- Zuletzt bearbeitet:
- Kommentare: 5
Simbabwe Anno 2003
Sie kamen in dunkelster Nacht. Alle trugen Waffen - keine Gewehre, nur Macheten und Messer, wie Barbaren und mehr waren sie schließlich nicht. Sie waren eine wilde Horde, die über das kleine Dorf herfiel. Dreißig an der Zahl. Alle in den besten Jahren und ausgebildet um zu morden und zu foltern.
Das Dorf, Abimbola mit namen, war nicht mehr, als eine kleine Siedlung am Fluss Abli, und bestand aus elf Häusern. Die Menschen hier waren arm, seit der Diktator die Herrschaft in Simbabwe übernommen hatte. Man hatte ihne ihre Felder enteignet, und so schien der Name Abimbola, der "reich geboren" bedeutet, nur noch Hohn zu sein. Doch in dieser Nacht geschah Schlimmeres, als die Bewohner es je für möglich gehalten hatten.
Das Geschrei der Milizen, die in das Dorf geströmt kamen, weckte die meisten von ihnen, aus ihrem Schlaf.
Auch Baderwinwa schlug, in ihrem Haus, entsetzt die Augen auf. Für einen Moment wusste sie nicht, wo sie sich befand. Sie fühlte, als wäre sie noch tief in einem Traum versunken. Doch dann richteten sich ihre Augen langsam auf die Dunkelheit ein, und sie konnte die Konturen des Raums erkennen, den sie als ihr Schlafzimmer ausmachte. Der warme Körper ihres Sohnes Sabiha, der an ihrem Rücken lag, holte sie vollständig in die Wirklichkeit zurück. Sabiha war neun, doch Hunger und Armut ließen ihn wie einen Sechs-jährigen aussehen.
Die Schreie kamen näher, und Baderwinwa ahnte Schlimmes. Sie setzte sich auf und hörte, wie Personen an ihrem Haus vorbei liefen.
Sie schüttelte Sabiha solange, bis er aufwachte, und sagte ihm dann, er solle sich seine Klamotten anziehen und hier im Zimmer bleiben, während sie seinen Vater hole.
"Mama, was ist da draußen?", fragte er und sah die abgemagerte und von Falten durchzogene Version einer 32-jährigen Frau, mit ängstlichen Augen an.
"Ganz ruhig, mein Schatz. Uns wird nichts passieren, solange du dich still verhälst. Dann wird keinem was passieren. Ich komme gleich wieder."
Sie war aufgestanden und hatte sich die Petroliumlampe rausgesucht, die sie in einer Schublade aufbewahrte. Nun zündete Baderwinwa sie mit einem Streichholz an. Der Raum wurde in warmes Licht gehüllt, was sie, eigenartiger Weise, noch ein Stückchen mehr ängstigte. Sie verließ den Raum und ihren Sohn, der hinter ihr zu weinen anfing. Im Nebenzimmer lag ihr Mann Maarifa.
Der Lärm von Schritten und Geschrei hatte ihn nicht geweckt. Dies tat Baderwinwa jetzt.
Sie rüttelte an seinem Arm, so, wie sie es zuvor bei ihrem Jungen getan hatte. Er zuckte kurz und dann schlug auch er die Augen auf.
"Was ist los?", fragte er schlaftrunken.
"Steh auf, du musst verschwinden!"
"Was... warum?"
"Die Milizen sind da. Hör', wie sie schreien!"
Und er hörte, doch glauben wollte er nicht.
"Steh auf, bei Gott! Sie werden dich töten, wenn sie dich hier finden!"
Mit niederschmetternder Gewissheit erkannte er nun, dass sie es wirklich so meinte, wie sie es sagte.
Maarifa sprang auf, rannte zum Kleiderschrank und griff sich die erstbeste Hose, die er sah, zudem ein weißes Hemd. Zum Schluss zog er sich seine Schuhe an. Seine Augen drückten Entsetzen aus.
"Ich flehe dich an, beeil dich!", schrie seine Frau in Panik, als wieder Schritte zu hören waren, die an ihrem Haus verbeil liefen. Neben dem Kriegsgeschrei war nun auch das Geräusch von Zerstörung zu vernehmen. Baderwinwa glaubte hören zu können, wie Türen eingetreten und Einrichtungsgegenstände zerstört wurden.
"Mama, Mama! Ich hab Angst!", schrie Sabiha vom Nebenzimmer.
"Bitte sei still, Schatz", rief Baderwinwa zurück. "Wenn du still bist, wird uns nichts passieren!"
Durch das Fenster konnte sie sehen, wie zwei Männer in grünen Bomberjacken die Haustür ihres Nachbarn eintraten. Beide hatten Macheten bei sich, und einer trug eine Fackel in der Hand. Die grünen Jacken... Es waren eindeutig Milizen des Diktators. Sie hatte befürchtet, dass es eines Tages dazu kommen würde, doch hatte sie nicht viel Zeit gehabt, darüber nachzudenken. Das Leben der Menschen in Simbabwe war gezeichnet von harter Arbeit und dem Kampf ums Überleben. Sie arbeitete für einen kleinen Farmbetrieb, sieben Meilen von Abimbola entfernt. Dort trieb sie Tiere auf die Weide - für einen Hungerlohn. Doch ein Hungerlohn war immerhin besser als garnichts, besonders, wenn man ein Kind zu ernähren hatte. Doch tief in ihrem Inneren hatte sie es gewusst!
Steif dastehend beobachtete sie, wie die Milizen Mugabes in das Haus eindrangen. Nur wenige Augenblicke später wurde ein Mann rausgestoßen. Trotz der Dunkelheit erkannte sie, dass es sich nur um Milumbe handeln konnte. Ein Mann, den sie seit fast 15 Jahren kannte und mit dem sie eine tiefe Freundschaft verbannt. Sie sah, dass er blutete. Eine Wunde zog sich waagerecht über seinen Bauch.
Einer der beiden Männer hielt ihn fest, der andere schlug ihm immer wieder ins Gesicht. Solange, bis er zusammensackte und sich vor Schmerzen auf dem Boden krümmte. Ein weiterer Mann in grüner Bomberjacke stieß zu ihnen. Auch er trug Machete und Fackel. Er lachte, während er Milumbe in den Magen trat. Ein harter tritt gegen den Kopf und der Vater von vier Kindern bewegte sich nicht mehr. Sie gingen wieder in das Haus und holten nun Hadischa heraus, seine Frau. Sie trug ein Baby auf dem Arm, und drei kleine Jungs (keiner von ihnen war über zehn) klammerten sich panisch an ihren Körper. Als sie ihren toten Mann sah, brach sie in Tränen aus.
Baderwinwa sah gerade noch, wie Flammen aus den Fenstern des Nachbarhauses aufzüngelten, als Maarifa sie von hinten an den Schultern packte.
"Ich werde jetzt verschwinden", sagte er so ernst, wie sie ihn noch nie in ihrer 16-jährigen Ehe hatte sprechen hören. In seinen Augen standen Angst und die Sorge um seine Familie. Beide wussten, dass dies die einzige Möglichkeit war, ob es ihnen gefiel oder nicht. Er musste seine Familie verlassen, sie im Stich lassen - um ihr Leben zu retten. Er hatte sich in den umliegenden Dörfern und der nächst größeren Stadt Bahim einen Namen als Widerständler gemacht. Er hatte Reden gegen den Diktator gehalten und den Hass der einfachen Bauern und Arbeiter geschürrt, die alle unter der neuen Regierung zu leiden hatten. Einen Oppositionellen nannte man ihn, und damit war sein Leben und das seiner Familie in ständiger Gefahr. Nicht auszudenken was geschah, sollten die Milizen ihn hier finden.
Er schritt an ihr vorbei und öffnete die Tür zu dem Raum, in dem ihr Sohn bittere Tränen der Angst weinte.
Sie verharrte am Fenster und sah, dass die drei Männer der Miliz verschwunden waren und wie das Haus der Familie in Flammen stand, die sich hoch gen Himmel wandten. Sie hörte gedämpfte Stimmen aus dem Nebenzimmer - hörte, wie sich der Vater von seinem Kind verabschiedete, hörte ihren Sohn schreien, er solle nicht gehen.
Maalifa kam zurück und sie umarmten sich. Er drückte ihr einen Kuss auf die schweißgebadete Stirn und flüsterte: "Hab keine Angst, euch wird nichts geschehen und ich komme bald zurück. Ich kenn' im Wald hinter dem Dorf viele Plätze, an denen ich mich verstecken kann."
Sie wollte noch etwas sagen, wollte ihm alles Gute wünschen, wollte ihn anflehen, sie nicht alleine zu lassen, doch er hatte ihr schon den Rücken zugewandt. An der Tür lauschte er, ob er Schritte hörte und dann ging er hinaus in die Dunkelheit, hinaus ins Ungewisse... und vielleicht hinaus in den eigenen Tod.
Baderwinwa hatte keine Zeit ihm lange nachzutrauern - sie musste sich um Sabiha kümmern. Sie eilte zu ihm und umarmte ihn innig. Sie hielt ihm die Ohren zu und presste sein Gesicht fest gegen das ihre. Sie schaukelte ihn und summte leise ein Lied vor sich hin. Ein Lied, das ihr ihre Mutter einst vergesungen hatte, vor vielen Jahren - in besseren Zeiten.
In dem kleinen Raum gab es kein Fenster und so musste sie nicht mitansehen, was draußen geschah - wie Menschen umgebracht und ihre Häuser niedergebrannt wurden - und es war ein Segen, dass auch ihr Sohn dies nicht mitansehen musste. Doch das Schreien von Menschen drang zu ihnen und das Lachen der Milizen des Diktators Mugabe.
Von meinem Mann habe ich bis heute nichts mehr gehört. Ich weiß nicht, ob es ihm gelungen ist in die Wälder zu fliehen und Unterschlupf zu finden. Ich weiß nur, dass er nicht unter den Leichen war, die man gefunden hat.
Es ist nun drei Tage her, dass die Milizen unser Dorf überfielen und Schaden anrichteten, der nie wieder gut zu machen ist. Ich und Sabiha haben überlebt - wir haben Glück gehabt, mehr nicht. Viele wurden in dieser Nacht auf barbarische Weise niedergemetzelt. Die Zahl der Opfer beläuft sich auf 18, was knapp ein Viertel der Einwohner ausmacht. Vielen Kindern wurden die Väter geraubt, vielen Frauen ihre Ehemänner genommen, doch das Leben geht weiter. Ein Leben in Angst.
In diesem Teil der Welt hat man keine Zeit, um lange zu trauern: Man muss arbeiten, um sich Nahrungsmittel leisten zu können. Schon am nächsten Morgen habe ich mich wieder zu der Farm aufgemacht, um Geld zu verdienen, für meinen Sohn. Ich befürchte Sabiha wird seinen Vater nie wieder sehen, doch ich besitze noch ein kleines Fünkchen Hoffnung.
Manche Männer wurden verschleppt - ihnen ergeht es noch viel schlimmer, als denen, die man gleich ermordete, denn sie werden Folter aushalten müssen. Ich habe Gerüchte gehört, dass Frauen vergewaltigt wurden, auch wenn keine von ihnen dies jemals öffentlich zugeben würde.
Was uns allen bleibt, ist einzig und allein die Hoffnung. Sie ist das, an das sich die Menschen in Abimbola verzweifelt klammern und das sie niemals loslassen werden, auch wenn die Stunden noch so schwarz sein mögen. Niemals werden sie die Hoffnung loslassen. Niemals!
27.04.03
by Timo Mengel