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Schicksal

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17.05.2003
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Schicksal

In der S-Bahn war es so voll, dass sich die Leute kaum noch bewegen konnten, eine Schwüle machte sich im ganzen Abteil breit. Ich war froh, dass ich die nächste Haltestelle raus konnte. Mir war die Bahnfahrerei morgens ganz schön lästig geworden, aber es war besser, als Geld für Benzin auszugeben. Den ganzen morgen über hatte ich schon ein seltsames Gefühl, irgendetwas stimmte nicht.
Die Bahn hielt, Türen öffneten sich, und ich drängte mich hinaus auf den Bahnsteig. Draußen angekommen verschnaufte ich erst einmal , selbst die abgestandene Luft der U-Bahn Station war frisch gegenüber der in der Bahn. Ich schlenderte langsam in Richtung Ausgang, als ich sie bemerkte. Die Zeit um sie herum schien still zu stehen, ich kam mir vor wie im Kino, bei einem Slow-Motion Effekt. Es fehlte eigentlich nur noch die Hintergrundmusik, Burger Queen von Placebo vielleicht, aber zurück zu ihr. Sie ging an mir vorbei, und schaute mir kurz in die Augen. Sie hatte große braune Augen, doch ihr Blick war so leer, wie ich ihn noch in keinen Augen gesehen hatte. Die Augen glänzten in dem traurigen Gesicht, eine Haarsträne fiel ihr vors linke Auge. Eine Sekunde später war sie vorbei, und da passierte es wieder. Es war nicht das erste Mal, das es mir passierte, aber ich wurde immer wieder überrascht.

Ich hatte keine Ahnung, ob ich in diesen Momenten die Gedanken des anderen lesen konnte, oder ob ich in die Zukunft sah. Auf jeden Fall war es mir schon öfter passiert, und immer war das eingetroffen, was ich sah. Und ich sah sie, den letzten Schritt in Richtung Gleise machen, dann der Sprung. Mehrmals wiederholten sich die Bilder, es war grausam, aber ich konnte sie nicht abschalten. Nun wusste ich, was zu tun war, ich fuhr herum, beobachtete sie und machte ein paar Schritte auf sie zu. Wieder Bilder, ich sah sie mit einem jungen Mann streiten, das war es also. Sie ging gemütlich in Richtung Bahnsteigende, wo am wenigsten Leute standen. Still folgte ich ihr. Sie hielt inne, drehte sich um, schnell tat ich, als wollte ich eine Fahrplan studieren.

Sie bemerkte nichts, ging weiter und ich hinterher. Letztendlich blieb sie stehen, zwei, drei Schritte vom Gleis entfernt. Die Bahn fuhr ein, zögernd blickte sie sich um, bemerkte mich wieder nicht. Türen öffneten sich, Menschen stiegen aus, Menschen stiegen ein. Die Bahn rollte an, sie machte einen kleinen Schritt nach vorne, schnell war ich bei ihr, legte ihr die Hände auf die Schultern und flüsterte ihr zu: „Er ist es nicht wert“. Entsetzt blickten mich ihre kalten Augen an. Anstelle des Entsetzens trat plötzlich ein böses Funkeln, „Er fasst mich an! Er begrapscht mich, Hilfe!“ schrie sie. Erschrocken ließ ich sie los, hörte aber schon schritte von hinten. Schwere Hände packten mich, zogen mich nach hinten.

Sie machte einen weiteren Schritt nach vorne. „Aber versteht ihr nicht, sie will springen!“ schrie ich die Männer an, aber ihr Griff blieb unbarmherzig hart. Verzweifelt versuchte ich mich loszureißen, der dritte Schritt, vielleicht ihr letzter. Noch verzweifelter fing ich an, zu zappeln und zu schreien, all das geschah in Sekunden, die Leute um mich herum begriffen immer noch nichts. Sie sprang. Ich schloss die Augen, hörte ein Poltern, das Quietschen der Bahn, aufgeregte Schreie um mich herum. Der Druck auf meinen Schultern löste sich, ich drehte mich um, öffnete die Augen und sah in zwei, vom Entsetzen gepackte Gesichter.

Ich lief durch die mir entgegenkommende Menschenmenge in Richtung Ausgang. Niemand hielt mich auf, niemand sprach mich an. Alle rannten zum Bahnsteigende, alle wollten gaffen, vielleicht auch helfen. Aber das interessierte mich nicht mehr. Ich hatte meinen Teil für heute getan, wollte jetzt nur noch verhindern, dass ich zu spät zur Uni kam.

Es war nicht das erste Mal, das mir so etwas passierte, schon öfter hatte ich den Kampf gegen das Schicksal aufgenommen, hatte jedoch jedes Mal verloren. Wie gesagt, ich wusste nicht, ob ich Gedanken lesen oder aber in die Zukunft schauen konnte. Jeder der beiden Gedanken erschien mir abwegig, aber ich hatte es als meine Bestimmung angesehen, zu kämpfen und zu verlieren. Ich würde das nächste Mal genauso handeln, im ewigen Kampf gegen das Schicksal.

 

Hallo Ironhorse,

Die Idee, die hinter deine Geschichte steckt, gefällt mir. Nur einige Umsetzungsformen mit der Sprache haben mich zum stocken gebracht. Einerseits lese ich eine Geschichte von einem gewissen gehobenen Niveau. Anderseits finde ich Vokabular aus dem Gesprochenen, wie zB. "gaffen" oder so. Aber dies ist auch alles was mich gestört hat. Die Geschichte ist spannend und man kann sich gut in die Hauptfigur versetzen. ;)

mfg

Warangel

 

Hi Warangel

Ich hab da ein kleines Verständniss problem:
Zitat:
"Einerseits lese ich eine Geschichte von einem gewissen gehobenen Niveau. Anderseits finde ich Vokabular aus dem Gesprochenen, wie zB. "gaffen" oder so."

Meinst du damit jetzt, das diese Worte in der Geschichte unpassend sind? Oder passen sie nicht zu deinem Niveau? Hab ich nicht verstanden.
Gegenvorschlag: nenn mir mal ne Alternative zu gaffen

Gruß Mike

 

Hi Ironhorse.

Hab mich ein wenig blöd ausgedrückt, sorry.
Manche Worte passen meines Empfindens nicht zur Geschichte. Gut, es ist schwierig das passende Vokabular zu finden. Gaffen mit auffallend/neugierig zuschauen zu umschreiben ist widerum auch blöd. Ich habe keine bessere Lösung, es hat mich einfach ein wenig gestört. Ich kann's ja selbst nicht besser, ich weiß. ; )
Das war eigentlich meine Mitteilung.

mfg

Warangel

 

Hallo Ironhorse, hallo Warangel-

Ich finde nicht, das die Wortwahl ungeeignet ist; "gaffend" passt nach meinem Empfinden schon sehr gut zu einer Phantasiegeschichte in *moderner* Umgebung (wenn ich warangels Kritik jetzt richtig verstanden habe); die Sprache wirkt auf mich allgemein nicht unbedingt berauschend eindrucksvoll, aber angemessen; und du hast auch einige schöne effekte, wie zb den Kontrast aus den temporeichen Hypotaxen (heisst das so?) und dem knappen Zentralsatz hier:

Noch verzweifelter fing ich an, zu zappeln und zu schreien, all das geschah in Sekunden, die Leute um mich herum begriffen immer noch nichts. Sie sprang. Ich schloss die Augen, hörte ein Poltern, das Quietschen der Bahn, aufgeregte Schreie um mich herum.

Was mir weniger gefällt an der Geschichte: ich verstehe nicht wirklich, warum die Frau jetzt tatsächlich springt- aus psychologischen Gründen. Natürlich; der Held sieht in die Zukunft (oder nicht), das Schicksal hat entschieden. Aber wenn ich mich in die Rolle einer verzweifelten Selbstmörderin denke (was mir zugegebenermaßen recht schwer fällt), dann scheint es mir, dass mich so ein besorgter, verwirrter und irgendwie sicherlich mysteriöser Typ wie der Protagonist dieser Geschichte eher noch einmal zum nachdenken bringen würde; ich würde schlimmstenfalls zumindest ersteinmal abhauen, nachdenken, dann irgendwo anders springen. Die meisten Selbstmorde sind, wenn ich das richtig verstanden habe, auch eher merkwürdig artikulierte Hilfeschreie, Versuche, Aufmerksamkeit, Mitgefühl und Hilfe zu bekommen- genau das, was der Protagonist der Szuizidalen in diesem Fall anbietet.
Ein Unfall (-die Frau stolpert und fällt so vor den Zug-) würde mir schlüssiger vorkommen; allerdings auch weniger tragisch...

Allgemein finde ich die Geschichte sicherlich nicht perfekt, aber lesenswert.
grüße

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo all-apologies

Zunächst danke für deine Kritik, was du mit Hypotaxen meinst verstehe ich, auch wenn ich das Wort nicht kenne.
Deine nähere Kritik an der Sprache der Geschichte würde mich interessieren. Spielst du auf schlechtes Deutsch an, oder auf schlecht gewählte Wörter.

Zum Selbstmord, die wahren Hintergründe der Frau sind uns unbekannt. Außerdem hat der Protagonist den Tod vorhergesehen oder? also musste er auch eintreten. Viel wichtiger an der Geschichte (= wahre Message) ist die Tatsache, das er es nicht aufgibt zu kämpfen, obwohl er bisher jedesmal verloren hat.

Gruß Mike

 

Ja, das habe ich auch verstanden, deine Idee kommt gut rüber- spätestens der (letzte, nach Abschluss der Geschichte) Blick auf den Titel (*Schicksal*) macht da ja alles kalr- ich finde es nur nicht wirklich stimmig. Unrealistisch, wenn du so willst, oder zumindest etwas gewagt gedacht.
Also- nicht die Idee deiner Geschichte, sondern das Detail des Selbstmordes.

Ich habe nicht von *schlechtem deutsch* gesprochen, biddeschön! Ich finde deine Sprache nur eben nicht so schön, das sie auffält, sie ist nicht das beste, das wichtige an deiner Geschichte- nimm die isolierte "Schwüle", die nicht zb unangenehm, schicksalsschwanger oder irgendeinanderesadjektiv ist, sondern einfach nur *eine*; das macht zwar klar, worum es geht, unterstützt aber die Stimmung nicht.
Oder "zurück zu ihr": das ist eindeutig, klar verständlich; reisst mich aber andererseits ein bischen aus der Stimmung. Du hättest deinen Blick wieder von ihren großen brauen Augen gefangennehmen lassen können und dann mit der Beschreibung weitermachen können; das wäre schwieriger zu schreiben, auch schwieriger zu lesen, aber vielleicht stimmungsvoller.

Des find ich witzig- zwei newbies treiben ich hier gegenseitig die posts hoch und so... chi.

ne Hypotaxe ist... eine Satzreihe, glaube ich; also nicht- Hauptsatz an Hauptsatz; sondern Schachtelsätze usw.
Glaube ich, vielleicht schreibt man das auch anders usw.

nochn Gruß

 

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