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Prolog eines Mordes
Die Diva schaute mit halb geschlossenen Augen aus dem Fenster und dachte, daß der junge Mann nun endlich bemerken könnte, wie sehr Fragen nach den Stationen ihrer Karriere sie langweilten. Seit Beginn des Interviews begegnete sie seinem respektvollen Eifer mit geduldiger Freundlichkeit und anfangs verfiel sie nur selten in eine der lasziven Posen, die die Klatschreporter aller Welt von ihr erwarteten. Jedes Mal, wenn sie ihr Haar mit einer kurzen Bewegung zurück warf oder eine andere Geste aus dem Repertoire der Verführung benutzte und dabei wie ein Model wirkte, das die Anweisungen des Fotografen befolgt, hielt der junge Mann für einen Augenblick verlegen inne und mit der Zeit hatten beide daraus einen spielerischen, stummen Dialog gemacht, der die gesprochenen Worte kontrapunktierte.
Sie empfing eigentlich nie Fremde in ihrer Pariser Wohnung und dieser Besuch war nur wegen des Fotos zustande gekommen, das neben seinem Handschreiben mit der Bitte um ein Interview im Briefumschlag gesteckt hatte. Der Name Manrico d'Vargás, schwungvoll unter ein in seiner Schüchternheit höchst attraktives Gesicht geschrieben, hatte die Leonore in ihr erweckt, wie sie ihrem Tagebuch anvertraute, verbunden mit der Frage, wieso nicht schon früher jemand mit einer Idee wie dieser in ihre Isolation eingebrochen war.
Sie glaubte keine Sekunde, daß er Manrico d'Vargás heißen und Journalist bei 'Classica', dem renommiertesten Magazin der selbsternannten Hochkultur, sein könnte. Aber sie hatte sich gewünscht, mit dem Mann zu plaudern, der so kreativ ihre Kontaktscheu überwand und dabei wie ein Schuljunge wirkte. Ein Schuljunge würde nicht skeptisch werden, wenn sie ihm offenbarte, daß sie sich, wäre sie von Gott vor die Wahl gestellt worden, zarte Gelenke, schlanke Gliedmaßen und scharfe Augen anstelle der Jahrtausendstimme ausgesucht hätte, mit der sie auf den Bühnen der Welt vom Feuer der Leidenschaft und von wahrer Liebe gesungen hatte, anfangs noch dick und schwer und in beschönigende Kostüme geschnürt. Für ihre Liebhaber hatte sie nur die Reste der Glut ihrer Bühnenfiguren übrig und erst, als sie sich, schlank gehungert, ohne Widerwillen im Spiegel betrachten konnte, lernte sie auch in ihrem Privatleben die Leidenschaft kennen. Jetzt, mit Anfang 50, attraktiv und begehrenswert, wollte sie Liebe, die ihr galt, nicht ihrem Ruhm und nicht der Erinnerung an die lodernde Verlockung in ihrer Stimme. Der einzige Mann, den sie je leidenschaftlich begehrt hatte, ohne dabei auf den Dirigenten achten zu müssen, verstand das nicht. Einer der Gründe, warum er ihre Pariser Wohnung nicht betreten durfte.
Aber diesen jungen Franzosen, der in seiner Mischung aus Ehrfurcht und schüchterner Koketterie so anziehend war, hatte sie in ihren Salon gebeten und jetzt schien es der Diva an der Zeit, herauszufinden, ob mehr als Charme in ihm steckte.
„Entschuldigen Sie, mon ami, wie sind Sie auf diesen abstrusen Namen Manrico d'Vargás gekommen?“
Sie lächelte und die Botschaft aus ihren nun weit geöffneten Augen erzeugte auf der Kopfhaut des jungen Mannes ein Kribbeln, das sich bis zur Innenseite seiner Oberschenkel fortsetzte.
„Sie meinen, ...“ Er mußte sich räuspern. „Also, wenn ich ehrlich sein soll, ... “
„Ja?“ Sie konnte sehen, wie ihr Lächeln ihn hinderte, sich zu konzentrieren und überlegte kurz, ob sie es ihm leichter machen sollte. Aber er kam ihr zuvor.
„Ich hatte gehofft, mit dieser Kombination, … Manrico, Vargás, Ihr Interesse zu wecken, ... an Sie, ... nun ja, … heranzukommen ...“
Kein schlechter Anfang, fand sie, aber noch nicht ausreichend. Sie lächelte ihn weiter an.
„Ja?“
„Sie, … ich wollte Sie etwas fragen, … Sie sind nicht nur die größte Sängerin aller Zeiten, … Sie kennen auch Hintergründe, die sonst niemand erfährt, … mißverstehen Sie mich bitte nicht, ich habe kein Interesse an Klatsch und Tratsch, … mir geht es um die Dinge, die sich unter dem all zu Offensichtlichen verbergen ... “
Er schwieg und sein Blick war nicht mehr schüchtern, sondern eher, … die Diva suchte nach einem passenden Wort, … fordernd und ein bisschen … aufsässig. Ja, leider.
Die zauberhafte Spannung zwischen ihnen war dahin. Sie wollte nicht über die größte Sängerin aller Zeiten mit einem Mann sprechen, der ihr Sohn hätte sein können.
Sie hatte zu viel von ihm erwartet, wie sie mit plötzlichem Erstaunen feststellte, und zum ersten Mal, seit er ihr gegenüber saß, fragte sie sich, ob es eine gute Idee gewesen war, ihn zu empfangen. Aber die Autogrammkarte von Manrico d'Vargás hatte sie amüsiert und er konnte schließlich nichts dafür, daß sie romantische Liebesphantasien in sein Porträt geträumt hatte. Ihn nun einfach hinaus zu werfen war nicht ihr Stil. Nicht mehr ihr Stil, wie sie selbstironisch dachte und das Lächeln, mit dem sie jetzt zu ihm hinüber sah, war herzlich und ohne jede Laszivität.
„Was wollen Sie wissen, mon ami? Ich kenne keine Hintergründe, die nicht schon irgendwo in irgend einem Artikel gestanden haben oder die Sie nicht in einer beliebigen Rezension von Trovatore oder Forza oder Norma nachlesen könnten.“
Der junge Mann legte die Papiere zusammen, auf denen er sich in den vergangenen Stunden Notizen gemacht hatte. Obwohl er es langsam und konzentriert tat, hatte die Diva nicht den Eindruck, daß er seine Schätze einsammelte; er stellte lediglich Ordnung her. Als er den Stapel auf den Tisch klopfte, um die losen Blätter in eine gleichmäßige Lage zu bringen, schaute er an ihr vorbei auf die Linde vor ihrem Fenster und dann, nach einem Seufzer, ihr ins Gesicht.
„Ich bin Sammler. Schallplattensammler. Wie mein Vater. Er hat mir seine Sammlung vermacht und ich konnte eigentlich nichts damit anfangen, bis ich mich, sozusagen seinem letzten Wunsch folgend, durch alle Aufnahmen hörte und bei Ihren ersten ankam. Seitdem bin ich infiziert, es ist wirklich wie eine Krankheit, die einen aufzehrt, ich weiß es auch von Gesprächen mit anderen Sammlern. Eine Krankheit, die man sehr genießen kann, der Wahrheit die Ehre, aber es gibt so wenige Aufnahmen, die alle Ansprüche erfüllen und Sie haben so oft mit Partnern oder unter Dirigenten gesungen, die Ihrer nicht würdig waren … “
„Monsieur!“
Sie unterbrach ihn und erhob sich aus ihrem Fauteuil. Sie war nicht bereit, den vielen Bosheiten, welche sie in den Jahrzehnten ihrer Karriere über Bühnenpartner und Konkurrentinnen gesagt haben sollte, weitere hinzuzufügen. Darauf lief es zwar oft hinaus, wenn sie sich in privatem Kreise sicher vor sensationslüsternen Indiskretins wähnte, aber dieser junge Mann gehörte nicht zu ihrem privaten Kreis und darin aufgenommen würde er, wenn überhaupt, als ihr Liebhaber und nicht als auf sie fixierter Melomane.
„Es ist schon spät und ich kann mich Ihnen leider nicht länger widmen, mon ami. Nur eine Bemerkung noch zum Schluß: Die ideale Plattenaufnahme gibt es nicht, kann es nicht geben. Das hat mit Geschmack zu tun, mit Nationalität, Bildung, Kultur, Zeit und Zufall - Sie wissen es selbst, nicht wahr. Unzählige Sammler, die Ihre Affinitäten für mich nicht teilen, werden das ...“
„Haben Sie die Aufnahme von 1955? Chikago? Trovatore?“
Seine dunklen Augen glühten jetzt. Besessenheit, dachte die Diva, Hitze, Verlangen. Nicht weniger reizvoll als der schüchterne Charme, mit dem er sich Zugang zu ihr verschafft hatte. Langsam nahm sie wieder Platz, arrangierte das Tuch, das ihr von der Schulter gerutscht war, drehte mit beiden Händen ihr Haar hinter dem Kopf zu einem losen Knoten zusammen und registrierte, daß seine zuckenden Lider den erwarteten Kommentar abgaben. Das Spiel ging also weiter oder begann von vorn - das war ihr im Moment gleichgültig, denn sie hatte Freude daran.
„Ich habe vor zwanzig Jahren in Chikago Trovatore gesungen, das stimmt. … Mein Aufenthalt dort war allerdings … von einigen … Häßlichkeiten überschattet … “
Sein Nicken zeigte ihr, daß er das Photo ihrer keifenden Wut kannte, das um die Welt gegangen und zum wichtigen Baustein der Legende von der Furie geworden war. Doch davon schien er sich nicht ablenken lassen zu wollen.
„Haben Sie die Aufnahme? Haben Sie diese Aufnahme?“
Sie hörte einen Anflug von Verzweiflung in seiner Frage mitschwingen und nahm sich vor, den Spaß nicht zu weit zu treiben. Aber noch war Luft nach oben.
„Die '56er Trovatore-Aufnahme unter Karajan ist zwar auch nicht vollkommen, nicht absolut perfekt, aber - in aller Bescheidenheit - zumindest ich war auf Platten nie besser. Vom Trovatore in Chicago gibt es meines Wissens keinen Mitschnitt. Was also wollen Sie, mon ami?“
Er atmete jetzt schwer und wirkte viel älter und auch verletzlicher als noch vor wenigen Minuten.
„Ich habe Ihnen von meinem Vater erzählt, dem Sammler. Das Kleinod seiner Sammlung sollte der Mitschnitt des '55er Trovatore werden. Der Bruder meines Vaters, also mein Onkel, war an der Lyric Opera beschäftigt. Er hat damals behauptet und ist nie davon abgewichen, daß er es war, der versehentlich den Stecker der Bandmaschine aus der Steckdose gezogen hat. Sie wissen, es geht um die Bandmaschine, mit der beide Trovatores als Live-Mitschnitt aufgenommen werden sollten.“
„Und warum glauben Sie Ihrem Onkel nicht?“
Sie schlug graziös ein Bein über das andere und wartete auf den Kontrapunkt, aber diesmal war er unempfänglich für das Signal.
„Kannten Sie meinen Onkel?“
Die Diva lehnte sich in ihrem Fauteuil zurück, so daß ihr Gesicht im sonnengefleckten Schatten der Linde lag. Sie spielten immer noch mit verdeckten Karten, das war klar, aber er zog seine ersten Trümpfe und wollte langsam sehen, was sie auf der Hand hatte. Sie war noch nicht bereit, es ihm zu zeigen.
„Ich kenne in Chicago keinen Menschen, der d'Vargás heißt.“
Sie wartete. Und er gab nach.
„Ich heiße eigentlich Vassallo. Mario Vassallo. Und mein Onkel war Stage Director der beiden Trovatore-Aufführungen. … Er hat Sie in die Inszenierung eingewiesen … “
Die winzigste Reaktion auf den Namen Vassallo hätte ihm gereicht, das wußte sie, aber diesen Gefallen wollte sie ihm nicht tun.
„Monsieur Vassallo. Selbst wenn ich Ihren Onkel gekannt hätte, woran ich mich tatsächlich nicht erinnern kann - Ich wiederhole meine Frage: Warum glauben Sie ihm nicht?“
„Das ist das Problem. Ich glaube ihm ja.“
Der junge Mann hatte sich nach dem Geständnis seiner Identität spürbar entspannt. Er atmete nicht mehr so schwer und löste seine auf den Knien verschränkten Hände, um der Aktentasche zu seinen Füßen ein Portefeuille zu entnehmen, aus dem er ein Stück Papier zog, das er vorsichtig zu einem schmuddeligen, gelblichen Rechteck entfaltete.
„Dieses Telegramm hat er nach der zweiten Vorstellung an meinen Vater geschickt, am 8. November. Hier steht: ' Am 5. mit Stign. und Basti., heute mit Tur. und We. Stop. Beide Aufnahmen grandios. Stop. Brauche 24 Stunden, um Kopien vom Master zu ziehen. Stop. D. Ist misstrauisch. Stop. Hat bar bezahlt. Stop. Gruß, Enrico ...“
Die Diva beugte sich etwas vor und streckte anmutig die Hand aus. Der junge Mann, inzwischen ganz ruhig geworden, faltete das Papier sorgsam wieder zusammen und legte es in das Portefeuille, welches er, die Diva ständig im Blick behaltend, nach einem kurzen Zaudern auf dem kleinen, flachen Tisch zwischen ihnen placierte.
Die Diva ließ die Hand sinken und lehnte sich wieder zurück.
„Da bleiben noch einige Fragen offen, finden Sie nicht? Die Daten der Vorstellungen sind bekannt, die Sänger auch. So ein Telegramm kann jeder Witzbold verfassen, der einfallslos genug ist, sich Enrico zu nennen. Oder hieß Ihr Onkel wirklich so?“
„Nein.“
Auch er lehnte sich nun zurück und seine Augen wurden freundlicher.
„Mein Vater und mein Onkel hatten sich gegenseitig Spitznamen gegeben, die sie manchmal auch als Decknamen benutzten, wenn es darum ging, anderen Sammlern Kostbarkeiten abzujagen. Meinem Onkel galt kein lebender oder toter Sänger mehr als Caruso, also war sein Spitzname ...“
„Enrico, ich verstehe. … Naheliegend. ... Und der Ihres Vaters?“
Der junge Mann zögerte nur kurz, bevor er antwortete.
„Cecilia.“
„Ah!“
Ihr fragender Blick traf auf ein sehr jungenhaftes Grinsen.
„Ich bin ohne Zweifel sein Sohn und habe Geschwister, also ...“
Er wirkte jetzt wirklich sehr entspannt und die Diva war sich nicht mehr sicher, ob sie noch die Kontrolle über dieses Gespräch hatte, dessen Mixtur aus Andeutungen und Geheimniskrämerei sie mehr anstrengte, als sie sich und vor allem dem jungen Adonis ihr gegenüber eingestanden hätte.
„Kommen wir doch zum Kern der Sache, mon ami. Sie behaupten, daß dieses Telegramm nicht von einem Witzbold stammt, keine Fälschung ist und klar aussagt, daß die beiden '55er Vorstellungen von Trovatore in Chicago mitgeschnitten wurden. Ist das so weit korrekt?“
„Ja.“
„Aber was habe ich damit zu tun, Monsieur Vassallo? Können Sie mir das bitte erklären?“
„Sie sind das D. im Telegramm. Es steht für Divina, die Göttliche. In diesem Punkt mußte mein Onkel meinem Vater nachgeben.“
Sie lachte. Ohne sich im geringsten zu genieren, lachte sie aus vollem Halse, strahlte den jungen Mann an und schnappte fröhlich nach Luft.
„Das ist eine so abenteuerliche Geschichte, so absonderlich, geheimnisvoll, melancholisch - ich werde sie in meine Memoiren aufnehmen, wenn ich jemals dazu komme, Memoiren zu diktieren. Apropos: Wollen sie nicht mein Sekretär werden? Können sie stenographieren? Was sind sie von Beruf? Ich meine, neben der Sammelleidenschaft und der Detektivattitüde ...“
„Ich studiere Medizin.“
Er hatte sich von ihrer Heiterkeit anstecken lassen und bemühte sich nur, wieder sachlich zu werden, aber der abweisende Ton seiner Bemerkung ließ die letzten Gluckser ihres Lachanfalls fast peinlich wirken - ein Affront, den sie ihm nur vergab, weil sie ihn für unbeabsichtigt hielt. Er wartete, bis sie vollends zu Atem gekommen war, zog ein abgegriffenes Foto aus seiner Brieftasche, schaute kurz darauf und reichte es ihr über den Tisch.
„Das ist das letzte Foto von meinem Onkel. Er ist im Winter 1955 an Lungenembolie gestorben. Wußten Sie, daß die Lungenembolie zu den am häufigsten übersehenen und falsch diagnostizierten Todesursachen gehört? Von der, laut Statistik, vor allem leidenschaftliche Kunstsammler überproportional oft betroffen sind?“
Der Spaß ging zu Ende, daran gab es keinen Zweifel. Die Diva spürte fast körperlich seine Absicht, ihre Fröhlichkeit zu ersticken und Distanz aufzubauen. Die kultivierte Ruhe, mit der er sprach, hatte etwas Bedrohliches und das wieder aufstrahlende Glühen in seinen Augen verstärkte diesen Eindruck. Aber die Besessenheit, das Verlangen galten nicht ihrer gepflegten Sinnlichkeit, jedenfalls nicht in diesem Moment. Das Objekt seiner Begierde war ein anderes.
„Haben Sie die Aufnahme noch? Oder, richtig gefragt: Wo haben Sie sie?“
Das war zu viel. Mit Respektlosigkeiten, persönlichen Angriffen, selbst offener Feindschaft konnte sie umgehen, das hatte sie, zuweilen schmerzvoll, gelernt, aber schlechte Manieren bereiteten ihr ein bis zur Übelkeit gehendes Unbehagen.
Die Diva beschloss, an diesem Punkt das Spiel zu beenden. Sie zog an der Kordel neben dem Store und lauschte dem Klang der Glocke nach, der das Zeichen für ihre Zofe war, den Gast hinaus zu begleiten. Dann erhob sie sich und ließ nebenbei das Foto auf den Tisch fallen. Der junge Mann stand ebenfalls auf, zerknirscht, mit Schweißtropfen und rötlichen Flecken im Gesicht. Schamesröte, hoffte die Diva, und reichte ihm mit der herablassenden Gleichgültigkeit der Violetta Valery die Hand zum Kuß. Von der Begeisterung, mit der er sich darüber beugte, unbeeindruckt, strich sie ihm, einer zynischen Eingebung folgend, mit der Linken flüchtig durchs Haar. Die kleine Zärtlichkeit hätte sowohl dem Sohn als auch dem Geliebten gelten können und er hielt in tiefer Verwirrung die Lider gesenkt, während er seine Papiere und das Portefeuille einpackte und sich dann von der Diva entfernte. Die Zofe öffnete beide Flügel der hohen, mit gelben Riffelglasornamenten geschmückten Tür, als müßte sie Platz für eine ganze Gruppe von scheidenden Besuchern machen. Er erreichte die Zofe, wandte sich um und wartete - auf den Todesstoß. Todesstoß? Die Diva bemerkte verblüfft, daß sie diesen dramatischen Terminus in seine Körperhaltung interpretierte. Es war ihm gelungen, den Dialog der Gesten wieder aufzunehmen, was sie sich nicht erklären konnte und, wenn sie ganz tief in sich hineinhorchte, auch nicht wollte. Sie spitzte die Lippen, als stünde sie kurz davor, ihm einen Abschiedskuß hinterher senden, und faßte einen Entschluß.
„Ich würde mich gern mit Ihnen darüber unterhalten, was wichtiger ist - ein Wunsch oder seine Erfüllung, Monsieur Vassallo. Unter keinen Umständen würde ich mir eine Aufnahme des Trovatore aus Chikago anhören, selbst wenn ich eine hätte, Sie verstehen …? Meine Wünsche sind damals erfüllt worden, Ihre heute eher nicht, würde ich vermuten, und das bedaure ich, aber ... vielleicht kann ich Ihnen dabei helfen, dem Reiz eines unerfüllten Wunsches zu erliegen, mon ami. Besuchen Sie mich doch wieder, ... bald, ... vielleicht schon morgen? Au revoir!“
Sie genoß es sehr, den jungen Mann unter ihren Worten leiden und hoffen zu sehen. Die kleine, optimistische Verbeugung, mit der er sich verabschiedete, ging in eine schwungvolle Drehung über, der die Zofe nur knapp ausweichen konnte. Dann war er fort und die Zofe kam zurück, um die Flügeltür zu schließen und die Diva nach weiteren Wünschen zu fragen.
„Nichts, mein Kind, danke. Oder doch … bringen Sie mir einen Whiskey. Und den Ordner mit den Programmheften von 1955.“
Sie setzte sich nicht wieder in den Fauteuil, sondern trat an ihr Lesepult, das im Erker stand und von dem aus sie fast die ganze Straße überblicken konnte. Sie sah ihren Besucher einem Taxi nachwinken und wenig später in ein anderes einsteigen. Die Zofe brachte leise den Ordner und den Whiskey und verließ ebenso leise wieder den Raum.
Die Diva schlug den Ordner auf und blätterte in den bunten Seiten. Die Bilder, die jetzt schlaglichtartig durch ihre Gedanken zogen, hätte ein Biograph nur mühsam mit ihrer Karriere in Verbindung gebracht. Dann fand sie Programmhefte und Presseausschnitte vom November 1955 und stutzte.
'Das hatte ich anders in Erinnerung', dachte sie, 'Keine verräterischen Andeutungen, keine Vermutungen, keine lüsternen Verdächtigungen. Zwei, fast drei Tage in schmuddeligen Bars und fremden Betten und keiner hat was gemerkt. Cassidy fand die zweite Vorstellung sogar besser als die erste … Und dieses garstige Foto ist eine Woche nach Trovatore aufgenommen ...'
Den Whiskey immer noch in der Hand, schlenderte die Diva gedankenversunken die Fensterfront entlang, bog an der Stirnseite des Salons zu den Bücherregalen ab, streifte an der den Fenstern gegenüber liegenden Wand mit kurzen Blicken das Porträt von Serafin und ein vergrößertes, gerahmtes Foto ihres ersten Achtungserfolges, freute sich am Kontrast ihrer tiefroten Fingernägel mit dem sonnengelben Glas der Flügeltür und blieb nach dieser Runde durch den Raum vor der Chaiselongue stehen, auf der ihr junger Besucher gesessen hatte. Sie prostete dem Körperabdruck zu, der im Polster noch schwach zu erkennen war, und sagte:
„Verglichen mit deinem Manrico, mon ami, waren alle anderen herzlose Stümper. Aber manchmal muß man aufhören zu singen, damit die Musik am Leben bleiben kann. Skål!“
Sie brauchte nur einen einzigen, großen Schluck für den Whiskey und dachte belustigt, daß es sicher angenehmer war, im Vollrausch zu entschlafen als an Lungenembolie zu sterben.
Maria Anna Sofia Cecilia Kalogeropoulou, * 2. Dezember 1923 in Astoria, † 16. September 1977 in Paris an Lungenembolie
Johan Jonatan Björling , * 2. Februar 1911 in Börlange, † 9. September 1960 auf Siarö an Herzinfarkt infolge Alkoholismus