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Schularbeit
Schularbeit
Sie lehnte sich erschöpft im Sessel zurück und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Es war vorbei, sie konnte nichts mehr ändern. Wie durch eine Wand aus Watte hörte sie den Lehrer die letzten Schüler auffordern die Hefte endlich abzugeben. Wie gerne hätte sie jetzt geschlafen. Eine Stunde nur. Sie hätte alles darum gegeben sich in ein warmes Bett legen zu können und die Realität gegen die Welt der Träume eintauschen zu können. „Ein Königreich für ein Bett“. Sie musste plötzlich lächeln, als ihr dieses Zitat einfiel. Irgendein König des Mittelalters hatte das einmal so oder so ähnlich gesagt. Sie wusste es nicht mehr genau. Sie hatten es einmal im Deutsch durchgenommen, aber irgendwann hatte sie ihre Ohren einfach auf Durchzug gestellt.
Doch das half nichts, sie war in der Schule und hatte gerade ihre Englisch- Schularbeit geschrieben. Es kostete sie einiges an Überwindung, aber dann setzte sie sich mit einem Ruck auf. Energisch packte sie ihre Füllfeder, mit der Absicht, sie zu verschließen. Aber ihre Hände zitterten, so dass es ihr nicht gelang. Sei legte die Fühlfeder wieder weg, viel heftiger, als sie eigentlich gewollt hatte. Die Füllfeder rollte über die Tischkante und fiel zu Boden ,ehe sie danach greifen konnte. Ein dunkelblauer Tintenfleck am Parkett war das Ergebnis. Sie seufzte und lehnte sich wieder zurück. Sie würde es schon wegwischen, aber nicht jetzt. Sie fühlte sich viel zu träge. Aber es schien nicht nur ihr alleine so zu gehen. Sie sah viele der Mädchen und Jungen schlaff in ihren Stühlen sitzen. Einige starrten auf einen imaginären Punkt, der jenseits der Grenze der Wirklichkeit zu liegen schien. Es war merkwürdig still, keiner tuschelte mit dem Nachbarn, wie es sonst üblich war. Aber es war keine angenehme Stille, wie man sie empfand, wenn man etwas Großes geleistet hatte und danach einfach zu müde zum Sprechen war. Es war eine bedrückende Stille. Nur manchmal hörte sie das regelmäßige Klicken des Füllfederschließens, wenn sich jemand gedankenverloren damit spielte, einfach um seine Hände zu beschäftigen. Die Luft war zum Schneiden dick und roch verbraucht. Unzählige Male geatmet und durchtränkt vom Schweiß einundzwanzig nervöser Schüler. Mühsam stand sie auf und streckte ihre vom Sitzen steif gewordenen Glieder. Sie öffnete ein Fenster und atmete ein paar mal tief durch. Die kalte, prickelnde Herbstluft vertrieb die Trägheit sofort. Langsam begannen auch die übrigen Schüler sich zu recken und schließlich paarweise über den Lehrer und die Schularbeit zu lästern.
Sie lächelte still, denn es war dasselbe Bild, das sich ihr nach jeder Schularbeit bot.
Ice