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Regenbogen
Ich bin acht Jahre alt. Einsamkeit und Traurigkeit waren schon immer die einzigen Begleiter in meinem eintönigen Leben. Auch heute ist wieder so ein Tag, ein Tag wie jeder andere auch, ohne wirklichen Inhalt. Ich sitze vor meinem Fenster und sehe dem Wetter zu, wie es groß und mächtig alles auf der Erde verändert.
"Wie gern würde ich mit ihm tauschen" sagte ich halblaut vor mich hin. Ich sprach immer alles aus was mir in den Sinn kam, weil es mir gut tat, eine Stimme zu hören. "Ich würde den Leuten nur Sonnenschein bringen und es in der Nacht regnen lassen, damit am Morgen alles sauber und frisch ist. Dann wäre jeder glücklich und man würde mich bewundern."
Nieselregen, graue Wolken, eisiger Wind. So sieht es schon seit drei Wochen draußen aus. Unten auf dem Hof spielen ein paar in gelb gekleidete Jungen mit einem kaputten Ball. Bei jedem Schuss hallt ein lauter Knall durch das Neubauviertel. Die Uhr tickt. Plötzlich schaffen es ein paar Sonnenstrahlen durch die Wolken zu brechen und ein wunderschöner Regenbogen entsteht. "Blau, grün, gelb, orange, rot! Wie schön er ist!" Langsam wird er kräftiger, beginnt zu leuchten. "Wie wäre es wohl, wenn ich ganz oben auf der roten Farbe sitzen würde und alles von dort aus überblicken könnte?" Die Uhr tickt.
Das kleine Kind dreht sich ungeschickt mit seinem Rollstuhl zur Uhr und schaut sie lange an. In ihrem Glas spiegelt sich der Regenbogen. In den Augen spiegelt sich das Spigelbild des Regenbogens. Dann steht das Kind auf, nimmt die die Uhr von der Wand, fischt die Baterie aus dem Bateriefach und hängt sie sorgfältig wieder an die Wand. "Die Zeit ist bei solchen Reisen immer dein größter Feind. Nur gut, dass ich einen Weg gefunden habe, sie anzuhalten!" Mit den kleinen Händen wird das Fenster geöffnet und die kleinen Beine tragen das Kind direkt auf den Regenbogen. Er fühlt sich angenehm warm an. Man kann seinen Arm bis zum Ellenbogen in die Farbe tauchen und ein seltsames kribbeln beginnt, das vom Inneren des Körpers zu kommen scheint. Dann kommt die harte Schicht, die etwas kälter ist. Es ist unmöglich von einem Regenbogen zu fallen, denn er verfügt über eine eigene Gravitationskraft und ganz egal auf welcher Seite man steht, immer ist der Kopf oben. Nicht nur das man eine wunderbare Sicht auf die ganze Erde hat, nein, auch der Blick in die Zahllosen Welten jedes einzelnen Menschen wird einem gewährt!
"Ich verbringe hier die meiste Zeit meines Lebens, auch wenn diese Zeit normalerweise nicht zählt, denn ich habe sie ja angehalten!" Das Kind lacht laut und kugelt sich vor Freude in der roten Farbe hin und her. Als es wieder auf beiden Beinen steht, ist es ganz bunt und leuchtet genau wie der Regenbogen.
"Wer bist du eigentlich?" fragte eine tiefe, ruhige Stimme, die von irgendwo her aus dem Himmel kam.
"Ach, ich bin nur ein kleines Kind. Wer bist du denn? Ich kann dich gar nicht sehen."
"Ich bin der Diener des Regenbogens. Schon lange beobachte ich dich, wie du dir hier das holst, was du in deinem wirklichen Leben nicht bekommst. Mein Herr, der Regenbogen, befahl, dich mit ihm bekannt zu machen. Komm, nimm meine Hand!" Und das Kind ergriff ohne zu zögern die Hand, die mitten aus dem rot heraus ragte. Schon wurde es hinab gezogen und grelle und bunte Farben überfluteten den Sehsinn des Kindes so sehr, dass es die Augen schließen musste. Die Reise ins Innere des Regenbogens machte kein Geräusch und fühlte und schmeckte auch nach nichts. Es war, als würden nur die Augen des Kindes mit gerissen. Ein paar Sekunden später sprach der Diener mit seiner unglaublich ruhigen, emotionslosen Stimme dem Kind zu, es solle die ganze Zeit, wenn es mit dem Regenbogen sprechen würde, die Augen geschlossen halten. Nach einigem warten hörte sich das Kind sprechen:
"Ich begrüße dich ganz herzlich. Verzeih mir bitte, aber ich bin nicht sehr geübt im Sprechen, deshalb benutze ich deine Zunge, so erschrick dich nicht. Auch muss ich dich darauf hinweisen, dass dir das Sprechen nicht möglich ist, solange du bei mir bist. So, aber nun zum eigentlichen Thema." Ein kurzes, verlegenes Lachen. "Unvermeidlicherweise beobachte ich dich schon recht lange, wie du zu mir kommst, auf mir spielst und erst sehr spät in dein wirkliches Leben zurück kehrst. Wenn ich die Zeit, die du bei mir verbracht hast, zu deinen acht Jahren wirklichen Lebens dazu rechne, komme ich auf dein reales Alter von sechsundachzig Jahren. Achtundsiebzig Jahre also hast du dich in meinen Farben umher gerollt, hast mit unerschöpflicher Phantasie die Erde bemalt und wunderschön gestaltet. Du hast Kunstwerke aus Farben gebaut, Sterne und Planeten gemalt. Doch dann musstest du mich jedesmal verlassen, musstest zurück in deine wirkliche Welt. Ich habe gesehen, wie du die Zeit mit Tränen in den Augen wieder angetrieben hast und wie alle deine Kunstwerke sich in Nichts auflösten. Und immer hast du geweint. Nichts wolltest du mit der realen Welt zu tun haben. Nichts und niemandem gabst du einen Wert. Alles hast du mit meiner Welt verglichen und nichts konnte sich daran messen. Und weil diese Welt dir nur Kummer brachte, suchtest du immer häufiger Zuflucht bei mir.
Aber du weißt, dass ich nicht bin, wer ich zu sein scheine. Ich bin nicht die bessere Welt und nicht dein Glück. Ich bin nur deine Sucht nach Liebe, nach Zuflucht und Geborgenheit, nach einem besseren Leben. Doch erfülle ich dir wirklich deine Wünsche? Öffne die Augen! Werde erwachsen! Du kannst nicht mehr zu mir kommen. Ich bin nicht dein Leben. Und jetzt sieh mich an!"
Das Kind sitzt still in seinem Rollstuhl. Eine Träne läuft ihm die dicke Wange hinab. Wellenartige Bewegungen ziehen auf seinen Augenlidern von Links nach Rechts. Dann, ganz plötzlich, öffnet es die Augen.