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Schatten und Licht
Schatten und Licht
Ich stolpere durch die verlassene Innenstadt. Wie so häufig in den letzten Wochen habe ich wieder einmal versucht meinen Schmerz im Alkohol zu ertränken.
Früher hätte ich jeden dafür verurteilt sich im Selbstmitleid zu suhlen, die Schicksalsschläge für den Alkoholismus verantwortlich zu machen. Nun befinde ich mich selbst in dieser Situation.
Alles begann, als mein Freund sich vor einem Jahr von mir trennte. Die Erinnerung daran ist noch so präsent, als wenn es gestern geschehen wäre.
Es war einer der Abende, an dem er wie so oft später von der Arbeit kam.
„Ich muss mit dir reden.“ sagte er ernst. Er bedeutete mir, mich zu setzen. Mit der Hand fuhr ich ihm über den Rücken. Er wich zurück und versuchte Abstand zu mir zu gewinnen. In diesem Moment ahnte ich bereits, was ihn zu diesem Gespräch bewogen hatte. Ich versuchte nicht in Tränen auszubrechen, stark zu wirken.
„Ich habe eine andere Frau kennen gelernt. Ich werde dich verlassen.“
Obwohl ich darauf vorbereitet war, fuhr ein stechender Schmerz durch meinen Körper.
„Du bist so ein Schwein.“
„Es … es … tut … mir wirklich so leid. Das mit uns macht einfach keinen Sinn mehr.“
Am liebsten hätte ich laut los geschrieen, doch ich blieb gefasst.
Ich legte meine Hand in seine Hand. Er zog seine Hand zurück.
„Bitte, mach das nicht. Ich will das …“
Meine Lippen, die sich auf seine legten, brachten ihn zum Verstummen.
Wutentbrannt kämpfte er sich los.
„Hör auf damit. Ich will dich nicht mehr.“
Er stand auf, blickte auf mich herab, als sei ich ein Stück Dreck. Ohne ein weiteres Wort ging er in das Schlafzimmer. Ich hörte wie es klapperte.
Nach einer Weile kam er wieder heraus mit einer Reisetasche in der Hand.
„Die restlichen Sachen werde ich in den nächsten Tagen abholen.“ sagte er kalt, ohne eine Spur von der Liebe, die er mir all die Jahre glauben gemacht hatte.
Ich konnte nicht mehr an mich halten. Ich klammerte mich an ihn, schrie hysterisch er solle mich nicht verlassen.
„Mach es nicht schwerer als es ohnehin schon ist.“
„Für dich ist es nicht schwer. Für mich ist es schwer.“ schluchzte ich.
„Wie lange machst du schon mit ihr rum?“
„Hör auf damit.“ Seine Miene verhärtete sich.
Ich holte aus und schlug ihm mit der flachen Hand in das Gesicht.
„Oh nein, das wollte ich nicht. Verzeih mir bitte.“
Er stieß mich zurück auf das Sofa.
Ich starrte ihn an, dann brach es aus mir heraus.
„Weißt du was? Verpiss dich doch einfach. Werd glücklich mit diesem Miststück.“
Er schüttelte traurig den Kopf, dann wandte er sich zum Gehen und Sekunden später klappte die Wohnungstür.
Ich zitterte am ganzen Leib, konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Mit letzter Kraft hob ich mich aus dem Sofa und lief wie in Trance in die Küche. Ich blickte auf den Tisch der gedeckt war mit zwei Tellern, Weingläsern und Kerzen. Mit meiner Hand fuhr ich liebevoll über das kleine Kästchen, in dem die Verlobungsringe steckten. Dann griff ich nach der Weinflasche, setzte mich resigniert auf einen der Küchenstühle und begann zu trinken.
Ich lasse mich auf einer Bank nieder und blicke starr in das Schaufenster des Juweliers, bei dem ich vor einem Jahr die Ringe für den Heiratsantrag gekauft hatte.
Ich fühle mich hilflos und allein. Ich nestele in meiner Handtasche herum und krame das Handy heraus. Ich möchte irgendeine Nummer wählen, doch dann halte ich inne. Wer würde sich mein Leid denn noch anhören wollen? Selbst meine beste Freundin hatte sich von mir abgewandt. Ich schließe die Augen und denke zurück, an den Tag, als sie mir ihre Freundschaft kündigte.
„So geht es nicht weiter.“ brach es aus Martina heraus.
„Was soll das heißen?“ fragte ich und nahm den letzten Schluck aus meinem Bierglas.
„Du hast vollkommen die Kontrolle verloren.“ antwortete sie.
„Ach ja?“ Ich feixte. „Ist das denn ein Wunder? Jörg hat mich verlassen.“
„Das ist ein halbes Jahr her. Katrin, du musst wieder dein Leben in den Griff bekommen, sonst …“
„Sonst was?“ Meine Stimme klang schrill und panisch.
„Du musst dir helfen lassen.“
„Wer kann mir schon helfen?“
„Mach eine Therapie. Ich bitte dich.“
„Wenn es dir nicht passt, dass es mir schlecht geht, dann verschwinde doch.“ sagte ich laut. Einige der Gäste in der Kneipe reckten die Hälse, um der Szene besser folgen zu können.
„Scheint voll spannend zu sein. Wollte ihr ein Foto haben?“ blaffte ich die Leute an.
„Das hier ist übrigens meine ehemals beste Freundin Martina, die mir wie alle anderen in den Arsch treten möchte.“ verkündete ich, nun so laut, dass jeder es mitbekam.
Fest blickte ich in Martinas Gesicht.
Diese war vollkommen entrüstet. Sie packte eilig ihre Handtasche, griff dann nach ihrem Portemonnaie und legte einen zehn Euro Schein auf die Theke.
Der Wirt trat heran.
„Willst du etwa schon gehen?“ fragte er.
„Ja Thorsten. Ich kann diese Gesellschaft nicht mehr ertragen. Den Rest kannst du behalten.“
Sie wandte sich noch ein letztes Mal mir zu.
„Dir ist nicht mehr zu helfen.“ zischte sie mir ins Ohr und verließ die Gaststätte.
„Noch ein Bier.“ rief ich.
„Du solltest jetzt auch gehen, Katrin.“ Thorsten musterte mich mitleidig.
„Warum das denn?“
„Du bist vollkommen betrunken. Geh nach Hause und schlaf erstmal deinen Rausch aus.“
Wütend funkelte ich mein Gegenüber an.
„Weißt du was? Leck mich.“
Mit diesen Worten zog ich fünfzig Euro aus der Hose und drückte diese Thorsten in die Hand.
„Du wirst mich hier nie wieder sehen.“
Thorsten nickte.
„Das ich will auch hoffen.“
Ich vergrabe mein Gesicht in den Händen. Was habe ich nur angerichtet? All das wegen einem Mann, der sich wahrscheinlich gerade jetzt mit seiner neuen Flamme in den Laken wälzt. Das könnte ihm so passen. Mit zittrigen Händen greife ich wieder nach dem Handy, rufe das SMS- Menü auf und beginne eine Nachricht einzutippen.
Danach gebe ich Jörgs Nummer ein, die sich tief in meinem Kopf eingebrannt hat.
„Senden?“ fragt mich das Mobiltelefon. „Zurück“ wähle ich, lese mir noch einmal die Zeilen durch.
„Hallo Jörg! Das hast du ja fein hinbekommen. Hast du eine Ahnung wie es mir geht? Wahrscheinlich interessiert es dich gar nicht. Du bist so ein feiges Arschloch, verkriechst dich mit deinem Flittchen im Bett. Ich hasse dich!“
Ich bemerke wie lächerlich das klingt. Bestimmt würden die beiden Turteltauben sich prächtig darüber amüsieren.
Ich lasse das Handy unverrichteter Dinge zurück in meine Tasche sinken.
Wieder schüttelt mich ein Weinkrampf.
„Hallo? Ist alles in Ordnung mit ihnen?“
Ich blicke auf und sehe vor mir das liebenswürdige Gesicht eines Mannes, mit blondem Haar, Sommersprossen und tiefblauen Augen.
„Es ist nichts.“ antworte ich schnell.
„So sieht also nichts aus.“ sagt er und deutet auf meine Tränen.
„Hier, ein Taschentuch.“
Peinlich berührt wische ich über mein Gesicht. Ich muss sicher furchtbar aussehen mit dem verlaufenen Maskara.
Der Mann setzt sich neben mich und wartet geduldig.
„Was ist passiert?“ fragt er schließlich.
Ich schweige.
„Na los, erzählen sie schon, reden hilft.“ ermutigt er mich.
Dann beginne ich stockend meine Geschichte zu erzählen.
Aufmerksam hört der Mann mir zu. Als ich geendet habe, nickt er verständnisvoll.
„Und jetzt denken sie, dass alle Welt verantwortlich für ihre Lage ist?“
„Es fühlt sich zumindest so an.“
„Ich kenne das.“ gab er zurück, „aber ich kann nur sagen, dass ihr Gefühl sie täuscht.“
Ich senke den Kopf.
„Es ist manchmal leichter die Schuld bei den anderen zu suchen, nicht wahr?“ fragt er.
Ich nicke.
„Vielleicht ist es ja ganz gut, dass wir uns begegnet sind. Haben sie etwas zu schreiben bei der Hand?“
Ich schaue ihn verwundert an. Aus meiner Handtasche hole ich einen Kugelschreiber und einen kleinen Notizblock hervor.
Ich reiche ihm beides.
Er schreibt etwas auf die erste Seite des Blocks, klappt ihn zu und gibt ihn mir zurück.
„Und was haben sie jetzt vor?“
„Ich denke ich werde nach Hause gehen und ausnüchtern.“ antworte ich.
„Eine gute Idee.“ Er lächelt.
„Ich muss los.“
„Schon?“
„Keine Panik. Wir sehen uns wieder.“
„Wann?“
„Liegt ganz bei ihnen.“
Dann steht er auf und macht sich pfeifend auf den Weg.
Lange blicke ich ihm nach. Als er nicht mehr zu sehen ist, werfe ich neugierig einen Blick in das Notizbuch. Darin steht eine Handynummer. „Kopf hoch! Lieber Gruß, Dirk“ steht darunter.
Ich sehe hinauf zum Sternenhimmel und atme durch.
Vielleicht wird jetzt alles besser.