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Sie hätten Gott wenigstens ordentlich begraben können

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17.05.2003
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Sie hätten Gott wenigstens ordentlich begraben können

C. blickte nach oben, suchend. 'Der Himmel ist eine Salzwüste,' dachte er. 'Gottes Knochen funkeln manchmal drohend und netzhautzerfetzend grell, aber wir können die Augen nicht schließen, die innere Nacht würde uns ebenso blenden.'
Er war ziemlich müde und ein wenig hungrig, nur ein wenig, 'nur -'. Die Leute eilten an ihm vorbei.
'Der Mond ist Gottes Kieferknochen, die Sterne seine ausgeschlagenen Zähne. Die Prediger sind doch nur Astropaläontologen, manche nur Grabräuber, sie sind wie Märchenerzähler, die eine Abenteuergeschichte zusammenlügen und dann einen zerkratzten Plastikring als Beweis für den angeblich gefundenen Schatz vorzeigen.'
Er saß da, die Hände in den Taschen, und dachte nach. Das graue Gebäude war mit Lärm erfüllt, schmerzhaft helles Licht fiel durch die riesigen, gelbschmutzigen Fenster an der Decke. Die Leute eilten geschäftig und versuchten dabei, den kaugummiklebrigen, pommesfettigen Asphalt nur möglichst wenig zu berühren. C. saß auf diesem Asphalt.
Zusammengesunken, resignierend wartete er. Er hatte ein wenig Hunger.

'Ha, sie hätten Gott wenigstens ordentlich begraben können,' dachte C. 'Tagsüber kann man ja kaum auf die Straße bei dieser optischen Kakophonie. Sonnenlicht beißt, fast so schlimm wie Neonlicht. Nur nachts ist es manchmal erträglich, Sternenlicht ist sanft. Verdammte Scheiße, das mit Gott.'
In diesem Moment kam sein Zug - verspätet, grau und dreckig wie der Rest der großen Bahnhofshalle, aber immerhin...
'Hoffentlich komme ich nicht zu spät, Marcus kriegt das Geschäft mit den Franzosen doch nie allein geregelt, und dann gehen uns ein paar Tausender durch die Lappen. Ist die Bahn eigentlich schuld an allem Atheismus? Morgen muss ich unbedingt mal ausschlafen.'

 

Ich weiss wahrscheinlich auch nicht, was das bedeuten soll. Ich wollte nur eine Geschichte um den Satz 'Der Himmel ist eine Salzwüste' schreiben. Ob die Stimmigkeit der Metaphorik irgendeine tatsächliche, metaphysische Bedeutung hat...? Ich grüble noch darüber.

Weiterhin nachdenklich
All-Apologies

 

Dieser Text ist ja echt voll abgefahren! Geil! Ich hab zwar keine Ahnung, worum es geht (vielleicht besser in der Rubrik Seltsam aufgehoben?), aber die Bilder sind von einer Poesie und Originalität, die ihresgleichen sucht.

r

 
Zuletzt bearbeitet:

größtenteils @relysium:
Vielleicht interessiert es dich ja...

*Der Himmel ist eine Salzwüste. Gottes Knochen funkeln drohend, blendend grell und einsam. Wir können nicht die Augen schließen, die innere Nacht würde uns blenden.
Was bleibt? Der kürzeste Weg- weg. Alles weg! Verbrennen, zerspringen, fort- Der Mond ist Gottes Kieferknochen. Wenn man die Chance hätte, alles neu zu beginnen, würde es etwas ändern? Vielleicht nicht. Wenn man entscheidet, es ein für alle mal zu beenden, würde das etwas ändern?
Es gibt nur eine einzige Sache, die man ganz allein und für sich entscheiden kann. Sein- oder nicht sein? Nichts sein, insofern das nichts als etwas bezeichnet werden kann.
Eine Verneigung.*

Der erste Text, den ich zu dem Satz egschrieben habe- zwei Stunden vorher. Nicht annähernd so schön, ich weiß.

Ansonsten hat die Geschichte vermutlich wirklich eine gewisse philosophische Tiefe. Da ist ein Mann, und er philosophiert. Und er philosophiert über "Gott ist Tod" von Nietzsche, wie du vielleicht schon gemerkt hast. Das eigentlich philosophische liegt aber größtenteil in den Umständen: er zweifelt an Gott, erphilosophiert überhaupt erst, weil ihm- na, langweilig ist. Und weil er wie ein Penner wirkt.

Äh... Ansonsten: Danke für die Blumen. Doppelt komplimentiert fühle ich mich jetzt natürlich, weil ich gerade deinen Stil in den Himmel gelobt habe :huldig:

 

Hallo apo.
Bisher bist du mir nur durch eine interessante Wahl von Titeln aufgefallen, dass wollte ich ändern.
Und auch, wenn ich mich in dieser Rubrik philosophischen Statements verweigere, bleibt mir festzuhalten, dass... ach verdammt, schon wieder ein Satz, den ich nicht beenden kann. Nett aber, dass du jegliche "Erkenntnis" deines Prots durch den Schlafmangel relativierst.
Übrigens schön geschrieben.
Warum blendet "innere Nacht"? Mir unverständlich. Spielst du darauf an, dass Menschen verblendet sind?
Grüße,
...para

 

Para: Wenn du APO (AusserParlamentarischeOpposition- hm?) sagst, fühl' ich mich irgendwie merkwürdig...

Nett, dass dir aufgefallen ist, dass ich hier bewusst versucht habe, all diese Gedanken zu relativieren. DAS scheint also geklappt zu haben.

Was die 'innere Nacht' ist, und wie sie blenden kann, weiß ich auch nicht genau. 'Verblendet' war vielleicht nicht ganz so gedacht, 'Menschheit' schon. Ich glaube, es ging darum, dass wir alle (fast)... in unseren Herzen so schlechte Menschen sind, dass wir eigentlich ständig kotzen müssten vor schwarzen Gedanken & Bosheit.

Verzeihen sie mir meinen Narzißmus wie auch meine Minderwertigkeitskomplexe, aber- hat der Text dir jetzt gefallen oder nicht? Äh....

"bleibt mir festzuhalten, dass... " - das verstehe ich auch nicht. Kritisierst du damit ironisch, dass mein Text keine wirklichen oder verständlichen Ideen enthält? Oder ist das wirklich wörtlich zu verstehen?

Ach ja, danke für die Blumen. 'Macht mich froh;)

@relysium: ja... Das Wort, äh. Ja. Jetzt weissts du vielleicht, warum ich das Wort in 'Die Stille ist ein schwarzer Wurm, sie windet sich um meine Gedanken' nie direkt geschrieben habe...

Liebe Grüße
All-Apologies

 

Ich glaube, es ging darum, dass wir alle (fast)... in unseren Herzen so schlechte Menschen sind, dass wir eigentlich ständig kotzen müssten vor schwarzen Gedanken & Bosheit.

Dann bist du genau der gegenteiligen Meinung, wie ich... :hmm:
Aber darüber will ich jetzt nicht diskutieren.

Hi erstmal!
Deine Geschichte klingt wie ein kurzer Einblick in ein Leben. (Sollte das so sein?)
C. (kein richtiger Name?) scheint sich häufiger mit dem Thema auseinanderzusetzen... Aber das scheinst du auch getan zu haben! Kompliment! Auf soetwas wäre ich gar nicht gekommen! Einfallsreich!

Bis bald!
Caro

 

@caro-karte

Dann bist du genau der gegenteiligen Meinung, wie ich...
Bitte, verwechseln sie nicht Autor und Protagonist.

Ich glaube an Gott, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der heiligen, Vergebung der Sünden, und gestern Abend habe ich diese Geschichte auf den Schreibtisch meines Vaters gelegt, der Pastor ist, und 'druntergeschrieben: 'Was meinst du?'

Die Aussage liegt ja auch mE etwas anders:

Nett aber, dass du jegliche "Erkenntnis" deines Prots durch den Schlafmangel relativierst.

Einfallsreich!
Ein aufrichtiges Dankeschön.

Grüße
Internetsüchtiger All-Apologies

 

Mit allen Abkürzungen vertrauter Logies,
hiermit opfere ich deinem Narßismus die Feststellung, dass der Text interessant zu lesen war.
Ich glaube zwar nicht, dass er in meiner Erinnerung haften bleibt, aber einige Gedankengänge und Formulierungen waren ganz gut.
Herzlichst,
...p.a.r.a.
( Posten, Antworten abwarten, Rubriken heimsuchen & Argumentieren ;) )

 

Hallo All-Apologies!

Ich fand Deine Geschichte interessant geschrieben, besonders witzig fand ich die Idee, daß der Mond das Kiefer Gottes ist und die Sterne die ausgeschlagenen Zähne. – Da hast Du natürlich völlig Recht, daß sie ihn wenigsten begraben hätten können, das wär doch wirklich nicht zuviel verlangt gewesen... :D

Den Wechsel am Schluß aus den Gedanken in die reale Welt finde ich ebenfalls gelungen, insbesondere, daß Du als letzten Satz das mit dem Ausschlafen genommen hast, kommt gut. :)

Ein paar Kleinigkeiten hab ich aber noch:

»C. blickte nach oben, suchend.«
- warum "suchend" so hintendrangehängt? Gefällt Dir "C. blickte suchend nach oben" nicht? Ich würde ja auch "und dachte" gleich dazuschreiben – ist aber nur ein Vorschlag. ;)

»Er saß da, die Händen in den Taschen«
- Hände (ohne n)

»kam sein Zug- verspätet«
- Zug – verspätet (zu beiden Seiten des Gedankenstrichs eine Leertaste)

»der Rest der großen Banhofshalle«
- Bahnhofshalle

Alles liebe,
Susi

 

hi all-apologies!

Ich treib mich in diesem Forum ( Philo ) fast nie rum, weil manches mir einfach zu flach ist und anderes dann wieder SO qualifiziert philosophisch, daß ich nicht durchsteige ( wohl mangels entsprechender Bildung in der Richtung ).

Für diesen Text: mein ernstes und volles Kompliment!
Ich bin wirklich sehr angetan. Sowohl vom Inhalt und Aufbau, als auch davon was und wie Du da erzählst.
Ich fand das Blenden der inneren Nacht auf den ersten Blick das aller überzeugendste Bild. ( obwohl ich die Zerstreuungsbilder nicht schlecht fand )

Ich finde es sehr überzeugend, daß die innere Nacht - also das, was wir in uns selbst verstecken / nicht wahr haben wollen / verdrängen - blendet, wenn man sie wahrnimmt. Blenden im Sinne von: überfordern / schocken / durch den Anblick "vernichten" ....

Ich denke, jeder hat mehr oder weniger dunkle Stellen seiner Psyche, deren Aufdeckung er insgeheim so sehr fürchtet ( zu Recht oder Unrecht ), daß er sich dagegen wehrt, sie wahrzunehmen.
Und wenn es still um einen wird - man also auf sich gestellt und allein ist / nicht mehr vor dem Blick nach Innen ausweichen kann - dann dringen diese Dinge unweigerlich auf einen ein.
Vermutlich hat jeder das in sich. Aber bei manchen Menschen ist es so viel intensiver, als bei anderen.

Letztendlich bin ich also erstaunt gewesen, daß Du dieses Bild nicht so bewußt gewählt hast. Hab ich mit meiner Erklärung denn etwas getroffen, dem Du zustimmen wüdest, oder liege ich da ganz woanders?

Lieben lobenden Gruß,
Frauke

PS: Was mich persönlich interessiert: was hat Dein Vater zu dem Text gesagt?

 

Oh, zwei Lobs, und gleich von so berühmten Persöhnlichkeiten!

Häferl- Ah, jetzt weiß ich, was dieses 'Ortho-Gräfin' bedeutet. Danke.

Bei der Stellung des 'suchend' bin ich mir nicht sicher. Ich habe schon beim Korrekturlesen überlegt, ob da jetzt vielleicht die konventionelle Form schöner wäre... Ich überlege noch.

Müsste das 'nur-' nicht auch 'nur -' oder sowas werden?

Da hast Du natürlich völlig Recht, daß sie ihn wenigsten begraben hätten können, das wär doch wirklich nicht zuviel verlangt gewesen...
Ich habe darüber nocheinmal nachgedacht und bin zu dem Ergebniss gekommen, dass ich persöhnlich mich eigentlich darüber freue, dass wir weigstens noch ein bisschen göttliches hier haben - und sei es auch nur ein paar Sterne am Himmel...

Arc en ciel - Ich weiß nicht, welche Ansprüche diese Rubrik stellt, aber ich vemrute, mit 'einmal Sophies Welt[/] lesen' müsstest du schon ziemlich weit kommen...

Deine Interpretationsschlüssel der 'inneren, blendenden Nacht' als dunkle Stellen der Psyche ist wirklich ziemlich stimmig. Das passt auch philosophisch- wenn wir uns von Gott vollständig abwenden, von sämtlichen Werten und aller Moral, dann werden wir unserer eigene Schlechtigkeit ausgeliefert sein- dann wird die grundsätzlich menschliche Unmoral, der menschliche Egoismus *pathos* furchtbar Ernte halten...*/phatos*

Deine eigene Interpretation nach diesem Schlüssel ist auch natürlich stimmig.
Ich...
denke...
darüber nach.
Wennn ich gleich so gedacht hätte, wie du jetzt gedacht hast, dann hätte ich die Geschichte aber anders geschrieben.
Hm. Die dunkel Seite des Selbst...

Tja. Schön, dass auch dir der Text gefällt.

Guten Morgen
All-Apologies

 

Hallo nochmal, All-Apologies!

und gleich von so berühmten Persöhnlichkeiten!
Na, na, "berühmt" bin ich nicht - nur schon ein bisschen länger auf kg.de... ;)

Müsste das 'nur-' nicht auch 'nur -' oder sowas werden?
Ja, genau.
Und den hab ich jetzt auch noch gefunden:
"Sonnenlicht beisst"
- beißt

Liebe Grüße,
Susi

 

Hallo all-apologies
Also mir hat deine Geschichte sehr gut gefallen. Es wurde eigentlich schon alles gesagt. Deine Bilder sind sehr schön und die Fragen, die du stellst erstrecht. Welcher Mensch kommt nicht ins philiosphieren, Angesichts des nächtlichen Sternenhimmels?
Wahrscheinlich haben die ersten Philosophen genau deswegen begonnen zu philiosophieren. Der einzige Kritikpunkt den ich hätte, wäre der, dass die Geschichte zu schnell vorbei war. Aber vielleicht soll ja gerade das ihr Reiz sein?

 

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