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Schicksal

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02.10.2002
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Schicksal

Schicksalsschlag

Der Schicksalsschlag ereilte Isabella mit 12 Jahren. Eines nachmittags stand ein Polizist in der Küche und versuchte angemessenen Wortes den Unfallhergang zu schildern. Eine dumme Sache, kein Grund, gleich zu Tode zu kommen. Normalerweise führt ein Abkommen von der Straße maximal zu einem Schleudertrauma, selbst wenn man sich noch mehrmals auf dem Acker überschlägt. Wo doch auch gerade die Ähren hoch standen. Ihm ist das ganze ein Rätsel und auch äußerst unangenehm.
Ihre Mutter war bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Isabella hatte nicht geweint. Aus Filmen wusste sie, dass das der Schock war und keine Tapferkeit, und später würde sie in irgendjemandes Armen liegen und ihren Schmerz heraus weinen.
Die Nacht war mild. Isabella nahm eine Kerze und ging hinaus in die parkähnliche Gartenanlage, die zu ihrem Haus gehörte. Sie ertrug im Haus die schwüle Luft nicht mehr.
Ganz weit vom Licht entfernt setzte sie sich auf einen Baumstamm und besah sich die Sterne. Sie würde anfangen müssen, das zu lieben, was keiner wegnehmen oder zerstören konnte. Zum Beispiel die Luft. Ihre Gedanken waren so klar und sachlich, als beschließe sie etwas für jemanden anderes. Und wenn sie von jemandem Trost bräuchte, wäre die Luft immer da. Sie kann sie in den Arm nehmen und wiegen, tröstende Worte flüstern. Sonst ging sie zu ihrer Mutter. Aber die war ja tot. Sie spürte wie ihr die Kehle enger wurde. Nein, auf Menschen brauchte sie nicht mehr rechnen. Deren Schicksal war einfach zu unzuverlässig. Kaum ist man sich bewusst geworden, dass man einen von ihnen lieb gewonnen hat, so verschwand er. Nie hat sie den kleinsten Gedanken verschwendet, darüber nachzudenken, an wen sie sich im Falle des Todes ihrer Mutter wenden könnte. Jäh wurde sie in ihrem Nachdenken unterbrochen
„Isabella?“ Ihr Vater kam. Was wollte der denn. „Kannst du dich um deinen Bruder kümmern. Er braucht, glaube ich, ein wenig deinen Zuspruch.“
„Ich komme gleich. Ich wollte nur ein bisschen frische Luft schnappen.“ Es klang recht trocken.
„Geht es dir auch gut?“ Er kam näher. Sein Gesicht war völlig blutleer. Dann fiel er entkräftet vor ihr auf die Knie und legte seinen Kopf auf ihre Knie. Seine Augen befanden sich auf der Höhe ihres knospenden Busens. Er drückte sich an sie und weinte. Isabella wusste nicht so recht, was sie tun sollte. Ihr Vater war ihr fremd. Er war kaum zu Hause und soviel sie wusste, begleitete er ein hohes Amt im diplomatischen Dienst.
Sie legte ihre schlanken Arme um seinen Hals, streichelte seinen Hinterschopf, seinen Rücken, wiegte ihn, so wie es ihre Mutter getan hätte. Dann nahm sie seinen Kopf in beide Hände und hielt ihn ein Stück von sich weg. Sie bedeckte seine Stirn mit kühlen Küssen, von denen sie glaubte, dass sie seinen Schmerz linderten. Dann legte sie sich seinen Kopf wieder an ihre Brust. Ihre Bewegungen hatten etwas rituelles. Aus Langeweile fing sie an, eine Melodie zu summen, es war immer die gleiche, die sie unaufhörlich wiederholte. Kaum mehr war ihr gewahr, dass es keine Puppe war, die sie trösten musste, weil sie aus dem Kinderwagen gefallen war gleich einem jungen Spatzen aus dem Nest. Oh geistesverlorene Zärtlichkeit! Wie verwundbar machst die, von denen du Besitz ergriffen hast.
Ihr Vater beruhigte sich. Wie hypnotisiert folgte seine Bewegung der Melodie seiner Tochter. In ihren Armen empfand er plötzlich ein nie zu vor erlebtes Gefühl von friedlichem Glück. Ein warmer Duft entströmte dem Körper seines Kindes, von dem er nicht mehr zu glauben wagte, dass es sein eigen Fleisch und Blut war. Ein Strahlen ging von diesem Wesen aus, das allen Ehrgeiz hätte vergessen lassen sollte. Doch er war schon zu sehr daran gewöhnt, in bestimmten Situationen auf eine bestimmte Weise zu reagieren, dass es ihn drängte, sich näher heranzuwagen, intensiver zu empfinden, alles auszukosten. Und so gab er die Liebkosungen seiner Tochter zurück, auf eine ihr sehr unangenehme Weise...
... dann, auf einmal schien sich sein Verstand zu weiten, ganz und gar, dem, was er begehrte, zu öffnen: einer Glückseligkeit, die ihn voll erfüllte. Ihr leisen Ächzen hörte er nicht. Ganz weit weg war er. In dieser Nacht bekam Isabella zum ersten mal ihre Monatsblutung.

Am nächsten Morgen erkannte Isabella ihren Vater kaum wieder. Schweigend saß er am Tisch. Schweigend schaute er um sich herum. Seine Gesichtszüge waren verändert, hingen ausdruckslos wie bei einer alten Dogge links und rechts herab. Sie rief den Hausarzt. Der ließ ihren Vater noch am selben Tag in psychiatrische Behandlung einweisen. Wegen Gedächtnisverlustes und offensichtlicher Persönlichkeitsspaltung.

Die Tage vergingen für die Kinder ohne Unterschied zu vorher. Die Großmutter war gekommen, um sich der beiden Kinder anzunehmen, die nun Waisen waren. Isabella sprach so gut wie gar nichts mehr. Sie hatte Angst, sich zu verraten. Sie fühlte in sich ein Wissen, auf das sie noch kein Recht zu haben glaubte. Schwere und reife Gedanken wälzten sich in ihrem Hirn von einer Hirnhälfte in die nächste.
Einmal, als sie auf dem Baumstamm saß, auf dem sie damals Ruhe gesucht hatte, gesellte sich ihre Großmutter neben sie ins Gras. Die Tote war Malerin gewesen. und liebte diesen scheinbar naturbelassenen Zustand, doch die alte Frau, deren Blick klarsichtiger war, als der ihrer phantasievollen, tagträumerischen Tochter vermutete, was den Zustand von Natürlichkeit und Pflege betraf, hinter dieser blumigen Pracht Isabellas Arbeit: Die eine oder andere Windung, wo sich der Bach abgestützt fand, der wuchernde Wein an einer alten Mauer, die verschlungenen Pfade, die Verstecke, die geschmackvoll dezente Gestaltung der einen oder anderen unscheinbaren Rasenfleckens, und sogar das bewusst gelenkte Zusammenwachsen von Zweigen verschiedener Bäume, die eine unauffällige Laube bildeten, Rosenstöcke, die Torbögen markieren... . Genau hier lag auch der eigentliche Reiz des Grundstückes: im scheinbaren Übergang von Garten in wilde Natur. Nur derjenige, der absolut keine Ahnung hat, welches Gewächs, wo heimisch ist und wo nicht, könnte übersehen, wie sehr diese Urwüchsigkeit geplant war. Keine Blume die freiwillig genau an ihrer Position stand.
Plötzlich fragte das Mädchen die Großmutter, ob sie Gedanken lesen könne. Ja hatte die alte Frau gesagt, manchmal kann ich das. Ich weiß zum Beispiel, wann dein Bruder eine heiße Schokolade trinken möchte oder dein Großvater wieder einmal darüber nachdenkt, sich ein Motorrad zu kaufen. „Aber“, antwortete Isabella „das weißt du nur, weil sie immer auf eine ganz bestimmte Weise gucken, wenn sie etwas möchten. Ich meine solche Gedanken, die auch ohne die Hilfe der Körpersprache gelesen werden können. „Aha“, machte die Großmutter, „Du fragst mich also, ob ich zaubern kann?“
„Nennt man es denn so?“
„Warum willst du solche Dinge wissen?“
„Ich habe nur gedacht, wenn man die Gedanke lesen kann, dann kann man sie vielleicht auch stehlen. Aus Versehen meine ich natürlich. Vielleicht kann man sie ja auch wieder zurück geben.“
„Hast du denn von jemandem die Gedanken gestohlen. Vielleicht die von deinem Vater?“
„Nein.“, die Stimme ihrer Enkelin war hart geworden, „Wie sollte das auch gehen. Das wäre Zauberei. So ein Unfug.“, sagte sie wieder in normalem Ton, zuckte mit den Achseln, drehte sich um, und lief in den Garten, der bereits nach den Tagen Achtlosigkeit sich frei zu entfalten begann.

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo karulli,

ich weiß ehrlich gesagt noch nicht genau, ob ich mich über deine Geschiche ärgere oder nicht. Du hast sie auf alle Fälle in schönen und sensiblem Worten geschrieben. Allerdings fand ich sie zu dick aufgetragen. Reicht der Schmerz über die verunglückte Mutter nicht aus? Muss der Vater nach dem unangemessenem Übergriff, auf der Suche nach Trost, verrückt werden?
Das alles ist natürlich möglich, und es ist sogar plausibel. Doch obwohl du den Schmerz der Beteiligten sogar gut rüber bringst, ist mir deine Geschichte zu kurz dafür. Vor allem dem Vater hättest du für seine Rolle eine ganze Menge mehr Zeilen spendieren dürfen.
Im ersten Absatz merkt man ein bisschen, dass du dich noch warm schreiben musstest, um zum Stil der Geschichte zu finden. Den solltest du dir noch einmal vornehmen.

Lieben Gruß, sim

 

Hi karulli!

Ein paar Hinweise von mir:

- der Titel ist viel zu allgemein und daher völlig uninteressant.
- für mich ist absolut nicht nachvollziehbar, was die Menschen in dieser Geschichte tun und warum. Daraus schließe ich, dass sie es tun, weil Du es willst. Deus ex machina. Und die Sex-Szene finde ich völlig deplatziert. Mann, der Kerl hat gerade seine Frau verloren, und dann verwechselt er sie quasi mit seiner Tochter? Nee. Sorry, unglaubwürdig. Dass das Mädchen das dann irgendwie für Zauberei hält, nun, das ist noch am nachvollziehbarsten.
- ein paar sprachliche Holprigkeiten sind mir aufgefallen. Am Anfang "Eine dumme Sache..." würde ich umformulieren, ebenso "Abkommen von der Straße" - ein Abkommen ist normalerweise eine Vereinbarung, versuch es mal ohne Substantivierung zu schreiben. Dann:

Ja hatte die alte Frau gesagt
- erstens ist das die falsche Zeitform und zweitens fehlen die Anführungszeichen.
- Du schwankst meinem Empfinden nach zwischen trockenem Humor und emotionaler Nähe. Beides in ein und derselben Kurzgeschichte ist ganz schön anspruchsvoll. Ich würde die inhaltlich ohnehin überzogene Handlung durch weitere Übertreibungen wie den ziemlich idiotischen Polizisten weiter ins Absurde steigern. Dann fehlt nur noch eine Erklärung dafür, warum der Mann sich an der Tochter vergeht. Vielleicht hat er das schon öfter getan und das kommt an dieser Stelle raus. Vielleicht hast Du sogar genau das gemeint, aber dann ist es nicht klar rüber gekommen.

Fazit: Sprachlich brauchbar, inhaltlich weder Fisch noch Teich :D aber ausbaufähig.

 

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