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Schicksalsdusche
Ein Silberfisch lehnte mit lässig angewinkeltem Beinchen an einer vorstehenden Fliese, rauchte einen Tabakfussel und genoss das unbeschreibliche Panorama seines selbstgewählten Domizils. Ein Makler würde es den potenziellen Kunden als „feuchtwarmes, stilles Örtchen zum Entspannen und Zeitungslesen“ schmackhaft machen. Dem Silberfisch musste diese Umgebung nicht erst schmackhaft gemacht werden, es gefiel ihm hier sehr gut und er hatte schon so manche nachbarschaftliche Streitigkeit mit der einen oder anderen Schabe hinter sich um sie ganz sein eigen nennen zu können. Überall Dunkelheit, kloakiger Geruch, Feuchtigkeit, verschiedenste Arten domestizierter Schimmelpilze und Essbares, wohin das Auge reichte.
Die Rede ist von einer simplen Toilette. In kleinen Ritzen und Winkeln findet sich so mancher leckerer Brotkrümel, man glaubt es kaum wie viele Leute am Klo essen, ganze Mittagsmahlzeiten werden dort verschlungen. Sehr zur Freude des silbrig geschuppten Insekts, so blieb der Speiseplan ausgewogen. Neben Kleister und Papier verspeisen Silberfische gestärkte Wäsche mit an Fanatismus grenzender Vorliebe. Mehl ist auch eine Möglichkeit, doch diese Nahrungsmittelvariante hatte er nach üblen Auseinandersetzungen mit einer jungen Lebensmittelmottengeneration schnell bleiben lassen. Er dämpfte das glimmende Tabakstück aus und machte sich auf den Weg. Wohin, das wusste er nicht genau, doch er war auf der Suche. Seit geraumer Zeit hatte sich eine schwer einzuordnende Unruhe in ihm ausgebreitet, hatte sich festgefressen und verlangte befriedigt zu werden. In seinem Inneren herrschte Chaos; eine schnelle Abfolge von Bildern und kurzen Sequenzen reihte sich aneinander, bestrebt ein Ganzes zu formen und hoffentlich auch bald eine Erklärung. Der Silberfisch beschloss diesem Selbstfindungsprozess nachzuhelfen und wagte sich aus seinem angestammten Territorium, unter der Türritze hindurch und danach einfach den Fühlern nach. Nach langer, von verzweifeltem Überlegen gezeichneter Krabbelung passierte er erneut eine Türritze und fand sich in einem feuchten, stickigen Raum wieder.
Genau als er unter der Tür hindurch trat, als hätte er durch diesen Schritt seinen Horizont erweitert, wusste er was ihm fehlte. Nachwuchs! Silberfische zeichnen sich nicht durch facettenreiche Perspektiven vom Leben aus, eher durch asketische Lebensweise, Zähigkeit und einen Sturschädel. Und eben diese Eigenschaften trieben ihn voran, hoffentlich einem potentiellen Partner entgegen, der essenziell ist für die Durchführung dieses Vorhabens. Er überlegte, wo er einen solchen finden könnte. Dieser Platz war ein guter Anfang, bot er doch ähnliche Lebensbedingungen wie sein eigenes Zuhause.
Ungewohnt häufiges Nachdenken ermüdete das kleine Silberfischgehirn, doch war es noch zu einer rationalen Entscheidung fähig. Er beschloss sich auf eine höhere Ebene zu begeben, um eine weitere Fläche überblicken zu können. Ein bodennahes Handtuch als Leiter verwendend, vorbei an parfümierter Seife, kletterte er an den Rand einer tiefen Badewannenschlucht, deren Boden endlos weit weg erschien. Der Silberfisch erkundete interessiert die neue Umgebung, inspizierte sie sehr genau. Zu genau. Er hatte sich weit vorgewagt, tat einen falschen Schritt mit einem falschen Fuß und rutschte nun, alle sechse von sich gestreckt, den Abhang hinunter. Wutentbrannt rappelte er sich auf, nur um festzustellen, dass er gefangen war. Vier blütenweiße, abgeschrägte Wände umschlossen ihn, boten nicht viel Anlass zur Hoffnung. Er schüttelte, nun betrübt, den Kopf und machte sich an den Aufstieg.
Nachdem er zum fünfundzwanzigsten Mal die glatte, weiße Wand erklomm, nur um nach dem Viertel des Weges zurückzurutschen, hielt er für einen Augenblick inne und grübelte über seine missliche Lage nach. Wenn er nicht sterben wollte, ohne sein Erbgut Kindern und Kindeskindern hinterlassen zu haben, musste er hier raus.
Wie es die Natur eines Silberfischchens ist, war dieses angestrengte Nachdenken über mögliche andere Optionen, nur von kurzer Dauer. Schon kletterte und rutschte er munter weiter. Er erprobte diese recht fruchtlose Methode an vielen Stellen und, siehe da, über ihm war ein schlieriger Kalkstreifen zu sehen. Er fasste neuen Mut und nach ein paar missglückten sowie schmerzhaften Anläufen, er hatte sich einen seiner majestätisch langen Fühler geknickt, gelang es ihm an der kalkigen Stelle festeren Halt zu finden. Seine Anstrengung verdoppelnd, kämpfte er sich weiter, sah schon den Rand der Badewanne, für ihn das sprichwörtliche Licht am Ende des Tunnels. Euphorie überkam ihn, fuhr durch jede seiner silbernen Schuppen, machte ihn ganz wirr. Doch plötzlich erbebte der rutschige Untergrund, verzweifelt versuchte er sich festzukrallen, brachte dabei sogar seine Beißwerkzeuge zum Einsatz, doch umsonst. Er kullerte, sich überschlagend, die Beinchen angezogen, der Wille gebrochen, herab. Ein ohrenbetäubendes Donnern war zu hören und eine durchsichtige Wand baute sich vor ihm auf. Welch Schicksalsschlag für das kleine Insekt. Ihm blieb keine Zeit zu reagieren und selbst wenn ihm Zeit geblieben wäre, hätte er sie nicht nutzen können, denn wohin sollte er sich flüchten? So schloss er die Augen, sein letzter Gedanke galt den Eiern die er nun nie legen würde und holte tief Luft.
Und so endete ein Silberfischleben, wie schon viele zuvor geendet hatten:
In den unendlichen Weiten der Kanalisation, dem Tod durch Ertrinken ausgeliefert, verursacht durch Menschen, denen die schiere Existenz von Silberfischen nicht behagt und sie deshalb, wo sie ihrer nur habhaft werden, ausrotten.
Wenn doch nur mehr Menschen wüssten, dass Silberfischchen keineswegs Schädlinge sind. Staubmilben, das sind die Bösen! Eklige kleine Viecher die beim Menschen Allergien auslösen können. Widerliche kleine spinnenähnliche Kreaturen die Kot und Auswurf verspritzend durch die Wohnung ziehen und jedwedem organischen Material auflauern. Und Silberfische zählen eben jene offensichtlichen Schädlinge zu ihrem Speiseplan, denn Staubmilben stellen eine wahre Delikatesse dar, noch dazu sind sie an jeder mit Teppich ausgelegten Ecke, unter jedem Kissen zu finden.
So quälen sich Menschen ein Leben lang mit krampfhaftem Hustenreiz und tränenden Augen, denn der Natur Wege sind für sie unergründlich und der Griff zum Duschkopf ist befriedigender.