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Sewa - So ein Ausflug (3)
Ich mag Blumen. Früher hatte ich einen großen Bauerngarten. Jetzt wollen die Gelenke nicht mehr so recht und ich lebe in der Seniorenwohnanlage Vergissmeinnicht. Wir wohnen hier im Grünen, wie man so sagt, aber es ist halt nur Grün, denn Rasen lässt sich einfacher pflegen als Blumenbeete.
Beim letzten gemeinsamen Kaffeetrinken schlug eine der Betreuerinnen, Frau Gröner, vor: „Wollen wir mal einen Tagesausflug zur Gartenschau machen? Die Fahrt dauert ungefähr 30 Minuten und es gibt sehr viel zu sehen.“
Ich war begeistert aber Herbert maulte: „Mit dreißig Frauen den ganzen Tag zusammenhocken. Nee, das mach ich nicht mit. Und überhaupt mit meinem Rollstuhl, letztes Mal musste ich die steilen Stufen in den Bus hoch und dann wieder raus und das Ganze dann noch Mal. Nee, den Stress und die Schmerzen - das ertrag ich nicht noch mal.“
Noch am Nachmittag rief ich Frau Holmen von der Behindertenhilfe an: „Wir möchten gerne einen Ausflug zur Gartenschau machen, aber drei unserer Bewohnerinnen sitzen im Rollstuhl und können nur mit großer Anstrengung vom Rollstuhl in einen Reisebus und zurück gelangen. Gibt es da keine andere Lösung?“
„Ja, die gibt es durchaus, am ehesten können Sie Sonntags einen Bus bekommen, Samstags dagegen ist wahrscheinlich kein Bus frei.“
„Wieso gerade Sonntags?“
„Nun, die Verkehrsgesellschaft in unserem Landkreis hat mehrere Linienbusse mit einer Rollstuhlrampe und die werden Sonntags nur zum Teil benötigt. Und für die kurze Fahrt zur Gartenschau sind diese Busse komfortabel genug. Ich würde dann auch mitkommen und Frau Gröner unterstützen.“
Frau Gröner ist unsere Zahlenfrau. Sie ist auch schon an die sechzig und leitet die Buchhaltung. ich weiß nicht, ob sie aus einer preußischen Offiziersfamilie stammt, aber ihre eisengraue kurgeschnittenen Haare und ihre laute Kommandostimme lassen nicht nur die Zahlen in ihrer Buchhaltung stramm stehen.
Ich ging dann gleich zu Herbert. „Du kannst mit Deinem Rollstuhl direkt in den Bus hineinfahren und wieder herausfahren, ohne umsteigen zu müssen.“
Herbert schien noch nicht ganz überzeugt, aber dann rang er sich durch: „Na gut, ich komme mit, aber Du bleibst bei mir und beschützt mich vor aufdringlichen Annäherungen.“
Dann war es so weit. Vierzig Bewohnerinnen, vier Betreuerinnen und wir beiden Männer machten sich auf den Weg. Die Sonne schien, aber eine Herde kleiner Wölkchen sorgte ab und an für Schatten. In der Gartenschau hatten wir eine eigene Führerin, die uns manche Attraktion präsentierte. Vielleicht gibt es inzwischen Stadtkinder, die nicht wissen, was ein Garten ist, aber ich hoffe, jeder kann sich vorstellen, was es auf einer Gartenschau alles zu sehen gibt.
Gegen vierzehn Uhr kamen wir zum Parkausgang. Dort empfing uns ein kleiner Platz mit Souvenirläden und Cafés. Während Frau Gröner vermutlich die Anzahl der Läden und Cafés ermittelte, kündigte Frau Holmen an: „Jede hat jetzt freie Zeit zum Einkaufen und Kaffeetrinken. Pünktlich um sechzehn Uhr versammeln wir uns am Rosenpavillon.“
Der Rosenpavillon war nicht zu übersehen und Punkt sechzehn Uhr standen fünfundvierzig Menschen zum Abmarsch bereit. Nur Frau Mörke fehlte. Sie ist eine der ältesten Bewohnerinnen und schwerhörig. Ab und an scheint sie auch geistig abwesend zu sein. „Die hat wohl wieder mal nicht zugehört.“, stöhnte Frau Gröner. „Wer ist mit Frau Mörke zusammen gewesen?“
Rundherum ratloses Schulterzucken. Frau Mörke ist zwar recht klein, aber wenn sie mit ihrem Rollator unterwegs ist, ist sie kaum zu übersehen, da sie zielgerichtet jeden entgegenkommenden Passanten ansteuert, als sei er ihr Bestimmungsort. Und dann krähte unser Schnelldenker Herbert auch schon: „Die ist sicher zum Vergissmeinnichtgarten gegangen.“
Zwei Betreuerinnen eilten los und kamen nach fünfzehn Minuten mit der wiedergefundenen Frau Mörke, die verdutzt fragte: „Wo waren sie denn alle?“
Aber die Betreuerinnen ließen keine Diskussion zu und scheuchten uns zum Busparkplatz. Wir wollten schon in den Linienbus einsteigen, der dort stand, als der Fahrer, groß und breit, Typ amerikanischer Highway-Polizist, bellte:
„Wo wollen Sie denn hin?“
„Nach Hause.“
„Ach nein, tatsächlich? Und wo ist denn wohl Ihr Zuhause?“
„Vergissmeinnicht.“
„Ich fahre aber zum Waldveilchen. Bei mir sind sie also eindeutig falsch.“
Wir schauten über den großen leeren Parkplatz. Kein anderer Bus zu sehen. Dafür kamen jetzt sechs Damen auf uns zugeeilt. „Da sind sie ja endlich.“, rief die eine um dann enttäuscht festzustellen: „Nein, da sind sie nicht.“
„Aber selbstverständlich sind wir hier“, grummelte Herbert.
„Aber wir suchen unsere sechsundvierzig Bewohner vom Seniorenhaus Waldveilchen.“
Herbert rief sofort triumphierend: „Wir sind sechsundvierzig Personen ohne Bus und hier steht ein Bus ohne sechsundvierzig Personen.“
Den meisten Anwesenden schien diese Logik zu hoch, aber Frau Gröner hatte schon ihr Handy am Ohr und verkündete uns nach ihrem Telefonat, dass die Waldveilchen im Vergissmeinnicht gelandet seien. Es dauerte dann noch mehrere Telefonate mit den Verkehrsbetrieben, bis der Fahrer endlich bereit war, uns zu unserem Zuhause zu fahren um dort seine Tour mit den richtigen Fahrgästen zum Waldveilchenhaus fortzusetzen.
Nach dem Abendessen saßen wir noch im Gemeinschaftsraum zusammen. Eigentlich wollten wir über die Gartenschau und unsere Eindrücke reden. Stattdessen hörten wir gebannt Schwester Rosita zu:
Da hielt der Bus vor der Tür und die Leutchen kamen ins Haus und ich dachte ‚Haben wir so viele Neue, die ich noch nicht kenne?‘
Aber dann meckerte eine Frau, die an der verschlossenen Tür zum Geräteraum rüttelte: „Wieso ist denn die Toilette abgeschlossen?“
Kurze Zeit später raunzte mich ein älterer Herr an: „Ich komm nicht in mein Zimmer.“
„Das kann nicht sein“, entgegnete ich und ging mit ihm. Vor Zimmer Sieben angekommen, versuchte er vergeblich, seinen Schlüssel in das Schloss zu stecken.
„Das ist ja auch gar nicht Ihr Zimmer, hier wohnt Frau Mogenholz. Zeigen Sie mal Ihren Schlüssel.“
Er hielt mir seinen Schlüssel hin und auf dem Anhänger stand tatsächlich eine Sieben. Inzwischen beschwerten sich immer mehr Senioren, dass sie nicht in ihre Zimmer kämen oder dass irgendjemand die Räume vertauscht hätte und mir wurde klar, dass hier einiges nicht richtig war.
„Aus welchem Wohnheim kommen Sie denn?“ fragte ich eine recht resolut erscheinende Dame, die versuchte, die anderen zu beruhigen.
„Aus dem Waldveilchenhaus natürlich oder was dachten Sie?“
„Nun, dies hier ist aber das Vergissmeinnichthaus. Ein Waldveilchenhaus kenne ich gar nicht.“
Darauf hob ein großes Gejammer an, das sich aber schnell legte, als Frau Bremer aus dem Büro ankam: „Frau Gröner hat eben angerufen. Sie sind versehentlich in den falschen Bus gestiegen, aber in einer halben Stunde sollte ihr Bus mit unseren Bewohnern hier sein.“
Wir brauchten dann noch einige Zeit, bis wir alle Waldveilchen im Haus aufgestöbert, eingesammelt und zusammengetrieben hatten. Ich kam mir dabei vor wie ein Schäferhund, der eine Herde sturer Schafe in die richtige Richtung führen sollte.
Wir haben den Besuchern dann einen Kaffee spendiert, obwohl wir hier und da hörten „Ein Cognac wäre mir lieber“, aber wo kommen wir denn da hin, wenn wir auch noch Alkohol ausgeben.
Bevor die Waldveilchen sich wieder verlaufen konnten, sind Sie ja endlich angekommen.
Wir amüsierten uns noch einige Wochen köstlich und dieser Tag zog noch mehr nach sich. Denn zwei Monate später bekamen wir eine Einladung zum Herbstfest der Waldveilchen und fuhren mit einer ganzen Busladung dorthin. Wir haben einen wunderschönen Nachmittag verbracht und uns mit den Waldveilchen gut verstanden und deshalb beschlossen wir, im Frühjahr auch ein Fest zu veranstalten und die Waldveilchen einzuladen. Herbert meinte bei der Rückfahrt: „So ein Ausflug ist doch toll. Neue Freunde und neue Feste. Das sollten wir öfter machen.“
Frau Gröner meinte, die Zahlen sagten etwas ganz anderes. Aber wer hört schon Zahlen zu.