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Shesaya's Rückkehr
Shesaya
Die Rückkehr
eine Geschichte von
Karen Schröter
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Und Gott sprach zu ihrer Tochter:
Mein Kind, zwischen Himmel und Hölle wirst du von nun an herrschen, zwischen Gut und Böse wirst du unterscheiden, und niemals dieses empfindliche Gleichgewicht brechen! Nutze aus, was ich dir lehrte, unterschätze deinen Vater nicht. Ich liebe dich,
meine Tochter Shesaya, vergiss das nicht, und nun geh und erfülle dein Leben!
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Die ersten Zeichen
Tagebucheintrag, 6.07.1997
Heute bin ich zwanzig geworden. Warum sollte es ein besonderer Tag sein? Draußen regnet es, und ich langweile mich. Ich höre Musik. Es ist still im Haus, ich bin mal wieder alleine. Meine Eltern arbeiten wie immer, und ich denke nicht, dass ich sie heute noch sehen werde. Sie haben es vergessen. Aber das ist nichts Neues. Es ist schon bemerkenswert, wie sie es schaffen im gleichen Raum mit mir zu sein, und mich nicht zu sehen. Oder wollen sie mich nicht sehen? Meine Meinung ist, dass sie ganz einfach Angst vor mir haben, genau wie alle anderen. Sie trauen sich nicht in meiner Nähe zu bleiben, mit mir zu sprechen, sogar wenn ich direkt vor ihnen in der Küche stehe, wie heute Morgen. Warum auch?! Und um was zu sagen?
„Marion, wir gratulieren dir, dass du es überhaupt so weit geschafft hast! Auch wenn deine Mutter vor zwanzig Jahren die ganze Arbeit geleistet hat, um dich aus ihrem Bauch ans Tageslicht zu pressen, und ich, dein Vater, Tag und Nacht wie ein Tier arbeiten muss, allein um dich zu ernähren, und du nur hier herumvegetierst, einsam und gelangweilt, und nichts anderes tust, als deine blöde Musik zu hören und in dein Tagebuch zu schreiben, und auch wenn wir nicht wissen, wie wir mit dir noch umgehen sollen, weil wir alle Angst vor dir haben, weil du so unnatürlich aussiehst, so groß, blass und mit solch einer merkwürdigen Augenfarbe, und kein Psychologe dieser gottverdammten Stadt uns helfen kann, gratulieren wir dir zum zwanzigsten Geburtstag?!“ Oder ich bin unsichtbar geworden und habe es noch nicht bemerkt?! Aber, lieber Tagebuch, ich wollte nicht zum hundertsten Mal über meine Eltern berichten, sondern über was ganz anderes.
Ich habe letzte Nacht einen merkwürdigen Traum gehabt. Dies wäre ja nicht
unbedingt erwähnenswert, wenn dieser mir nicht so real vorgekommen wäre und mich seitdem das Gefühl nicht loslässt, dass es mehr als nur einen Traum gewesen ist. In ihm traten zwei Gestalten auf. Ein Engel, und ein alter, blinder Mann mit einem langen, weißen Bart und langen, weißen Haare. Ich hatte immer gedacht, Engel seien geschlechtslos. Meist sind sie in der Kunst als diese lächerlich unschuldig aussehenden Kinder dargestellt. Aber in meinem Traum war es ganz anders. Der Engel besaß den Körper einer erwachsenen, jungen Frau. Sie hielt ein mächtiges Schwert in ihren Händen, der fast so groß war wie sie selbst und dessen Klinge aus blauen Flammen bestand. Sie kämpfte gegen diesen alten Mann, der wie ich bald feststellen sollte, ein Zauberer war.Ich befand mich mitten im Geschehen, als Zuschauerin, in einem fremden Land in
einer fremden Welt. Dort gab es nur staubigen Boden und ein von dunklen Wolken belasteter Himmel, nichts anderes. Kein Leben. Nichts. Nicht einmal der stürmische Wind trug ein Heulen mit sich. Nichts konnte mich an unsere Erde erinnern, nein, es
war eine andere Welt. Selbst Luft war an diesem verdammten Ort Unheil.
Und sie stand da, ihre zwei gewaltigen, weißen Schwingen an ihrem Rücken weit ausgebreitet, dem alten, blinden Mann gegenüber, der einen fast 2 m langen, goldenen Stab hielt, an dem am oberen Ende eine Kristallkugel war. Aus dieser Kugel rief er Blitz- und Feuerpfeile herbei, doch sie wehrte mit ihrem Schwert alle ab. Eine mächtige Kraft umgab die beiden Wesen, ich konnte es spüren.
Der Zauberer trug ein einfaches, langes, tiefblaues Gewand, und seine langen, weißen Haare tanzten wild im Wind, ebenso wie sein Bart, der ihm bis zum Bauch reichte. Sein Gesicht war mit tiefen Falten durchzogen. Um seine geschlossenen Augen waren dunkle Ringe, die seine Müdigkeit und Anstrengung verrieten. Seine Konzentration und seine Kraft ließen jedoch keineswegs nach. Er sah, trotz seines mageren, kleinen und zerbrechlichen Körpers sehr einschüchternd und mächtig aus.
Auch sie strahlte Kraft und Größe aus. Sie trug ein dunkelrotes Gewand, der für ihre Schwingen zwei Öffnungen besaß, und an ihrer Hüfte trug sie einen goldenen Gürtel, an dem die Scheide ihres brennenden Schwertes befestigt war. Sie war weder jung noch alt. Meine Worte mögen jetzt zwar seltsam erscheinen, aber es kam mir vor, als kenne sie kein Alter. Ihr Gesicht war kantig, ihre hohen Wangenknochen waren sehr
ausgeprägt. Die Farbe ihrer Augen konnte ich nicht wirklich definieren. Es kam einer Mischung von Gold und Silber sehr ähnlich. Ich hatte so etwas noch nie gesehen. Ihre Augen waren Schwarz geschminkt und dies ließ die Augenfarbe noch mehr hervortreten. Ihre feine Nase war spitz und klein, und ihre Lippen waren voll und hatten eine dunkelrote Farbe. Ihre glatten, langen, schwarzen Haare betonte die Blässe ihrer Haut. Sie war hübsch und ihre Augen funkelten wild. Aber auch an ihr konnte man große Erschöpfung erkennen.
Es schien keinen Gewinner zu geben. Sie waren beide gleich stark. Er griff sie mit gewaltigen Blitzen an, doch sie parierte seine Attacken mit ihrem Schwert ab, indem dieses die Blitze reflektierte. Sie schlug mit ihrem Schwert auf den Boden und sofort bildete sich eine diamantenähnliche Eisschicht, die sich auf den Zauberer zu bewegte. Ohne die schützende Feuerwand, die er noch rechtzeitig herbeirief, wäre der Zauberer wohl für alle Ewigkeit eingefroren gewesen. So ging es immer weiter. Keiner konnte den anderen treffen.
Es blitzte, es donnerte und es regnete Eis und Feuer zugleich. Die schweren Sturmwolken zogen nur langsam weiter. Der Wind hob den Staub vom Boden auf und ließ ihn gegen die zwei Gestalten peitschen. Doch es schien sie kaum zu stören. Und dann hörte ich etwas Schreckliches. Es war das Kreischen von einem wütenden Tier, das sich zu nähern schien. Ich schaute mich nervös um, dann sah ich plötzlich einen weiß bläulichen Feuerball aus dem Nichts erscheinen. Es kam mit einer rasenden Geschwindigkeit von hinten auf den Engel zu, der anscheinend nichts merkte. Ich sah –sehr kurz nur- wie am Himmel ein großer Schatten in den Wolken verschwand. Ich blickte wieder zum Engel hinüber, der weiterhin gegen den Zauberer kämpfte und nicht die auf sie zurasende Lichtkugel wahrnahm. Mein Herz schlug wild in meiner Brust. Ich wollte was tun, aber was?
„Hinter dir, pass auf!“ hörte ich mich schreien. Plötzlich drehte sie sich zu mir um, und schaute mich erschrocken an. Ja, sie konnte mich tatsächlich sehen, sie konnte mich sogar hören. Und dann sah ich etwas in ihre Augen und in ihrem Gesicht. Es war Angst. Sie hatte Angst! Und ich verstand plötzlich, was in ihr vorging. Sie wusste, dass diese gewaltige Attacke auf sie zukam, sie war aber machtlos. Sie konnte nicht
hochfliegen, denn der Wind blies zu stark gegen sie, und sie konnte auch nicht die eine Attacke abwehren, ohne dass sie von einer anderen getroffen wurde, die vom Zauberer.
Und es war sowieso zu spät. Die Feuerkugel traf sie am Rücken und ließ sie vier Meter in die Luft hochfliegen, wo sie dort eine Weile zu schweben schien. Ihr Schwert landete weit weg von ihr. Grelles Licht umgab sie plötzlich, und sie schrie. Ihr Schreien war so gewaltig, dass die Erde anfing zu zittern. Und dann fiel sie bewusstlos zu Boden. Plötzliche Stille trat ein. Der Zauberer begann ohne zu zögern und mit einer Spur von Erleichterung im Gesicht, in einer fremden Sprache zu sprechen. Und plötzlich rissen die Wolken auseinander und ließen goldene Strahlen auf den bewusstlosen Engel fallen. Die Kristallkugel leuchtete hell auf, und der Zauberer öffnete plötzlich seine Augen. Weißes Licht zu einem dünnen Strahl gebunden schoss aus seinem Kopf und traf sie. Ihr Körper wurde wieder in die Luft gehoben, und ein Windwirbel zog um sie auf und verschlang sie.
Eine Minute lang sah ich nichts mehr, ich wurde geblendet.
Es war alles so gewaltig, so beängstigend. Mir war auf einmal so stechend kalt! Als ob man mir meine ganze Wärme entzogen hätte.
Als sich das Licht langsam zurückzog, und ich wieder sehen konnte, sah ich wie blutrotes Licht sich mit dem gold leuchtenden, schrumpfenden Wirbel zusammenmischte, bis es nur noch eine kleine, gelbe Lichtkugel gab. Der Wirbel löste sich und der Körper des Engels fiel wieder zu Boden und regte sich nicht mehr. Der Zauberer hob seinen Stab und schlug dreimal auf den Boden. Es entstand an seinen Füssen einen Riss, der immer größer wurde, und bald teilte sich die Erde unter dem Körper des Engels und ließ sie verschwinden. Und so schloss sich die Erde wieder, und es war nichts mehr zu sehen. Nur noch die Lichtkugel schwebte hoch über dem Boden.
Dann hob der Zauberer zum zweiten Mal seinen Stab zum Himmel empor und murmelte einen weiteren Zauberspruch, und sofort setzte sich die Kugel in Bewegung und kam mit einer immer höheren Geschwindigkeit auf mich zu! Ich wollte mich ducken, aber konnte mich nicht einmal vom Flecke bewegen! Ich war gelähmt. Und als die Kugel mich traf, dachte ich, das war’s! Jetzt bin ich tot! Ich spürte einen gewaltigen Schlag auf meiner Brust und einen brennenden Druck, der mir meinen Atem nahm und sich tief in mein Herz bohrte. Ich nahm alles wahr und spürte alles, was in und um mich geschah. Der Wind legte sich plötzlich wieder, es herrschte Stille. Die Wolken zogen weiter. Ich hörte mein Herz schlagen. Das war das einzige, was ich hören konnte. Mein Körper - innen drin - stand in Flammen. Schmerz zuckte durch meine Glieder bis zu meinem Kopf. Doch ich war nicht tot. Ich stand immer noch auf meinen Füssen und hatte mich nicht einmal von der Stelle bewegt. Ich konnte nur mit weit aufgerissenen Augen warten, dass es vorbei ging. Und es ging langsam vorbei. Der Schmerz wurde nur noch zu einem dumpfen Pochen in meinem Kopf, und das Feuer in meinen Lungen und in meinem Herzen schrumpfte zu einer nur noch ungemütlichen Hitze. Es dauerte eine Weile, bis ich mich vom Schock des Aufpralls und des Eindringen dieser Kugel einigermaßen erholte und langsam wieder Luft bekam. Ich stand da, fassungslos, schockiert, und mir fiel nichts Besseres ein als zu weinen. Eine meiner Tränen fiel zu Boden. Es war plötzlich so kalt um mich geworden, dass sie im Fall sofort erfror und beim Aufprall in tausend Funken zersplitterte. Ich sah den Zauberer sich umdrehen und gehen. Er schien mich nicht bemerkt zu haben, oder er achtete nicht auf mich. Verzweifelt wollte ich schreien, ihn aufhalten. Doch kein Laut kam mehr von mir.Ich wachte dann auf.
So endete mein Traum, und ich zittere immer noch. Keiner meiner Träume war so gewaltig gewesen, noch nie so real, wie dieser. Ich kann an nichts anderes mehr
denken, als an den Traum. Ich spüre immer noch dieses Feuer in mir....
Marion
Es verging ein Monat. Seit ihrem Geburtstag träumte sie jede Nacht denselben Traum. Tagsüber verbrachte sie ihre Zeit, indem sie in ihr Tagebuch schrieb, über ihr Leben, ihre Ängste und ihre Einsamkeit. Denn Freunde hatte sie keine, sie war Einzelkind und ihre Eltern hatten keine Zeit für sie. Damit hatte sie sich aber abgefunden, denn sie wusste, tief in ihrem Herzen, dass ihr Leben so bestimmt war, weil sie etwas „Unnatürliches“ war. Etwas Fremdartiges, was nicht in diese Welt passte. Schon die ungewöhnlich wechselnde Augenfarbe, von einem dunklen Lila bis zu einem hellen Grau, je nachdem wie sie sich fühlte, machte sie zu etwas Einzigartigem. Sie hatte seidige, lange, schwarze Haare, die ihr über die Schultern fielen und bis knapp über ihr Steißbein reichten. Ihre Haut war bleich und ließ die Farben ihrer Augen noch mehr glänzen. Aber all diese „Übernatürlichkeiten“, die sie jeden Tag vor dem Spiegel sah, während sie sich darin betrachtete, und die ihren Mitmenschen solche Angst machte, schien ihr selbst zu gefallen. Vielleicht war es ihre Größe, die die anderen Menschen beeindruckte. Sie war schon immer sehr groß gewesen. Mit 13 war sie mit 1,75 m die Größte ihrer Klasse und heute erreichte sie fast 1,90 m. Die meisten Menschen trauten sich nicht sie anzusprechen. Kinder hatten Angst vor ihr. Hunde fingen an zu heulen, wenn sie in ihre Nähe kamen. Man mied sie. Sogar ihre Eltern wussten nicht recht, wie mit ihr umzugehen war. Also blieb sie lieber zu Hause, alleine und zurückgezogen in ihrem Zimmer, als all die Blicke ertragen zu müssen. Über eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Engel in ihrem Traum hatte sie noch nie gedacht, aber es gab tatsächlich einige Ähnlichkeiten mit diesem Traumwesen.
Ihre meiste Zeit verbrachte sie mit Musik. Musik war etwas, das sie über alles liebte. Es verschaffte ihr die Möglichkeit abzuschalten, sich zu entspannen. Es beruhigte, tröstete und stärkte sie in schlechten Zeiten. Musik ließ sie für eine Weile ihre Ängste vergessen. Die sanften Melodien streichelten ihre Sinne, wilde Gitarrenriffs ließen ihr Herz schneller schlagen. Die Stimmen der Sänger waren wie das Licht in der tiefsten Dunkelheit, und die Wörter brachten sie ein Stück näher an ihre Welt.
Eine ihrer Lieblingsgruppen, The Stoneagebirds, hatte vor zwei Tagen endlich eine neue Platte herausgebracht. Marion ging an diesem Tag in die Stadt, um sie zu kaufen. Es gab sehr wenige Gründe, die sie aus ihrem Zimmer, aus ihrem Haus heraus trieben. Und diese CD war einer davon. Sie ignorierte die Gruppe von Teenagern im Bus, die hinter ihr flüsterten, sie mit einem missbilligenden Blick betrachteten und kicherten. Sie duldete die stechenden Blicke der Menschen, die ihren Weg kreuzten, auf der Einkaufsstrasse, im Musikgeschäft, an der Kasse. Sie tauschte kein Wort mit dem Kassierer. Kein Dankeschön. Ihr Herz schlug so schnell in ihrer Brust, dass sie dachte, sie müsste auf der Stelle an einem Herzinfarkt oder einer Panikattacke sterben. Es war die Hölle für sie. Schwitzend und mit zitternden Händen verließ sie das Geschäft, kam zur Bushaltestelle und wartete auf den Bus, der sie zurück nach Hause brachte Gegenüber der Haltestelle waren Plakate an der Wand aufgehängt worden. Ein einziges von den vielen hundert Werbeplakaten zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. “Snake - einziger Auftritt am 25. August um 20 Uhr in der Rockhalle! Bester Alternativer Rock aller Zeiten! Verkauf von Karten in allen guten Musikgeschäften,“ stand da. Die Gruppe sagte ihr nichts, doch das Plakat hatte ihre Neugier geweckt. Sie spürte ein Kribbeln in ihrem Bauch. Aber sie zögerte. Der Bus war bereits zu sehen. Erleichtert kam sie nach einer Stunde zurück, die CD und eine Eintrittskarte für ein Konzert in ihrer Tasche. Trotz der Panik war sie wieder ins Geschäft zurückgegangen und wollte sich eine CD von Snake anhören. Doch die gab es nicht. Enttäuscht, aber immer noch mit diesem Kribbeln im Magen, hatte sie sich wieder an der Kasse angestellt. Sie hasste die Menschenmenge über alles, und Konzerte vermied sie wie die Pest. Doch trotzdem konnte sie sich nicht entscheiden. Eine Stimme in ihrem Kopf lockte sie, sich diese Karte zu kaufen, und sie ließ sich überreden. Es war die letzte Karte, die es gab. Sie eilte in ihr Zimmer hinauf, ohne sich die Mühe zu geben, ihre Schuhe auszuziehen. Ihre Zuflucht war im Dachgeschoss und nicht sehr groß. Trotz der drei Fenster blieb der Raum düster. Grosse Bäume im Garten vor dem Haus schirmten das Sonnenlicht ab.
Es lag ein süßlicher Duft im Raum, der von am vorigen Abend ausgebrannten Räucherstäbchen kam. Müsste man das Zimmer mit einem Wort erfassen, würde es
schwarz sein. Schwarze, seidige Bettwäsche, schwarze Kleider, die überall im Raum auf Möbeln und Boden verteilt waren, schwarze Vorhänge an den Fenstern. Die weiß gestrichenen Wänden fielen kaum auf, denn etliche Poster und tiefrote Samttücher verdeckten sie. Es lag alles Mögliche auf dem Boden. Vom Wörterbuch, zwei
schmutzigen Tellern, zahllose angebrannten Kerzen bis zum Baseballschläger, und dazwischen ein paar Cds. Der Teppichboden war nicht mehr zu sehen. Ein mittleres
Chaos herrschte hier. Doch es störte sie nicht. Es war ihr Chaos, das sie perfekt beherrschte. Auf dem Schreibtisch lag aufgeklappt ein dickes Buch, worauf The Holy Bible stand. Daneben lag zugeklappt ihr Tagebuch. Es war schwarz mit goldenen Verzierungen durchzogen. Fast so dick wie die daneben liegende Bibel war das Buch und bis zur Hälfte voll geschrieben. Woher es kam, wusste sie nicht. Sie fand es eines Tages auf dem Dachboden, kurz bevor sie dort eingezogen war. Dies war vor vielen Jahren, als sie noch neun war. Es hatte in einer mit Staub bedeckten Kiste gelegen. Ihre Eltern konnten sich nicht mehr erinnern, so etwas jemals besessen zu haben. Sie behielt es. Marion warf sich auf das Bett, nahm die CD in die Hand und riss die Plastikumhüllung ab. Bevor sie aber die CD-Hülle aufmachte, betrachtete sie noch wenige Minuten neugierig das Cover. Darauf war ein Phönix auf schwarzem Hintergrund abgebildet, der Feuer spuckte, und darüber stand in Flammen geschrieben der Name Stoneagebirds und Back to Life. Diese Darstellung faszinierte sie. Sie hatte schon immer solche Fabelwesen gemocht. Sie stand auf und ging zu ihrer Stereoanlage. Als sie dann die Hülle aufklappte, hielt sie inne.
Die CD selbst sah ganz anders aus. Auf einem tiefroten Hintergrund waren in goldener Farbe zwei in sich verschmolzene Schlangen abgebildet. Es gab aber keine Beschriftung, kein Name, nichts. Das war merkwürdig, dachte sie, denn dies war nicht die richtige Platte. Sie überlegte eine Weile, ohne ihre Augen von den zwei Schlangen abzuwenden. Eine Stimme in ihr sagte, sie sollte sich die CD anhören. Und so legte sie sie in ihrer Anlage auf und drückte auf „ Play “
Es begann in ihrem Bauch zu kribbeln. Es dauerte ein paar Sekunden, bevor die Musik begann, und als sie schliesslich begann, bekam Marion eine Gänsehaut. Ein gewaltiger Gitarrenriff eröffnete den ersten Song. Es wurde ihr plötzlich schwindelig, ihre Augen weiteten sich auf, und dann wurde sie plötzlich von Dunkelheit verschlungen. Die Stimme des Sängers war eingetroffen....
Als Marion wieder zu sich kam, lag sie schweißgebadet auf ihrem Bett, die Augen immer noch weit aufgerissen. Ihr war so kalt, dass sie am ganzen Leibe zitterte. Ihr Rücken schmerzte heftig. Drei Stunden waren vergangen, die CD war schon längst abgelaufen, es dämmerte bereits. Was war passiert? Mit viel Mühe zog sie die Decke über sich und klammerte sich am Kopfkissen fest. Sie hörte, wie unten die Eingangstür aufging und ihre Mutter rein kam. Sie traute sich aber nicht nach ihr zu rufen. Sie hatte panische Angst. Was war passiert?
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Sie konnte kaum ein Auge schliessen in dieser Nacht. Sie hatte Angst, Angst wieder zu träumen, Angst sich wieder in dieser Dunkelheit zu befinden, in dieser Kälte. Sie erinnerte sich nur bruchteilhaft an das, was passiert war. Es war schrecklich gewesen. Sie lag auf ihrem Bett und rührte sich kaum. Ihre Atmung war flach und schnell, ihr Herz raste wie wild. Das Zittern hatte seit ihrem Aufwachen nicht nachgelassen. Ihr war immer noch so bitter kalt. Es kostete sie grosse Überwindung nach ihrem Tagebuch auf dem Boden zu greifen und das Licht anzumachen.
Tagebucheintrag, 9.08.1997
Ich fürchte mich so sehr, und mir ist so kalt! Es war so schrecklich kalt und dunkel dort, wo ich war.
Es fing alles an, als die Musik anlief. Mir wurde plötzlich schwindlig, und ich wurde in ein schwarzes Loch rein gezogen. Ich war desorientiert, wusste nicht, wo ich mich befand und wie ich dahin gekommen war. Und dann sah ich auf einmal den Zauberer
aus meinen Träumen vor mir stehen, mit seinem großen, goldenen Stab. Seine Augen waren geschlossen, aber ich hatte das Gefühl, er beobachtete mich genau. Ich verspürte solch Hass und Gewalt aus ihm ausgehend, dass es mich schaudern ließ. Er wollte mich angreifen, mich vernichten, er wollte mich sterben sehen, und ich weiß nicht warum! Ich begriff schließlich, wo ich war. Es war wieder dieser Traum, doch dieses mal stand ich dem Zauberer gegenüber. Dieselbe Welt, dieselbe gottverlassene Wüste! Und derselbe Traum wiederholte sich, nur dass ich jetzt die Stelle des Engels eingenommen hatte. Ich wurde besiegt. Ich wurde getötet. Meine Seele wurde mir geraubt und von dieser toten Welt verbannt. Mich umgab nur noch Dunkelheit und Stille.
Jede Nacht träume ich dasselbe, jede Nacht dieselben Bilder. Doch noch nie wurde ich direkt mit einbezogen, noch nie stand ich an erster Stelle. Bis jetzt, und ich verstehe nicht, wie es dazu kam! Ich war noch hellwach, als ich die Musik anmachte. Ich muss in Ohnmacht gefallen sein, ja, das muss es sein. Ich hatte dieses unheimliche Schwindelgefühl. Bin ich krank? Was geschieht nur mit mir?
Marion
Die folgende Nacht war traumlos. Darüber war Marion sehr erleichtert. Tage vergingen. Sie hatte seitdem keinen neuen Eintrag in ihr Tagebuch gemacht, sie hatte keine Kraft mehr dazu, denn ihr Zustand hatte sich verschlimmert.Sie bekam Halluzinationen. Als sie eines Morgens ins Badezimmer ging, um ihr Gesicht zu waschen und dann in den Spiegel blickte, schrie sie plötzlich auf. Für eine kurze Zeit, ein Bruchteil von einer Sekunde, war das Spiegelbild nicht das ihre. Es war das Gesicht des Engels. Doch es verschwand bald. Sie rannte erschrocken aus dem Badezimmer heraus und schloss sich in ihr Zimmer ein. Das Haus war leer, ihre Eltern arbeiteten. Sie war ganz alleine.
In ihrem Kopf rauschte es. Sie hatte Angst. Plötzlich sah sie einen Schatten hinter ihrem Schrank. Sie sprang auf, griff nach ihrem Baseballschläger und ging mit unsicheren Schritten auf ihren Schrank zu. Es war aber niemand da! Das Rauschen in ihrem Kopf wurde lauter und änderte sich. Sie hörte plötzlich eine Stimme hinter sich. Sie drehte sich rasch um, doch konnte nichts sehen. Die Stimme war plötzlich überall zugleich. Marion wusste nicht, wohin sie sich drehen sollte. Es war zuerst in ihrem Kopf und dann überall im Zimmer, im ganzen Haus. Es umgab sie. Es nahm den ganzen Platz ein. Sie ließ den Schläger fallen und sank auf die Knie, ihre zwei Hände gegen ihre Ohren gepresst. Tränen flossen ihr über die Wangen.
„ Shesaya! Shesaya!“ wiederholte die Stimme.
„Nein, lasst mich in Ruhe, hört auf! Hört auf!“ schrie sie mit panischer Angst. Und plötzlich wurde es wieder still. Ein Lastwagen fuhr draußen auf der Strasse vorbei. Ihr Herz schlug schnell in ihrer Brust, sie war außer Atem.
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Das Konzert
Es war beinahe soweit. Es war der 24. August. Marion fühlte sich an diesem Tag erbärmlich und schwach. Ihr bleiches Gesicht sah krank aus, doch sie hatte fest vor, zu diesem Konzert zu gehen. Die Visionen hatten nicht nachgegeben, sie hörte immer wieder die Stimme in ihrem Kopf flüstern, und sie sah immer wieder einen Schatten in ihrem Zimmer vorbei ziehen.
Ihre Mutter hatte ihr geraten im Bett zu bleiben, weil sie so krank aussah, jedoch ahnte sie nichts von den Erscheinungen, die ihre Tochter quälten. Sie hatte die Verbindung mit ihrem einzigen Kind schon lange verloren. Sie sah, wie sie litt, und es wurde schlimmer, das wusste sie. Doch sie kam nicht an sie heran, Marion war wie eine Fremde in ihrem Haus. Sie verbrachte ihren ganzen Tag in ihrem Zimmer, hörte Musik und schrieb in ihr Tagebuch. Sie hatte eine solch dicke Wand um sich gebaut, dass kein Mensch sie erreichen konnte. Sie hatten mit ihr unzählige Psychologen der Stadt besucht, doch keiner konnte ihr helfen. Sie redete kaum noch, und manchmal fragte sich ihre Mutter, ob sie sich noch an ihre Stimme erinnern konnte, die Stimme ihrer eigenen Tochter. Sie wünschte sich, ihre Arbeit würde sie nicht soviel in Anspruch nehmen, sie wünschte sich, dass sie mehr Zeit mit Marion verbracht hätte. Es war aber zu spät. Sie hatte ihr Kind verloren. Und sie musste zugeben, dass sie manchmal Angst vor ihrer Tochter hatte. Sie sah so anders aus als andere Kinder. Sie benahm sich auch ganz anders. Sie konnte ihr Kind nicht verstehen, und es tat ihr leid. Sie betrat zum ersten Mal nach langer Zeit wieder Marions Zimmer und ging zu ihr. Sie lag schlafend im Bett, ihr Gesicht war bleich und verschwitzt, sie zitterte. Sie setzte sich neben sie, zögerte eine Weile, und nahm schließlich ihre Hand.
„Sie ist so kalt,“ dachte sie, „wie Eis“. Sie strich ihr übers nasse, verschwitzte Haar und sah sie traurig an.
„Marion, was ist mit dir nur los?“ Sie hielt ein Moment inne.
„Ich wünschte, ich hätte alles anders gemacht und mir mehr Zeit für dich genommen .... ich weiß nicht einmal,
wie dein Leben aussieht, wie du dich fühlst...wer bist du, Marion? Bist du meine Marion, mein Kind? Du sagst nie ein Wort, du bist so still, dass ich dich kaum noch bemerke. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann ich dich das letzte Mal in den Armen halten konnte oder dich küssen durfte. Du hast dich so verändert, dass ich dich nicht mehr erkenne. Du hast dich so weit von mir und deinem Vater entfernt ... Was haben wir denn falsch gemacht?“ Sie biss sich auf die Lippen und versuchte vergebens gegen ihre Tränen anzukämpfen.
„Ich liebe dich, mein Liebes, auch wenn ich es dir nicht genug gezeigt habe, ich liebe dich, vergiss es nicht!“ Sie beugte sich über sie und küsste sie auf die Stirn, und dann stand sie auf und ging.
Als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, öffnete Marion die Augen. Sie hatte geträumt. Es war aber nicht derselbe bittere Traum, nein, es war etwas Warmes und Süßes gewesen. Sie hatte eine mit Liebe erfüllte Stimme gehört, die sanft zu ihr sprach.
„Mutter“ flüsterte sie leise, aber sie war sich nicht sicher, wen sie damit meinte, denn vor ihre Augen war eine andere Gestalt als die ihrer Mutter.
Der Tag verging. Der nächste kam. Marion hatte sich schon früh fürs Konzert angezogen und fertig gemacht. Seit ihrem Erwachen am nächsten morgen, war das Fieber wie durch ein Wunder gesunken, ihre Visionen verschwunden und sie hatte sogar ein wenig gegessen. Sie fühlte sich noch etwas benommen, aber es ging ihr besser.
Sie wusste nicht, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollte. Es waren noch 5 Stunden, die vorbei gehen mussten, bis das Konzert anfing. Sie saß auf ihrem Bett und betrachtete ihr Zimmer. Sie war traurig. Ihr Herz war schwer. Sie hatte das Gefühl, ihr Zimmer und das Haus zum letzten Mal zu sehen. Sie hatte ihre Eltern früh morgens erblickt, wie sie das Haus verließen. Das war auch das letzte Mal, dass sie sie sah. Schon bald würden sie sie vergessen haben. Sie würde nie existiert haben, jede Erinnerung an sie erloschen sein. Sie wusste es. Sie legte ihre Hand auf das Tagebuch, das neben ihr auf dem Bett lag.
Tagebucheintrag, 25.08.1997
Ich sollte vielleicht dieses Buch besser zu Hause lassen, als Erinnerung für meine Eltern, denn sie werden mich vergessen. Ich werde für sie spätestens bis heute Abend nie existiert haben. Es ist schwer zu erklären, es ist so ein Gefühl, nein, vielmehr eine Gewissheit. Ich weiß es einfach. Ich werde nicht mehr zurückkommen. Dies wird mein letzter Eintrag sein. Ich werde diese Welt verlassen. Ich spüre es in meinem Körper, in meinem Herzen, in meiner Seele. Und dann werde ich frei sein und zu der werden, was ich schon immer gewesen bin. Ich ahne jetzt, wer ich bin, und ich weiß, was ich zu tun habe. All diese Träume haben mir die Wahrheit gezeigt. Diese Welt ist nicht die meine. Dieser Körper ist nicht der meine. Ich bin endlich aufgewacht!
Marion
Sie fing an ihr Zimmer aufzuräumen. Das Chaos, das darin herrschte wurde bald kleiner, bis es völlig verschwand. Sie riss die Poster von den Wänden. Die Vorhänge fielen zu Boden. Licht trat ein. Sie riss die Fenster auf und ließ frische Luft herein. Der süßliche Geruch der Räucherkerzen verschwand. Sie führte den Staubsauger über den Boden und saugte alten Staub und Dreck auf. In einen Müllsack warf sie all ihre Kleider und alle ihre persönliche Sachen, die sie besaß rein. Nichts sollte mehr hier übrig bleiben, was an sie erinnern würde. All ihre CDs, Bücher und andere Habseligkeiten warf sie in einen anderen Müllbeutel und brachte ihn in den Keller. Sie versteckte ihn in einem alten verschimmelten Koffer und ging wieder hoch. Es dauerte nicht lange bis alles verschwunden war und ihr Zimmer nur noch einem leeren, unbewohnten Zimmer glich. Den mit Kleidern vollen Müllsack brachte sie raus und schmiss ihn in die Mülltonne. Sie schaute auf die Uhr. Viertel vor Sieben. Es war Zeit zu gehen. Sie nahm ihre Tasche, packte ihr Tagebuch hinein, das sie behalten hatte und ging aus dem Haus zur Bushaltestelle. Sie drehte sich nicht mehr um. Für sie existierte dieses Haus nicht mehr. Es hatte es nie gegeben. Der Bus kam.
Eine Viertel Stunde später stieg sie aus dem Bus und ging in die Richtung der Rockhalle. Am Himmel zogen Gewitterwolken und ein leiser Wind kam auf, die Sonne ging unter. Wie ruhig es ist, dachte sie, und atmete die Sommerluft tief ein. Sie nahm die Gerüche wahr, die von Blumen, Gräsern und Bäumen ausströmten. Sie hörte das Rauschen der Blätter, den Gesang des Windes und die Gedichte der Vögel. Alles war so schön und friedlich. Aber schon bald verdrängte sie diese Gedanken und sah auf. Sie war endlich angekommen.
Ein Mann mit Sonnenbrille stieg als erster auf die Bühne. Rod war sein Name. Er hatte langes, dunkles, in viele Strähnen geflochtenes Haar, eine gebräunte Haut, und er war der Sänger der Gruppe. So wie er sich bewegte, konnte man ihm überhaupt nicht anmerken, dass er aussergewöhnlich war. Nur sie schien zu merken, dass der Mann blind war. Ihm folgten bald der Gitarrist, Schlagzeugspieler und Bassist. Die Halle war brechend voll, die Luft stickig von dem Rauch. Die Melodie trat ein und war so laut, dass der Boden leicht mit dem Rhythmus bebte. Die Gitarre zerriss regelrecht die Luft. Als dann die Stimme des Sängers tönte, überfiel Marion wieder eine Vision. Es wurde plötzlich still, all die Menschen, die sie umgaben, verschwanden. Sie blinzelte, und als sie wieder zur Bühne aufsah, hatte sich der Sänger verändert. Seine dunkelbraunen langen geflochtenen Haare verloren ihre Farbe und wurden weiss. Aus seinem glatt rasierten Gesicht wuchs plötzlich einen ebenso weisser Bart, wie seine Haare es jetzt waren, seine braune Haut bleichte sich und war von Falten durchzogen. Die Sonnenbrille war das einzige, was sich an ihm nicht veränderte. Seine Kleidung formte sich zu einem dunkelblauen Gewand, der Mikrofonhalter streckte sich in die Höhe und wurde von einer goldenen Farbe belegt, und das Mikrofon selbst verwandelte sich zu einer Kristallkugel.
„Sopherus!“ hörte sie sich murmeln, ohne sich wirklich darüber bewusst zu sein. Und plötzlich erschien wieder die jubelnde Menschenmenge um sie herum, die Musik
kam zurück. Marion schüttelte sich erschrocken. Der Sänger sah wieder wie vorher aus.
Es war die einzige Vision, die sie an diesem Abend hatte. Der Name Sopherus ging ihr aber nicht mehr aus dem Kopf. War es sein Name gewesen, fragte sie sich, woher wusste sie das?
Das Konzert ging zu Ende. Obwohl ihr die Musik sehr gefallen hatte, hatte sie nach der Vision kaum noch zugehört. Die Halle leerte sich langsam, doch sie blieb noch in Gedanken versunken stehen. Als ihr jemand eine Hand auf die Schulter legte, zuckte sie überrascht zusammen. Sie blickte in das breite Gesicht eines Sicherheitsmannes, der sie besorgt ansah. Sie entschuldigte sich und eilte zum Eingang. Dort gab es eine Gruppe von Fans, die sich um einen Tisch versammelt hatten. Sie blieb stehen und beobachtete die Leute eine Weile. Sie standen eng aneinander gepresst und drängelten sich um den Tisch herum, an dem sich die Band gesetzt hatte, um Unterschriften zu verteilen, und warteten, dass sie dran kamen.
Marion hatte es nicht eilig. Sie lehnte sich gegen die Wand und wartete geduldig, dass sich der Eingangsbereich leerte. Nach einer Stunde waren erst etwa die Hälfte der Menschen weg. Gut, dachte sie, die Zeit wird schon kommen, und sie wartete weiter. Sie fühlte sich wie eine Katze, die vor dem Versteck einer Maus lauerte und nur darauf wartete, dass sich die Maus herauswagte. Sie konnte es sich nicht erklären, warum ihr dieses Bild einfiel, es war, als ob sie von einer fremden Macht übernommen worden wäre. Innerlich fühlte sie sich leer und kalt.
Es blieben nur noch wenige Fans übrig, die noch diskutierten, und die Bandmitglieder sassen immer noch an dem Tisch und unterhielten sich. Sie hatte jetzt freie Sicht auf sie, auf den Sänger. Ihre Augen wichen nicht von ihm ab.Die Zeit war endlich gekommen.
Sie richtete sich auf und ging auf ihn zu. Sie konnte nicht mehr unterscheiden, ob sie sich wieder in ihrer Vision befand, oder ob dies die Realität war, ob sie Marion oder der Engel war, aber es kümmerte sie kaum, denn für sie war das, was sie jetzt sah und empfand, die wahre Welt und nichts konnte sie nun mehr aufhalten.
„Hey Rod, es kommt eine seltsame Frau auf dich zu! Oh Mann, sie ist ja seltsam!“ warnte er seinen Partner mit einem breiten, betrunkenen Grinsen.
„Ihr könnt sie haben! Ich fühle mich nicht danach heute abend,“ erwiderte er abwesend.
„Hey Mann, nicht dass du jetzt kotzen musst!“ kam von seiner linken Seite und alle fingen zu lachen an. Er konnte aber nicht mitlachen. Er hatte schon den ganzen Tag ein unwohles Gefühl im Magen, und es war nicht der Alkohol gewesen. Seine feuchten Hände zitterten. Er hatte Marion schon längst bemerkt. Auch wenn er diese Frau nicht sehen konnte, spürte er sie, und er wusste, sie würde ihm grosses Unglück bringen.
„Oh Mann, du bist ja wirklich bleich! Ich rate dir, nicht vor dieser Frau zu kotzen, du würdest sie wohlmöglich verscheuchen!“ Und alle lachten weiter.
„Nein...nein, ich werde nicht kotzen, ich brauche nur frische Luft!“ erklärte er, nahm seinen Blindenstock und stand auf. Mühsam tastete er sich vom Tisch weg in die Richtung des Eingangs. Ihm war schwindelig und sein unwohles Gefühl wuchs. Keiner machte sich die Mühe, ihm zu helfen. Aber er brauchte nicht ihre Augen, er sah den Raum bereits in seiner Vorstellung, und er spürte den Luftzug, der aus der Eingangstür kam. Er besass ein inneres Auge, das ihm seine Umgebung beschrieb, und aus diesem Grunde sah man ihm nicht an, dass er blind war. Wäre da sein Blindenstock nicht an seiner Seite. Amüsiert schauten ihm die vier anderen Bandmitglieder nach. Sie mochten ihn alle gerne, denn er war ein freundlicher und ehrlicher Bursche! Und eine unbeschreiblich gute Stimme hatte er auch, und es störte sie nicht, dass er blind war. Man sah es ihm nicht einmal an! Sie sahen Rod aus dem Eingang verschwinden und kümmerten sich nicht mehr um ihn. Die Frau schien ihm zu folgen, und das hielten sie alle für sehr gut! Seit dem sie ihn kannten, hatten sie ihn noch nie mit einer Frau gesehen, und auf Männer stand er erst recht nicht. Sie fanden es sehr eigenartig, und jetzt freuten sie sich und lachten über ihn. Bis die Frau selbst verschwand, hatten sich schon alle wieder ihrer Unterschriftstunde gewidmet und ihn für immer vergessen.
Marion folgte ihm nach draußen, ohne ein Wort zu sagen, aber wissend, dass er selbst sie schon längst gemerkt hatte. Sie streckte beide Arme vor sich aus und mit ihren Händen teilte sie die Luft. Es entstand eine mit Licht gefüllte Spalte, die immer breiter wurde und sich bald zu einem Lichttor formte. Ohne zu zögern ging sie hindurch. Man hörte ein Seufzen, und ihr Körper wurde vom Licht geschluckt. Sie spürte in ihrem tiefsten Inneren eine gewaltige Explosion, eine Kraft, die sich ausbreitete und sie erfüllte. Ihr Körper wurde von einer fremden Macht übernommen.
Sie wurde zu jemand anderem, zu Shesaya. Und als sie aus dem Lichttor heraustrat, hatte sie an ihrem Rücken zwei große, weiße Schwingen. Ihre Augen funkelten wild. Sie schlug ein paar mal mit ihren Flügeln, um sie aus ihrer Steifheit zu befreien. Dabei entstand ein kräftiger Windstoss, der jedes Blatt Papier zum Fliegen brachte.Der Engel Shesaya war wieder zum Leben gerufen, und sie war noch stärker denn je. Sie spürte es in ihrem Blut fließen, diese neue Kraft, diese Wut und dieser Hass. Denn diese waren ihre einzige Erinnerung von damals, von ihrer Vergangenheit. In ihrer Umgebung war plötzlich die Zeit stehen geblieben. Die Strassen waren leer, die Menschen verschwanden, und der Wind legte sich. Nur der Sänger und sie waren die einzigen Figuren, die sich bewegten in einer zum Stillstand gebrachten Welt. Sie lächelte, als sie den fliehenden Blinden sah, und mit einem Sprung stellte sie sich vor ihn. Er blieb abrupt stehen und verzog sein Gesicht vor Schrecken und Furcht. Sie hob ihre Hände und griff nach der Sonnenbrille.
„Ich kenne dein Geheimnis, Blinder, ich erinnere mich an dich!“ Ihre Worte schlugen wie Blitze in seinen Kopf hinein. Sie war wieder da! Der Kriegesengel ist wieder da! krächzte sein Herz wie verrückt. Er spürte, wie sein eigener Körper sich veränderte, sich verwandelte zu dem alten Zauberer, der er einst gewesen war, bevor ihr Vater ihn selbst zu den Menschen verbannte. Sein Blindenstock wurde wieder zu seinem Zauberstab. Es überraschte ihn nicht, dass um sie beide herum alles stehen geblieben war. Es war kein Laut mehr zu hören. Nur noch sein Atem und ihrer. Aber trotzdem sah er sich um.
„Die sehen dich nicht, Sopherus, so wie sie mich auch nicht sehen können! Sie haben dich bereits vergessen. Du hast für sie niemals existiert! Es gibt jetzt nur noch uns beide auf dieser Ebene!“ Sie nahm ihm die Brille ab und betrachtete sie amüsiert. Plötzlich löste sich die Brille in Staub auf. Er wollte zurück weichen, doch er konnte sich nicht mehr bewegen. Er war wie gelähmt und stand nun da in ihrer Macht.
Seine Hand umklammerte seinen goldenen Stab. Schwitzend versuchte er einen Blitz herbeizurufen.
„Ja, rufe deine Magie herbei, und versuche mich aufzuhalten! Ich bin unbewaffnet!“
grinste sie. Er schaffte es nicht. Diese Ebene erlaubte keine Zauberei. Es war also vorbei. Er hatte verloren.
„Die Stunde meiner Rache hat geschlagen!“ lachte sie und legte ihre Hände auf seine geschlossenen Augen. Er zuckte zusammen und dann schrie er vor Schmerzen auf. Seine Knie gaben nach und er fiel zu Boden.
„Nun, ohne deine Augen bist du so gefährlich wie ein Wurm, nicht wahr? Denn ohne Augen hast du keine Kraft! Sei dies meine Rache!“ bebte ihre Stimme und in ihren
Händen hielt sie seine zwei Augen. Sie schloss sie um sie und blendende Strahlen schossen aus jeder freien Öffnung ihres Griffes heraus. Als sie sie wieder aufmachte, lagen die zwei Augen in Diamanten eingefroren. Der Zauberer schrie vor Schmerz und Hilflosigkeit. Sie lächelte zufrieden und hob den Zauberstab auf.
„Nun, alter Mann, wirst du die wahre Bedeutung blind zu sein erfahren! Lebe wohl!“ Sie drehte sich um und löste sich plötzlich in Luft auf. Sopherus lag zitternd auf dem Boden, sein Gesicht in seinen Händen versteckt. Und keiner auf dieser Ebene konnte ihn jemals wieder sehen.
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Der Rabe
„Wieder nach Hause!“ dachte sie, jedoch ohne irgendwelche Freude oder Erleichterung zu empfinden. Nichts mehr bewegte ihre Seele, kein Hass und keine Wut, die sie nach ihrer Erlösung zum Explodieren gebracht hatte, keine Gefühle.....nur noch diese kalte und bittere Leere. Alles war verschwunden. Auch ihre Erinnerungen waren gelöscht. Sie flog durch einen dichten, weißen Nebel, durch den sie nichts erkennen konnte, durch den sie sich aber von ihrem Instinkt führen ließ. Sie wusste, sie war auf dem richtigen Weg. Der Weg nach Hause, von dem sie kaum noch ein Bild in Erinnerung hatte. „Wer bin ich?“ fragte sie sich immer wieder. In einer ihrer Hände hielt sie die zwei Diamanten, die Augen des Zauberers, und in der anderen seinen Zauberstab.
„Wer war dieser Zauberer? Seinen Namen kannte ich, und die Wut und all der Hass haben mir deutlich meine Gefühle für ihn gezeigt. Aber warum? Woher dieser Hass, und dieser Kampf?....“
„Halt!“
Verblüfft von dieser plötzlichen Unterbrechung blieb sie stehen, ihre Schwingen in der Luft auf- und abschlagend, um auf der Stelle zu schweben. Vor ihr saß auf einem Ast ein Rabe, der sie missbilligend anblickte. Ohne dass sie es gemerkt hatte, hatte sie den Nebel verlassen und war in einer anderen Welt angekommen, ihrer Welt. Hier war der Himmel mit schweren dunklen Gewitterwolken belastet. Es blitzte hier und da und es regnete in Strömen. Es war düster und ungemütlich.
„Wer bist du, Rabe? Und wer erlaubt dir, mich in meinen Gedanken zu stören?!“ fragte sie ihn mit einer autoritären Stimme, die sie selbst überraschte. Der Rabe schlug kurz mit seinen schwarzen Flügeln und krächzte mit seiner rauhen Stimme: „Ich bin der Wächter dieser traurigen Welt. Keiner kommt hier rein, keiner kommt hier raus! Ich bin der Wächter.“
„Der Wächter? Und welche Kraft besitzt du, Wächter, um mich aufzuhalten?“ erwiderte sie amüsiert. Wieder flatterte der Rabe mit seinen Flügeln.
„Ich bin der Wächter dieser kalten Welt. Nur dem, der mein Namen weiß, diene und gehorche ich. Es gibt nur ein Wesen auf dieser Welt, ein Stern, der meinen Namen
kennt, doch vor langer Zeit ist er verschwunden und diese Welt ist seitdem verschlossen. Ich bin der Wächter.“
„Du beantwortest meine Frage nicht, Rabe! Wie willst du mich aufhalten?!“
„Ich bin der Wächter dieser bitteren Welt. Den Tod bringe ich! Ich bin der Wächter.“ Sein Krächzen irritierte sie langsam.
„Ich bin ....“ sie hielt einen Moment inne.“ Ich bin Shesaya! Und diese Welt, die du so gut bewachst, ist mein Zuhause!“ Wieder flatterte der Rabe mit seinen Flügeln und schaute sie frech an.
„Ich bin der Wächter dieser Hölle! Shesaya, Shesaya, Shesaya! Ich bin der Wächter!“
Dieser Rabe wird mich nicht so nah am Ziel aufhalten! dachte sie verärgert. Sie flog wieder los. Doch als sie auf gleicher Höhe mit dem Raben kam, erhob sich dieser in die Luft und durch seinen Schnabel schoss ein dunkler Schatten heraus. Shesaya warf den Zauberstab hoch in die Höhe und streckte ihre frei gewordene Hand vor sich aus. Der Schatten hatte sich zu einem schwarzen, feurigen Ball geformt und raste mit einer extremen Geschwindigkeit auf sie zu. Doch knapp vor ihrer Hand blieb er plötzlich stehen und kam nicht weiter, und als ob dieser nur Luft wäre, fegte Shesaya ihn von sich weg. Der Rabe schlug wütend mit seinen Flügeln in der Luft und krächzte wild vor sich hin. Seine Augen waren plötzlich feuerrot.
„Du wirst langsam unverschämt, Rabe!“ zischte sie und zeigte mit ihrem Zeigefinger auf ihn. Ein goldene Strahl schoss heraus und traf den Raben am Kopf. Ein helles, warmes Licht umgab den Vogel plötzlich, und er glühte auf. Seine Gestalt schrumpfte, sein Gefieder hellte sich, und aus dem schwarzen Raben wurde eine weisse Taube, die erschrocken davon flog. Shesaya lächelte zufrieden und fing den Zauberstab wieder auf.
Sie überflog dichte Wälder, wilde Flüsse und endlose Felder. Sie beobachtete alles genau und versuchte die Bilder ihrer Erinnerungen wach zu rufen. Doch es blieb alles neu für sie. Sie konnte keine bewohnten Häuser finden, keine Burg, kein Leben. Alles, was sie sah, war Zerstörung und Asche. Es ist alles tot hier, dachte sie betroffen. Sie beschloss auf einem Feld am Rande eines Waldes zu landen. Kurz darauf hatten ihre Füsse endlich wieder Boden gefasst. Sie war erschöpft von der Reise und all den neuen Informationen und Bildern. Sie schaute sich nachdenklich um. Es hatte aufgehört zu regnen. Der Wind liess die Blätter der alten Bäumen tanzen und singen. Doch abgesehen davon blieb es still. Shesaya ging in den Wald, um sich dort auf einem Baum auszuruhen. Die Bäume waren so dicht aneinander gewachsen, dass das Licht kaum bis zum Boden durchdringen konnte, es war sehr dunkel. Er bot ihr Schutz und ein Versteck an, und das gefiel ihr. Sie wanderte eine Weile ziellos umher und schaute sich um, bis sie sich für einen sehr alten und dicken Baum entschloss. Sie breitete ihre Flügel aus und flog hoch bis zu einem grossen Ast, wo sie sich hinsetzte. Sie hatte von diesem Ast einen Blick auf den Boden und auf alles, was um den Baum herum war. Mit dem Rücken gegen den Baumstamm gelehnt und die Beine vom Ast herunter baumelnd, schlief sie endlich ein.
Die Sonne war schon längst untergegangen, und die Nacht hatte sich wie ein schwarzer Schleier über das Land gelegt. Alles schien zu schlafen. Im Wald war es finster und kühl. Ein leichter Wind blies zwischen den Ästen. Plötzlich erschien aus dem Nichts Hunderte von faustgroßen Lichtern, die fröhlich
mit dem Wind tanzten und die Luft füllten. Der Wald leuchtete auf und betrachtete den Lichtertanz. Es wurde plötzlich laut. Herzhafte Gelächter und Gesänge erfüllten die Stille. Eine sanfte Musik ertönte und aus dem Boden, wo sonst das Sonnenlicht nicht durchkam, sprangen und blühten auf einmal wunderbare und seltene Pflanzen auf. Gelbe, blaue, rote und goldene Blumen entfalteten sich, wie mit Zauber getränkt von ihrem langen Schlaf erwachend. Eine Silhouette eines grossen, silbernen Hirsches erschien hinter den Gebüschen. Bunte Vögel flogen von Ast zu Ast und zwitscherten eifrig mit dem Gesang der tanzenden Lichter. Aus dem Wald erwachte plötzlich Leben und Farben. Tiere sammelten sich, und es raschelte und bewegte sich auf dem Boden. Shesaya schlief jedoch weiter, ohne die Explosion von Leben zu bemerken, die sich unter ihr vollzog. Sie war in ihre Alpträume gefangen. Alpträume, die nun ganz anders aussahen als die, die sie zuvor als Mensch gehabt hatte. Sie waren schrecklich und stellten das reine Böse dar, das sie verfolgte.
Während ihres Schlafes flog ein Licht hoch bis zu ihrer Höhe. Es tanzte eine Weile in Kreisen um den Baum herum, auf dem sie schlief, und traute sich schließlich ganz nah an ihr angespanntes Gesicht heran. Es ragte plötzlich ein kleiner Kopf aus dem Licht heraus, mit großen, blauen Augen, die Shesaya neugierig betrachteten, und mit langen goldenen Haaren. Kurz darauf formte sich der Rest des Körpers der kleinen Gestalt mit vier langen Flügeln, ähnlich der einer Libelle, die sehr schnell auf- und abschlugen. Es hatte den Oberkörper eines Menschen, doch der Unterkörper schien aus Licht gemacht zu sein, man erkannte keine Beine. Das kleine Wesen starrte sie lange an und schien mit sich selbst zu kämpfen. Schließlich streckte es langsam und zögernd die Hand nach ihrem Gesicht aus, vielleicht um zu überprüfen, ob dieses Lebewesen real war. Und als die winzigen Finger Shesayas Nase berührte, wachte diese auf und öffnete die Augen. Sie blickte auf das Lichtwesen, das vor ihr schwebte und erschrak. Sie verlor das Gleichgewicht, konnte sich nicht mehr rechtzeitig an dem Ast halten, und fiel herunter. Sie brauchte eine gewisse Zeit um wahrzunehmen, wo sie war. Erst einen Meter vor dem Boden breitete sie die Schwingen in voller Länge und Größe auf, und fing somit ihren Fall auf. Sanft berührte sie den Boden und stand desorientiert auf. Das Lichtwesen hatte sich noch
mehr erschrocken als sie selbst und war davon geflogen. Erstaunt sah sie sich um.
Woher kamen die bunten Blumen? Und all dieses Leben? War das derselbe Wald, in dem sie Zuflucht für die Nacht gesucht hatte? Alles war plötzlich so lebendig geworden! Es wurde wieder still. Die Lichter hörten auf zu tanzen und betrachteten den Engel, der vor ihnen vom Himmel gefallen war. Die Tiere hatten sich rasch ins Gebüsch und in den Schatten der Bäume versteckt. Ihr Herz pochte wild in ihrer Brust. Sie hatte schon längst ihre Alpträume vergessen.
„Feen! Ihr seid Feen!“ bezeichnete sie bewundernd die Lichter vor ihr. Für ein Moment hatte sie sich selbst vergessen, und ging mit einem fröhlichen Lächeln einen Schritt auf sie zu. Doch diese schreckten zurück. Sie blieb sofort stehen und sah sie fragend an, und dann verstand sie. Sie hatten Angst vor ihr.
„ Fürchtet mich nicht! Ich....ich tue euch nichts!“ Doch die Wesen blieben stumm. Das Gefühl von Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit überfiel sie, und ihre momentane Freude drohte zu verschwinden. Sie riss sich wieder zusammen und sammelte ihre Kräfte und Mut.
„Ich bin ein Engel, mein Name ist...“ Sie hielt inne. Sie war sich nicht mehr sicher, ob sie sich vorstellen sollte. Aber vielleicht wussten sie, wer sie war, und konnten ihr helfen.
„Mein Name ist Shesaya, und....“ Als sie ihren Namen ausgesprochen hatte, wurden plötzlich die Feen unruhig und nervös. Sie sammelten sich, und es summte in der
Lichtermenge. Shesaya sah sie schweigend an. Sie bereute es, ihnen ihren Namen genannt zu haben. Und dann trennte sich ein Wesen von der Gruppe und näherte sich dem Engel. Aus dem Licht erschien ein kleines, aber älteres Gesicht mit großen, braunen Augen und silbernen Haaren.
„Engel Shesaya, wir wissen, wer du bist. Ich bin Tribald und spreche als Anführer aller Feenstämme dieser Welt. Wir dachten und hofften, du seiest für immer verschwunden! Doch wie es aussieht, hat Sopherus versagt. Warum bist du wieder zurückgekommen?!“ Trotz der zierlichen Gestalt der Fee hatte Tribald eine sehr autoritäre Stimme, die im ganzen Wald sich wie ein Echo verbreitete und wiederholte. Shesaya zuckte zusammen. Sie war nicht auf Feindseeligkeit vorbereitet.
„Tribald, Anführer aller Feenstämme, dies ist auch meine Welt. Ich wurde bekämpft und verbannt, aus Gründen, die ich nicht mehr kenne, und nun suche ich nach meiner Vergangenheit und nach mir selbst. Ihr scheint mich zu hassen, und vielleicht das aus gutem Grunde, doch ich kann mich an keine meiner Taten, die ich damals begangen habe, erinnern. Ich sehe nur Bruchteile meines Lebens in Albträumen, ohne sie verstehen zu können. Meine Vergangenheit, meine Herkunft und Familie, Freunde und Feinde, all dies will ich wieder finden, um zu wissen, wer ich bin!“
Das Summen in der Gruppe wurde lauter. Tribald schwieg eine Weile. Er schien zu überlegen.
„Engel Shesaya, wie bist du in diese Welt gekommen?“ Sie sah ihn überrascht an.
„Du meinst, wie ich an dem Wächter, dem Raben, vorbeigekommen bin?“
Er nickte. Sie grinste und sagte stolz:
„Der Wächter war einst ein frecher Rabe, jetzt ist er eine unschuldige, weiße Taube.“ Die Gruppe summte noch lauter. Tribald sah sie nachdenklich an.
„Wenn sie den Raben in einer Taube umgewandelt hat, dann ist sie noch stärker geworden als damals. Ihre Kraft ist gewachsen und hat wahrscheinlich die ihres Vaters schon längst übertroffen. Der Zauberstab gehört Sopherus, also hat sie ihn gefunden und besiegt. Es gibt jetzt niemanden mehr, der sie aufhalten kann. Nicht einmal der blaue Drache... und wenn der stirbt, dann sind wir alle verloren.“ Er brach seine Gedanken ab.
„Engel Shesaya, dieser Rabe war von mächtigem Zauber beschützt, und er war der letzte Schutz unserer Welt vor dem absolut Bösen. Du hast ihn vernichtet und uns somit zum zweiten Mal Verderben gebracht. Verflucht sollst du dafür sein, bis an dein Lebensende!“ Man konnte Zorn in seiner bebenden Stimme hören.
„Tribald, es gibt nichts, was ich nicht rückgängig machen könnte. Wenn euch dieser Rabe so wichtig ist, dann werde ich ihn wieder zurückrufen. Habt Vertrauen. Doch sein Zauber war böser Zauber, und ich glaube nicht, dass dieser das Böse zurückhalten würde,“ erwiderte Shesaya ruhig. Die Fee sah sie unbeeindruckt an.
„Der Rabe wurde von allen Mächten der guten Zauberer dieser Welt erschaffen! Er kann keine böse Kraft besitzen!“ Tribalds Gesicht spannte sich vor Zorn.
„Vielleicht war er einst gut gesinnt, doch seine roten Augen bewiesen mir im Kampf mit ihm das Gegenteil! Sie waren erfüllt mit Hass und Gewalt, glaubt mir. Er ist
übergetreten, ohne dass ihr es gemerkt habt. Oder einer der Zauberer war ein Verbündeter des Bösen!“ Sie blickte geduldig in Tribalds Rotgewordenes Gesicht.
„Du lügst!“ erwiderte er wütend. Es hatte ihn alle Kraft an Selbstbeherrschung verlassen. Das Licht um ihn wurde weiß und blendend.
„Fein, ich werde es euch beweisen!“ sprach Shesaya genervt und klatschte einmal in ihre Hände. Vor ihren Füssen erschien eine weiße Taube, die verstört von der plötzlichen Umwandlung der Umgebung sich um sich selbst drehte. Unter ihrem weißen Gefieder wuchsen schon schwarze Federn nach. Das Verdorbene kann man nicht verschwinden lassen, es wächst wie Unkraut immer wieder nach! stellte sie fest. Sie sprach einen Zauberspruch aus, einen Zauberspruch, den auch Tribald kannte, einen Zurückwandlungszauber. Und die Taube wurde wieder zum schwarzen Raben. Dieser schlug wild mit den Flügeln. Schwarze Energie sandte der Vogel aus und seine Augen waren feuerrot. Tribald sah das Monster erschrocken an.
„Nein, das kann nicht sein!“ Die Gruppe von Feen war vor Angst ein Stück zurückgewichen. Der Rabe krächzte frech, als er sie sah und sprach:
„Ihr erbärmlichen Wesen! So naiv!“ Und er lachte laut auf. Das Gesicht von Tribald hatte sich verschlossen. Er sagte nichts mehr. Shesaya sah ihn an.
„Glaubt Ihr mir nun, Tribald, Anführer aller Feenstämme dieser Welt?“ Tribald blickte auf und sah ihr in die Augen. Er sah Stärke, Mut und Ehrlichkeit in ihr verbunden. Für eine Sekunde glaubte er, den jungen Engel Shesaya zu sehen, als sie noch unbestechlich gut war. Doch der dunkle Schatten in ihrer Seele war nicht verschwunden. Er seufzte und schaute weg.
„Ja, Engel Shesaya, du sprichst die Wahrheit!“
„Gut!“ erwiderte sie zufrieden, „ und jetzt zu dir, kleiner Freund!“ Blitzschnell und bevor der Rabe es merken konnte, packte sie ihn am Hals und hob ihn auf. Er wehrte sich wütend, versuchte sie mit seinem Schnabel zu verletzen, doch vergeblich.
Sie legte ihre rechte Hand auf seinen Kopf und verdeckte seine Augen. Es leuchtete kurz unter ihrer Hand auf, und dann blieb der Rabe still. Als sie ihre Hand zurückzog, waren seine Augen tief blau.
„Und nun, tue deine Arbeit richtig!“ befahl sie ihm und ließ los. Der Rabe flog benommen hoch und verschwand in den Himmel. Alle waren stumm geworden. Alle Blicke waren auf sie gerichtet. Sie lächelte ein wenig und drehte sich um. Es war Zeit für sie zu gehen. Sie streckte die Hand hoch in die Richtung des Astes, wo sie gelegen hatte, und kurz darauf erschienen der Zauberstab und die Diamanten. Sie band den Zauberstab an ihren Rücken und legte die Diamanten in einen Beutel an einem Gürtel um ihre Hüfte, den sie erscheinen ließ.
„Es ist noch zu viel Hass und Schmerz in euch verankert, als dass ihr mir helfen könntet. So verabschiede ich mich, König Tribald. Ich hoffe eines Tages auf eine freundlichere Begegnung mit dir und deinem Volk, eine Begegnung, bei der du mir vielleicht meine Vergangenheit erzählen kannst. Ich wünsche eine angenehme Nacht! Lebt wohl, Feen dieser Welt.“ Sie flog weg. Tribald sah ihr nachdenklich nach, bis sie hinter den dichten Ästen der Bäume verschwunden war.
Die Sonne ging auf und verjagte mit ihren Strahlen die Dunkelheit der Nacht. Der Himmel hatte sich ein wenig von den schweren Gewitterwolken befreit. Nebel stieg im Wald auf. Die Blumen schlossen sich wieder und versanken im Boden. Die Tiere zogen sich in Sicherheit zurück, und die Feen sammelten sich und verschwanden. Es war wieder ruhig im Wald geworden.
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Ein erhofftes Wiedersehen
„Findet sie! Ich weiß, dass sie vor ein paar Tagen hier eingetroffen ist! Findet sie und bringt sie mir her!“ grollte eine tiefe und grässliche Stimme durch die große Haupthalle der Burg im Felsen. Es verbeugten sich drei dunkelhaarige Fledermaustrolle und rannten zurück zum Tor.
„Und klärt sie auf keinen Fall über ihre Vergangenheit auf! Das ist meine Sache!“ befahl dieses Grollen, bevor sie verschwanden.
„Bringt meine Tochter zu mir!“ murmelte die Stimme zufrieden zu sich. Die Halle war groß, kahl, nur mit Feuerlicht erhellt und unfreundlich. An dem Eingang führten zwei Reihen von Marmorsäulen zum anderen Ende der Halle, zu einem Thron auf dem ein Dämon saß. Dieser war riesig und wie ein Stier gehörnt. Er besaß zwei riesige kahle Flügel eines Drachen, den Unterleib einer Ziege, den Oberleib eines überkräftigen Menschen und das Gesicht einer Schlange. Es war nur eine der vielen Erscheinungen des Bösen, doch er bevorzugte diese, denn sie war sehr imposant und schrecklich. Er hatte einst gehört, dass die Lebewesen aus der anderen Ebene, die Menschen, sich diese Gestalt als den Teufel vorstellten. Er hatte viel darüber gelacht, wie naiv und begrenzt an Phantasie dieses Volk war. Es war ihm bewusst, welchen Einfluss er auf diese Wesen ausüben konnte. Für seinen Plan war dies genau die richtige Eigenschaft, die er von denen brauchte, um endlich als Herrscher der zwei Welten zu werden. Denn mit Angst und Schmerz lässt es sich besser regieren. Er war das Böse, das reine Böse schlicht und einfach. Er konnte sich in vielen unterschiedlichen Formen und Gestalten zeigen, auch wenn er eigentlich eine feste besaß. Doch diese hatte er schon lange nicht mehr eingenommen. Es erinnerte ihn zu sehr an unangenehmen Zeiten, damals, als er noch von einer anderen Gesinnung war.
Welch ein Aufwand seine einzige Tochter Shesaya aus der Verbannung wieder zu befreien. Ihr ausreichend Bilder ihrer Vergangenheit in ihre Träume zu vermischen, ihr Hass und Wut einzuflössen in kleinen Mengen. Es gab viele Zufälle, die sie befreiten, Zufälle wie die Gruppe Snake, die falsche CD mit Magie geschaffen, und das Wiedersehen mit dem Zauberer, den es selbst in die Verbannung geschickt hatte, als es von dem Schicksal seiner Tochter erfuhr. Zufälle, die er selbst manipuliert hatte. Und es war zufrieden mit sich. Ja, er hatte mal wieder gute Arbeit geleistet. Und jetzt würden sie wieder vereint werden. Der Meister des Bösen und seine Tochter. Dass sie sich kaum an ihre Vergangenheit erinnerte, machte die ganze Sache für ihn noch leichter! Wüsste sie, wer ihre Mutter war, dass in ihrem Blut sowohl das pure Böse als auch das reine Gute zugleich flossen, so würde es schwieriger werden. Daher musste er sie zuerst finden, und dann war alles gewonnen. Er war sich sicher, dass auch ihre Mutter ihre Boten ausgesandt hatte, um sie zu finden. Er musste sich beeilen.
An seiner rechten Seite, in einem ein Meter hohen Käfig saß ein Wesen gefangen. Es war ein Kind. Er saß zusammengerollt in einer Ecke und schaute ausdruckslos vor sich hin. Sein Blick war leer, seine Haut bleich und sein Körper sehr dünn. Er zitterte am ganzen Leib.
„Nun, es sieht so aus, als ob du wieder deine Meisterin finden wirst, Taleysion!“
Das Untier beobachtete ihn eine Weile mit einem Grinsen im Gesicht und ließ mit einem Finger den Käfig schaukeln. Der Junge schrie wild auf, versuchte sich an den Gittern zu halten, doch er fiel hin und rollte von einer Seite zur anderen, bis das Schaukeln nachgelassen hatte. Er blieb bewusstlos liegen. Der Dämon lachte und sein Lachen verbreitete sich wie ein Echo im ganzen Gebäude und ließ jedes Lebewesen in der Gegend schaudern.
Shesaya wunderte sich über ihre Kräfte. Sie schien nicht alles vergessen zu haben.
Zaubersprüche kamen wie von alleine, wenn sie sie brauchte. Sie musste sich nicht daran erinnern. Sie kannte die Lebewesen, die hier wohnten, konnte zwischen guter und böser Magie unterscheiden, zwischen roter und blauer Aura. Sie war sich auch fast sicher, ein Schwert gehabt zu haben. Doch wo war es?
Sie betrachtete den Zauberstab in ihrer linken Hand. Es war eine mächtige Zauberwaffe, die nicht jeder Zauberer benutzen konnte. Sopherus musste mächtig gewesen sein. Doch warum dann hatten sie gegeneinander gekämpft? Er gehörte zu den guten Zauberern dieser Welt, sie konnte seine blaue Aura, die ihn im Kampf umgeben hatte, nicht ignorieren. Bedeutete es, dass sie selbst zu dem Bösen gehörte? Würde dies ihr Hass und ihre Wut gegen den alten Mann erklären, als sie ihn damals wieder erkannte? Aber sie selbst besaß weder die blaue noch die rote Aura. Sie gehörte weder zu dem einen noch zu dem anderen. Ihre Aura war vergoldet. Sie gehörte also nicht zum Bösen, sonst hätte der Rabe sie durchgelassen und nicht angegriffen. Doch als sie ihn in eine weiße Taube verzaubert hatte, war das nicht Beweis für gute Magie? War die weiße Taube nicht eins der vielen Symbole für das Gute, für den Frieden? Doch wenn sie Hass verspüren konnte, wie konnte sie dann gut sein?
Sie saß auf der Spitze eines hohen Berges und betrachtete abwesend den Sonnenuntergang. Eine kühle Brise ließ sie ein wenig frösteln. All diese Fragen ließen ihr kaum Ruhe. Sie schlief kaum mehr als 3 Stunden pro Nacht, ohne dass sie von Albträumen schreiend aufwachte.
Ein alter, blinder Mann saß kniend auf dem Boden einer Seelenverlassenen Stadt. Er war alleine und schien zu weinen. Der alte Mann war einst ein mächtiger und weiser Zauberer gewesen, der stets für das Gerechte kämpfte. Er hieß Sopherus und war blind. Seine Kraft wurde ihm geraubt, und er verlor langsam sein Gedächtnis. Diese Welt fraß sich langsam durch seinen Kopf und Knochen und saugte alles an Kraft und Leben aus ihm heraus. Bald würde er alles vergessen haben, und bald würde er zusammenbrechen und sterben. Doch der alte Mann wollte nicht aufgeben. Er kroch vor sich hin, ins Leere, tastete den Boden ab, nach irgendetwas suchend. Und tatsächlich stieß er auf etwas. Er nahm es in seine zitternden Händen und untersuchte es mit seinen wund gewordenen Fingern. Es war ein Buch. Er klappte es auf und berührte die erste Seite. Er konnte nichts außer einer eingeritzten Überschrift ablesen: “Marions Tagebuch.“
Sie wachte mit einem kurzen Aufschrei schwitzend auf. Es dauerte ein paar Sekunden, bevor sie wieder völlig bei Sinnen war, und wusste, wo sie lag. Sie hatte gehofft, dass ihre Träume als Mensch durch ihre Wiederkehr in ihre Welt und Dimension vergehen würden. Doch das taten sie nicht. Sie waren noch schlimmer geworden. Sie stand auf und ging ein paar Schritte auf die Klippe des Felsen zu. Von dort aus hatte sie die Übersicht über die unendliche Weite des Landes. Alles lag so fern von ihr, aber auch gleichzeitig so nah. Die Sonne ging gerade auf und erstrahlte die Landschaft mit ihrer goldenen Farbe.
“Es ist alles so anders als die andere Welt. Die Farben, die Gerüche und Geräusche, alles, alles ist hier viel intensiver und mächtiger,“ dachte sie abwesend.Ein Rascheln im Gebüsch hinter ihr ließ sie zusammenzucken. Sie drehte sich schnell wie ein Blitz um, und blickte in die Augen eines nackten Kindes. Es war ungefähr ein 10 Jahre alter Junge, der knapp 1 m groß war. Sein Körper war dünn und mit Kratzern übersät. Seine braunen Haare waren lang und verknotet. Er lächelte sie freundlich an
„Guten morgen Shesaya! Endlich habe ich dich gefunden!“ Und er ging mit ausgestreckter Hand auf sie zu. Sie ging einen Schritt zurück. Sie wusste nicht recht, was sie erwidern sollte. Sie war überrascht, ein Kind hier zu finden. Er nahm ihre Hand und immer noch lächelnd führte er sie in Wald hinein. Sie folgte ihm fassungslos.
„Wer bist du?“ fragte sie endlich, während sie einem engen Pfad nach Süden folgten.
„Mein Name ist Ribo, ich lebe hier!“
„Wohin führst du mich, und warum hast du mich gesucht?“ Er grinste sie an.
„Ich bringe meine Herrin zu ihrer Burg zurück!“
„Zu meiner Burg? Herrin? Kennen wir uns denn?“
Er kicherte. Sie war nun völlig verwirrt.
„Aber gewiss kennen wir uns doch! Hat meine Herrin denn alles vergessen?“ Shesaya antwortete nicht. Er sah sie amüsiert an und blieb stehen.
„Ich bin ihr treuster und bester Diener!“ erklärte er stolz und verbeugte sich tief.
„Ich habe ein Kind als Diener? Ein Kind?!“ murmelte sie ungläubig, ohne dass Ribo es hören konnte.
„Gehen wir weiter, meine Herrin. Es ist nicht mehr sehr weit und Ihr habt bestimmt Hunger!“ Nachdenklich folgte sie ihm. Etwas weckte ihr Misstrauen. Sie bemerkte auf seinem Nacken ein mysteriöses Zeichen tätowiert. Es stellte ein Dreieck mit an jeder seiner drei Seiten ein Horn dar. Dieses Zeichen war ihr bekannt, aber sie konnte sich nicht mehr an seine Bedeutung erinnern. Trotzdem folgte sie ihm, denn es war vielleicht die einzige Möglichkeit herauszufinden, wer sie war.
Den ganzen weiteren Weg sprachen sie nicht mehr miteinander, bis sie endlich vor einem großen Tor einer imposanten Burg standen.
„Hier sind wir angekommen, Herrin, Euer Zuhause!“
Shesaya sah sich das mächtige Gebäude an. Es sah düster und kalt aus. Der mittlere Turm erhob sich bis knapp unter den Wolken.
„In so etwas habe ich gelebt?“ dachte sie überrascht und gleichzeitig ein wenig enttäuscht.
Sie gingen rein. Ribo führte sie in eine große, dunkle Halle, in der am anderen Ende ein vergoldeter Thron stand. Die Halle hatte nur ein einziges Fenster, welches sich 10 m über dem Thron befand. Die Wände aus Stein waren kahl, ungeschmückt und sehr hoch.
„Dies ist Euer Thron, meine Herrin! Und Ihr habt einen Gast! Aber lasst Euch Zeit, um Eure Gemächer und Säle zu besuchen. Wir haben alles so gelassen, wie Ihr es verlassen habt, als Ihr....als Ihr verraten wurdet!“ erklärte er etwas zögernd.
„Verraten?“ dachte sie erschrocken „ich wurde verraten?“ Ribo verließ sie mit einem tiefen Beugen. Doch er schien erleichtert zu sein, sie endlich zu verlassen. Shesaya ging auf den Thron zu und betrachtete ihn skeptisch. Auf der linken Lehne war wie auf Ribos Nacken dieses Zeichen eingraviert. Sie berührte es mit ihren Fingerspitzen und zog die Hand sofort zurück, als ob sie sich verbrannt hätte. Ihr Herz klopfte wild in ihrer Brust.
„Dieses Zeichen...“ murmelte sie. Und dann erinnerte sie sich plötzlich. Doch bevor sie ihre Gedanken zusammenfügen konnte, fühlte sie einen Windzug hinter sich. Sie sprang erschrocken auf den Thron hoch und drehte sich um, den Zauberstab bereit in ihrer rechten Hand.
„Nun, nun, nun!“ lachte das Wesen vor ihr. „Jetzt sitzt du nicht nur auf deinem Thron, sondern stehst! Das freut mich! Willkommen zu Hause, meine Tochter!“
Mit geöffneten Armen ging dieser Engel auf sie zu. Es hatte die Erscheinung eines 35 Jährigen, männliches Wesen, mit gepflegtem Aussehen. Seine schulterlangen Haare waren aus Gold, und waren nach hinten gekämmt. Seine Augen waren silbrig. Er trug einen kurz gestutzten Bart. Er war so groß wie sie, seine Flügel waren aber schwarz. Als sie ihn sah, verstand Shesaya auf einmal alles. Sie ließ sich aber nicht umarmen und hielt mit der zweiten Hand den Stab quer vor sich, - als Schutz. Der Engel blieb stehen und sah ihr lächelnd zu.
„Oh, du erkennst mich nicht mehr wegen meiner Gestalt?!“
„Du erschienst mir anders. Als Engel habe ich dich nie gesehen.“ erwiderte Shesaya verwirrt. Er lachte
„Mein Kind, wusstest du nicht, dass ich ein Engel bin? Seltsam, ich dachte immer, du wüsstest es. Als deine Mutter und ich uns vereinten, um dich zu zeugen, und als sie mich anschließend von ihrer Seite und von ihrer unendlichen Liebe abstieß, mich wie ein Stück Dreck wegwarf, da habe ich meine wahre Erscheinung abgelegt. Der Hass, die Einsamkeit und die Wut ließen mich zu dem werden, der ich heute bin. Aber das weißt du sicherlich.“ Er sah sie amüsiert an. Doch etwas in seiner Stimme klang zutiefst verbittert.
„Meine Mutter... ich weiß nicht einmal mehr, wie sie aussieht. Meine Mutter gewiss hatte ihre Gründe dich zu vertreiben!“
„Ach ja?! War ihr Grund nicht einfach mich von der Macht fern zu halten? Sie hielt nicht viel vom Teilen, ist das nicht ironisch? Woanders verlangt sie nach Gerechtigkeit und Liebe, für das Teilen, Großzügigkeit, um es so zu nennen, doch wenn es um sie selbst geht, tja, das ist was ganz anderes! Sie wollte alles nur für sich alleine haben! Ich habe nicht viel verlangt, nur Anerkennung. Doch diese wollte sie mir nicht gönnen. Ihre Worte waren, dass sie mich nur brauchte, um dich zu schaffen und ihr nichts anderes bedeutete. Sie hätte ebenso gut irgendeinen anderen Engel nehmen können! Das sagte sie zu mir, - ich, Lucifer,der ihr immer am treuesten gewesen war, treuer als manch anderer. Ich will dir etwas sagen über deine Mutter, sie ist geizig und kaltherzig. Ihre Liebe ist nur Betrug! Ich habe es ihr aber heimgezahlt. Sie hat mich unterschätzt. Sie hätte niemals gedacht, ich könnte einen Krieg auslösen. Ich habe es getan und der Krieg der Engel dauerte lange an. Nun vielleicht war das Ende nicht dieser, den ich mir erwünscht hatte, doch ich gründete dafür meinen eigenen Reich, und bin selbst der Schöpfer meiner Engeln. Ich kann viel mehr geben als sie, ich habe viel mehr anzubieten! Ich teile, was ich habe, und sehe jedes Wesen als gleichberechtigt. Und was dich angeht, ich hätte dir niemals diese Aufgabe allein überlassen! Es war eine harte, grausame und auf Einsamkeit beruhende Arbeit, die du erledigen musstest, und das wusste sie! Ich weiß, wovon ich spreche, wenn es um Einsamkeit geht! Ihr eigenes Kind ins Verderben zu schicken kann wohl kaum ein Zeichen von Liebe sein! Ich, als dein Vater, habe dich davor gerettet! Und deine Dankbarkeit war groß, damals! Ich habe mich um dich gekümmert, dich gepflegt, dir Freunde verschafft. Freunde, Shesaya! Etwas, was du niemals haben durftest! Durch mich hast du dich entfalten können, wie ein Schmetterling seine wundervollen Flügel nach dem Schlüpfen entfaltet. Du bist zum ersten Mal zum Leben erweckt worden! Als Antwort schickte sie dir einen mächtigen Gegner und ihre Verbündeten, um dich zu besiegen, um dich zu töten, deine eigene Mutter! Ich konnte nichts tun. Durch eine List haben sie dich besiegt und zu einem qualvollen Exil verurteilt. Ich habe dich gerächt und den Magier ebenfalls dahin geschickt, wo du warst. Ich allein habe dich von deiner Qual befreit und dich wieder zu uns gebracht! Du hast mir viel zu verdanken, mein Kind!“ Seine Augen funkelten wild vor Hass und Wut.
„Diese Macht oder diese Anerkennung, die du verlangtest, stand nur ihr zur Verfügung. Sie konnte sie nicht teilen. Zwei Götter sind einem Gott zuviel! Warum sie dich wegstieß, weiß ich nicht, ich kenne ihre Gründe nicht, aber ich bin überzeugt, sie hat für das Wohl unserer beiden Welten gehandelt. Die Vereinigung geschah durch freien Willen, vergiss es nicht, du wusstest, worauf du dich einließt! Dieser Krieg war nur wegen deiner Gier ausgelöst worden und hat enorm viel Schaden angerichtet, auf beiden Welten. Einst gab es so viele Engel wie es auf der Erde Menschen gab. Heute sind wir nur noch zwei. Warum sieht diese Welt jetzt so verwüstet aus? Warum hassen mich alle oder haben Angst vor mir, wenn sie mich sehen? Ich habe selbst unrecht getan, das spüre ich deutlich. Diese Welt hat mich aus einem bestimmten Grund bekämpft. Warum Vater? Kannst du mir das sagen?“
Er hielt eine Sekunde inne und schien verkrampft mit sich selbst zu kämpfen. Doch dann ließ er die Spannung los und fing zu lachen an.
„Wie auch immer, dies ist nicht unser Streit, meine Tochter! Lass uns über die Zukunft reden und nicht über die Vergangenheit! Du scheinst ja deine wieder gefunden zu haben!“
„Nein, ich weiß nur, woher ich stamme, und wer meine Eltern sind! Das Zeichen hat mich aufgeklärt. Es ist meines. Das Dreieck steht für das Gute und die Hörner für das Böse. Beides zusammen gefügt ergibt ... mich!“ Der Teufel grinste.
“Du bist so schlau und schön wie deine Mutter!“ stellte er fest. „Nun, willst du mir nicht danken, dich befreit zu haben?“ Shesaya sah ihn kalt an.
„Du warst es also, die ganze Zeit! All diese Albträume, die ich hatte. Und du hast mich zu Sopherus gebracht!“ Er lachte wieder
„Ja, Shesaya, ich war es. Deine Mutter hätte sich nicht so viel Mühe gegeben. Ich war so wütend, als ich von deinem Schicksal erfuhr, dass ich unseren Feind solange verfolgte bis ich ihn fand und ihn das gleiche Schicksal kosten ließ. Allein durch Träume konnte ich dich in der anderen Welt erreichen und dich an deine wahre Identität erinnern, und ich habe dich zu diesem Verdammten geführt. Jemand musste ja auf dich aufpassen! Deine Mutter hat sich nicht um dich gesorgt! Ich verdiene ein Lob von dir, nachdem ich mir solch eine große Mühe gemacht habe. Nun, was sagst du? Ich bin überzeugt, da jetzt der Zauberer vermutlich tot ist, da du ihn wohl wie ich sehe besiegt hast, und der blaue Drache auch im Sterben liegt, wird uns nichts mehr aufhalten, um auf beiden Welten zu herrschen! Deine Mutter kann sich nicht mit uns beiden anlegen, geschweige denn mit überhaupt einem von uns. Ich spüre wie kräftig du geworden bist! Es ist erstaunlich! Du bist sogar stärker als ich geworden, während all dieser Jahre. Meine Liebe, wir werden uns köstlich amüsieren!“
„Dies ist also dein Plan, Vater, deshalb hast du mich wieder hierher gebracht?!“
„Ja, mein Liebstes, dies war es schon immer! Du und ich vereint, um über die ganzen Dimensionen zu herrschen!“ Shesaya schloss für kurze Zeit die Augen und überlegte.
„Ich habe eine Frage, Vater! Als ich dem Magier zum letzten Mal begegnet bin, während des Kampfes, verspürte ich einen so großen Hass auf mich, obwohl ich ihm niemals zuvor begegnet bin. Warum hat mich Sopherus so gehasst?“ Der Teufel betrachtete sie erstaunt
„Sopherus? Er hasste dich, weil du seinen einzigen Sohn ermordet hast!“ Er grinste sie an. „Zumindest dachte er das!“
„Er dachte es? Soll das heißen, sein Sohn ist noch am Leben?“
Der Teufel lachte und zeigte auf einen mit einem Tuch bedeckten Käfig neben dem Thron. Sie hob das Tuch an und sah das Wesen, das darin gefangen war.
„Das erklärt also seine Wut und seinen Hass gegen mich!“ sagte sie traurig zu sich selbst. Der Junge sah sie verängstigt an. Sie legte das Tuch wieder auf den Käfig. Sie spürte Wut in ihr aufkochen. Sie wandte sich wieder ihrem Vater zu. Sie schwieg eine Weile.
„Und was ist mit dem blauen Drachen? Er war es, der mich von hinten angriff, während des Kampfes mit Sopherus, nicht wahr?“ fragte sie.
„Ja, er war es, und liegt jetzt im Sterben. Ich habe dafür gesorgt, dass er zu leiden hat!“
„Wie?“
„Dein Schwert sitzt tief in seinem Herzen. Schon bald wird ihm die Kraft ausgehen, sich am Leben zu halten, ihn und diese öde Welt! Wenn er gestorben ist, werden wir diejenigen sein, die diese Welt neu gestalten werden. Du und ich, meine Tochter! Ist das nicht wunderbar?!“ Shesaya hatte genug gehört. Sie schloss die Augen und breitete ihre Schwingen aus. Es entstand eine mächtige Energiewelle, die ihren Vater wie Papier im Wind fünf Meter weit wegstieß.
Eine Träne lief ihr übers Gesicht. In ihrem Fall erstarrte diese zu Eis und zersplitterte in Millionen Funken auf dem Boden.
„Nun, Vater, ich habe dich geduldig angehört. Damals war ich zu schwach, um mich gegen dich zu weheren, ich ließ mich sehr leicht von dir beeinflussen, nicht wahr? Du hast mit mir gespielt, mich ausgenutzt, mich belogen! Und ich habe dafür bezahlt. Doch wenn du denkst, du kannst es noch mal schaffen, dann irrst du dich gewaltig! Wisse, Vater, dass ich nicht mehr dieselbe bin. Deinen gierigen Wunsch über alle Welten zu herrschen, langweilt und irritiert mich! Du wirst niemals über etwas anderem herrschen als deine eigene Hölle! Dafür werde ich sorgen! Meine Kraft ist gewachsen, und ich könnte dich mit einem Flügelschlag ins Jenseits schicken! Zwing mich nicht dazu. Kehre in deine Höhle zurück und wage es nie mehr vor meinen Augen zu erscheinen!“ bebte ihre Stimme durch die ganze Burg. Der Teufel sah sie verblüfft an, doch bewegte sich nicht von der Stelle.
„Du wagst es, gegen mich zu treten, Shesaya? Du wagst es, mir zu drohen? Deinem Vater?!“ kreischte er wütend, doch gleichzeitig etwas unsicher.
Shesaya hob die Hand hoch und mit dem Zeigefinger schickte sie einen grellen Strahl zu ihrem Vater. Er konnte trotz aller Bemühungen die Attacke nicht abwehren und wurde vom Licht verschlungen. Er brüllte wild auf. Das Licht umschloss ihn und trug ihn in die Höhe. Und wie ein Schuss sauste es durch das einzige kleine Fenster hinaus ins Freie und verschwand am Horizont. Erleichtert und erschöpft sank Shesaya auf ihren vergoldeten Sitz und ließ den Zauberstab fallen. Tränen flossen über ihr Gesicht.
„Herrin, Herrin, bitte nicht weinen!“ versuchte Ribo sie zu trösten, als er wieder erschien. Ribo war aber nicht mehr der kleine, nackte Junge. Er hatte seine wahre Form angenommen. Er war ein Fledermaustroll. Shesaya war aber kaum überrascht, das festzustellen.
„Geh, Ribo, du bist frei, so wie alle anderen Wesen hier, die ich gefangen hielt und zu meinen Sklaven gemacht habe. Sag es weiter und geht! Das Zeichen wird für immer verschwinden!“ Ribo sah sie mit leuchtenden Augen an.
„Meine Herrin, ich danke vielmals! Grosse Herrin, Ihr seid so gut! Ich werde es allen weitersagen, aber ich werde meine Herrin nicht verlassen. Ich mag Euch, und bleibe meiner Herrin treu!“ Shesaya sah ihn müde an. Sie hatte keine Kraft mehr zu widersprechen. Er verschwand wieder. Kurz darauf hörte man ein Jubeln durch die ganze Burg ertönen. Shesaya hob wieder das Tuch vom Käfig und warf es zu Boden. Sie öffnete den Käfig und nahm sanft das erschrockene Wesen in die Hand. Sie legte ihn zu Boden und sprach einen Zauberspruch aus. Der Junge fing plötzlich an zu wachsen und nahm wieder seine normale Gestalt an, die eines erwachsenen, jungen Mannes. Er selbst konnte es kaum glauben und tastete an sich herunter, drehte sich um. Doch er riss sich wieder zusammen, als er Shesaya ansah.
„Sag mir deinen Namen, Sohn von Sopherus!“ bat sie ihn.
„Mein Name ist Taleysion“ erwiderte er scheu. Sie lächelte ein wenig und sank vor ihm auf die Knie.
„Taleysion, Sohn von Sopherus, dem mächtigen Zauberer, ich bitte dich um Verzeihung, für all das Leid, das ich dir und deinem Vater bereitet habe.“
Taleysion wusste nicht recht, was er machen sollte. Er sah auf sie herab und fragte sein Herz.
„Du hast mir und meinem Vater großes Leid angetan, Shesaya. Ich kann dir nicht so schnell verzeihen. Aber ich will mich bemühen es zu versuchen.“ Es war das erste Mal, dass er sich so weise und stark vorkam. Er war stolz. Shesaya stand wieder auf.
„Nun, ich danke dir, Taleysion! Auch du bist frei und kannst gehen, wohin es dir gefällt.“ Dies ließ er sich nicht zweimal bitten und rannte aus der Halle hinaus ins Freie. Shesaya seufzte und hob den Zauberstab wieder auf.
Fast wäre es zu spät gewesen. Fast hätte er aufgegeben. Er wusste nicht einmal, warum er gegen das Einschlafen kämpfte. Es wäre doch alles viel einfacher. Nicht mehr diesen Schmerz zu fühlen, nicht mehr sich zu sorgen, keinen Kampf mehr. Er würde ja sogar seinen geliebten Sohn wieder sehen. Taleysion, seinen einzigen Sohn. Er würde ihm folgen und könnte ihn wieder in seine Arme schließen. Warum fürchtete er den Tod und wehrte sich noch dagegen? Er würde auch Taleysion Mutter sehen, eine schöne und weise Elbenfrau, die ihrem Sohn all ihre Schönheit gegeben hatte. Leider starb sie bei seiner Geburt. Es war ein großes Leid und Schmerz gewesen, sie zu verlieren, denn er hatte sie über alles geliebt.
Sopherus war erschöpft. Er hielt fest gegen sich das Buch gepresst. Marions Tagebuch. Es war das letzte, was er noch besaß. Er saß auf dem Boden gegen eine Wand gelehnt und wartete auf den Tod. Er war jetzt zu schwach, um gegen den Schlaf anzukämpfen. Er seufzte tief und wollte aufgeben. Doch dann spürte er plötzlich ein warmes Licht. Er spürte die Wärme ihn umhüllen und seinen steifen Körper schmelzen. Er konnte aber nichts sehen. Er öffnete den Mund, um zu staunen. Woher kam es? Woher kam diese Energie? Er nahm plötzlich Schritte wahr, die auf ihn zukamen. Eine Person näherte sich ihm. Aber wer war es? Niemand konnte ihn mehr hier erreichen und retten. War er schon tot? War dies wirklich der Tod? Die Schritte hielten an. Die Person musste jetzt ganz nah bei ihm sein. Er hörte eine Atmung. Er wollte was sagen, aber ihm blieb die Stimme weg. Er hob seine beiden zitternden Hände und versuchte diese Person zu berühren. Doch sie war zu weit weg.
Shesaya betrachtete traurig den alten Mann, der vor ihr lag und kaum noch ein Wort aussprechen konnte, so sehr zitterte er. In ihren Händen hielt sie die zwei Diamanten, die seine Augen verschlossen, und an ihrem Rücken war der Zauberstab festgebunden. Sie schloss ihre Hände um die Diamanten und grelle Strahlen erstrahlten aus ihrem Griff. Als sie die Hände wieder öffnete, lagen die Augen des Zauberers wieder frei. Sie kniete sich nieder vor dem alten Mann. Er hörte die Person vor ihm niederknien. Er spürte wie die Wärme, die dieses Wesen ausstrahlte, intensiver wurde und ihn umschlang. Es war angenehm und gab ihm wieder Kraft.
Es nahm ihm jegliche Angst. Sein altes Herz beruhigte sich. Die Qualen sind jetzt endlich vorbei, dachte er erleichtert. Und dann geschah es. Er spürte, wie zwei Hände sich vor seine Augenhöhlen legten und plötzlich wie Feuer brannten. Er schrie auf, doch der Schmerz ließ sofort nach, und die Hände entfernten sich von seinem Gesicht. Verwirrt tastete er seinen Kopf ab. Seine Augen...
Er spürte, wie langsam seine Magie zu ihm zurückkehrte und bald konnte er, zwar noch verschwommen, wieder seine Umgebung wahrnehmen. Die Gestalt vor ihm erhob sich wieder und griff nach einem langen, dünnen Gegenstand an ihrem Rücken.
„Steh auf, Zauberer! Deine Qual ist vorbei!“ ertönte eine mächtige weibliche Stimme.
Sopherus gehorchte fassungslos. Er kannte die Stimme nur allzu gut. Als er endlich auf seinen schwachen Beinen stand, spürte er wieder dieselbe Hand sich
auf seine Stirn legen, und wieder strahlte in ihm frische Energie. Er zuckte zusammen. Er fühlte sich auf einmal wieder stark. Diese Energie baute ihn wieder auf, gab ihm seine Kraft zurück, und als sich die Hand des Engels zurückzog blickte er auf. Vor ihm stand Shesaya, mächtig wie noch nie. Sein Zauberstab lag in ihrer linken Hand. Sie sah ihn mit einem scharfen Blick an und lächelte. Er glaubte, wieder die alte Shesaya zu sehen, bevor ihr Vater sie manipuliert hatte. Doch es war nur für einen Augenblick, denn kurz darauf brach diese Erscheinung von Kraft und Mut unter Erschöpfung und Leid zusammen. Sie schien sich mehr auf seinem Zauberstab zu stützen als ihn zu tragen.
„Sopherus“ sagte sie und ging einen Schritt auf ihn zu. All die Macht, die in ihrer Stimme gelegen hatte, war verschwunden. Ihre Worte klangen kraftlos, schwach und traurig. Sie reichte ihm den Zauberstab.
„Nimm dein Eigenes wieder an dich und kehre eilig in unsere Welt zurück. Sie muss gerettet werden.“ Sopherus nahm den Zauberstab und betrachtete sie schweigend. Und bevor er etwas erwidern konnte, brach Shesaya vor ihm zusammen und fiel bewusstlos zu Boden.
„Dafür bin ich nicht zuständig, mein Kind“ flüsterte er kopfschüttelnd.
Als Shesaya wieder zu sich kam, befand sie sich wieder in ihrer Burg. Sie lag auf einem breiten Bett. Im Kamin war ein Feuer angezündet worden, um das Zimmer zu wärmen. Ihr war schwindelig und ihr Kopf pochte schmerzhaft. Sie stöhnte auf, als sie sich aufsetzte.
„Herrin, Herrin, Ihr müsst Euch wieder hinlegen. Ihr seid zu schwach!“ eilte Ribo besorgt zu ihr herüber. Shesaya sah ihn unglücklich an, und legte sich wieder hin.
„Was...was ist passiert? Warum bin ich hier?“ fragte sie.
„Herrin, der große Zauberer Sopherus hat Euch wieder hierher gebracht. Er sagte, meine Herrin bräuchte dringend Ruhe. Ihr ward bewusstlos für eine lange Zeit.“ Shesaya schloss wieder die Augen.
„Wie lange?“
„Drei Tage, meine Herrin! Sopherus war die ganze Zeit da und hat meine Herrin überwacht.“
„Sopherus ist hier geblieben? Die ganze Zeit? Wo ist er jetzt?“ Sie setzte sich auf.
„Meine Herrin, bleibt liegen! Er ist noch hier und ruht sich im Gästezimmer aus.“
Shesaya seufzte und legte sich wieder hin.
„Danke!“
„Meine Herrin, zu Euren Diensten!“ verbeugte sich Ribo.
„Kannst du mir einen Gefallen tun?“
„Ja, meine Herrin?“
„Nenn mich bitte von nun an bei meinem Namen und nicht mehr Herrin!“ Er verbeugte sich wieder und grinste fröhlich
„Aber sicher! Shesaya!“ Sie lächelte schwach und schloss die Augen.
Schreiend und schweißgebadet wachte sie ein paar Stunden später wieder auf. Immer noch in ihrem Albtraum gefangen, blickte sie in das Gesicht des Zauberers und erschrak noch mehr. Sie versuchte sich zu wehren, sich zu beschützen, denn er wollte sie angreifen! Doch er hielt sie fest und schüttelte sie, immer wieder ihren Namen rufend. Langsam beruhigte sie sich und schloss wieder die Augen.
„Was passiert mit mir? Was ist mit mir los? All diese Albträume...,“ flüsterte sie erschöpft.
„Ich weiß es nicht, Shesaya. Vielleicht ist es wieder dein Vater, der versucht, dich innerlich zu schwächen!“ antwortete Sopherus. „Durch deine Träume hatte er es ja schon einmal geschafft, dich zu beeinflussen.“
„Woher weißt du das?“ sie sah ihn prüfend an
„Es wäre nicht das erste Mal, dass er sowas tut.“ Sie richtete sich mit großer Mühe auf und schien zu überlegen. Schließlich sprach sie leise:
„Sopherus, ich weiß nicht mehr, wer ich bin, wer ich war, und was ich alles angerichtet habe. Ich habe alles vergessen, was damals geschah. Sag mir, was ich tat, ich bitte dich!“. Ihr liefen die Tränen übers Gesicht.
„Dies wird eine lange Geschichte werden, und ich weiß nicht, ob ich sie dir in deinem Zustand erzählen soll“ antwortete er ruhig. Es blieb eine lange Minute still. Sie schwiegen.
„Da...da gibt es etwas, was ich dir zurückgeben möchte, Sopherus. Etwas, was ich dir vor langer Zeit nahm.“ Sopherus sah sie überrascht an. Sein Gesicht verdunkelte sich aber rasch.
„Du hast mir einst etwas weggenommen, das mir alles bedeutete. Du kannst es mir nicht mehr zurückgeben!“ erwiderte er kalt
„Doch, Sopherus, ich kann es. Er ist am Leben “
„Nein! Ich habe ihn selbst sterben sehen!“ Seine Stimme war erstaunlich ruhig. Shesaya seufzte.
„Geh nach Hause, alter Mann und überprüfe es selbst!“ Sopherus lehnte sich zurück und spielte abwesend mit seinem weißen Bart, als hätte er nichts gehört. Doch in seinen Augen leuchtete wieder ein Licht, das vor langer Zeit erloschen war.
„Mein Sohn?“ murmelte er
„Geh nach Hause, Sopherus, und finde deinen Sohn.“ Sie sah ihn lange an und wartete auf eine Reaktion. Doch er reagierte nicht. Er spielte mit seinem Bart und schien in einer anderen Welt zu sein. Shesaya seufzte und blickte zur Decke hoch. Sie wusste nicht mehr, was sie sagen sollte. Endlich stand er auf und ging zur Tür. Ohne einen weiteres Wort zu sagen, verließ er die Burg und verschwand.
Es vergingen mehrere Tage. Shesaya war wieder zu Kräften gekommen. Sie hatte jedoch kein Wort mehr gesprochen, seitdem Sopherus gegangen war. Sie saß schweigend auf ihrem Thron und dachte nach. Ribo konnte ihr nur wenig über ihre Vergangenheit erzählen. Ihre Welt stand kurz darauf, zerstört zu werden. Und was blieb über? Konnte sie nichts dagegen tun? Ribo erzählte ihr, dass ihre Welt nur existieren konnte, weil der blaue Drache über sie wachte. Doch dieser lag im Sterben, und nun zerfiel alles zu Staub und Asche. Sie musste eine Entscheidung treffen, und zwar schnell. Aber dies fiel ihr nicht schwer. Es war ihr klar, was sie machen musste. Sie hatte ihre Fehler wieder gut zu machen, so sah es aus. Da gab es keine andere Wahl.
Zwei Tage später machte sie sich auf den Weg, ohne zu wissen, in welche Richtung sie fliegen sollte. Der blaue Drache war gut versteckt, und sich ihm zu nähern würde nicht leicht werden, denn ein verwundetes Tier ist am gefährlichsten. Doch so ein riesiges Tier konnte sich nicht in einem Mauseloch verstecken. Sie musste ihn finden. Sie überflog unzählige Wälder und Flüsse, doch es gab kein Zeichen von einem Drachen. Sie landete an einem Fluss und trank ein wenig. Sie war erschöpft von der Reise und es dämmerte bereits. Sie ruhte sich eine Weile auf einem Baum aus, und nach wenigen Stunden machte sie sich wieder auf den Weg.
Drei Tage war sie schon unterwegs. Sie hatte keine einzige Nacht geschlafen. Hungrig und durstig landete sie schließlich am Ufer eines Sees. Der Mond spiegelte sich auf der Oberfläche des ruhigen Wasserlaufes wieder. Es blies ein leichter Wind, der ihr Frische und Abkühlung brachte, denn es wurde immer heißer.
Im Mondlicht entkleidete sich Shesaya und ging ins Wasser, um den Schmutz von der Reise von ihrem Körper und ihren Flügeln wegzuwaschen. Als sie keinen Fuß mehr fassen konnte, tauchte sie unter und verschwand von der Wasseroberfläche.
Eine Sage erzählte von einem friedlichen Volk, das in den tiefsten Gewässern dieser Welt lebte. Früher hatten sie wie alle anderen Lebewesen auf der Erde gelebt. Ein junger Mann dieses Volkes stahl einst einem See eine Perle und wollte es seiner Geliebten schenken. Die Seele des Sees befand sich aber in dieser Perle. Und als die Perle am Hals der Geliebten hing, verschmolzen die Seele des Sees und die Seele der Jungfrau. Es legte sich ein Fluch auf dieses Volk. Die Wesen vertrugen kein Licht und keine Geräusche mehr. Die Luft wurde Gift für sie, und daher zogen sie sich in die Gewässer zurück, wo kein Licht, keine Luft und keine Geräusche mehr zu ihr durchdringen konnten, wo sie dann für immer lebten... Sie paarten sich mit den Walen und bald wandelten sich ihre Beine zu Flossen, und sie atmeten wie Fische. So kehrte die Seele des Sees als Jungfrau wieder zurück Shesaya lächelte, als sie sich an diese Geschichte erinnerte. Im Wasser herrschte vollkommene Stille, und es war dunkel. Wie konnte ein Lebewesen hier leben?
Sie tauchte wieder auf und atmete tief Luft ein. Doch es blieb ihr keine Zeit, um einen zweiten Luftzug einzuatmen, denn es raste auf sie plötzlich eine enorme Feuerkugel zu. Sie tauchte so schnell und so tief sie konnte wieder unter und wich der ins Wasser eindringenden Attacke rechtzeitig aus. Die Wasseroberfläche brannte und Licht erhellte die Tiefe des Sees. Überrascht von diesem unangekündigten Angriff, schwamm Shesaya zur anderen Seite des Sees. Doch wieder prallte eine Feuerkugel vor ihr ins Wasser und versperrte ihr den Weg. Langsam wurde die Luft knapp. Sie musste bald wieder an die Oberfläche, sonst würde sie ertrinken. Sie tauchte noch tiefer unter, bis sie am Seeboden ankam. Sie sammelte all ihre Kraft und ließ ihre Attacke nach oben los. Dies war ein Schuss ins Leere, das wusste sie. Aber dadurch würde sie Ablenkung verschaffen und konnte dann entkommen. Es gelang ihr auch. Eine riesige Wassermenge wurde nach oben gefordert und schoss bis zu 10 m in die Höhe. Durch den Strom ließ sich Shesaya hochziehen und flog aus dem Wasser heraus. Das Wasser fiel wieder in den See zurück, und es entstanden mächtige Wellen, die bis an den Waldrand kamen und das Ufer überfluteten. Außer Atem blickte sie ins Gesicht eines riesigen schwarzen Drachen. Er war 50-mal größer als sie und flog auf der Stelle. Seine gelben Augen musterten sie amüsiert.
„Du bist also Shesaya!“ grollte seine Stimme. Aus seinem Maul qualmte Rauch von den Feuerkugeln.
„Und du bist?“ fragte Shesaya wütend
„Nenn mich Vedrax“ schmunzelte er. Und aus seinem Maul schoss eine Feuerkugel heraus und raste wieder auf sie zu. Sie hob die Hand und entgegnete seiner Attacke mit einem Lichtstrahl, der die Kugel zerstörte. Es regnete Feuer vom Himmel.
„Wo ist denn dein Schwert, Shesaya?!“ grinste der Drache.
„Sag du es mir!“ erwiderte sie und rief einen Blitz herbei. Doch Vedrax wich lachend aus.
„Oh, ich weiß, wo er ist. Aber ich sage es dir nicht! Denn ohne ihn bist du viel leichter zu töten!“
Er spuckte Feuer aus. Sie schützte sich mit einem Zauberspruch, welches einen Schild erschienen ließ.
„Und warum willst du mich töten?“
„Dein Vater hat es mir befohlen!“ Und wieder spuckte er Feuer aus. Langsam fing das Schild zu schmelzen an.
„Mein Vater ist ein Narr. Er selbst kann mich nicht töten, weil er zu schwach ist. Warum solltest du es dann hinbekommen?!“
„Weil auf mich keine Zaubersprüche wirken!“ Aus seinen Augen schoss plötzlich ein roter Strahl, den sie nicht abwehren konnte und der sie traf. Sie schrie vor Schmerzen auf. Sie konnte sich plötzlich nicht mehr bewegen. Sie war vom Strahl gelähmt und spürte, wie ihre Kraft entwich. Er streckte seine Zunge aus, die aus Hunderten lebenden Schlangen bestand, und griff nach ihr. Es legten sich um ihren Hals, um ihre Hände und Beine brennende Fesseln, die sie bissen, und Gift in sie spritzten. Sie stöhnte vor Schmerz auf. Sie erstickte fast und drohte in Ohnmacht zu fallen. Er zog ihren Körper langsam zu seinem Maul hin. Ihr wurde schwindelig und kalt. Sie spürte ihren Körper nicht mehr. Sie wurde von einem grellen Licht geblendet und verlor das Bewusstsein. Sie fiel und fiel und fiel in die unendliche, kalte Dunkelheit. Der Drache heulte vor Schmerz auf und ließ sein Opfer los. Shesaya fiel wieder ins Wasser und versank regungslos. Er konnte nichts mehr sehen. Er wurde von diesen Lichtern geblendet. Sie schwirrten um ihn herum. Er konnte sich nicht wehren, weil sie zu viele und zu klein waren. Er spuckte Feuer um sich, doch traf nur das Leere. Überall auf seinem Körper fühlte er Stiche und Verbrennungen, und bald hielt er es nicht mehr aus und floh mit einem lauten wütenden Brüllen davon.
Die Lichter sammelten sich wieder und flogen zur Wasseroberfläche. Es summte im Wald. Sie kreisten um den See herum.
„Was machen wir? Was machen wir? Sopherus soll kommen!“ summten die Lichter.
„Wartet, wartet! Horcht, horcht! Sie kommt! Sie kommt!“ summte ein anderer Teil der Lichter plötzlich aufgeregt. Aus der Mitte des Waldes wurde es plötzlich hell. Das Licht schien sich dem Ufer zu nähern, und tatsächlich erschien einige Zeit später aus der Dunkelheit ein strahlend weißes Einhorn. Seine Mähne war lang und gewellt. Sein Schweif tanzte mit dem Wind und hinterließ Tausende von kleinen, goldenen Funken, die kurz darauf erloschen. Sein Blick war weise und gut. Es war riesig und strahlte Kraft und Respekt aus. Mit jedem Schritt, den es machte, funkte es unter seinen versilberten Hufen. Die Lichter versammelten sich um das Tier. Unter diesen Lichtern war auch Tribald, Anführer der Feenstämme. Alle schienen sich jetzt auf das Gewässer zu konzentrieren. Das still gewordene Wasser des Sees wurde wieder unruhig. Aus seiner Mitte bildeten sich Wellen. Und plötzlich tauchte ein in einer Luftblase gefangenes, bewusstloses Wesen heraus. Es war Shesaya. Sie wurde von einer fremden Macht über dem Wasser zum Ufer gebracht, und sanft wurde ihr gepeinigter Körper auf den Sand gelegt, als die Luftblase aufplatzte. An ihrem Hals, Händen und Füssen waren Verbrennungen und auf ihrem ganzen Körper waren dunkle, blutige Stellen zu sehen, dort wo die Schlangen sie gebissen hatten. Es gab keine Spur von Leben mehr in ihr. Die Feen sammelten sich um ihren Körper und ließen ihr Licht auf sie strahlen. Das Einhorn senkte seinen Kopf und berührte mit seinem langen, scharfen Horn ihre Stirn. Eine bläulich-goldene Aura entwickelte sich um die Gruppe.
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Reise durch die Hölle
Es war warm. Nein, sogar heiß, unerträglich heiß. Feuer brannte um sie herum. Es gab kaum Luft, um zu atmen. Der Rauch brachte sie zum Husten. Überall um sie herum hörte sie Schreie von gequälten Seelen. Sie sah durch das Feuer hindurch Schatten ziellos wandern. Sie stand auf und sah sich um. Überall brannte es. Der Boden bestand aus einem Meer von Knochen. An den steinigen Wänden waren tausende lebende Gesichter eingemauert, die Angst und Qual ausdruckten. Sie schrieen nach Hilfe und Erlösung. Shesaya schüttelte sich vor Grauen. Und dann schaute sie an sich herunter. Sie war nackt. Ihre Flügel waren zum größten Teil verbrannt. Um ihren Hals und an ihren Gelenken waren Fesseln aus Stahl, die mit losen Ketten versehen waren. Ihre Haut war an vielen Stellen aufgerissen. Blut klebte in ihren Haaren. Was war passiert? Wo war sie? Plötzlich streifte etwas ihre Schulter. Sie zuckte zusammen und drehte sich um. Als sie sah, was sich vor sie aufbaute, ging sie zwei Schritte zurück. Es war riesig. Es hatte aber keine feste Form. Es war eher ein dunkler Schatten, der sich ständig veränderte. Sechs feurige, brennende Augen sahen sie an. Es öffnete sich ein Mund voller scharfer Zähne und sprach:
„Willkommen in der Hölle, dein neues Zuhause, mein Kind!“ Sein Lachen ließ die Wände beben und ein paar Steinblöcke fielen zu Boden und zerbrachen. Shesaya begriff endlich, mit wem sie es zu tun hatte.
„Dies ist also deine andere Gestalt, Vater?“ Ihre Stimme zitterte ein wenig. Er lachte weiter.
„Ja , mein Kind, so sehe ich aus! Gefalle ich dir so?“
„Oh, wenn du glaubst, mir Angst machen zu können, Vater, dann irrst du dich!“ erwiderte Shesaya
„Nein, mein Kind, ich weiß, du kennst keine Furcht! Das ist auch nicht meine Absicht!“
„Was ist denn dann deine Absicht?“ fragte sie.
„Ich habe dich wieder zu uns zurückgeholt, und ich habe dir einen Platz an meiner Seite, als die perfekte Vereinigung, angeboten. Doch du hast mich kalt zurück gewiesen. Du hast mich beleidigt! Nun, dieses mal werde ich nicht um deine Erlaubnis fragen!“
Während er diese Worte sprach, veränderte er sich. Er schrumpfte zusammen und nahm eine feste Form an, die des Engels. Das Gewand, das er trug, riss er sich von Leibe und entkleidete sich. Er ging auf sie zu. Shesaya sah ihn verdutzt an.
„Was...was soll das heißen?!“ stotterte sie überrascht.
„Leg dich hin, meine Tochter. Es ist höchste Zeit, die Vereinigung durchzuführen!“
Ohne dass sie begriff, was geschah, wurden die Ketten an ihren Fesseln lebendig, drangen in den Boden ein und zogen sie mit sich herunter. Vergebens versuchte sie sich zu wehren, sich von den Fesseln zu befreien. Doch es war zwecklos. Je mehr sie sich wehrte, desto tiefer gruben sich die Ketten in den Boden, und desto weniger konnte sie sich bewegen. Der Teufel beugte sich über sie mit einem vergnügten Lächeln.
„Entspanne dich, meine Tochter. Es wird dir gefallen!“
„Lass mich los! Nein, ich will nicht! Lass mich sofort los!“ kreischte sie verzweifelt. Er lachte. Doch als er sich hinkniete und sie berührte, schrie er vor Schmerzen auf. Er hielt seine Hand fest, als ob er sich verbrannt hätte. Der Körper von Shesaya glühte plötzlich und grelle Strahlen gingen von ihr aus. Die Fesseln lösten sich auf. Der Teufel sprang wieder auf und legte seinen Arm vor seine Augen, denn das Licht war so grell, dass er geblendet wurde. Shesaya selbst war ohnmächtig geworden.
„Nein!!!!“ schrie der Teufel wütend. Die Erde begann zu beben. Shesayas Körper löste sich mit dem Licht auf. Sie verschwand. Kurz darauf brachen riesige Felsbrocken auf dem Boden zusammen.
Es summte am See. Die Feen hatten sich um Shesayas Körper geschart und heilten ihre Wunden mit ihrem Licht. Das Einhorn hatte sich neben sie gelegt und betrachtete sie. Es lag in seinen Augen viel Güte und Liebe. Seine Nüstern bebten leicht mit jedem Atemzug, und mit jedem Atemzug bildete sich eine feine, weiße Rauchwolke, die in die Höhe stieg. Denn es war kalt geworden. Sein ganzer Körper dampfte leicht. Eine goldene Aura strahlte von ihm aus und hatte sich auf Shesaya wie eine wärmende Decke gelegt. Plötzlich stieß es ein schrilles Wiehern aus und stand auf. Die Feen erschraken ein wenig und lösten sich von dem Engel. Das Einhorn beugte sich über Shesaya, als sie unsicher die Augen öffnete.
„Nein...“ flüsterte sie noch abwesend. Shesaya war desorientiert und sah alles verschwommen. Sie erkannte eine helle Gestalt über sich, doch sie konnte diese nicht einordnen. Wo war sie denn jetzt? Das Feuer war erloschen, die Umgebung war hier dunkel. Die Hitze war plötzlich zu beißender Kälte geworden. Sie stöhnte auf, als sie versuchte sich aufzurichten. Jedes ihrer Glieder war steif vor Schmerzen. Ihre Flügel waren kalt und feucht, aber sie waren heil und nicht verbrannt. Die Fesseln an ihren Gelenken waren auch verschwunden. Ihre Sicht begann sich zu verbessern. Sie konnte wieder einigermaßen scharf sehen und als sie aufsah, erkannte sie endlich das Wesen über sie.
„Mutter...“ murmelte sie unsicher. „Ich träumte etwas Schreckliches...!“
Es stieg plötzlich ein vergoldeter Nebel um das Einhorn herum und eine lange und dünne Gestalt einer Frau erschien. Sie blieb jedoch unscharf. Man konnte ihr Gesicht nicht erkennen. Das Einhorn war verschwunden.
„Ja, Shesaya, ich weiß. Dein Vater spielte ein grausames Spiel mit dir. Ich würde gerne sagen, dass es vorbei ist, aber ich befürchte, dass es noch nicht zu Ende ist. Du hast noch einen langen Weg vor dir, mein Kind!“ Die Stimme war so weich und gut und voller Liebe, dass Shesaya anfing zu weinen.
„Mutter, warum konnte ich mich nicht gegen ihn wehren? Warum konnte er mich verführen? Mich, deine Tochter?“
„Du warst einsam, mein Liebes, und das erkannte dein Vater sehr schnell und nutzte es aus. Ich habe nichts machen können. Ich war machtlos“
„Und nun siehe dir an, was ich gemacht habe, Mutter! Die Welt zerbricht, und ich kann den blauen Drachen nicht finden. Er stirbt ... und ich kann ihn nicht finden.“
„Shesaya, du wirst ihn finden. Lass dich nur von deinem Herzen führen. Er wird dir den Weg zeigen.“
„Wie kann ich dem blauen Drachen helfen? Ich weiß nicht einmal, was ich machen soll, wenn ich ihn finde...“
„Dein Herz wird es dir sagen, mein Kind!“
Der Nebel verschwand plötzlich. Es blieben nur noch ein paar Funken in der Nacht, die aber bald erloschen. Shesaya stand auf. Ihr Gesicht war vor Schmerz und Trauer gezeichnet. Ihr Körper war durchgefroren, sie zitterte und konnte kaum stehen. Sie hatte all ihren Mut zusammengefasst. Sie fand ihre Kleider ein paar Meter weiter entfernt. Sie hob sie auf und zog sie an. Sie warf zuletzt den Umhang um sich und blieb eine Weile am Ufer stehen und betrachtete die Landschaft.
„Engel Shesaya“ rief eine Stimme hinter ihr. Sie drehte sich um. Es war Tribald. Aber sie antwortete nicht und richtete ihren Blick in die Weite. Tribald blieb an ihrer rechten Seite stehen und blickte auch in die Ferne. Er schwieg. Nach einer Weile sagte Shesaya:
„Der schwarze Drache meinte, ohne mein Schwert sei ich schwach und könnte ihm nicht schaden.“
„Vedrax gehört zu den schwarzen Drachen und das bedeutet, er ist böse und sehr mächtig. Du hättest nichts gegen ihn tun können, vor allem in deiner jetzigen Situation. Ich befürchte sogar mit deinem Schwert hättest du heute nicht gewinnen können. Er ist gegen Magie und äußere Einflüsse wie Blitze immun“ antwortete Tribald. Er schien mit ihr Mitleid zu haben.
„Er hätte mich umgebracht, wäre er nicht aufgehalten worden! Wie ist das möglich? Ich bin doch viel stärker geworden, ja sogar stärker als mein Vater!“ Ihre Stimme klang verbittert.
„Er hätte dich töten können, ja, das stimmt. Ich glaube jedoch nicht, dass er es getan hätte. Er durfte es nicht, denn dein Vater brauchte dich.“ Während er sprach spielte er abwesend mit seinem silbernen Haar.
„Wo ist mein Schwert? Und wie kann ich ihn töten?“ Sie drehte sich zu Tribald um, und sah ihn fragend an. Er lächelte kurz
„Mein Kind, man kann einen Drachen nur töten, indem man ein heiliges Schwert in sein Herz rammt.“ Shesayas Augen weiteten sich vor Entsetzen
„Das Schwert ..... mein Schwert liegt in der Brust des blauen Drachen?!“ Tribald schloss die Augen und nickte traurig.
„In jener Nacht, als der große Zauberer Sopherus gegen dich kämpfte, um unsere Welt zu retten, kam ihm der blaue Drache zu Hilfe. Ohne ihn hätte Sopherus wahrscheinlich verloren. Nachdem du in die Menschenwelt verbannt worden bist, rächte sich dein Vater und schickte den Zauberer ebenfalls in die Verbannung. Aber seine Rache hörte nicht mit ihm auf. Er rächte sich auch an dem blauen Drachen und stieß, nach einem bitteren Kampf, dein wieder gefundenes Schwert in sein Herz. Niemand konnte es ihm herausziehen. Es steckte fest drin. Was er aber nicht erwartet hatte, war, dass das Schwert seinen eigenen Willen besaß und den Drachen nicht sofort tötete, sondern mit seiner Kälte und seiner Macht die Verblutung verlangsamte, über Jahre hinweg. Doch auch das war keine Rettung. Er schaffte es zu fliehen und versteckte sich. Er liegt noch immer dort im Sterben, und wenn er stirbt, dann ist es vorbei. Unsere Welt wird zu Staub zerfallen.“
Tribald erzählte weiter, doch Shesaya hörte nicht mehr zu. Sie wurde abgelenkt von einem ganz leisen Geräusch. Es klang fast wie ein Pfeifen und kam von weitem her. Sie versuchte es zu orten, doch es war zu leise und zu schwach.
„Tribald, sei still und horche! Hörst du es?“ unterbrach sie ihn aufgeregt. Er sah sie verwirrt an und versuchte sich auf die Geräusche zu konzentrieren. Doch er hörte nichts. Und bevor er etwas erwidern konnte, flog Shesaya hoch in die Luft.
„Folge mir, Tribald, und nimm dein Volk mit!“
Ohne weitere Erklärungen zu geben, flog sie in Windeseile davon. Völlig durcheinander gebracht, sah er ihr nach und schließlich forderte er sein Volk auf, ihm zu folgen. Die Feen hatten große Schwierigkeiten dem Engel zu folgen. Shesaya hatte schon einen großen Vorsprung, als sie sich in die Höhe erhoben. Sie konnten zwar in den Wäldern sehr schnell sein, doch hier ohne die schützenden Bäume mussten sie sich gegen den Wind behaupten, was nicht einfach war. Sie waren so leicht, dass nur ein kleiner Windstoss sie fortpusten konnte. Das Geräusch wurde lauter, sie hörte es. Es rief sie. Ihr Instinkt sagte ihr, diesem Ruf zu folgen. Sie flog so schnell sie konnte. Es war er, der sie rief. Sie flog über dichte Wälder, die den Boden völlig überdeckten. Sie flog auf die Sonne zu, die gerade aufging. Und schließlich lichtete sich der Wald, und es breitete sich ein weite Tal vor ihr aus. Tiefe Spalten waren in die Erde waren gerissen und sie bluteten. Hier und da waren riesige Kratern zu sehen, Spuren von einem vergangenen Kampf. Hier wuchs kein Gras mehr. Der Boden war staubig und steinig. Einzelne verbrannte Baumstämme waren die einzigen Beweise, dass es hier früher einmal einen Wald gegeben hatte. Es war für Shesaya ein Stich ins Herz. Sie landete an einem der Krater und sah sich erschrocken um.
„Hier wird das Ende beginnen,“ dachte sie verbittert, “wenn ich zu spät komme, und der Drache stirbt.“ Kurz darauf kamen auch die Feen an. Sie reagierten genauso benommen auf die verwüstete Landschaft. Für sie war dieser Ort damals, bevor es hier die Schlacht zwischen dem Drachen und dem Teufel gegeben hatte, ein heiliges Land gewesen. Hier hatten die ältesten und weisesten Bäume dieser Welt gestanden. Alle waren jetzt verschwunden, alle zu Asche verbrannt oder abgerissen und entwurzelt. Damals lebten hier viele unterschiedliche Wesen in Frieden und Harmonie. Feen, Elben, Druiden und Zwerge, Einhörner und Drachen. Alle waren fort gegangen. Hierhin kam öfters der blaue Drache, um von den heiligen Quellen zu trinken. Sie verliehen Kraft und Lebensfreude, heilten Verletzungen und Krankheiten. Sie waren jetzt alle verdunstet. Es roch hier früher nach den verschiedensten Blumen, angenehm süßlich. Doch jetzt stank es nur noch nach Schwefel und Rauch. Die Feen sammelten sich um Shesaya und schwiegen mit schwerem Herzen. Sie kniete sich nieder und mit beiden Händen berührte sie die Erde. Sie schloss die Augen und sprach ein leises Gebet aus. Die Feen fingen an, ein trauriges Lied zu summen. Nach ein paar Minuten stand Shesaya wieder auf.
„Er ist hier, ganz in der Nähe. Er hat mich zu sich gerufen,“ sprach sie mit einer etwas zitternden Stimme und ging los. Die Feen folgten ohne ein Wort zu sagen.
Während sie durch Krater und Staub wanderten, flog Tribald zu ihr und fragte:
„Der blaue Drache hat dich wahrhaftig zu ihm geführt, Shesaya?“
„Nein, Tribald, nicht der Drache ... mein Schwert hat mich gerufen und geführt. Es war mein Schwert.“
Sie kletterte einen steilen Hügel hinauf und blieb am Rande stehen. Dieser Hügel war der Rand eines immensen großen Kraters, dessen Umfang sich über 10 Kilometer ausbreitete, und in seiner Mitte lag er, der blaue Drache. Sie atmete auf.
„Es ist noch nicht zu spät!“ Sie breitete ihre Flügel aus und mit einem Sprung glitt sie zum Herzen des Kraters hinunter. Und da lag er, der blaue Drache, auf seiner rechten Flanke liegend, seine Krallen tief in der Erde vergraben vor Schmerz. Er atmete schwer und lag halb bewusstlos da. Er war über 500 m lang und an die 20 m hoch. Seine riesigen Schwingen lagen verknickt an seinem Rücken und seine gefährlichen Hörner waren schon längst abgebrochen. Seine damals tief blaue Farbe war zu einem bleichen Himmelblau verflossen. Da lag nur noch ein Schatten von dem, was er einmal gewesen war, sein Stolz, seine Macht und seine Weisheit waren verschwunden. Hier lag nur noch ein krankes, sterbendes Tier. Und in seiner Brust tief eingedrückt war das Schwert. Es leuchtete hell und schien zu zittern. Shesaya landete auf der Höhe seines Kopfes. Sie wollte zu ihm gehen, ihn berühren und trösten, doch plötzlich fing die Erde an so stark zu beben, dass sie sich kaum halten konnte. Sie flog wieder hoch. Am letzten Krater, 2 km entfernt, entstand eine tiefe Spalte in der Erde, Magma stieg auf und es bildeten sich dichte, undurchdringliche Staubwolken. Felsbrocken fielen zu Boden und zerbrachen oder rollten ab. Aus dem Riss drang ein tiefes, höhnisches Lachen hervor, und kurz darauf hob sich eine dunkle Gestalt vom Boden auf. Es schien wie ein lebendiger Berg, der zum Himmel empor stieg. Es wuchs und wuchs und entfaltete seine Flügel und stieß ein lautes wütendes Brüllen aus. Seine roten Augen funkelten in der Morgensonne, es entblößte seine unzähligen, messerscharfen Zähne und lachte wieder.
„Da sehen wir uns also wieder, meine Tochter! Und du führst mich sogar zum Drachen, damit ich ihn endlich erledigen kann! Wie liebevoll! Um dich wird sich mein Freund Vedrax kümmern. Du hattest ja schon einmal die Freude ihn kennen zu lernen. Sei bereit dieses Mal zu sterben, Engel!“ Und aus den Staubwolken schoss der schwarze Drache und flog auf Shesaya zu.
Der blaue Drache fauchte wütend, versuchte aufzustehen, doch er war zu schwach. Der böse Geist lachte wild auf und ging los. Mit jedem Schritt, den er machte, bebte die Erde erneut.
„Tribald, flieg weg mit deinem Volk und beschütze sie!“ rief Shesaya. Doch die Feen waren schon längst in den nahe liegenden Wälder geflohen. Sie flog hoch in die Luft und wich noch rechtzeitig einer Attacke von Vedrax aus.
„Jetzt reicht es!“ schrie sie wütend auf, sammelte all ihre Energie, doch als sie ihre Attacke loslassen wollte, hielt sie plötzlich inne.
„Es hat keinen Zweck! Ich brauche mein Schwert!“ erkannte sie und schaute hinunter auf den blauen Drachen. Ihr Schwert leuchtete hell und summte, es rief sie. „Doch wenn ich ihm das Schwert herausreiße, verblutet er und stirbt. Ich habe keine Zeit ihn zu retten und gleichzeitig gegen Vedrax und meinen Vater zu kämpfen!“ Wieder wich sie einer Feuerkugel aus.
„Kämpfe, Shesaya!“ forderte Vedrax sie auf „ Oder ergibst du dich?!“ Sie schaute wieder zu ihm hoch.
„Was ist? Langweilst du dich etwa, Vedrax? Ich bräuchte nur meinen Schwert zu rufen, und es wäre blitzschnell in meiner Hand!“ Doch das letztere sprach sie nicht aus. Der Geist kam immer näher, und es wurde immer heißer. Überall, wo er war, schoss Magma aus der Erde hinauf zum Himmel und fiel wieder zu Boden.
Shesaya sammelte erneut all ihre Energie zu einem grellen Ball, doch anstatt es gegen Vedrax zu schießen, zielte sie auf ihren Vater. Der wich jedoch aus und lachte:
„ Mein Kind, du darfst mich nicht umbringen! Erinnerst du dich noch an deine Aufgabe? Was wird aus dem Gleichgewicht, das du damals so streng gehütet hattest, wenn ich nicht mehr bin? Diese Welt wird ebenso auseinander fallen wie jetzt!“ Seine Stimme grollte vor Vergnügen, und er ging weiter. Shesaya biss sich vor Wut auf die Lippen, bis es blutete.
„Jaaaaa, hasse mich, mein Kind! Ernähre mich mit deinem Hass!“ brüllte er lachend. Sie wusste nicht mehr weiter. Sie spürte, wie die Verzweiflung sie packte.
„Nein, das kann nicht sein!“ wiederholte sie mehrmals.
„Siehst du Shesaya, du hättest mein Angebot annehmen sollen!“ Er hob seine rechte Hand in ihre Richtung, in seiner Handfläche bildete sich eine kleine Feuerkugel, die immer größer wurde.
„Geh mir aus dem Weg, Engel!“ warnte er sie und ließ die Kugel los. Sie schoss direkt auf Shesaya zu, die zwischen ihm und dem Drachen flog. In letzter Sekunde sprach sie einen Zauberspruch aus und schuf ein Schild um sich herum. Die Feuerkugel prallte an ihr ab und schoss in eine der Erdspalten. Es entstand eine kräftige Explosion, und die Spalte wuchs noch mehr. Die Erde riss entzwei, riesige Felsmassen sanken in das glühende Magma des Erdinneren ein. Es krachte und zischte laut.
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Der blaue Drache
Das Monster schrie auf vor Wut und hob zum zweiten Mal die Hand. Doch plötzlich bildete sich aus dem Nichts um ihn herum einen gold leuchtender Ring, der sich mehr und mehr um ihn verengte, bis er sich nicht mehr bewegen konnte. Er brüllte vor Wut, versuchte sich zu befreien, doch vergebens. Je mehr er sich wehrte, desto mehr verengte sich der Ring. Shesaya sah sich überrascht um und entdeckte schließlich an ihrer rechten Seite Sopherus mit seinem Zauberstab. Er sah sie an und rief:
„Rette den Drachen, Shesaya! Wir kümmern uns um die beiden!“ In diesem Augenblick schoss eine weitere Attacke vom schwarzen Drachen knapp an sie beide vorbei. Doch plötzlich kreischte er wild auf. Shesaya sah hoch und beobachtete, wie sich Vedrax gegen eine im Vergleich zu ihm selbst winzige Figur wehren musste. Diese hatte einen Bogen aufgespannt und ließ seine Pfeile auf den Drachen los. Es war Taleysion, Sopherus’ Sohn.
„Was ist, Vedrax? Kannst du dich nicht wehren? Du solltest übrigens das Zielen üben!“ rief sie ihm lachend zu. Taleysion lächelte sie an.
„Geh, Engel, überlass uns die beiden!“
Shesaya empfand eine Welle von Erleichterung und Glück, und ohne zu zögern flog sie so schell wie ein Pfeil zum blauen Drachen hinunter. Sie landete neben seiner Wunde an seiner Brust, an seinem Herz. Wie konnte nur so ein kleines Schwert im Vergleich zu so einem Riesen, den mächtigsten Drachen schwer verletzen? wunderte sie sich und hob die Hand dem Schwert entgegen. Summend und leuchtend zog sich langsam die Waffe aus der Wunde hinaus. Der blaue Drache fauchte vor Schmerz, bis sich endlich das Schwert in Shesayas Hand legte. Sie spürte, wie feurige Energie durch ihren Körper schoss. All diese neue Kraft, die plötzlich in ihr war, kochte in ihrem Blut. Jetzt verstand sie, was Vedrax meinte, wie schwach sie ohne ihr Schwert gewesen war. Wäre sie damals, während der ersten Begegnung mit ihm, im Besitz ihres Schwertes gewesen, hätte er keine Chance gehabt. Er hätte sie auch wahrscheinlich niemals so leichtsinnig angegriffen. Doch sie hatte keine Zeit sich darüber Gedanken zu machen. Sie stieß ihr Schwert, das fast halb so groß wie sie war, tief in die Erde ein, wandte sich wieder dem Drachen zu und berührte mit beiden Handflächen die Wunde. Sie zuckte überrascht zusammen. Die Haut fühlte sich eiskalt an. Und als sie die Stelle näher betrachtete,
verstand sie: Rund um die Wunde war die Haut und das Fleisch eingefroren. Das dunkle Blut, welches einst aus ihr ausgeflossen war, war hart geworden und floss nicht mehr. Das Schwert war damals in den kältesten Eisgebirgen einer schon längst vergessenen Welt geschmiedet worden, von unbekannten Göttern. Es bestand aus einer Mischung von magischen Kristallen, Eis und einem sehr mächtigen und wertvollen Metall, das auf dieser Welt nicht existierte und dem Eis diamantenähnliche Eigenschaften verlieh. Die Kraft des Schwertes lag in der Kälte und dem Licht. Es war eine sehr machtvolle Waffe, die nur Shesaya bedienen konnte. Ihre Mutter überreichte es ihr, als sie bereit war, ihre Aufgabe zu erledigen. Es war für sie geschaffen und niemand anderes konnte es bedienen. Stellte sich nun die Frage, wie der Teufel es geschafft hatte, das Schwert zu benutzen...
Shesaya leitete all ihre Energie und Wärme in einen Heilungszauber auf die Wunde. Ihre Hände glühten vor Anstrengung. Ohne Unterbrechung sprach sie den Heilungszauber aus, und schließlich fühlte sie, wie die Wunde wärmer wurde, das Herz, das fast stehen geblieben war, wieder anfing lauter und schneller zu schlagen. Und tatsächlich schloss sich langsam die Wunde wieder. Der Drache schien wieder lebendig zu werden. Er öffnete die Augen und schnaubte laut. Aber er blieb liegen, bewegte sich kaum. Er hatte viel Blut und fast seine ganze Kraft verloren. Seine dunklen Augen waren auf Shesaya gerichtet und beobachteten sie ganz genau. Sie hatte all ihre Energie verbraucht und sank erschöpft zu Boden. Sie rang nach Luft, als ob sie erstickte. Ihre Hände waren verbrannt und schmerzten. Doch es war noch nicht zu ende. Sie stand mühsam wieder auf und stolperte zum Kopf des Drachen. Er verfolgte jeden Schritt, den sie machte.
„Maul auf, Zunge raus!“ befahl sie kurz und knapp. Er grollte frech vor sich hin, doch öffnete schließlich sein Maul und streckte die Zunge aus. Shesaya zog eine Grimasse und rümpfte die Nase.
„Vielleicht solltest du gleich mal Wasser trinken und Kräuterpflanzen essen!“ schlug sie ihm keuchend vor und streckte ihre rechte Hand vor sich aus. Mit der linken fuhr sie über die blutende, verbrannte Handfläche und mit ihren Fingernägeln schnitt sie eine tiefe Wunde hinein. Sie stöhnte auf und biss die Zähne zusammen. Es trat sofort Blut heraus und tropfte von ihrer Hand zu Boden. Schnell führte sie sie über die Zunge des Drachen und ließ das Blut tropfen. Doch bald war sie zu schwach, sie konnte nicht mehr stehen und fiel beinahe bewusstlos zu Boden. Der Drache schloss sein Maul wieder und schnaubte laut. Eine Zeit lang geschah nichts. Der Kampf zwischen dem Guten und Bösen ging oben am feurigen Himmel ununterbrochen weiter. Keine der Seiten achtete mehr auf den Drachen und Shesaya. Sie waren zu sehr mit ihren Gegnern beschäftigt. Der blaue Drache selbst schien keine Veränderung durchzumachen. Doch es war nur eine Täuschung. In ihm kochte das neue Leben bereits. Plötzlich riss die Haut an seinem Rücken auf, und grelle bläuliche Strahlen schossen aus den Rissen heraus. Wie eine Hülle klappte die alte Drachenhaut auf und fiel ab. Aus der toten Haut flog ein Wesen raus, hoch in den Himmel. Der Kampf, der sich zwischen dem Zauberer, seinem Sohn und dem Teufel und Vedrax ablief, endete abrupt. Alle starrten erstaunt zum Wesen auf. Selbst Shesaya schaffte es Hochzuschauen.
Der blaue Drache war wieder auferstanden und voller Leben und Energie. Seine sieben Hörner am Kopf, an den Schläfen und an seinem Maul waren wieder ganz und noch imposanter als zuvor. Sein türkisblauer Körper war lang und dünn und sehr muskulös, wie der einer Schlange. An seinen Klauen waren gefährliche, rötliche Krallen gewachsen und hatten die alten, abgenutzten, grauen ersetzt. Am Ende seines Schwanzes befanden sich zwei riesige, feurige Zangen. Nur seine Schwingen waren am alten Körper zurückgeblieben. Er brauchte aber keine Flügel um zu fliegen. Allein sein Wille brachte ihn hoch in die Luft. Er hatte sich durch Shesayas Blut zu einem kräftigeren Schlangendrachen weiterentwickelt. Laut fauchte und brüllte er, und schließlich rollte er sich in der Luft zusammen, wie eine Kobra vor einer Attacke und sah zu den Kämpfenden hin. Seine Augen blitzten vor Wut. Schnell warfen sich Sopherus und Taleysion zu Boden zu Shesaya hin, die versuchte, wieder aufzustehen. Kurz darauf riss der blaue Drache sein Maul auf und ließ eine gewaltige Attacke auf den verdutzten Dämonen los. Dieser, gefangen im Ring, konnte nur zusehen, wie dieser leuchtende, blau blitzende Energiestahl auf ihn zuraste und ihn schließlich mitten in der Brust traf. Er stieß einen grauenvollen Schmerzensschrei aus, verformte sich und schrumpfte plötzlich zusammen. Sein dunkler Körper riss entzwei und wurde vom Licht aufgefressen, bis er ganz verschwand und sich in Luft auflöste. Das Böse war fort. Vedrax verlor keine weitere Sekunde und floh. Taleysion stieß einen Freudenschrei aus.
„Wir haben es geschafft!“ Und er umarmte seinen Vater, der ebenfalls lächelte.
„Ja, mein Sohn, so ist es!“ Shesaya stöhnte auf, als sie endlich stand. Ihr war schwindelig. Schritt für Schritt, gekrümmt vor Schmerz und Erschöpfung, näherte sie sich ihrem Schwert, das in der Erde stand. Und endlich kam sie nah genug heran, um danach greifen zu können. Sie berührte den Griff und richtete sich schlagartig auf, als wenn sie von einem Blitz getroffen worden wäre. Und es war auch fast so. Die Energie des Schwertes floss wie Feuer durch ihren ganzen Körper. Ihre verbrauchte Kraft wuchs schlagartig wieder an. Nach ein paar Minuten ließ sie wieder los und seufzte erleichtert. Sie streckte sich, als ob sie gerade von einem tiefen, gesunden Schlaf aufgewacht sei. Sie sah zum Himmel auf und bewunderte den neuen Drachen, der über sie schwebte. Sie lächelte zufrieden und dachte:
„Wir haben es tatsächlich geschafft!“
Plötzlich bebte die Erde erneut unter ihren Füssen. Überrascht flogen alle drei hoch in die Luft und schauten runter. Shesaya hielt ihr Schwert in der Hand. Die tiefen Spalten schlossen sich langsam wieder unter einem lauten Krachen und Zischen.
Der blaue Drache löste sich von seiner Angriffsposition und flog knurrend ein paar
Runden um das tote Gebiet. Er strahlte eine sanfte, bläuliche Aura aus, die wie Dunstregen über die Erde fiel. Am feuerroten Himmel zogen schwere Gewitterwolken
auf und verdeckten bald die beißende Mittagssonne. Shesaya, Sopherus und Taleysion versammelten sich und flogen gemeinsam zum nächsten Wald hinüber, um Schutz vor dem Unwetter zu suchen. Und kurz darauf zerriss der erste Blitz die aufgeladene Luft entzwei, und es folgte ein betäubend lauter Donner. Die ersten heilenden und kühlen Regentropfen fielen vom Himmel auf den vom Kampf verwüsteten Boden. Und wie ein kalter Tropfen auf heißem Stein zischte es. Es regnete bald in Strömen. Die Erde war viel zu trocken und verletzt, um das ganze Wasser sofort aufnehmen zu können, und es kam zur Überschwemmung.
Inzwischen hatten die drei erschöpften Kämpfer einen sicheren Schutz gefunden und ruhten sich auf hohen Ästen von hundertjährigen Bäumen aus. Sie sprachen kaum ein Wort miteinander. Sie hörten dem kühlen und erfrischendem Regen und seinem Lied zu und schliefen ein, ohne dass sie es beabsichtigt hatten.
Tropf, tropf, tropf,
Wir sind kühl und nass,
Tropf, tropf, tropf,
Ohne Liebe, ohne Hass,
Tropf, tropf, tropf,
Um Leben zu geben,
Um Leben zu nehmen,
Wir sind kühl und nass,
Tanzt mit uns, tanzt,
Singet unsere Lieder,
Unser Leben,
Tropf, tropf, tropf
Wir kommen,
Wir gehen,
Wann wir es befehlen
Tropf, tropf, tropf
Tanzt und singet mit uns,
Unser Leben, unser Tod,
Unsere Liebe, und unser Hass,
Tanzt, wir sind kühl und nass.
Tropf, tropf, tropf
Die Dunkelheit war endlich verschwunden, das Böse besiegt worden, und es war wieder Ruhe eingetreten. Es hatte zwölf Tage ununterbrochen geregnet. Am dreizehnten Tag vertrieb ein leichter Wind die letzten Gewitterwolken, und die Sonne ließ wieder ihre warmen Strahlen auf den Boden und auf alle Lebewesen fallen. Die Luft war gereinigt worden von Staub und Gestank und von der unheilen Hitze. Der Regen hatte alles weggewaschen. Der Boden war weich und feucht vom vielen Wasser. An der Stelle, wo der im Sterben liegende blaue Drache gelegen hatte, war ein großer See entstanden. Um den See herum wuchs wieder grünes Gras, und langsam trauten die Tiere und andere Lebewesen sich ihm zu nähern. Der blaue Drache selbst war unterwegs, um den verwüsteten Stellen neues Leben zu schenken. Shesaya und ihre zwei Freunde waren zu ihrer Burg zurückgekehrt und feierten ihren gemeinsamen Sieg mit großen Festen und reichen Mahlzeiten, zu denen alle eingeladen waren. Die Elfen sangen ihre Lieder, die Feen tanzten zu deren Musik. Alle waren erleichtert und glücklich. Nur Shesaya blieb mit tiefen und manch trüben Gedanken auf ihrem Thron sitzen und beobachtete die Feierlichkeiten. Sie war innerlich unruhig. Sie dachte an Vedrax, wo er sich wohl verkrochen hatte, und an den besiegten Damön, ob er noch am Leben war. Sie wusste, dass dieses Abenteuer noch nicht zu Ende war. Aber über eines war sie glücklich: Ihre Albträume waren völlig vertrieben worden. Ihre Nächte waren lang und erholsam. Ihr Schwert befand sich jedoch stets an ihrer Seite, und sie ging ohne es nirgendwo hin. Auch wenn sie ihn nicht brauchte, verlieh es ihr ein Gefühl von Sicherheit und Schutz. Doch sie war unzufrieden mit sich selbst. Sie fühlte sich unwohl in ihrer Haut.
“Was ist los, mein Kind? Warum schaust du so trübe und in Gedanken versunken zu Boden? Dein Herz ist schwer und deine Seele unruhig, ich spüre es. Willst du mit mir sprechen, Shesaya?” fragte Sopherus sanft mit einer Spur von Besorgnis in seiner Stimme. Shesaya blickte in das Gesicht des alten Magiers und lächelte kurz.
“Ich werde gehen, mein alter Freund. Dieser Platz gehört mir nicht mehr. Ich kann nicht mehr die Aufgabe erfüllen, die mir damals gegeben worden ist. Es ist zuviel passiert, und ich denke, ich stehe nicht allein mit diesem Gedanke in diesem Saal. Niemand würde dies vor mir laut aussprechen, aber ich habe ihre Blicke gesehen und ihre noch misstrauischen Gefühle mir gegenüber verspürt. Ich kann ihr Vertrauen nicht mehr völlig zurückgewinnen. Deshalb werde ich gehen, mein Freund, ich werde meinen Rang aufgeben. Ich will frei sein.” Sopherus hörte geduldig zu und spielte mit seinem Bart.
“Dies mag eine weise Entscheidung von dir sein, Shesaya. Ich kann sie aber weder befürworten, noch sie ablehnen, denn ich bin nicht befugt zu urteilen. Ich werde dich aber in deinen Entscheidungen unterstützen, solange sie nicht gefährlich für uns sind.”
“Danke, mein Freund, ich weiß deine Hilfe zu schätzen. Ohne dich wäre wohl diese Welt nicht mehr die, die es zum Glück jetzt noch ist. Du würdest dich besser schlagen an meiner Stelle. Sag, willst du nicht ...”
“Nein, mein Kind“ unterbrach er sie, „auch dies steht mir nicht zu, aber ich bin über dein Vertrauen dankbar. Die Ausbildung meines Sohnes ist noch nicht fertig. Wir haben noch viel zu tun. “
“Ich verstehe, dann wünsche ich dir viel Erfolg dabei, und möge dein Sohn so stark und weise werden wie du selbst es bist!” Sopherus verbeugte sich leicht mit einem Lächeln und ging. Eine lange Friedenszeit stand dieser Welt bevor und niemand beschwerte sich. Es wurde gebaut, gepflanzt und geboren. Das Leben nahm wieder seinen alten Gang, es schien wieder Ruhe eingetreten zu sein. Doch für wie lange?
ENDE