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Selbstverständlich Farben?
Seit dem frühen Morgen regnete es. Große Pfützen haben sich auf dem Gehsteig gebildet und Kinder in Gummistiefeln springen von einer Wasserlache in die nächste. Der sintflutartige Regen des Vormittages war gegen Mittag in ein leichtes Nieseln übergegangen und im Westen zeigt sich bereits ein erstes Blau. Vielleicht würde der Nachmittag später noch schön werden.
Ich ziehe die Vorhänge ganz beiseite und öffne das Fenster in Kippstellung. Feuchtkalte Luft strömt herein und wird bald die schwüle Wärme des Zimmers vertreiben. Ich drehe mich um und sehe zu Mia hinüber. Sie sitzt auf dem neuen Spielteppich und versucht mit ungeschickten Fingern die Kärtchen eines Memoryspiels zu kleinen Türmchen aufzuschichten. Die Memorykarten sind aus Holz und schon reichlich abgenutzt, doch die Bildchen auf ihrer Oberseite sind mit Klarlack überzogen und die Farben noch gut erhalten. Mia versucht das sechste Kärtchen auf ihren kleinen Turm zu setzen, doch der Turm ist bereits schief gebaut und rutscht zur linken Seite weg. Von meinem Platz aus kann ich Mias Gesicht nicht sehen, doch ihre Körperhaltung zeigt mir, dass sie enttäuscht ist.
Ich gehe zu Mia und setzte mich neben sie. Sie schaut mich nicht an, ihre Finger liegen reglos auf dem kleinen Häufchen Karten. „Komm, Mia, versuche es noch mal!“ ermuntere ich sie. Mia reagiert nicht. Ich nehme ein paar Kärtchen in die Hand. „Sollen wir zusammen einen Turm bauen?“ frage ich sie. „Nein!“ schreit Mia, ergreift eine Handvoll Karten und wirft sie in meine Richtung. Ein Holzkärtchen trifft mich knapp unterhalb des Auges, es tut weh. „Mia, das war nicht lieb. Du hast mir wehgetan“. Jetzt schaut sie auf, dann streichelt sie mir vorsichtig über den Arm. „Wieder gut?“ fragt sie. „Ja, wieder gut. Wir spielen etwas anderes, ja?“. Ich nehme eines der Kärtchen und zeige ihr das Bildchen darauf, es ist eine leuchtend gelbe Sonne mit einem lächelnden Gesicht. „Mia, welche Farbe hat die Sonne?“. Sie sieht zur Seite. „Mia, die Sonne, welche Farbe hat die Sonne?“. Ihr Blick ist immer noch abgewandt, doch diesmal antwortet sie: „Gelb“.
In mir spüre ich ein kleines bisschen Hoffnung, doch es ist noch zu früh. Mia kennt die Namen der Farben, aber bisher hat sie diese wahllos zugeordnet und „Gelb“ ist eines ihrer Lieblingswörter. Ich greife ein weiteres Kärtchen. „Mia, welche Farbe hat das Auto?“. Diesmal kommt die Antwort prompt: „blau“. Auch das ist richtig, es ist ein blaues Auto. Ich nehme noch zwei weitere Kärtchen auf, ein grüner Frosch und ein roter Ball. Mia benennt die Farben richtig. Ich mache weiter, denn ich möchte ausschließen, dass es nur ein Zufall ist. Auch bei drei weiteren Kärtchen kann Mia die Farben richtig benennen. Mia beginnt von sich aus auf einige der Karten zu zeigen und sagt dabei die richtigen Farben. Jetzt bin ich mir sicher, dass der Knoten geplatzt ist. Mia kann die Farben richtig zuordnen.
„Mia, das hast Du ganz toll gemacht. Ich bin sehr stolz auf Dich“. Ich würde gerne noch weitere Kärtchen ausprobieren, aber Mia hat keine Lust mehr. „Mia trinken?“, fragt sie und zeigt in Richtung der Anrichte, auf der Plastikbecher und eine Karaffe mit Apfelsaft steht. „Ja, Mia, ich hole Dir etwas zu trinken“. Ich stehe auf und gehe zur Anrichte. Einen der Becher fülle ich bis zur Hälfte mit Apfelsaft, aus einer Schublade nehme ich ein Lätzchen und trage beides zu Mia zurück. Ich binde ihr das Lätzchen um. Mia kann alleine trinken, aber sie schlabbert häufig dabei. Während Mia ihren Apfelsaft trinkt, gehe ich zum Tisch und nehme einen der Schokoladenkekse, die sie so gerne isst. Ich bin der Meinung, Mia hat sich einen Schokoladenkeks verdient. Als ich ihr den Keks reiche, leuchten ihre Augen zufrieden. Sie isst ihn gierig und einige Schokokrümel landen auf dem neuen Spielteppich.
Ich sehe auf meine Armbanduhr, es ist bald vier. „Mia, ich glaube, für heute machen wir Schluss. Du hast ganz toll mitgearbeitet“. Mia lächelt, das Lob ist angekommen. Sie steht auf und ihr Blick wandert zum Fenster. „Himmel blau“, sagt Mia. Es hat aufgehört zu regnen, die Wolkendecke ist aufgerissen und der blaue Himmel ist zu sehen. „Ja, Mia, der Himmel ist blau“.
Ich sehe zu Mias Mutter hinüber. Sie sitzt auf einem Stuhl in der Nähe der Tür. Ich sehe Tränen in ihren Augen, und Stolz. Stolz auf Mia. Ich nehme sie in den Arm und halte sie ganz fest. Mia kommt dazu und möchte auch kuscheln. „Wissen Sie noch, damals? Ich habe Ihnen versprochen, dass Mia bis zu Ihrem Geburtstag die Farben kann“, sage ich zu Mias Mutter. „Ja, und Sie haben Recht behalten“, antwortet sie.
Morgen wird Mia nicht zu mir kommen. Mia hat morgen Geburtstag und ihre Mutter hat eine große Party organisiert. Aber übermorgen wird Mia mit ihrer Mutter wieder da sein, so wie fast jeden Tag in der Woche.
Nachdem ich die Schokokrümel beseitigt habe, ziehe ich meinen Mantel an und trete hinaus auf den Gehsteig. Die Sonne scheint auf den nassen Asphalt und das Wasser steigt in kleinen Dampfwölkchen zum blauen Himmel. Ich möchte noch ein Geschenk für Mia besorgen. Es soll etwas Besonderes sein, denn morgen wird Mia achtzehn.