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Schrauber

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23.11.2002
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Schrauber

Jenseits deiner Abfahrt

Jenseits deiner Abfahrt

Du vertraust deiner Frau, du vertraust deinem Versicherungsvertreter und deiner Bank. Du vertraust sogar deinem Lieblingsitaliener, den du an jedem ersten Samstag im Monat besuchst, die Lasangne ist wirklich gut. Etwas habe ich auf deiner Vertrauensliste vergessen, aber ich bin mir sicher, darüber machst du dir am wenigsten Gedanken.
Es war mir geradezu eine Freude, die große Inspektion an deinem Auto durchzuführen, es hat mich so sehr mit Glück erfüllt, dass ich mir gleich ein Duplikat deines Schlüssels angefertigt habe, um sogar Nachts an deinem Fahrzeug weiter zu arbeiten, denn es war einiges mehr zu tun, als nur den Luftdruck zu messen und das Öl zu wechseln.
Es ist sechs Uhr dreißig und ich sitze in freudiger Erwartung vor meinem Radiowecker und warte, dass es sieben wird, denn dann wirst du wieder losfahren. Du wirst deine Frau auf die Wange küssen, deinen Anzug richten, die Aktentasche nehmen und das Haus verlassen. Am Ende der synthetisch geschnittenen Hecke vor deinem Haus wirst du wieder auf deine Junghans Silver Edition schauen und feststellen, dass es genau zwei Minuten nach sieben ist, du brauchst deinen geregelten Tagesablauf, wie die Luft zum atmen.
Du steigst in deinen sechsundneunziger Golf Automatik, den dir der Mechaniker deiner Werkstatt des Vertrauens gestern Abend noch vorbei gebracht hat, legst die Aktentasche auf den Beifahrersitz, schnallst dich an und startest das 1,6 Liter Aggregat mit seinen fünfundsiebzig PS. Wie jeden Morgen blickst du auch heute noch mal kurz nach rechts zum Fenster, an dem deine Frau steht und dir lächelnd zum Abschied winkt, heute lächelt sie noch ein wenig freundlicher.
Während ich vor dem Wecker sitze und den ersten Tag meines letzten Urlaubs genieße, wirst du die Auffahrt zur Autobahn verlassen und dich auf der mittleren Spur einordnen, wie immer. Dein Tacho, mit dem ich mich auch beschäftigt habe, zeigt die gewohnten, konstanten hundertzwanzig an, doch irgendwie kommt es dir heute schneller vor. Was eine Justierung der Tachonadel in Richtung Verzögerung nicht alles ausmacht. Leise säuselt eine von Richard Wagners Symphonien aus deinen Lautsprechern, das beruhigt dich oder?
Natürlich weißt du, dass vor deiner eigentlichen Ausfahrt wieder mal Stau ist, wegen der Baustelle, schon seit über einem Jahr. Deshalb wirst du auch diesen Morgen eine Ausfahrt zuvor abfahren wollen. Genau jetzt solltest du die Kassette mit Wagners Symphonien aus dem Radio nehmen und genau hinhören, dann könntest du das ungewohnte Geräusch des Bremspedals wahrnehmen, wie es auf das Bodenblech stößt, doch bei reellen hundertsechzig Km/h ist selbst das unwahrscheinlich.
Genau in diesem Augenblick verteilt sich der letzte Rest Bremsflüssigkeit auf dem Asphalt, was dir die Kontrollleuchte im Cockpit eigentlich hätte anzeigen müssen, wenn sie nicht abgeklemmt währe. Natürlich trittst du noch ein paar Mal hektisch auf die Bremse, da dein Hirn noch nicht begreifen will, was gerade passiert, doch durch die Entlüftungsventile am Bremskolben, die ich zwei Umdrehungen in Richtung offen gedreht habe, kommt nur noch Luft, die höchstens noch nach Bremsflüssigkeit riecht. Dein auf Notfall geschalteter Verstand wird spätestens jetzt ebenfalls registrieren, dass deine Geschwindigkeit immer noch konstant ist, obwohl du schon seit mindestens zehn Minuten nicht mehr auf dem Gaspedal stehst. Wenn du Zeit hast, um nach unten zu schauen, wirst du feststellen, dass das Gaspedal in seiner letzten Stellung verharrt und das wird sich auch nicht ändern, solange die Drosselklappe in der von mir angelegten Verengung im Luftdurchlassrohr fest hängt, zu dumm. Dein nächster Schritt ist sicher etwas riskant bei dieser Geschwindigkeit, doch deine Ausfahrt zieht gerade in Streifen an dir vorbei und das Stauende ist nur noch zweieinhalb Kilometer entfernt, also ziehst du die Handbremse.
Doch wo kein Seil ist da ist auch keine Reaktion. Dein Puls ist jetzt ca. bei hundertsiebzig und lässt den Schweiß aus deinen Poren schießen, vielleicht riecht dein Fahrersitz auch schon nach Urin. Viele Möglichkeiten bleiben nicht mehr, doch dann siehst du im Augenwinkel den herzförmigen Schlüsselanhänger baumeln.
Das ist die Lösung, Schlüssel umdrehen, Motor geht aus und bloß nicht aus reiner Gewohnheit den Schlüssel abziehen, sonst rastet das Lenkradschloss ein. Du kämest wahrscheinlich ein paar hundert Meter vor der Baustelle auf dem Seitenstreifen zum stehen und alles währe gut, wenn da nicht die fachmännische Überbrückung von Kabel eins zu Kabel fünfzehn währe. Nun liegt auf allen Zündschlossstellungen Spannung an, dein Chef muss heute wohl ohne dich auskommen.
Ich weiß, du bist so verantwortungsbewusst und wirst die Hupe benutzen, die noch funktioniert, um die Bauarbeiter zu warnen, bevor sich dein Auto mit hundertsechzig in die Teermaschine bohrt und du, dank des angeschnittenen Sicherheitsgurtes, das Fahrzeug ungebremst durch die Frontscheibe verlässt.
Es ist fünf Minuten nach sieben, ich werde mich auf den Weg zu deiner Frau machen, ich habe ihr versprochen, dass wir heute an den Strand fahren.

 

Hallo Freak

Deine Geschichte hat mir gut gefallen. Sie hat eine ideale Länge und liest sich auch sonst sehr gut. Natürlich weiss man schon ziemlich am Anfang, wie das Ganze ausgehen wird, doch das hat mich hier nicht sonderlich gestört.
Den Titel finde ich nicht sehr gut. Mich dünkt es, dass er nicht so gut passt.

LG!
Berian

 

Besten Dank Berian.
Du hast recht, der Titel ist nicht sehr einfallsreich.
Ich werde mir beim nächsten Mal etwas originelleres überlegen, mich dünkt das währe besser so.
Gruß Freak

 

Hi Freak,

der Fall liegt hier ziemlich klar, der Protagonist ist schuldig und zwar schuldig eine der fiesesten Fälschungen begangen zu haben, die sich mein Deutschhirn vorstellen kann: er hat das Wort "wäre" auf das Übelste vergewaltigt und ihm ein widerliches "h" dazwischen geschoben. *hmpf*
Dafür wird der Protagonist keinen Anwalt finden, der ihn da wieder rausboxt. :D

Deine Geschichte ist launig zu lesen und unterhaltsam, wenn auch vorausschaubar und als Verbesserungsvorschlag für "Schrauber" (womit ich immer so einen Typen wie meinen Mann vor mir habe, der an seinen Oldies schraubt und glücklich ölverschmiert rumläuft) schlage ich vor: Mechaniker oder sogar für die ganz doofen Automechaniker.
Aber könnte auch sein, dass mir noch was anderes einfällt wie z.B. "letzte Inspektion" oder nur "Inspektion". Aber entscheiden mußt du das.

*maulschlüsselschwenkend*
lakita

 

Tach lakita.
Jo, hast ja Recht, man sollte die deutsche Sprache
nicht so leichtfertig verunstalten.
Wäre doch nur der Deutsch LK bei uns zustande gekommen,
aber naja.
Über deine Vorschläge bezüglich des Titels werde ich
mal bei einer bis drei Flaschen Weines nachdenken.
Vielen Dank für die Antwort und bis denn dann.
Gruß Freak

 

*korkenzieherreich* ;)

Wieso bei einer bis drei Flaschen Wein nachdenken?

1.) Weil du heute Burzeltag hast (übrigens Gratulation!) und sowieso jede Menge saufen wirst?
2.) Weil meine Vorschläge nur im Zustand des Vollsuffs erträglich sind, also du sowas ähnliches wie Schönsaufen machst?
3.) Weil du erst nach der zweiten oder weiß der Henker wievielten Flasche denken kannst, was man dann in bürgerlichen Kreisen Alkoholiker nennt?
4.) Weil du grad für heute eine Weinprobe angesetzt hast?
5.) Weil du noch ein paar Korken für die Korkensammelstelle brauchst?
6.) Weil du zu denen gehörst, die nicht in den Mai tanzen, sondern sich in den Mai saufen?
:D

Jo, bis denn dann
lakita

 

Tja lakita, Nummer eins war richtig, alles andere ist vollkommen ausgeschlossen. Entschuldige mich nun, ich muss meine Frühstück trinken.

 

hi freak,

hohoh - das ist aber makaber.
du hast diese geschichte super herrlich geschrieben, es war ein spass, sie zu lesen. besonders, weil ich als autofahrer mitfiebere - so habe ich im geiste auch die handbremse leicht gezogen, und ich sah mich auch den schlüssel auf "aus" stellen *smile*.

wirklich schön geschrieben!!

bye

barde

 

Hi Barde.
Ich habe irgendwann einmal gelesen, dass ein Lob von dir eher selten sein soll, um so mehr freut es mich natürlich, dass dir die Geschichte gefallen hat.
Also Dank und Verneigung ob deiner Antwort und immer schön dran denken, die nächste Inspektion kommt bestimmt!
Gruß Freak

 

Boah - ist das böse.

hallo Freak!

Vorrasusehbar aber dadurch nicht schlechter. Das ganze technisch, mit dem Kablezeug und so - da kenn ich mich nicht aus, ich glaubs dir einfach mal, das wird schon stimmen. Ironische Formulierungen und ein gewisses Tempo - der Text macht Spaß. :)
Der Titel gefällt mir nicht besonders - aber ich kann auch keine gute Alternative bieten. Entscheiden musst das eh Du.

schöne Grüße
Anne

 

Hallo Maus.
Ja, Ja die Sache mit dem Kabelzeugs und so, ich hoffe, dass ich keine technische Möglichkeit unbedacht gelassen habe, so dass der Protagonist am Ende doch noch überlebt (nicht auszudenken!).
Fünf Jahre Werkstatt müssten eigentlich gereicht haben, aber ich lasse mich gern vom Gegenteil überzeugen.
Mir ist trotz mehrfacher Überlegung bislang noch kein passenderer Titel eigefallen und mitlerweile habe ich resegnierend beschlossen ihn so zu belassen, was solls.
Allemal Danke für deine Antwort.
Gruß Freak

 

Danke für die Inspiration Barde, manchmal reicht ein kleiner Anstoss.
Es ist nicht ganz dein Titelvorschlag geworden, aber wenigstens ist der fettleibige, latzhosentragende, nach Bier riechende, super plus saufende Ölpfuscher aus der Titelleiste verschwunden. Thanks anyway

 

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