Schreie
Hi!
Hab schon lange keine Geschichte mehr ins Internet gestellt, deshalb hier eine (finde zumindest ich) spannende Kurzgeschichte für euch.
Ich freue mich schon auf eure Kritik!
Schreie
Schreie. Hohe markerschütternde Schreie. Sie bohrten sich in meinen Kopf, als wollten sie Löcher in mich fressen.
Leicht benommen wankte ich aus dem Bett. Wer hatte mich denn hier mitten in der Nacht aus dem Schlaf geschrieen?
Meine Augen waren noch müde und immer wieder flimmerte es mir vor ihnen. Weitere Rufe nach Hilfe. Ich tastete in der Dunkelheit nach meiner Jacke. Schnell rannte ich hinaus. Diese Schreie bereiteten mir dröhnende Kopfschmerzen. Woher kamen sie nur?
Über mir schien hell der Vollmond. Er tauchte den finsteren Nadelwald vor meiner Hütte in schwaches Licht.
Ohne groß nachzudenken, folgte ich den Rufen und lief in den Wald. Tiefer und tiefer stieß ich hinein. Unter meinen Füßen knackten kleine Zweige. Dunkle Schatten schienen mich zu verfolgen. „Nur Einbildung“, murmelte ich zu mir. Doch ganz überzeugt war ich nicht davon. Nebel erschwerte mir die Sicht. Eisige Luft kroch mir den Rücken rauf. Ich schüttelte mich. Kurz blieb ich stehen. In welche Richtung musste ich nun?
Die Schreie waren verstummt. Sollte ich wieder umkehren? Vielleicht hatte ich ja bloß geträumt?
Und dann hörte ich etwas. Keinen Schrei, nein. Etwas anderes. Der Wind pfiff mir um die Ohren und wehte es zu mir. Es war nicht zu überhören.
Trommeln. Bedrohliche Trommeln. Dumpf und angsteinflößend.
Wo sollte ich mich nur verstecken? In diesem Moment schrie erneut jemand. Ich rannte. Einfach nur meinen Ohren vertrauend. Rechts. Links. Wieder rechts. Die Trommeln schienen näher gekommen zu sein. Ich versuchte noch schneller zu laufen –und stolperte. Ich fiel unsanft zu Boden, raffte mich jedoch sofort wieder auf. Meine Beine wollten nachgeben, aber sie durften nicht! Denn dann würden mich die Trommeln haben! Und ich würde nie erfahren, wer geschrieen hatte.
Renn! Renn! Lauf um dein Leben! So schoss es mir durch den Kopf.
Was wollten die Trommeln nur von mir? Hinter jedem Baum erwartete ich, dass sich jemand auf mich stürzen würde.
Seitenstechen plagte mich. Doch das war meine geringste Sorge.
Dieses Trommeln sollte endlich aufhören! Sonst würde ich noch verrückt werden... Bitte!...
Und tatsächlich wurde es still.
Völlig aufgelöst sank ich zu Boden. Das war alles zuviel für mich. Ich rang nach Luft. Erschöpft lehnte ich mich an einen Baum. Ich schloss die Augen und versuchte mich zu entspannen. Erfolglos.
Und zum letzten Mal hörte ich einen erstickten Schrei.
Ich riss die Augen auf. Er kam ganz aus meiner Nähe. Rechts neben mir schien es steil bergab zu gehen. Vorsichtig blickte ich hinunter. Weit unten lag etwas Verschwommenes. Vielleicht war es ja nur ein alter Baum? Nein, die Umrisse waren die eines Menschen. Da musste jemand abgestürzt sein!
Was sollte ich nur tun? Nach Hause rennen und den Notarzt rufen? Aber das würde viel zu lange dauern. Dann musste ich wohl selbst handeln. Ich biss mir auf die Unterlippe.
Vorsichtig setzte ich meinen rechten Fuß auf einen hervorragenden Stein. Den anderen zog ich nach und suchte Halt. Das war gar nicht so einfach. Meine Finger klammerten sich fest um Wurzeln.
Erde bröckelte. Plötzlich gab der Vorsprung rechts nach. Gerade noch rechtzeitig fing ich mich wieder. Ich kletterte weiter. Jetzt war es nur noch ein guter Meter. Ich sprang und landete sicher. Erleichtert sah ich auf.
Mein Gott, ich musste weit über fünf Meter herunter geklettert sein. Ich wandte mich der Liegenden zu. Es war eine junge Frau. Sie lag zu meinen Füßen und wirkte komplett leblos. Eine Blutlache ging von ihrem Bein aus. Bitte, sei nicht tot! Sanft rüttelte ich an ihrem regungslosen Oberkörper.
Stöhnend öffnete sie ihre Augen einen Spalt breit. Aufatmend erklärte ich ihr: „Zum Glück habe ich Sie gefunden. Ich werde Ihnen helfen. Hätten Sie nicht geschrieen, hätte ich Sie nie gefunden. Und wären die Trommeln nicht gewesen, dann wäre ich längst wieder zu Hause...“
Verwirrt und mit sichtbarer Anstrengung stammelte die Frau leise: „Welche Trommeln? Und... ich wollte ja schreien, aber ich konnte nicht. Kein einziges Mal.“