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Qual der Angst
Qualen der Angst
Ist er wach oder schläft er? Stefan ist sich nicht sicher, ob es qualvolle Träume oder peinigende Gedanken sind, die ihn heute Nacht heim suchen. Er befindet sich wohl in einer Art Vorraum, einem Vorraum zum eigentlichen Schlaf, der die reale Welt mit der Traumwelt zusammenbringt und dessen Durchschreiten uns auf eine harte Probe stellt. Denn gnadenlos werden wir hier mit unseren geheimen Wünschen, Sehnsüchten und Ängsten konfrontiert, aber auch teilweise mit uns völlig fremden Traumbildern, die keinerlei Beziehung zu unserem realen Leben haben. Wir können uns niemals sicher sein, welche dieser konfrontierenden Begegnungen im Vorraum uns auch im realen Leben beschäftigen sollten, weil sie etwas über uns selbst verraten und welche Bilder wir schnell vergessen können, weil sie absurdes Theater sind. Ein Entkommen vor dieser Unklarheit gibt es nicht. Eine Flucht in die Traumwelt oder in die reale Welt ist nicht möglich. Und somit können die uns ängstigenden und verwirrenden Begegnungen und Bilder weder durch ablenkende Gedanken verdrängt noch durch harmonische Träume versüßt werden.
"Nein, nein, es ist nicht wahr", schreit Stefan immer wieder und wälzt sich fortwährend in seinem Bett hin und her. Er ist nass geschwitzt, hat gar womöglich Fieber. "Es war doch nur eine Berührung, eine kurze Berührung", flüstert er dann vor sich hin, verzweifelt, aber auch beschwörend, als wolle er sich selbst beruhigen. Doch es hämmert immer noch in seinem Kopf und hört nicht auf weh zu tun, dieses eine verfluchte Wort. Es verfolgt ihn, droht ihm. Er kann nicht fliehen, es gibt kein Entkommen. Und Stefan glaubt zu wissen, dass es nicht die Berührung selbst war, die ihm Angst macht, Angst vor sich selbst, vor den Eltern, Arbeitskollegen und Freunden. Sondern es ist die Empfindung, die er bei jener Berührung verspürte, die ihn ängstigt. Doch gab es diese Empfindung in der realen Welt? Gab es überhaupt diese Berührung? Vielleicht sind es nur Traumbilder die vor ihm auftauchen. Aber diese Empfindung schwebt so deutlich vor ihm. Er kann sie jetzt fast atmen.
Eine nie gekannte Wärme stieg während jener Berührung in ihm auf und gleichzeitig hatte er Schwierigkeiten Luft zu bekommen. Doch fühlte er sich keinesfalls unbehaglich in jenem Augenblick, sondern geborgen und aufgehoben, ähnlich dem Gefühl am Strand von Cassis, als er sich sicher war, dass das Meer nur zu ihm sprach, ganz allein zu ihm.
Dieses Gefühl der Geborgenheit jedoch, welches er bei der Berührung verspürte sowie die Schönheit des Moments will er jetzt nicht mehr wahr haben.
Es hört nicht auf in seinem Kopf zu hämmern, dieses eine Wort. Stefan schlägt im Halbschlaf wild um sich. Die Qualen der Angst schmerzen. Doch er wehrt sich, wehrt sich derartig, bis er schließlich doch wieder vollkommen in der realen Welt angekommen ist. Er wacht auf.
Völlig irritiert und entkräftet richtet sich Stefan von seinem Bett auf, um das Licht anzumachen. Im selben Moment klopft es an seiner Zimmertür.
"Ja?"
Sein Vater, ein hagerer, leiser, etwas unscheinbarer Mann tritt ins Zimmer. Er wirkt besorgt. Sein Gesichtsausdruck drückt jedoch gleichzeitig eine immense Hilflosigkeit aus.
"Alles o.k. bei dir, Stefan? Ich habe so komische Geräusche aus deinem Zimmer gehört".
"Ja, alles in Ordnung. Habe nur schlecht geträumt", antwortet Stefan. Doch in Wahrheit ist gar nichts in Ordnung. Überhaupt nicht. Und eigentlich will Stefan, dass sein Vater weiter nachfragt, nachbohrt, bis er schließlich unter der Last der Fragen seines Vaters zusammenbrechen und alles rauslassen muss: die Verwirrungen und Ängste. Sein Vater soll ihn in den Arm nehmen und ihm sagen, dass alles in Ordnung kommt und er keine Angst haben muss. So wie früher, als Stefan Angst vor schrecklichen Monstern unter seinem Bett hatte und sein Vater ihn beschützte, ihm die Angst nahm.
'Nimm mich doch einfach in den Arm, denkt Stefan, und sag, dass du mich lieb hast, immer lieben wirst, egal was passiert, egal was mit mir passiert'.
Doch Stefan sagt nichts und sein Vater fragt nicht nach, nimmt ihn nicht in den Arm. Stefan befürchtet, sein Vater ahne etwas, weiß es viellicht sogar, weiß vielleicht mehr als Stefan, doch will es nicht wahr haben. Womöglich hat er selbst Angst.
Als der Vater gerade wieder Stefans Zimmer verlassen will, dreht er sich noch mal um.
"Hast heute übrigens ein gutes Spiel verpasst, Stefan. Die Bayern haben wirklich grandios gespielt".
Stefan lächelt wohlwollend. Doch es fällt ihm schwer. Er muss sich dazu zwingen.
"Wir sollten mal wieder ins Stadion gehen, so wie früher", meint der Vater.
Stefan stößt einen tiefen Seufzer aus. Er versucht noch überzeugender zu lächeln.
"Ist gut, Papa", sagt er.
Stefan hätte ihm statt dessen gerne erzählt, dass er sich schon seit mehr als drei Jahren überhaupt nicht mehr für Fußball interessiert und sich seitdem auch kein Spiel mehr im Fernsehen angeschaut hat. Die Dinge haben sich verändert. Er hat sich verändert.
"Papa?"
"Ja, mein Sohn?"
"Glaubst du, ich werde mal heiraten und eine Familie haben?"
"Natürlich", und er sagt es aus voller Überzeugung, so als ob es keine andere Alternative gäbe.
"Was ist, wenn nicht? Was ist, wenn ich keine Frau treffe, die ich lieben kann? Was dann?"
Stefans Vater wendet seinen Blick von seinem Sohn und schaut auf ein Poster an der Wand, das die Gruppe Depeche Mode zeigt und dessen obere rechte Hälfte nicht mehr an der Wand klebt, sondern herunterhängt. Der Vater geht die zwei Schritte bis zur Wand und streift mit seiner Hand über das Poster, über die rechte obere Hälfte, als würde das Poster allein dadurch wieder normal an der Wand haften bleiben.
"Das Tesafilm klebt hier nicht mehr. Du brauchst einen neuen Streifen Tesafilm. Hast du noch welches?"
Stefan spürt einen starken Drang in sich aufsteigen, zu seinem Vater hinüberzugehen, das Poster vollständig von der Wand zu reißen und ihn anzuschreien; einfach nur anzuschreien. Wobei er ihn zwingen würde, ihm in die Augen zu schauen.
Sein Vater schaut ihn nicht an, blickt geistesabwesend auf das Poster.
"Papa?" Stefan wartet auf eine Antwort. Obgleich er weiß, was sein Vater antworten wird, gibt es doch schon seit einiger Zeit zwischen ihnen keine Überraschungen mehr. Ein festes Korsett zwängt ihre Gespräche in vorgeformte Bahnen.
"Mach dir mal keine Sorgen, du findest schon eine passende Frau. Ich habe deine Mutter auch erst mit 28 kennen gelernt. So, und jetzt versuch' zu schlafen".
"Gute Nacht, Vater".
"Nacht, Stefan".
Als sein Vater die Tür schließt, macht Stefan das Licht aus. Doch er lässt seine Augen offen. Das Wort hämmert und poltert erneut in seinem Kopf. Diemal befindet er sich aber eindeutig in der realen Welt. Seine Angst ist real. In immer schnelleren Abständen taucht es jetzt wieder auf, dieses eine beängstigende Wort: SCHWUL. Für Stefan klingt es widerwärtig und abstoßend. Er hat das Gefühl sich übergeben zu müssen.