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- 10.11.2002
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Set me free
Set me free
Ich glaube, wenn der Tod unsere Augen schließt,
werden wir in einem Lichte stehen,
in welchem unser Sonnenlicht nur der Schatten ist.
Arthur Schopenhauer
Und ich sagte ‚Set me free’ so dass er wusste, dass ich es ernst meinte, aber er tat es nicht. Er wusste, dass ich nicht wirklich befreit wäre, wenn ich es nicht selbst täte. Mein Oberkörper liegt frei, der Atem so ruhig wie eh und je. Set me free, und er sagt kein Wort. Worte verlieren an Bedeutung, ich weiß, dass er mich versteht. Keine Schonbezüge aus rutschigem Plastik unter meinen Knien, kein gedämpftes Licht, überhaupt kein Licht. Der fade Mondschein, die weißen Konturen seines Gesichts in der entgegengesetzten Ecke des Raums, er schaut zu Boden. Ich greife danach, und mir fällt auf, das der Griff der Klinge aus Elfenbein ist. Ich wundere mich darüber, dass es illegal ist. Diese Klinge zu besitzen meine ich, mit dem Griff aus Elfenbein. Die Spitze des Dolches berührt meinen Bauch, die Haut spannt sich leicht. Ich schaue aus dem kleinen Fenster, Mondschein, ich schließe die Augen, atme ein und dann gibt meine Haut, das Fleisch und Gewebe dem Druck nach, den ich darauf ausgeübt habe. Die Klinge dringt in meinen Körper ein als schneide sie Butter. Noch fließt kein Blut, der Schaft des Dolches, des Wakizashi, verschließt die Wunde. Ich halte das kalte Elfenbein, von beiden Händen umschlungen, öffne die Augen und beginne, ziehe die Klinge nach rechts, öffne meinen Körper. Ja, es tut weh, sehr sogar, aber was ist dieser weltliche Schmerz? Ich weiß, das es gleich zuende ist, ich bin nicht traurig, nicht trübselig, ich weiß wer ich bin. Ich drehe den Dolch in der Wunde, gleich ist es zu Ende, ich führe noch einen kleinen Schnitt aus, nach oben, das Ritual des Todes. Es kommt mir nicht komisch vor, dass er mir dabei zusieht, seelenruhig. Vielleicht hätte ich es nicht gekonnt, wenn er nicht da wäre. Ein wenig kalt wird mir, das stimmte also, aber sonst nichts. Ich zittere nicht, mein Herzschlag ist immer noch ruhig, er wird gar noch ruhiger. Ich sterbe, just in diesem Augenblick, und bin kein bißchen nervös. Ich drehe meinen Kopf leicht, sehe ihn an, überlege, was wohl gute, letzte Worte wären, aber er hält seinen Zeigefinger vor seine Lippen, schüttelt ganz leicht seinen Kopf, ich sage nichts, sterbe einfach. Worte verlieren an Bedeutung, ich weiß, dass er meinem Leichnam nicht ‚leb wohl’ sagen wird. Und langsam werden meine Atemzüge kürzer. Meine Gedanken unklarer. Meine Hände, die bis eben noch den geschmeidigen Elfenbeingriff umklammerten lockern ihren Griff, ganz unabsichtlich, ich lege sie auf meine Oberschenkel, dann sinkt mein Kopf herunter, mein Kinn liegt nun auf meiner Brust, ich bin tod. Er steht noch immer in der Ecke gegenüber. Set me free, und er sagt kein Wort. Jetzt bin ich endlich frei, frei von Angst, frei von Schmerz, frei von Hoffnung und Leben. Der hat keine Angst mehr, der keine Hoffnung mehr hat, der hat keinen Schmerz mehr, der kein Leben mehr hat. Jetzt, wo ich tod bin, da ergibt alles einen Sinn. Wenn man etwas wirklich liebt, soll man ihm die Freiheit schenken.