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Schlüssel?
- Schlüssel? -
Er musste grinsen, als er daran dachte wie er den Zettel damals nach einer dreihundert Euro Rechnung vom Schlüsseldienst, angebracht hatte.
Die Tür war gerade ins Schloss gefallen, als er sich urplötzlich aber auch wieder dessen Bedeutung entsann und er fragte sich wie ein Mensch nur so verdammt dämlich sein konnte.
Da stand er nun, um halb ein Uhr morgens und mit nichts bekleidet als einer Unterhose und zwei Badelatschen. Perfekt in Szene gesetzt durch die seiner Ansicht nach viel zu Helle Deckenlampe des Treppenhauses.
Um die Zeit sieht mich eh keiner mehr, hatte er sich gedacht, als er sich auf den Weg gemacht hatte noch ein paar Bier aus dem Keller zu holen.
Er blickte an sich herunter. Verloren lag der kleine Schlüssel für das Vorhängeschloss des Holzverschlages auf seiner Handfläche und schien ihn zu verhöhnen. Hätte dieses unscheinbare Stück Metall sprechen können, es hätte gesagt : "Tja, mich hast du nicht vergessen. Jetzt kannst du dich wenigstens unten besaufen gehen." Er ballte eine Faust, damit er es nicht mehr sehen musste.
Von drinnen waren währenddessen noch die gedämpften Geräusche des Fernsehers zu hören, vor dem er noch wenige Sekunden zuvor gesessen und eine Wiederholung von Dallas gesehen hatte. Jetzt war er unerreichbar, genauso wie die Mikrowellen Lasagne, die fertig zubereitet auf dem Wohnzimmertisch stand und darauf wartete kalt zu werden.
Er dachte nach.
Bei Lucy gegenüber wollte er auf gar keinen Fall klingeln. Sie war eine bildhübsche, vierundzwanzig jährige Italienerin und um nichts in der Welt wollte er sich ihr in diesem lächerlichen Idiotenoutfit präsentieren.
Dann schon lieber bei den Fischers, eine Etage tiefer. Ein älteres, nettes Ehepaar und immer zu Hause. Sein Magen zog sich allerdings bei dem Gedanken daran schon wieder einen Dienst rufen zu müssen, heftig zusammen. Nur, eine echte Alternative sah er momentan auch nicht wirklich, außer vielleicht.....das Badezimmerfenster! Wie hatte er das bloß vergessen können, noch vor ein paar Minuten war er auf dem Klo gewesen und anschließend öffnete er es immer für eine Weile, seitdem die Lüftung kaputt gegangen war.
Er musste dafür in die erste Etage klettern und er überlegte, ob er das schaffen konnte. Der Garten gehörte eigentlich den Finkes, aber die schliefen sicher schon und hatten die Jalousien auf der Terrasse heruntergelassen. Vom unteren Sims aus auf das Welldach der Veranda, möglichst ohne dabei jeglichen Lärm zu verursachen und anschließend nur noch hindurchschlüpfen.
Das klang so einfach, dass er den sprichwörtlichen Stein der gerade von seinem Herzen fiel, beinahe aufschlagen hören konnte.
Das Grundstück war von allen Seiten gut zugänglich. Er musste nur zur Haustür raus, auf die Rückseite des Gebäudes und über den bloß wenige Zentimeter hohen Gartenzaun steigen.
Er hechtete die Treppe nach unten, voller Vorfreude auf Dallas, zerlaufenen Käse über Hackfleisch und Nudeln, sowie ganz einfach bloß seine eigenen vier Wände. Unglaublich wie schnell man Heimweh bekommt, dachte er kurz, streckte dann seine Hand aus und umschloss mit ihr die Klinke.
Er hatte keine Ahnung wieviel Zeit inzwischen vergangen war, es war zu dunkel um die Uhr lesen zu können. Vielleicht ein halbe Stunde, vielleicht auch mehr. An für sich interessierte es ihn auch nicht. Alles was war für ihn augenblicklich zählte, war es ein kontinuierlich steigendes Gefühl des Hasses gegen seine Nachbarn und dieses Haus zu entwickeln.
- Es waren Finkes! - Dieser Gedanke ließ ihn nicht mehr los. - Sie schließen immer die Haustür ab, weil sie Angst vor Einbrechern haben. Sollen sie sich doch ein Sicherheitsschloss an ihre eigene Wohnungstür machen, aber vermutlich haben sie das eh schon. - "Scheiße!", schrie er. Das erstemal das er etwas laut sagte und nicht bloß dachte, seitdem die Notleiter oben abgebrochen war und ihn gegen die Wand drückte, so dass er jetzt in dem engen Verbindungsgang zwischen Hof und Tiefgarage eingeklemmt war. Seinem Unmut Stimme zu geben tat gut wie er feststellte und er beschloss damit weiter zu machen. "Wer wartet dieses Scheissding hier überhaupt? Gut zu wissen das ich bei nem Notfall wenigstens auch im Notausgang verbrennen kann! Das ist sowas von zum kotzen in dieser beschissenen Bude!" -
Er wollte mit den Fäusten gegen die Wand hämmern, bekam seine Arme aber nicht aus der engen Umklammerung der Sprossen gelöst. Er hatte keine Ahnung wie er sich zwischen den Stufen, in ihnen und mit ihnen verheddert hatte, aber wäre hier drin jetzt Licht gewesen, wäre das wohl ein ziemlich bizzarer Anblick gewesen.
Er hörte ein metallenes Klirren. Es war der Kellerschlüssel, der aus seinen Socken gerutscht und nach unten, durch das Lüftungsgitter am Boden der Garage, gefallen war. Er hatte ihn sich in den Strumpf gestopft, um ihn beim klettern nicht zu verlieren. Sollte er jetzt jemals wieder hier herauskommen, könnte er sich kein Bier mehr holen. Irgendwie regte ihn diese Tatsache augenblicklich mehr auf, als die eigentlich ungemein prikärere Lage, in der er sich gerade befand.
Dann hörte er ein weiteres Geräusch, es gefiel ihm nicht.
Es ist nahezu unvorstellbar wieviel Schmerzen ein gewöhnlicher Gartenzwerg mit spitzer Plastikmütze verursachen kann, wenn man barfuß in ihn hineintritt. Verstärkt werden diese eigentlich nur noch wenn der zweite Fuß beim anschließenden Sturz noch auf der anderen Seite eines scharf gezackten, bloß wenige Zentimeter hohen Holzzaunes steht und der Oberschenkel auf eben jenen Zacken aufsetzt.
Er befand sich jetzt nicht länger auf dem Weg in seine Wohnung, er war im Krieg. In dieser Nacht wurde sein Glaube an Gott ganz elementar in Frage gestellt und er würde niemals wieder in die Kirche gehen. Nicht das er es jemals getan hätte.
Wenigsten war die Leiter letztendlich doch noch vollständig abgebrochen und hatte ihn damit - wenn auch auf ziemlich unkomfortable Art und Weise - aus seiner Gefangenschaft befreit. Eine Badelatsche hing noch im Nottunnel. Anschließend hatte er festgestellt, dass das Garagentor nicht verriegelt war und jetzt stand er endlich im Garten.
Es war kurz vor halb zwei. Die Festung, aus der ihm nach beinahe einer Stunde endlich die Flucht gelungen war, wartete darauf jetzt neu infiltriert zu werden, aber diesmal an anderer Stelle, nämlich direkt in ihrem Kommandozentrum, in seiner Wohnung.
Das Welldach ließ sich einfacher besteigen, als er befürchtet hatte, es knarrte ein wenig, aber nicht sehr laut. Er hatte es mühelos von einem kleinen Mäuerchen mit Geländer aus erreichen können. Diese kleine Backsteinwand hatte er von seinem Bad aus noch nie gesehen und er dachte einen flüchtigen Moment lang darüber nach, wie unglaublich es ist, das Orte sich durch ihre perspektiven Sichtweisen so stark voneinander unterscheiden können. Dann ging er vorsichtig weiter. Solange er auf den Eisenträgern unterhalb des durchschimmernden Hartplastiks balancierte, sollte es halten.
Das Fenster lag jetzt fast direkt vor ihm. Er konnte es kaum glauben, so kurz vor dem Ziel und nichts geschah. Kein einstürzendes Dach, keine Finkes die plötzlich raus in den Garten kommen, weil sie ein Geräusch gehört haben, nichts. Nur er und der nahende Erfolg. All das Pech, was ihn die ganze Zeit verfolgt hatte, schien verflogen, jetzt hatte er endlich Glück. Noch drei Schritte, zwei, nur noch einer.......
Das Fenster war verschlossen.
Es war kurz nach fünf als sich das Gitter vor ihm schloss. So sehr er sich auch bemüht hatte ihr die Situation zu erklären, Lucy hatte sich nicht davon abbringen lassen die Polizei zu rufen. Die Scheibe des Toilettenfensters hatte sich in dem Moment geöffnet, in dem er bemerkt hatte, dass sie verschlossen war. Nur, sein Problem hatte sich damit nicht gelöst.