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Schneewittchen
Schneewittchen, heute
Oder die Kunst, den Drachen zu jagen
Weiß wie der Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz. Ich sah ihre Haut, ihre Lippen und ihr Haar. Und ihre Augen, die wie Spiegel glänzten, zeigten mir mein Spiegelbild, ganz klein und gekrümmt auf der linken Pupille. Ich war eingesetzt als Racheengel, als Jäger, Richter und Henker, doch Schneewittchens Schönheit lähmte mich. In diesem Moment war mir egal, was sie verbrochen hatte, es war mir egal, um wieviel Geld es ging und was man mit mir anstellen würde, wenn ich mit leeren Händen wiederkommen würde. Ich war einfach hingerissen.
Ihr Problem war allzu offensichtlich. Die fahrigen Bewegungen ihrer Hände machten alle Worte überflüssig und aus ihren Augen schrie es mir entgegen: Heroin, die Königin der Drogen, ein Wort wie ein Gedicht. Ein Wort voller Geschichten über ungelebte Träume und geträumte Leben, und über die kleinen Sünden, die zum Überleben nötig waren.
Wir stürzten uns eine wilde Flucht, unser Leben rauschte in Einzelbildern an uns vorbei; wir lebten einen Film, manchmal in Zeitlupe, manchmal Schlag auf Schlag. Ich tauchte mit Schneewittchen unter. Wir versteckten uns in Abrissbuden und in dunklen Kellern, in billigen Hotels und auf Dachböden, als wäre es die Sonne, die wir meiden und vor der wir uns verbergen mussten. Schließlich fanden wir Unterschlupf in einer Art Wohnheim. Ich erzählte niemandem von dem Heroin, wollte niemanden mit unseren Sorgen belasten, die, wie das eben so ist, mal kleinerer, mal größerer Art waren.
Heroin wächst nicht auf Bäumen und liegt nicht auf der Straße, die Beschaffung ist ein ewiger Kampf, ein Kampf um das Geld und um die Gunst der Leute, die es haben.
Es gab kein Heute und kein Morgen, es gab nur Tage, an denen ich mit Stoff und solche, an denen ich ohne Stoff nach Hause kam. Sie lebte von einem Schuss zum nächsten, durchlebte lauter kleine Wiederauferstehungen, gefolgt von lauter kleinen Toden. Ich blieb in der Nacht bei ihr und starb mit ihr, sah zu, wie sie sich die Nadeln setzte, als wäre es die normalste Sache auf der ganzen Welt. Und ich rannte, um neue, saubere Spritzen zu holen. In der ersten Zeit hatte sie Probleme mit der Einteilung der Rationen, dann nahm sie am Morgen zuviel und lag bei meiner Rückkehr bleich, zitternd und von Krämpfen geschüttelt in der Ecke. Ihr Körper war ganz aufgeweicht vom kalten Schweiß und wenn ich ihr mit der Nadel half, zerschmolz sie unter meinen Berührungen. Bald ging sie dazu über, das Heroin zu schnupfen, den Drachen zu jagen.
Ich liebte diesen Ausdruck, den Drachen jagen, das klang nach einem Märchen und nach einem Spiel, in dessen Verlauf man irgendwann doch noch gewinnen konnte.
Und dann gab es die Nächte, in denen ihr Kopf klar und ihr Gedankenfluss nicht dauernd unterbrochen war, die Nächte, in denen sie mich fragte, wer die Schönste sei und ich nur lächelte, die Nächte, in denen sie mir von sich erzählte. Dass ihre Freunde sie ´Schneewittchen´ riefen, obwohl sie schon damals längst auf Heroin umgestiegen war, einfach aus Gewohnheit und weil sie so ungeheuer schwarze Haare hatte. Welche Freunde, fragte ich. Und sie schlug die Augen nieder, schwieg und überging meine Frage. Jeden Tag werden sie dunkler, flüsterte sie, ein kleines bisschen dunkler. Hast du es bemerkt? Dabei nahm sie meine Hand und sagte: Fühl mal!
Als könne man das Dunkle in den Haaren fühlen.
Ich nickte und dachte mir im Stillen, dass es ihre Haut war, die jeden Tag ein bisschen heller wurde. Und dass es der Kontrast war, der ihre Haare dunkler erscheinen ließ, besonders im Mondlicht. Ich streichelte ihre Arme und ihren Hals und erschrak, als ich sah, dass die Haut dort schon beinahe durchsichtig war.
Ich stellte mir vor, wie wir eines Tages gezwungen sein würden, ihren Körper an ein Museum zu verleihen, um an Geld zu kommen. Stellte mir vor, wie die Besucher sich vor ihrem Podest drängen würden, das Schild am Sockel lesen würden.
„Das Glasmädchen. Zerbrechlich. Bitte nicht berühren.“
Die Leute würden durch ihre Haut in sie hineinschauen und sehen, was da in ihrem Körper so alles vorginge. Und sie würden suchen und suchen und nichts finden, einige würden ihr Geld zurückverlangen. Da sieht man nichts, da ist ja gar nichts drinnen, würden sie schimpfen, die ist ja ganz hohl und leer. Und die Leute vom Museum würden mit einem leisen Lächeln erwidern: Alles verkauft, ihre Seele ist gleich da drüben.
Ich konnte die Luft anhalten, die Augen ganz fest zudrücken, und zack war der Gedanke weg, aber nach und nach wurde das Geld knapp und die Sache begann an mir zu nagen, zermürbte mich und ließ mir keine Ruhe mehr. Nach einem Monat musste ich ihr dreieinhalb statt der üblichen zwei Päckchen am Tag besorgen.
Die Königin, rief sie immer wieder, bringe mir die Königin.
Und ich lief und hetzte und brachte ihr die Königin.
Drei, vier Päckchen jeden Tag, ein Beweis meiner Liebe. Der Blutkreislauf als einziger Weg zu ihrem Herzen.
Ich war vernarrt in ihre Haut, ihre Lippen und ihr Haar. Und ich war nicht der einzige. Immer wieder wollte sie wissen, wer die Schönste sei, und das ganze Wohnheim antwortete im Chor: Du, Schneewittchen, du. Sicher bemerkten die Leute, dass wir die wenigen Möbel verkauften, als unsere Geldquelle am Versiegen war. Sicher bemerkten sie, dass ich Geschäfte mit allerhand zwielichten Gestalten trieb, sicher bemerkten sie, dass wir ihre Gastfreundschaft in jeder Hinsicht schamlos ausnutzten. Aber keiner wies uns zurecht, nicht ein böses Wort fiel in der ganzen Zeit. Die Schönheit wirkte auch auf sie, steckte sie an, wickelte sie ein und verzauberte sie, sodass sie alles friedlich über sich ergehen ließen, jede Schmach und jede Lüge.
Doch es blieb nicht bei den Möbeln, natürlich nicht. Wir nahmen die Bilder von den Wänden und verkauften sie, genau wie die Teppiche, die Lampen, das Geschirr und die Vorhänge. Nach einem halben Jahr hatten wir nichts mehr zum Verkaufen, sie sagte, ich solle ihre Locken an ein Perückengeschäft verschachern. Schwarz wie Ebenholz. Ich brachte es fast nicht übers Herz, doch ich begriff, dass wir keine Wahl mehr hatten, ich schnitt ihre Haare ab und blickte stumm auf ihren kleinen runden Kopf, und wenn ich genau hinsah, konnte ich auch ihre kleinen runden Gedanken erkennen, die sich darin wie Planeten um ein Wort wie um eine Sonne jagten. Heroin. Lang lebe die Königin.
In den Nächten saßen wir auf dem blanken Boden, in einem kahlen kalten Zimmer wie verlassene Propheten im Magen eines innen wie außen weißen Wals. Wir hatten nur das Mondlicht, dessen bläulicher Schimmer mit jeder Nacht ein bisschen grauer wurde. Wir setzten uns ans Fenster und rückten dicht zusammen, um uns wie zwei kleine Tiere gegenseitig wärmen zu können, und betrachteten den Mond, als sähen wir ihn in jenem Augenblick zum ersten Mal. Bisweilen war er kugelrund und hell, ein andermal schien er in weiter Ferne und war blass und grau umwölkt wie ein blindes Auge.
Ihre Augen waren entzündet, die Lippen trocken, die Haut spröde, das Haar stumpf. Sie wurde immer dünner und dünner und ich hielt sie fest, weil ich dachte, dass sie in meinen Armen nicht noch dünner werden könne. Ich legte mein Ohr an ihre Brust und hörte ihr Herz nurmehr flüstern, ein entsetzlich langsames, schleppendes Pochen tief, tief in ihr drinnen wie in weiter Ferne. Und wenn sie die Kraft zu sprechen hatte, fragte sie mich immer wieder, wer die Schönste sei. Und lächelnd sagte ich: Du, Schneewittchen, du.
Ich trug sie auf den Armen im Haus herum, legte sie auf das Fensterbrett, in die Sonne, wie man eine welke Blume in die Sonne setzt, damit sie wieder blühen lernt. Ich las ihr Geschichten vor und sammelte im Wohnheim Bilderbücher, als das Zuhören sie zu sehr anstrengte. Und immer wieder ging ich fort, um neuen Stoff zu besorgen, um ihr die Königin zu bringen. Ich verkaufte die Bilderbücher, verkaufte alle Kleider, die wir nicht am Leib trugen, aber das Geld wurde immer knapper und die Mengen H, die ich aufzutreiben hatte, immer größer. Es war, als verfolgten wir unseren eigenen Schatten, der Preis war uns immer einen Schritt voraus, und der Preis bemaß sich an der Größe unserer Not. Wenn sie wach lag, wollte sie wissen, ob sie träume, und wenn ich verneinte, glaubte sie mir immer seltener. Im Schlaf warf sie sich herum, wand sich wie im Fieber und stammelte von Engeln und von Drachen, die es zu besiegen galt. Ich ging hinaus in die Stadt, stahl und hehlte, um sie für ein paar Stunden von den Träumen freizukaufen.
Ihre Pupillen verengten sich zu schmalen Schlitzen, sodass sich mein Spiegelbild darin bis zur Unkenntlichkeit verzerrte; ihr Atem wurde immer flacher und wenn ich sie küsste, hielt sie die Luft an, um mich nicht riechen zu lassen, dass sie wieder erbrochen hatte. Das Heroin tat seine Wirkung, die Königin hatte ihren Schleier abgeworfen.
Die Leiter des Wohnheims bestanden darauf, Schneewittchen ins Krankenhaus bringen zu dürfen und ich gab ihnen nach, sie hätten keine Widerrede akzeptiert. Wir schleppten sie durch dunkle Gassen, schleiften sie über mondbeglänzte Pflastersteine und bugsierten sie an den Passanten vorbei über längst verwaschene Zebrastreifen.
Sie war leicht wie ein Blütenblatt, sodass ich sie mir hätte auf die Schultern hieven können, aber die anderen wollten unbedingt beim Tragen helfen. So wetzten ihre Füße über den Asphalt, der linke Schuh lockerte sich und fiel ab, ohne, dass wir es bemerkten.
Im Krankenhaus verlor sie ihr Bewusstsein, die Ärzte fragten uns nach Drogen, wir zuckten die Schultern und machten ratlose Gesichter, als wäre die Macht der Königin dadurch zu schwächen, dass wir sie verleugneten. Drei Tage lag Schneewittchen bewusstlos auf der Intensivstation und alle standen weinend vor dem gläsernen Kasten, unter dem ihr Bett war. Wie ein Sarg aus Glas, jammerten sie.
Koma, sagte ich, Koma. Immer und immer wieder, als würden sich auch Worte allmählich abnutzen, wenn man sie nur oft genug aussprach. Koma Koma Koma.
Wir erinnerten uns an das Märchen, im Märchen gab es immer Hoffnung und nun kam ja die Stelle mit dem Königssohn.
Die Leute aus dem Wohnheim, die geblieben waren, hörten auf zu schluchzen, legten ihre Köpfe zurück und sahen mich aus großen Augen an, und in ihren Blicken lag Erwartung und Vertrauen. Doch ich war nicht der Richtige. Resigniert winkte ich ab. Mein Vater ist kein König, brachte ich leise hervor, Busfahrer ist er, schon sein ganzes Leben lang. Und da schwand ihre letzte Hoffnung dahin.
Am Abend des dritten Tages tauchte ein junger Bursche auf, er hatte Schneewittchens linken Schuh gefunden, den wir auf dem Weg verloren hatten. Triumphierend hielt er ihn hoch und schwenkte ihn in der Luft herum, als wäre der Schuh eine heilige Reliquie, doch auch das würde nicht mehr helfen, die Sache war verloren. „Gehen Sie“, rief ich verzweifelt, „Gehen Sie schon! Das ist das falsche Märchen.“
Die Ärzte waren ratlos, sie standen an Schneewittchens Bett, murmelten und tippten auf die Apparate. Das Gift war stärker als die Blutkonserven, Stück für Stück hatte es ihren Körper ausgehölt, ihre Kraft geraubt, die Venen und Arterien platzen lassen und damit die kleinen Tunnels zu ihrem Herzen für alle Zeit verschüttet. Die Königin hatte gesiegt. Wieder einmal.
Ich strich mit der Hand über das glatte, kalte Glas, unter dem Schneewittchen lag, als wäre es dieser halbe Zentimeter Plexiglas, der sie so unnahbar machte, so geheimnisvoll und märchenhaft.
Und in ihrem gläsernen Sarg war sie so schön wie eh und je, so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie Ebenholz.