überhaupt einen Sinn, zu schreiben?

Ärztin: Macht es denn Sinn, zu kämpfen und zu töten?

Soldat: Ohne das wären Sie arbeitslos. (grinst)

Ärztin: Es gibt auch ohne Ihre Kriege genug Krankheiten, mit denen der Mensch zu kämpfen hat. (legt die Stirn in Falten) Mein Mann ist bei der Polizei. Er hat täglich mit Mördern und Kinderschändern zu tun - ich frage mich, wie ein Staat Kriege führen kann, während in seinem Inneren ein einziger Krieg herrscht.

Soldat: Ich führe meine Befehle aus, nichts weiter. Ich habe auch schon oft genug für Frieden gesorgt, mein Handwerk ist also nicht nur Töten.

Schriftsteller: Unzureichendes Beispiel. Ohne den Krieg wäre es nicht nötig, für Frieden zu sorgen.

Tänzerin: Und ohne Mörder, Kranke und Verrückte wäre es nicht nötig, zu schreiben.

Schriftsteller: Da haben Sie recht, fürchte ich ... ich lebe von Missverständnissen und Problemen.

Stiller Mann: Können Sie denn schreiben, ohne all Ihre Situationen erlebt zu haben?

Schriftsteller: Es ist nicht immer leicht, aber es geht. Manchmal tauche ich so tief in eine Problematik ein, dass sie zu einem unauslöschbaren Teil von mir wird. Ich muss alles fühlen, was ich schreibe, nur so kann ich es dann auch mitteilen.

Ärztin: Was wollen Sie damit bezwecken?

Schriftsteller: Ich weiss nicht ... ich möchte verstanden werden. Wenn es mich mal alle Nerven kostet, etwas zu schreiben, dann möchte ich, dass der Leser es nachfühlen kann ...

Tänzerin: Gelingt es Ihnen?

Schriftsteller: Selten.

Inzwischen hat der Pilot ein Maschinenteil ausgebaut und zerlegt es im Sand.

Schriftsteller: Wissen Sie, oft wird die Schriftstellerei unterschätzt. Es ist ... (er gestikuliert, während er nach dem richtigen Vergleich sucht) ... es ist genau wie Bergsteigen. Man benötigt eine gewisse Kraft, man muss einen Gipfel in Ansturm nehmen können. Wobei es nicht immer um den Gipfel geht, sondern vielmehr um den Weg dorthin. Man braucht die Fähigkeit, Worte, ähnlich wie Vorsprünge im Gestein, ausfindig zu machen und in richtiger Reihenfolge zu benutzen. Und dann ... dann kann jeder weitere Bergsteiger dieser Spur folgen, das sehen, was man selbst gesehen hat. Aus der selben Perspektive, mit den selben Schwierigkeiten – und dennoch mit ganz neuem Blickwinkel – mit den eigenen Augen.

Tänzerin: Ist es denn so schwierig, den Gipfel zu erreichen?

Schriftsteller (enthusiastisch): Ja, denn meist klettert man nachts oder mit verbundenen Augen. Schreiben ist vergleichbar mit einem Blick aus der zweidimensionalen Ebene in den dreidimensionalen Raum. Man kann nicht alles erfassen. Man weiss nicht, wie es wirkt. Und wenn man es nicht selbst erlebt hat ... Deshalb bin ich als Schriftsteller gezwungen, jeden meiner Charaktere durchzuleben, jede seiner Macken anzunehmen und mich in seine Denkweisen hineinzusteigern.

Soldat (lacht auf): Das muss ja wahnsinnig machen.

Schriftsteller: Mehr als Sie denken.

Kurzes Schweigen. Der Pilot flucht leise, als eine alte rostige Schraube abbricht.

Tänzerin: Mit dem Schreiben kann man aber auch Einiges ändern.

Schriftsteller: Stimmt, je nach dem was man schreibt.

Stiller Mann: Bedenken Sie, dass alles, was Sie schreiben, von Menschen gelesen wird, die bereits vom Leben geprägt sind. Diese zu ändern, bedarf es einer gewaltigen Ausdruckskraft.

Soldat: Ändern? Wieso sollten wir uns von irgendwelchen Büchern ändern lassen?

Ärztin: Ändern ist hier vielleicht ein unangebrachter Ausdruck. Man kann seine Sichtweise überdenken, Objektivität erlangen.

Stiller Mann: Immer nur die des Autors.

Schriftsteller: Wirklich? Wenn Sie ein Buch zum Nachdenken anregt, werden Sie sich doch kaum als Opfer von Manipulation fühlen?

Stiller Mann: Manipulation ist immer beabsichtigt. Wenn der Autor auch nicht vorhat, dem Leser seine Gedanken aufzuzwängen, so bietet er ihm lediglich den Ausschnitt einer Wahrheit oder einer Sichtweise. Deshalb fragte ich Sie vorhin, ob Sie denn schreiben können, ohne selbst zu erleben. Objektivität lässt sich nicht durch Bücher erlangen, diese sind nur ein Querschnitt durch Meinungen und Erfahrungen.

Schriftsteller: Interessante These ...

Nachdenkliches Schweigen.

Soldat: Hey, er hat recht. Der Kerl, der die Gebrauchsanleitungen für den Aufbau unserer Zelte schreibt, hat bestimmt noch nie selbst so ein Ding zusammengesetzt.

Kurze Heiterkeit.

Schriftsteller (zum stillen Mann): Jetzt würde ich aber doch gerne wissen, was Sie so machen.

Stiller Mann (holt Luft, überlegt): Ich helfe wo ich kann.

Tänzerin: Cool.

Ärztin: Sie sind nicht spezialisiert auf etwas Bestimmtes?

Stiller Mann: Nein, ich lerne ständig hinzu und versuche mein Bestes.

Tänzerin: Und ... was genau versuchen Sie?

Stiller Mann: Ich versuche, die Menschen vor sich selbst zu bewahren.

Verdutzte Pause.

Stiller Mann: Nun gut, in anderen Worten. Ich breche die Regeln für Menschen, die es sich selbst nicht leisten können.

Tänzerin: Terrorist?

Ärztin: Berufskiller?

Soldat: Freiheitskämpfer?

Stiller Mann (lacht): Nein, nicht wirklich. Aber ich bin geschmeichelt.

Heiterkeit.

Schriftsteller: Nun machen Sie es nicht so spannend, wir sind nicht so gut im Raten!

Stiller Mann (symbolisiert mit den Fingern Anführungszeichen): „Robin Hood“.

Soldat lacht.

Tänzerin: Uuuuhhh ....

Alle nicken bewundernd.

Schriftsteller: Das ist ja mal wirklich etwas Interessantes.

Bergsteigerin: Soll das heissen, Sie beklauen die Reichen?

Stiller Mann: Nein, ich beklaue sie nicht. Ich helfe ihnen nur, logische und vernünftige Entscheidungen zu treffen, schlichte bei Streitereien, führe diplomatische Gespräche. Dafür bekomme ich Geld, ausserdem habe ich die Möglichkeit, ihre Handlungen auf gewünschte Bahnen zu lenken und den Machtlosen und Armen das Leben zu erleichtern. Ich bewahre die Starken vor ihren eigenen Fehlern, und helfe den Schwachen – baue für sie, unterrichte ihre Kinder, lasse ihnen meinen Verdienst zukommen. Damit unterbinde ich zugleich Kriminalität von Seiten der Armen.

Ärztin: Sie ordnen also diese Welt.

Stiller Mann: Das war immer mein Wunsch. Nicht nur eine Funktion zu sein, sondern es funktionieren zu lassen. Aber, Sie sehen, die Welt ist groß ...

Schriftsteller: Freiheit.

Stiller Mann: Freiheit?

Schriftsteller: Wo bleibt sie denn? Sie mischen sich ein, lenken, verteilen, ohne zu befürchten, dass Sie sich einmal irren könnten.

Stiller Mann: Natürlich, ich muss mich auf mein subjektives Urteil verlassen. Doch sind Sie denn frei, wenn Sie eine Funktion erfüllen?

Schriftsteller: Ich bin frei, mir meine Funktion auszusuchen.

Stiller Mann: Und was, wenn Sie einen Fehler machen sollten? Wenn Sie das Falsche schreiben, wenn Sie (er wendet sich an die Ärztin) falsch operieren, wenn Sie (zum Soldaten) den Falschen töten? Wir mischen uns alle ein. Wir arbeiten in unserem Rahmen, und ein Fehler wird von der Maschine geschluckt. Die große Maschine merkt überhaupt nicht, wenn ein Kreislauf verfault, Hauptsache der Output stimmt. Manche sind frei zu rauben, zu missbrauchen, auszubeuten. Andere sind frei, getötet, gequält, eingeschränkt zu werden. Ist das die Freiheit, von der Sie sprechen?

Schriftsteller (denkt kurz nach): Dann ... nennen wir es „Selbstständigkeit“. Sie berauben Menschen der Selbstständigkeit.

Stiller Mann: Sie meinen, ich sollte sie ihre Fehler selbst machen lassen? Immer wieder? Sie machen ihre Fehler schon seit Tausenden von Jahren. Wie kann man denn hoffen, sie würden eines Tages daraus lernen?

Ärztin: Sie lernen sehr wohl! Denken Sie nur an all die gesetzlichen Verbesserungen nach dem zweiten Weltkrieg. An die Menschenrechte. An die Inquisition und die heutige religiöse Toleranz und Akzeptanz.

Stiller Mann: Die einzigen, die lernen, befinden sich in der Vorzeigeschicht eines Staates. Sie können es sich nicht leisten, Rechte und Grundsätze offen zu ignorieren, das kommt ihrem Ruf nicht zu Gute. Ein anonymer Großunternehmer kann dies sehr wohl tun, solange er daran verdient.

Tänzerin: Sie reden gerade wie ein Ausserirdischer.

Stiller Mann: Finden Sie?

Tänzerin: Ja. „Ich und die Menschen“. Machen Sie denn keine Fehler?

Stiller Mann: Heute kann ich es mir nicht mehr leisten. Meine Vergangenheit ist begraben. Sie haben recht, oft fühle ich mich wie ein Ausserirdischer ... aber was macht das schon?

Bergsteigerin: Vergangenheit? Versuchen Sie etwa, irgendeine Schuld wieder gut zu machen?

Stiller Mann (lacht leise): Gut beobachtet ...aber es ist nicht nur wegen meiner Vergangenheit. Ich kann nicht einfach zusehen. Ich weiss, dass ich nur ein einzelner, kleiner Mensch bin, der die große Welt nicht ändern kann, nur – das will ich gar nicht. Ich will die Menschen ändern, nicht die Umstände. Ich will, dass die Beziehungen zwischen Menschen funktionieren.

Ärztin: Da haben Sie sich ganz schön viel vorgenommen.

Schriftsteller: Der einzige Unterschied zwischen Ihrem Einmischen und dem der „Mächtigen“ ist, dass Sie es bewusst machen und viel tiefer gehen als die. Zur Freiheit des Menschen gehört der Zufall. Das Unbestimmte, Ungewisse. Und Sie versuchen, es ihnen zu verwehren.

Stiller Mann: Das mag sein. Meine Ziele sind zugegebenermaßen nicht wirklich altruistisch. Aber es gibt keine Selbstlosen in dieser Welt. Jeder hat einen Sinn zu erfüllen – alles, was er tut, dient nur diesem Zweck. Glauben Sie an die Selbstlosigkeit? Sie schreiben – doch nur, um sich zu begreifen! Jeder, der etwas zu ändern, zu verbessern sucht, kommt persönlich nicht damit zurecht, kann es nicht so akzeptieren. Das ist das ganze Geheimnis – das ist die Erfüllung seines Lebenssinns.

Nachdenkliches Schweigen.

Schriftsteller: Darüber lässt sich lange streiten ... das Problem liegt in den vielen unbekannten Faktoren – Gott, Schicksal, Sinn ... wir bemühen uns, unsere Zeit zu nutzen, das Beste aus ihr zu machen. Im Endeffekt sind wir alle voneinander abhängig, und es lässt sich Ihnen nicht das Recht absprechen, weiterhin ihre Umwelt zu ordnen. (schüttelt den Kopf) Schwierige Frage, sehr schwierig.

Stiller Mann (lächelt): Deshalb haben wir ja die Schriftsteller – um solche Fragen zu lösen. (Schriftsteller zuckt lachend die Schultern) Nun ja, man tut was man kann.

Der stille Mann erhebt sich und geht hinter einen Hügel.
Der Pilot hat das Gerät inzwischen wieder eingebaut, ist ins Cockpit gestiegen und hat die Instrumente überprüft. Nun kommt er auf die Gruppe zu und setzt sich auf eine Kiste.

Pilot: So, Leute. Wir haben ein Problem. Ich hab den Antrieb repariert. Aber wie ich schon sagte, ohne Ersatzgeräte gibt’s nicht die volle Leistung. Das bedeutet, es gibt ein Problem mit der Belastung. Wir sind zu schwer.

Alle sehen den Piloten fragend an.

Pilot (kratzt sich am Kopf): Auch wenn wir den gesamten Laderaum freimachen, muss mindestens einer von uns hier bleiben, sonst hebt diese verdammte Kiste nicht ab.

Peinliches Schweigen, niemand traut sich, einen Vorschlag zu machen.

Pilot: Ich denke, wir sollten losen. Wär wohl am Einfachsten.

Ärztin: Wir sollten uns dessen bewusst sein, dass wir hier jemanden womöglich zum Tode verurteilen.

Soldat: Gibt es keine andere Möglichkeit?

Pilot (schüttelt den Kopf): Keine Chance.

Schriftsteller (räuspert sich): Ich möchte nicht ... zynisch erscheinen oder falsch verstanden werden, aber wenn wir schon gezwungen sind, ein Opfer zu bringen, damit die Mehrheit überlebt, sollten wir den moralischen Aspekt dieser Tat beiseite lassen. Wenn wir es uns logisch überlegen, so dürfen wir niemanden opfern, der einen großen Nutzen für die Gesellschaft darstellt.

Die anderen schauen etwas skeptisch.

Schriftsteller: Ich meine, wir sollten kurz zusammenfassen, welcher Verlust wir persönlich wären. Ich zum Beispiel bin verheiratet, leite eine Kinderschreibgruppe ... (hält inne, zuckt mit den Schultern, sieht fragend die Ärztin an)

Ärztin (holt Luft): Ich bin leitende Chirurgin, habe einen Mann, zwei Kinder ...

Soldat: Ich bin einer der besten Strategen und Kommandanten meiner Einheit, besitze seltenes taktisches Wissen.

Tänzerin (sieht betreten zum Boden): Ich tanze nur.

Soldat: Keine Sorge, Kleine, dich lasse ich eh nicht gehen. (lächelt)

Tänzerin sieht ihn stirnrunzelnd an, zieht dann die Augenbrauen hoch.

Bergsteigerin: Ich habe einen Freund, und mache sonst nichts ausser Klettern.

Pilot: Tja, meine Aussage erübrigt sich wohl.

Soldat: Und was ist mit unserem Weltenordner?

Schriftsteller: Eine nicht unwichtige Persönlichkeit, meiner Meinung nach. Etwas irre, aber nicht unwichtig.

Der Pilot streckt die rechte Hand vor, hält in seiner Faust sieben Holzsplitter.

Pilot: Einer ist kürzer.

Man zögert, der stille Mann kommt wieder.

Stiller Mann: Was ist los?

Schriftsteller: Ziehen wir.

Stiller Mann: Warum?

Alle ziehen, auch der stille, gerade etwas verwirrte Mann.

Pilot: Oh. (zeigt allen den Kürzeren)

Soldat: Also noch mal.

Tänzerin: Wieso lassen wir nicht einen weg?

Schriftsteller: Aus formellen Gründen.

Soldat (ernst): Weil sich die Wahrscheinlichkeit für jeden einzelnen dann von einem siebtel auf ein sechstel erhöhen würde. (unterdrückt ein Glucksen)

Man zieht noch ein mal.

Stiller Mann: Was ziehen wir denn?

Pilot: Einer muss hier bleiben, da die Maschine sonst nicht abhebt.

Stiller Mann: Ach so.

Bergsteigerin: Tja, Glück für euch. Keine schwere Entscheidung, mein Nutzen ist ja schon besprochen worden. (sie schluckt, wirft den Kürzeren in den Sand)

Man steht unschlüssig da, der stille Mann versucht noch immer, die Situation zu verstehen.

Bergsteigerin: Schon gut, wir haben es so abgemacht. (nimmt zitternd ihren Rucksack hoch, lädt ihn sich auf den Rücken) Guten Flug wünsche ich.

Die Tänzerin sieht bitter zu Boden, der Rest macht sich auf, die Ladung aus dem Flugzeug zu schaffen.

Stiller Mann: Moment mal, soll das heissen, wir fliegen jetzt und lassen die Frau zurück?

Soldat: Wir hatten nicht vor, zwischen Frau und Mann zu unterscheiden. Wir leben in modernen Zeiten, soweit ich weiss.

Stiller Mann: Tut mir leid, das geht nicht.

Bergsteigerin: Hey, es gefällt mir zwar auch nicht im Entferntesten, aber ich habe nicht vor, mich diskriminieren zu lassen!

Stiller Mann: So meinte ich es auch nicht. Sie wollten auf einem Berggipfel sterben, soweit ich mich erinnern kann, und ich sehe hier weit und breit keinen Berggipfel. Gehen Sie alle zurück nach Hause, Sie haben einen Zweck zu erfüllen. Mein Sinn ist immer mein Weg, auch wenn er durch die Wüste führt. Ich habe Lust auf einen Spaziergang. Vielleicht treffe ich auf Hilfsbedürftige, deren Leben ich ordnen kann. (lächelt selbstironisch)

Der stille Mann holt sich eine Tasche mit Proviant und einen Kompass, verabschiedet sich mit einem Lächeln und wendet sich ab. Die Bergsteigerin macht den Mund auf und wieder zu, bringt dann ein „aber ... danke ... viel Glück“ hervor.
Soldat zuckt mit den Schultern und legt den Arm um die Taille der Tänzerin. Da windet sie sich aus seiner Umarmung heraus und setzt dem Mann nach.

Tänzerin: Warten Sie! Warten Sie auf mich.

Stiller Mann (blickt sie verdutzt an): Ist irgendwas?

Tänzerin: Ich komme mit.

Soldat: Was?

Tänzerin: Ich habe keine Lust, in diese Welt zurückzukehren. Ich gehe viel lieber mit Ihnen. Sie gefallen mir.

Soldat: Du könntest sterben!

Tänzerin (lacht): Aber wenigstens lebe ich!

Sie hackt sich bei dem Mann ein, der sie anlächelt und den Kompass öffnet. Die anderen starren den beiden nach, dann bereiten sie sich auf den Weiterflug vor. Als die Tänzerin und der Mann einige Sandhügel hinter sich gelassen haben, hören sie sich entfernendes und schliesslich verstummendes Motorengeräusch.

II.


Tänzerin: Ich glaube, ich habe mich in Sie verliebt.

Stiller Mann: Wirklich? Da wären Sie die erste.

Tänzerin: Das Leben ist schon sonderbar.

Stiller Mann: Es ist schlimmer als Sie denken.


Die beiden laufen einen Sandhügel hinab, vor ihnen erstreckt sich eine endlose, flammende Sandfläche.

 

Einen wunderschönen guten Tag arlekino!
Um gleich mit der Tür ins Haus zu fallen, Deine Geschichte hat mir sehr gefallen.
Die äußeren Umstände waren recht stilisiert, aber schließlich auch nebensächlich.
Zwar gibt es Geschichten dieser Art einige, was aber noch nicht heißen muss, dass diese schlecht oder langweilig war.
Der Stil ist angenehm und flüssig, man merkt, dass viele Gedanken hinter dem Text stecken und alles in allem würde ich sagen, eine runde Sache.
Dennoch ein Kritikpunkt, das Ende: Mit dem leisen Kitsch, der sich in den letzten Zeilen einschleicht, kann ich gut leben, da dieses

Ich glaube, ich habe mich in Sie verliebt.
schlicht und ergreifend ist, aber das obligatorische
könntest Du streichen
So long
MadameJack

 

Hallo MadameJack!

Vielen Dank für die Antwort.
Das "Ende" habe ich gestrichen, es hat mich ehrlich gesagt auch gestört, ich weiss nicht wieso ich es überhaupt hingeklatscht habe ... Dieser Kitsch, tja, ich habe versucht, das möglichst einfach zu halten, damit es nicht zu kitschig wirkt. Eine Art Kommentar nebenbei, keine Offenbarung und kein Liebesbekenntnis, sondern nur ein Gedanke (Gefühl) des Augenblicks. Ich hoffe, das Ende stört nicht zu sehr.

Danke schön für das allgemeine Lob! Freut mich sehr.

Schöne Grüße,
arle

 

Hi, Arlekino!

Mir hat Deine Geschichte im Großen und Ganzen auch gut gefallen. :)

Vielleicht - wenn Du Lust hast, noch ein bißchen zu experimentieren - könntest Du versuchen, das Gespräch auch ein bißchen mehr zu "konstruieren". Ich meine, die äußere Situation ist reichlich konstruiert, aber das Gespräch wiederum sehr klar und direkt. Mir würden da weniger Direktheit besser gefallen.

Oder, wenn Du es gerne so direkt lassen möchtest, könntest Du den einzelnen Personen durch ihre eigene Sprache mehr "Charakter" verleihen. Den Soldaten z.B. militärisch stramm in kurzer, knapper Redeweise sprechen lassen, die Tänzerin in verträumter, adjektivbewehrter Schwerelosigkeit, die Ärztin nüchtern sachlich, vielleicht kannst Du jemandem einen Dialekt anhexen oder sowas.

Den Schluss finde ich unerträglich kitschig. (Nicht hauen) ;)
Wie wäre es, den Text mit "Aber wenigstens lebe ich!" enden zu lassen? Noch besser gefiele mir eine nicht so direkte Aussage wie "Hier ist mehr Platz zum Tanzen" oder sowas.
Naja, wahrscheinlich auch nicht das Gelbe vom Ei, wollt's halt mehr offener am Schluss. Was deren beider Beweggründe sind, dürfte sich der Leser von mir aus ruhig selbst zusammenspinnen. :)

Gruß Nicky

 

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