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Presalum

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13.02.2003
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Presalum

Kapitel I - Das Dorf

Immortalis wachte gerade auf. Es war ein schöner Morgen, so wie jeder Tag seit dem er hier lebt. Die Sonne schien durch das Fenster und man sah die kleinen Staubflocken im Sonnenschein, wo sie vergnüglich tanzten. Immortalis legte die Decke zur Seite und setzte seine Füße auf den angenehm warmen Boden. Der Teppich kitzelte ihn leicht zwischen seinen Zehen. Er ging schlurfend zu seinem Stuhl und zog die darauf liegenden Sachen an. Nun wirkte er noch wesentlich imposanter, trotz seiner sowieso schon beeindruckenden Größe. Denn zu seinen Kleidern gehörte auch ein großer, schwarzer Mantel. Dies war die Repräsentantenkleidung, die ihm einst Chavus gab.

Immortalis ist der höchste und weiseste Mensch. Er war der Erste, der hier auf Presalum lebte. Sein Alter von über 1300 Jahren machen ihn zum Weisesten aller Menschen. Doch alle Menschen sind sehr weise, da auch ihr Alter kaum weniger beträgt. Die Jüngste ist immerhin trotzdem schon stolze 1000 Jahre alt. Hier auf dem Planeten Presalum fanden sie das Paradies. Ein Planet wie ein Paradies: Wasser, Pflanzen und Tiere gibt es reichlich. Die Natur birgt immer wieder neue Überraschungen und niemand weiß alles über sie. Doch man lebt im Einklang mit ihr, erfreut sich an ihren zahlreichen Kreationen. Man versteht sich mit den Tieren, hegt und pflegt sie, wenn sie krank sind. Niemals tötet man ein Tier oder macht aus Spaß, Jux und Dollerei Jagd auf sie. Warum sollte man auch? Jeder hat seinen Platz in diesem Paradies, auch wenn nur den Menschen die Unsterblichkeit verliehen wurde.

Chavus errichtete dafür einen kleinen Brunnen, der rotes Wasser hervor bringt. Dieses Wasser ist ganz anders, denn es ist dickflüssig und hat einen süßlichen Geschmack. Dieses Wasser macht die Menschen unsterblich, es durchfließt sie und hält sie so am Leben. Es wurde aus diesen Gründen natürlich "Wasser des Lebens" getauft. Nur gab es nie eine Erklärung dafür, warum es die Tiere nicht trinken durften. Auch sie hatten dieses Wasser in sich, aber ohne es noch einmal zu trinken, starben sie irgendwann. Chavus erzählte den Menschen viel, über dieses Detail schwieg er allerdings immer.

Immortalis schritt aus seinem Haus, um sich das rege Treiben seiner Mitmenschen anzusehen. Natürlich waren längst alle aufgestanden, er war seit jeher der längste Schläfer. Er lief langsam über die Wiesen und die Wege, vorbei an den anderen Häusern. Von überall erschienen "Guten Morgen"-Rufe oder auch freche Sachen, wie "Na, nicht etwa schon wach, oder?". Immo, so genannt von allen, grüßte alle herzlich zurück, oder gab ein verschmitztes Lächeln an die Bissigeren zurück. Den Kindern strich er immer kurz über den Kopf. Am anderen Ende stand der kleine Brunnen, aus dem das Wasser des Lebens floss. Immo nahm sich einen kleinen Becher und trank etwas davon. Er setzte sich auf den Rand des Brunnens und schaute sich in Ruhe um. Er sah wie die Kinder spielten, wie die Großen miteinander redeten. Doch allen ist eines gemeinsam: Sie lachten und waren einfach vergnügt. Hier in diesem Paradies konnte man nicht unglücklich sein. Nicht einmal, wenn ein Tier starb. Es war nicht schön, aber Chavus hatte erklärt, das dies zum normalen Lebenskreislauf gehörte. Tiere vermehren sich, und wenn sie unsterblich wären, würden sie irgendwann dieses Planeten überbevölkern. Mit dieser Erklärung konnte man sehr gut leben.

Nur warum lebten die Menschen nicht so? Sie vermehrten sich nicht, denn es war jeder unsterblich. Jeder der hier als Kind ankam, blieb ein Kind. Sie wurden zwar weiser und älter, aber sie behielten ihr kindliches Gemüt, und auch ihre Größe und das Aussehen. Alle kamen sie hierher indem sie Chavus in der Mitte des Dorfes ablegte. Danach mussten sie gepflegt werden und waren nach drei Tagen endgültig bei Kräften. So war es jedes Mal. Doch seit nunmehr 1000 Jahren kamen keine neuen Menschen mehr. Doch ihre Rasse umfasste immerhin 124 Menschen.

Doch leider gab es auch hier ein Problem. Dieses Problem hieß Fatuus. Er kam vor 1180 Jahren hier nach Presalum. Er war von Anfang an sehr weise, aber auch gerissen. Ihn umgab ständig ein Mantel voll Kälte und Bösartigkeit. Er ist einer der wenigen, die sich auf Lebenshauch verstanden. Er half Tieren, wenn sie verwundet waren, oder betreute den letzten Weg von toten Dorftieren. Doch er hatte ein Haus, das stets etwas Unangenehmes ausstrahlte, genau wie Fatuus selbst. Es hing voller schwarzer Sachen, und innen war es unfreundlich...nur nackte kalte Steine auf dem Boden. Zudem waren keine Öffnungen da, wo die Sonne morgens hinein blinzeln konnte. Es war schon lange keiner mehr in diesem Haus, da es abscheulich war und angsteinflößend. Und in letzter Zeit waren schreckliche Geräusche aus diesem Haus zu hören. Unmenschliche Schreie, die sich dennoch nach Menschen anhörten. Immo ist kein Charakter, der einfach in andere Häuser rein platzen würde. Er wusste aber auch, das irgendetwas dort vor sich ging. Und da sich die anderen bereits mit Sorge meldeten, war er irgendwann gezwungen der Sache auf den Grund gehen. Und er wusste, das er das in den nächsten Tagen erledigen müsste. Es bereitete ihm Sorge, denn er ahnte ja nicht, was ihn dort erwarten würde. Sind es nur fiese Streiche, oder war dort wirklich etwas Schlimmes? Er wusste es nicht, aber es machte ihm gewaltige Sorgen.

Doch lange blieb er nicht bei den Gedanken. Die Kinder des Dorfes kamen zu ihm und wollten mehr wissen über Chavus und seine Erzählungen. Denn nur Immo durfte mit Chavus reden, doch dies geschah nur alle fünfzig Jahre. Da bald wieder solch ein Jahr war, wurden die Kinder immer besonders neugierig. Aber sobald Immo anfing zu erzählen, sind auch die Größeren nicht zu halten und meist versammelt sich dann das ganze Dorf um den Brunnen. Immo war ein sehr guter Erzähler, denn er warf auch mal ein paar kleine Witzchen ein oder hantierte so wild rum, das er arg albern aussah. Doch stets ließ er nie etwas aus und beantwortete alle Fragen, die ihm gestellt wurden. Oft zog sich das bis in die späte Nacht hinein und man aß und trank zusammen und erfreute sich an den Geschichten und den lauen Winden in der Nacht.

Doch immer waren Immo's Gedanken gefüllt mit Sorge wegen Fatuus, der dieses Mal, der Einzige war, der fehlte.


Kapitel II - Fatuus' Haus

Als es spät in der Nacht war und nur noch das Feuer das Dunkle erhellte, war Immo auch schon fast fertig mit seinen Geschichten über Chavus. Immo fand es immer sehr beruhigend darüber zu berichten. Im Hintergrund knisterte das Feuer, Funken flogen in die Höhe, so als ob ein rot-orangener Regen nach oben fällt. Paare saßen einander gekuschelt und hörten gespannt zu. Die Kinder saßen stets mit großen Augen da. Ihre Neugier war ihnen anzusehen, neugierig waren aber alle. Jeder hatte zwar Chavus schon einmal gesehen, aber niemals sein Gesicht, geschweige denn hat jemand mit ihm gesprochen, von Immo einmal abgesehen.

Als Immo mit dem Erzählen fertig war, blieb es absolut ruhig. Alle schauten vollkommen beeindruckt in die Sterne. Dort oben, wo Chavus herkam. Sie bewunderten ihn, weil er sie und diese Welt erschaffen hatte. Er hatte ihnen dieses Paradies geschenkt, doch nie erklärte er ihnen seine Beweggründe. Doch er hatte versprochen, ihnen baldmöglichst Alles zu erzählen. Und da die Zeit für den nächsten Besuch nah war, lag es natürlich auf der Hand, das dieses Mal Chavus all das erzählen würde, was jeden von ihnen brennend interessierte.

Doch ihre Gedanken wurden mit einem Mal durch einen markerschütternden Schrei unterbrochen. Es war ein dunkler, schmerzvoller Schrei. Ein Schrei, der so gellend durch die Häuser ging, das Alles drum herum in absoluter Stille blieb. Ja selbst die Tiere waren stumm. Keiner rührte sich, es war eine wahnsinnige Angst. Aber sie wussten alle, woher dieser Schrei nur kommen konnte: Fatuus. Alle waren aufgebracht und baten Immo nun inständig, endlich einmal nachzusehen, was dort los sei. So konnte es nicht weiter gehen, und das wusste Immo auch. Doch wenn er es sich selbst eingestand, hatte auch er große Angst, was in diesem Haus sein würde. Aber er musste nach sehen. Und so kam es auch, und ihm hinterher folgten alle anderen Menschen.

Am Haus angekommen, atmete Immo erst einmal tief ein und wieder aus um dann, ein wenig ermutigt, an die Tür zu klopfen. Im Inneren hörte man Schritte über die Steine gehen und Fatuus trat an die Tür. Er öffnete sie nur so weit, das man seinen Kopf sehen konnte. Weder ihn, geschweige denn das Innere des Hauses konnte man sehen. Fatuus war überrascht und erstaunt, als er die vielen Gesichter vor seiner Tür sah. Dies ließ er sich allerdings nicht anmerken und grüßte Immo freundlich. Er fragte ihn, warum er denn so spät in der Nacht hier wäre, mitsamt allen Anderen? Immo wurde langsam sehr sauer und seine Angst verflog immer mehr. Dieses aufgesetzte Lächeln war ihm zuwider und Fatuus wusste schließlich genau, warum sie hier waren. Immo sagte kein Wort, sondern blickte nur kurz in Fatuus' Augen. Dessen Mimik verfiel sofort in eine Art Starre und jegliches Lächeln verschwand wie ein Blitz im Erdreich. Es war auch ein wenig Angst zu sehen, aber dazu musste man schon sehr genau hinschauen.

Immo wurde langsam richtig sauer und stieß einfach die Tür auf. Fatuus, der ja an eben diese angelehnt war, fiel nach hinten und kratzte sich den Rücken auf. Er stöhnte ein wenig, was aber mehr der Schock verursachte, denn so groß waren die Schmerzen nicht. Doch viel schlimmer war der Anblick der "Einrichtung" des Hauses. Immo stand mit offenem Mund und großen Augen da und sagte kein einziges Wort. Jene, die auch in das Haus hinein sehen konnten, waren ebenso erstaunt. In der hinteren Menge wurde es lauter, doch kein Wort drang nach hinten. Denn alle, die das sahen, fanden dafür keine Worte und waren auch noch zu geschockt, um auch nur irgendeine Art der Konversation zu führen.

Überall waren riesige Tische und eine Menge skurriler Apparaturen. Das war aber allerdings nicht das eigentlich Erstaunliche. Denn an den Wänden, waren riesige Kreuze, an denen tote Wesen hangen. Sie waren ausgeweidet, Organe hingen raus und bei ein paar tropfte sogar noch das Wasser des Lebens hinaus. Ihre eigentliche Form konnte man noch erkennen. Es waren eigentlich auch nur Formen, da sie eigentlich nur irgendwie und mit viel Fantasie an einen Menschen erinnerten. Allesamt waren es schreckliche Missbildungen. Sie hatten schiefe Anatomien, mehrere Münder, Ohren, Augen oder sogar mehrere Köpfe. Ihre Beine hangen manchmal da, wo eigentlich Arme hin gehörten. Sie hatten teilweise riesige Münder oder Brustkörbe. Ihre Arme waren mitunter an sich selbst gewachsen und ihre Beine, sofern vorhanden und an der richtigen Stelle, keineswegs zum Laufen geeignet.

Die Tische waren voller Lebenswasser und hatten ihre eigentliche Holzfarbe längst eingebüßt. Es roch nach Verwesung, nach alter Haut und verbrannten Haaren. Es stank nach Kräutern, die jenseits ihres eigentlichen Zweckes eingesetzt wurden. Das Haus war ein Zeugnis grausamer Schlachtungen, hässlicher Fratzen, die ihr jämmerliches Dasein lebend und genagelt ans Kreuz vollbrachten. Das Haus war ein Friedhof des Grauens, der sich ermächtigte, grässliche Kreaturen hervor zu bringen. Kreaturen, die weder Tier noch Mensch jemals als etwas Lebendiges gutheißen würde.

Immo wurde abermals sauer, doch dieses Mal war er weitaus mehr als das. Es war Hass und Trauer, eine fiese Mischung aus allen bösen Gefühlen. Er schrie Fatuus an, was das hier sei und was er hier mache. Fatuus sagte kein Wort, sondern schwieg. Er wusste, das er etwas Schreckliches getan hatte, aber es tat ihm nicht leid. Er war sich keiner Reue unterwürfig, das sah ihm Immo an. Er rief nach den kräftigsten Männern und ließ sie Fatuus gefangen nehmen. Alle anderen Dorfbewohner mussten, noch in derselben Nacht, ein Gefängnis bauen. Dort verbannten sie Fatuus am nächsten Morgen hinein. Immo hatte ihm versprochen, sich sehr gründlich mit ihm am Nachmittag "auszusprechen" und dieses Haus des Todes zu vernichten.


Kapitel III - Die Schöpfung

Der Morgen nahte schnell...zu schnell für Immos Gedanken. Er hatte nicht geschlafen, keine einzige Minute. Er hatte es auch nicht wirklich vor, denn er musste wirklich überlegen, was er mit Fatuus machen sollte. So etwas hatte er noch nie gesehen. Es war so unvorstellbar grausam, das es mehr wie eine morbide Fantasiegeschichte wirkte. Selbst ein sehr krankes Hirn hätte nicht einmal die Fantasie gehabt, solch eine Geschichte zu erzählen. Aber Fatuus lies dies Wirklichkeit werden, aber warum? Warum ließ Chavus solch ein Monster hier her? Was sollte das, es ergab einfach keinen Sinn. Deswegen versuchte Immo sich auf die Fragen, die er Fatuus stellen würde, zu konzentrieren. das fiel allerdings sehr schwer, da immer wieder diese grauenvollen Bilder in ihm aufstiegen.

Nach mehreren wachen Stunden ging dann auch die Sonne auf. Immo bemerkte erst jetzt, das er somit stundenlang mit den flachen Händen an der Stirn und gestützt auf den Beinen, auf dem Bett saß. Er hatte rote Abdrücke davon, der fast wie ein halber Schmetterling auffallend am oberen Kopfende saß. Doch er nahm keine Notiz davon und auch die anderen nicht, nachdem Immo nach draußen getreten war. Alle anderen waren ebenfalls wach, jeder hatte diese Mißgestalten gesehen. Dennoch sah keiner müde aus, eher erschöpft und voller Angst und Furcht. Manche saßen schon um das Gefängnis, in dem ja nun Fatuus saß, herum. Keiner sagte ein Wort, die morgendlichen Grüßen bestanden lediglich aus einem leichten Kopfnicken. Es war keine Mimik zu erkennen, nur die Augen verrieten, was in den Menschen vor sich ging.

Fatuus saß am hinteren Teil dieser provisorischen Einrichtung, mit dem Rücken angelehnt und den Augen nach unten gerichtet. Seine Finger spielten miteinander, Fatuus war sehr nervös. Er wusste nicht, was ihn nun erwarten würde. Er hatte allerdings weniger Angst vor Immo, als vor Chavus. Doch bevor er weitere Gedanken spinnen konnte, setzte sich Immo vor das Gefängnis. Er befahl ihm, gefälligst nach oben zu sehen. Fatuus hatte damit keine Probleme und sah kalt und gefühlslos Immo in die Augen. Immo wollte wissen, was das dort in seinem Haus wäre und was er dort mache? Fatuus fing an zu erklären:

"Immo, du bist ein Narr. Sieh dich und die anderen Kinder Chavus' doch einmal an. Ihr und ich sind alle Abhängige vom Wasser des Lebens. Wir sind gänzlich anders als der Rest der Natur, denn wir sterben nicht und du verfügst über schier unermessliche Kräfte. Und obwohl ihr alle so weise und klug seid, wisst ihr trotzdem eigentlich Nichts und das weißt du auch."

"Aber WAS machst du, was soll das?", Immo wurde ungeduldig und sein Zorn war sehr weit an die Spitze getrieben.

"Immo, lass mich in Ruhe erklären. Das was ich dort gemacht habe, soll nur zeigen, was Chavus falsch gemacht hatte. Ich erschaffe einen besseren Menschen, als ihr es seit. Einer, der nicht aus dem Brunnen trinken muss, sondern dessen Lebenswasser für ewig währt und ihn auch nicht sterben lässt, wie die Tiere. Denn wir sind nur Abarten der Natur, eine hässliche Erschaffung eines unfähigen Gottes."

Immo wusste im ersten Moment nicht, was er sagen sollte. Allerdings gingen ihm dennoch schon die nächsten Fragen durch den Kopf. Doch jede, die er fortan stellte, tat Fatuus mit einem "Frag Chavus!" ab. Immo musste sich zwangsläufig damit zufrieden geben, aber er würde Chavus auf alle Fälle fragen. In diesen Moment wurde die Tür des Horrorhauses aufgestoßen und in das Licht trat eine Gestalt, die sehr einem Menschen glich, eigentlich überhaupt nicht von diesen zu unterscheiden war. Er schaute kurz die Menge an und diese sahen erschrocken und mit offenem Mund zurück. Dann verschwand es um die Ecke und flüchtete schnell in den nahegelegenen Wald. "Nein, es darf nicht abhauen, neeeein...", schrie Fatuus. Er schaute verzweifelt hinterher und Immo verstand immer weniger. Es war ihm auch inzwischen egal, denn er wusste, das er alle Antworten von ihrem Gott kriegen würde.

Und kaum dachte er daran, tippte einer der Kinder ihm auf die Schulter. Er fragte, was denn los sei, doch die Frage wurde ihm nur mit einem Fingerzeig beantwortet. Immo schaute hinter sich, wo das Kind hin gezeigt hatte. Und da stand er: Eine große, dunkle Gestalt. Ein Wesen, das keinerlei Konturen besaß. Denn alles, aber auch wirklich alles war schwarz. Nein es war mehr als einfach nur schwarz. Es schien, als ob dieses Wesen, das gesamte Licht um sich herum auffressen würde. Man konnte nur grob erkennen, das ein schwarzer Mantel ihn umhüllte. Ansonsten war fast nichts auszumachen, da alles die gleiche Farbe hatte und kein einzigen Schattenwurf von sich gab. DAS war Chavus. Doch was machte er hier? Es war überhaupt nicht an der Zeit. Immo schaute kurz zu Fatuus, dessen Augen voller Angst erfüllt waren. Sie waren weit aufgerissen, er kauerte in der Ecke und hielt sich verkrampft an den Gitterstäben fest.

Chavus ging langsam auf ihn zu und alle machten Platz für ihn. Es bildete sich ein Flur, begrenzt aus sitzenden und staunenden Menschen, durch den Chavus trat. Während er dies tat, verschwand die Schwärze langsam aus seinem Gesicht und auch einzelne Konturen seiner Kleidung wurden ersichtlich. Doch die Augen blieben schwarz...tiefschwarz. Sie bannten...verschlangen einen fast. Man sah in diese Augen und wusste, was wirkliche Finsternis war. Chavus hielt kurz vor Immo, sah aber weiterhin genau zu Fatuus. Dieser erstarrte mit einem Mal und so schauten sich beide eine Weile an. Immo kam es so vor, als wenn dies den halben Tag verstreichen lassen würde. Niemand rührte sich und schon garnicht wagte es jemand zu sprechen. Immo fiel auf, das nicht einmal die Tiere zu hören waren. Es blies kein Wind, weder leicht noch stark. Die Blätter der Bäume waren regungslos und selbst das Gras war wie aus Stein. Und dann fiel ihm auf, das nicht einmal das Plätschern des Brunnens zu hören war. Er wagte es nicht hinzusehen, doch er ahnte Schreckliches.

"Nein, nein tu mir das nicht an...bitte nicht...neeeein!" Immo erschrak und wurde aus seinem Tagtraum erweckt. Fatuus hielt sich die Hände vor den Augen, so als ob er sich vor irgendetwas schützen würde. Doch Chavus blieb regungslos. Doch Immo entdeckte etwas. Der Rücken seines Gottes begann Beulen zu bekommen. Sie waberten, wie eine zähe Flüssigkeit und plötzlich sprangen aus ihnen sechs lange Ketten, deren Ende jeweils mit einem silberfarbenen kleinen Schädel besetzt war. Sie schauten alle direkt zu Fatuus und schrieen dabei. Es war ein schrecklicher Laut, er war hoch und grell. Es war kaum zu ertragen, doch noch immmr wagte es niemand sich zu bewegen. Lediglich die Augen kniffen Einige zusammen. Chavus riss mit einem Mal seinen Kopf nach oben und seine Arme zur Seite. Seine Finger verkrampften sich, als ob er irgendetwas in seiner Hand zerquetschen würde. Er schrie den Himmel an. Sein Schrei war dunkler als die der Schädel und doch irgendwie hell. Es war unbeschreiblich und es war so laut, das die Häuser anfingen zu wackeln und der Himmel sich plötzlich verdunkelte. Es wurde stockduster, die Sonne war nicht einmal mehr zu sehen. Alle hielten sich die Ohren zu, aber keiner ließ den Blick wandern. Alle starrten Chavus an und zwinkerten manchmal zu Fatuus hinüber.

Die Landschaft glich mehr einem Alptraum, als das herrliche Grün, das alle jeden Tag sahen. Es war gespenstisch. Trotz der aufziehenden, pechschwarzen Wolken und diesen schrecklichen Geräuschen, bewegte sich nach wie vor nichts. Und dann geschah etwas, was Immo niemals mehr sehen würde. Er hätte noch nicht einmal damit gerechnet, und das obwohl er die Nacht schon Schreckliches gesehen hatte.

Die Ketten sprangen mit einem Mal nach vorne. Zwei schossen jeweils durch die Hände, zwei jeweils durch die Oberschenkel und die restlichen beiden durch den Oberkörper von Fatuus. Zeitgleich hörten die Schreie auf. Fatuus schrie stattdessen vor unendlichen Schmerzen. Das war längst kein menschlicher Schrei mehr und irgendwie dachte Immo daran, das wohl Fatuus auch kein Mensch sei. Doch Immo kannte auch solche Schmerzen nicht. Chavus drehte sich um und mit ihm rissen die Ketten Fatuus aus seinem Gefängnis. Die Stäbe splitterten und überall verteilten sich kleine Holzstückchen, doch kein einziger davon traf jemanden. Fatuus wurde gegen eine Hauswand geschleudert. Man hörte es deutlich krachen, und das war nicht das Holz des Hauses. Plötzlich krachten die Ketten an der anderen Seite Fatuus' Körper heraus. Es spritzte Lebenswasser, Knochensplitter flogen hervor, Hautfetzen verteilten sich an den Hauswänden und auf dem Gras. Die Köpfe der Ketten schrieen noch lauter als vorher und mit einem Mal fingen sie an zu glühen und mit ihnen die gesamte Kette. Feuer sprang aus den Wunden und Fatuus sah bald aus wie eine glühende rote Lampe. Sein Schrei verstummte und stattdessen trat das Feuer nun auch seinem Mund. Die Auge platzten und auch daraus spie das Fauer. Dann plötzlich war das Feuer weg, die Glut verschwand und die Wolken verzogen sich. Die Ketten rasselten ruckartig und äußerst schnell wieder dorthin zurück, wo sie her kamen. Alles was von Fatuus noch übrig war, war seine Haut...eine leere Hülle die nun dort auf dem Gras lag. Es war wie ein Sarg, in dem weder Körper noch Seele gefangen waren. Es war ein grausamer Todesakt, wahrscheinlich nicht einmal vergleichbar mit dem, was Fatuus diesen Mißgeburten in seinem Haus angetan hatte.

Chavus selbst war verschwunden und niemand hatte es gesehen. Nach dem die Ketten wieder weg waren, sahen alle nur noch zu dieser leblosen Hülle. Als Erster bemerkte dies Immo und der war wenig erstaunt. Chavus machte das jedes Mal so, allerdings machte er es dieses Mal "vor" allen anderen. Doch auch der letzte Rest von Fatuus fing plötzlich Feuer und daraus entstieg etwas Durchsichtiges. Es war wie ein Geist, eine Erscheinung, die irgendwie in den Himmel gezogen wurde. Man konnte sie nicht lange genug betrachten, denn dorthin verschwand sie auch sehr schnell. Danach war nichts mehr da. Nichts was an diesen Vorfall erinnern konnte. Ja selbst das Haus war verschwunden, das Gefängnis. Keine Brandflecken oder Kleinstreste des Körpers von Fatuus. Die Vögel sangen wieder, die Bäume schaukelten leicht im Wind, die Blätter raschelten und ein paar Rehkitze liefen über die Wiese und spielten miteinander.

Allerdings verschwand noch etwas: Der Brunnen des Lebens.


Kapitel IV - Tod und Leben

Immo war der Erste, der entdeckte, das der Brunnen versiegt war. Es dauerte allerdings nicht lange, bis die Anderen es auch bemerkten. Nach wie vor, und jetzt erst recht, saß der Schock tief. Es blieb ruhig, bis die Ersten das Wort ergriffen. Es waren panische Ausdrücke. Was sollten sie jetzt tun? Ihr unendliches Leben war damit vorbei. Sie hatten Angst vor dem Tod, denn sie hatten noch nie einen Menschen sterben sehen. Sie wussten nicht, was danach mit ihnen geschehen würde, denn auch diese Erklärung blieb ihnen Chavus stets schuldig. Doch würden sie es jemals erfahren? Chavus Ankommen war eigentlich erst in einem Jahr. Und er war eben nur kurz hier, um etwas unvorstellbar Grausames zu tun. Egal was Fatuus getan hatte, aber DAS hatte selbst er nicht verdient.

Sie alle gingen langsam und verzweifelt auf den Brunnen zu. Dort angekommen sahen sie in diese Leere. Nicht einmal ein einziger Tropfen war da. Sie fragten Immo, was sie denn jetzt tun sollten? Er wusste darauf keine Antwort. Er wusste noch nicht einmal, warum Chavus ihnen das angetan hatte. Er hatte versprochen, ihnen allen alle Geheimnisse zu erzählen und alle Gründe zu nennen. Doch niemand würde Chavus jemals noch einmal sehen. Bis dahin würden sie längst tot sein. Immo ging schweigend in sein Haus. Die anderen schauten ihm hinterher und wussten, das auch Immo keine Antwort hatte. Aber sie hatten auch nicht wirklich eine erwartet. Dafür gab es keine Erklärung. Jedenfalls keine, die den Menschen ersichtlich gewesen wäre. Sie alle zogen sich, abermals schweigend, in ihre Häuser zurück. Den ganzen Tag kam niemand hinaus und in der Nacht war es so still, wie lange nicht mehr.

Niemand wagte sich hinaus. Aber alle bekamen einen mächtigen Durst. Sie hatten heute noch nichts von dem Lebenswasser getrunken. Ihre Gier danach war grenzenlos. Manche geiferten schier danach und ihnen rann schon die Flüssigkeit aus dem Mund. Dann wagte sich der Erste hinaus. Er schlich sich zu den Tieren und stach eines von ihnen brutal nieder. Die Bewohner in der Nähe hörten dies und kamen aus ihren Häusern. Sie sahen den Missetäter, aber sie griffen ihn nicht an. Stattdessen gingen sie ruhig auf das tote Tier zu. Dann beugten sich alle hinüber und tranken das Blut. Sie verschlangen es mitsamt den Fleisch um Nichts daneben gehen zu lassen. Sie wollten nichts von dem kostbaren Lebenswasser hier liegen lassen. Sie rupften sogar das Gras ab und aßen die Erde, die sich inzwischen genauso rot gefärbt hatte. Ihre Münder und an ihrem Hals entlang lief das Lebenswasser. Sie sahen schrecklich aus. Sie waren mehr Sklaven einer Flüssigkeit, fernab jeden Verstandes, als Menschen mit einer jahrhundertelangen Weisheit.

Am nächsten Morgen sahen das natürlich die anderen Bewohner und auch Immo. Er fragte, was hier losgewesen sein, und wer diese Schandtat anrichten konnte. Schnell kamen die Schuldigen auf eine Ausrede. Sie sagten, das es wahrscheinlich die Schöpfung Fatuus gewesen sei. Vielleicht hätte es Hunger gehabt und wäre wieder aus dem Wald gekommen um sich hier in aller Ruhe Nahrung holen zu können. Immo erschien dieser Einwand logisch und so stellte er in der nächsten Nacht Wachen auf. Doch diese waren selbst so süchtig und durstend, das sie abermals ein Tier abschlachteten. Mit jeder Nacht wurden es mehr Menschen und mehr Tiere. Immer wieder fielen ihnen neue Ausreden ein und Immo glaubte ihnen. Er kannte diese Menschen immerhin jahrhundertelang und zweifelte nicht ein bißchen an ihren Worten. Doch in einer Nacht, in der auch der letzte dem Rausch verfiel, erschien Chavus abermals. Dieses Mal allerdings nur in Immo's Zimmer. Dieser war wach und sehr überrascht über diesen nächtlichen Besuch.

Chavus zeigte ihm nach draußen. Immo schlich hinaus und sah, was die Bewohner machten. Doch bevor er auf sie zurennen konnte, zog Chavus ihn wieder in sein Haus. Er packte Immo am Hals, schleuderte ihn unsanft gegen die Wand und drückte ihn nach oben. Immo konnte nichts sagen, da ihm die Luft abgedrückt wurde. Chavus selber sah ihn erst nur an. Dann sagte er:

"Immortalis, du musst verschwinden von hier. Du bist der Einzige, den ich retten werde. Du sagst niemandem Bescheid, sondern verschwindest sofort...heimlich. Das ist kein Rat, sondern eine Anweisung. Befolgst du sie nicht, wirst du sterben. Hast du das verstanden?"

Chavus Stimme war genau so grausam wie sein Schrei. Sie klang so schrecklich, weil sie irgendwie alle Töne miteinander vereinte. Ein tiefer Ton war gleichzeitig auch ein hoher, es war einfach unbeschreiblich. Aber Immo nickte und gab damit seine Zustimmung. Chavus ließ ihn runter:

"Gut, das du einwilligst. Du bist anscheinend doch weiser, als ich gedacht hätte. Packe deine Sachen ein und dann verschwinde nach Osten. Du wirst sehr viele Tage brauchen. Nach ebenso vielen Nächten wirst du ein riesiges Gebäude aus Stein und mit sehr großen Türmen finden. Dort gehst du hinein. Es wird dein neues Zuhause sein, da bist du sicher. Doch damit du überlebst, gebe ich dir etwas."

Chavus sah Immo an und dieser bekam es mit der Angst zu tun. Was wollte ihm Chavus geben und warum gab er es nicht auch den anderen? Dann plötzlich schmerzte ihm sein Mund. An den Eckzähnen war der Schmerz besonders groß. Immo wimmerte und krümmte sich vor dieser Pein. Er fiel mit den Knieen auf den Boden und dann war der Schmerz vorbei. Er griff sich in den Mund und mit der Daumenunterseite an die Zähne. Er erschrak, denn ihm waren plötzlich die Zähne spitz und lang gewachsen. Chavus beugte sich zu ihm runter:

"Diese Zähne brauchst du. Draußen gibt es genügend Tiere. Setze deine Zähne an ihren Hals und trinke ihr Lebenswasser. Doch töte niemals auch nur eines von ihnen, selbst wenn dein Durst unendlich erscheint. Die Tiere werden betäubt und werden kurze Zeit später erwachen und nichts mehr wissen. Und nun geh...sofort! Wir werden uns zu gegebener Zeit wiedersehen..."

Immo packte sofort die wichtigsten Sachen ein. Binnen kurzer Zeit war er aus der Tür verschwunden und schaute noch einmal nach hinten. Er nickte zu Chavus und dieser zurück. Immo vertraute ihm und irgendwie dankte er ihm auch, obwohl er noch nicht einmal wusste, warum. Dann rannte er los. Er war sehr schnell und Chavus sah ihn dann auch bald nicht mehr.

Chavus ging hinaus und auf die Menge zu, die nach wie vor die Tiere schlachteten und ihr Lebenswasser tranken und ihr Fleisch in Stücke rissen. Sie hörten allerdings sehr schnell damit auf, als sie ihn sahen. Sie wichen zurück und verhielten sich absonderbar. Sie hielten sich die Augen zu, als ob Chavus sie blenden würde. Sie blieben stets in gewissem Abstand und gingen umso mehr zurück, desto näher ihnen Chavus kam. Sie hatten mächtige Angst, denn sie wussten, das sie etwas getan hatten, was er niemals billigen würde. Und sie wussten auch sehr gut, zu was Chavus fähig war. Doch bevor auch nur einer von ihnen etwas sagen konnte, ergriff Chavus schon das Wort:

"Ihr seid sehr schwach. Ich dachte, ich tue euch einen Gefallen, euch hierher zu lassen. Stattdessen nutzt ihr meinen Gefallen aus und labt euch an der Natur, wie es euch nicht zusteht."

Die Stimme war dieses Mal um einiges angenehmer: Rauh, kalt, aber menschlich. Doch bevor sie das wirklich registrieren konnten, fing Chavus hämisch zu lachen an. Er riss den Kopf nach oben und im gleichen Moment ragten die Ketten wieder aus ihm hinaus. Sie schwangen um ihn herum, machten ruckartige Wellenbewegungen, fast wie eine Schlange. Doch sie griffen nicht an. Chavus ließ den Kopf wieder sinken und auf einmal ertönte eine Stimme hinter den Menschen. Diese sahen hinter sich und waren nicht sicher, was sie da sahen...es war Fatuus: "Lass sie, Chavus...sie gehören mir", schrie er. Doch Chavus schaute ihn unbekümmert an: "Nein, niemals. Es sind meine Wesen und du wirst niemals Besitz von ihnen ergreifen."

Eine der Ketten griff nach Fatuus und umschlang ihn. Mehrere Male drehte sie sich um ihn und es schien so, als wäre sie unendlich lang. Die Kette hob Fatuus nach oben und brachte ihn an die Seite von Chavus. Dieser drehte seinen Kopf zu Fatuus: "Gleich wirst du sehen, was DEIN ist!" Da sprangen alle übrig gebliebenen Ketten nach vorne und dann zur Seite. Mit einem Mal rasten sie zur anderen und schlugen indes die Köpfe jedes Menschen ab. Diese fielen auf das Gras, gegen die Häuser und rollten den Hügel hinab. Der Boden färbte sich tiefrot. Die Körper fielen einer nach dem anderen um. Es war wie ein Puppenschauspiel, das gerade zu Ende war und die Seile losgelassen wurden. Chavus ließ Fatuus wieder los und die Ketten verschwanden darauf. Dann hüllte Chavus sich in seinen Mantel und verschwand so schnell, wie er gekommen war...Fatuus sah nur kurz zu den kläglichen Resten der Menschen und tat es dann Chavus gleich.

Immo war schon weit weg, doch er merkte einen stechenden Schmerz in seinem Herzen. Und er wusste, das sie nun alle tot waren. Jetzt war nur noch er da...er und dieses eine Wesen, welches er wohl niemals wiedersehen würde.


Kapitel V - Der neue Begleiter

Immo war schon sehr viele Tage unterwegs. Er hoffte, das er niemals falsch gegangen war. Er glaubte es nicht, denn Chavus würde ihn sicherlich beobachten. Eigentlich war er die meiste Zeit sowieso mehr begeistert von der Tier- und der Pflanzenwelt. Er hatte schon so vieles gesehen, aber nie hatte er sich so weit vom Dorf entfernt. Und selbst dort gab es eine Menge zu sehen und neu zu entdecken. Er bewunderte die Natur, welch Vielfalt sie hervor brachte. Er war fasziniert und er hatte eine Menge Respekt davor. Hatte tatsächlich Chavus dies alles erschaffen? Er wusste es nicht. Sicherlich wäre es möglich gewesen, er war ein mächtiges Wesen, aber auf wie vieles hatte er tatsächlich Einfluss oder wie viel Einfluss wollte er überhaupt haben?

Immo machte jede Nacht für kurze Zeit Rast. Er zündete sich ein Feuer an und genoss den herrlichen Anblick. Nicht selten gesellten sich Tiere dazu und ihm gefiel diese Gesellschaft auch sehr. Es war diese Ruhe und eine völlig andere Art der Entspannung. Das alles hatte er vorher so garnicht gesehen. Die Tiere zeigten ihm, wie es ging. Ihnen war es egal, woher sie kamen, sie wollten es überhaupt nicht wissen. Es war ja auch nicht weiter wichtig, wo es doch eigentlich nur ums Leben ging. Immo verstand zu verstehen und er dachte, ob dies eine Art Prüfung sein soll. Warum hatte Chavus nur ihn gerettet, es konnte doch nicht nur wegen der Gier der anderen gewesen sein? Immo war sich verdammt sicher, das da noch etwas mehr dahinter steckte. Doch die Gedanken verschwanden schnell, denn er würde Chavus schon fragen, sobald dieser auftaucht.

Und so war es fast jede Nacht. Doch niemals schlief Immo, was ihn selbst verwunderte. Warum war er nicht müde? Selbst das Laufen fiel ihm nie schwer. Hatte Chavus noch mehr verändert als nur die Zähne? Das einzigst Schreckliche war der Durst. Doch Immo wagte es nicht, die Tiere anzufallen und ihr Lebenswasser zu trinken. Er wusste, das er es irgendwann machen müsste, denn sterben wollte er nicht. Es war keine Angst vor dem Tod, aber er hatte einen schier endlosen Wissensdurst. Und er wusste, das Chavus es ihm sagen würde. Chavus hatte nie sein Wort gebrochen. Während dieser Gedankenzüge, fiel Immo noch etwas Anderes ein. Chavus versprach bei seinem nächsten Besuch, ALLEN alles zu erzählen. Nun war Immo alle. Die Frage, die Immo quälte: Wusste Chavus, das Fatuus so etwas tat? Hatte er es vorraus gesehen, oder hatte er gar dafür gesorgt, das dies genau so geschehen würde? Letzteres hielt er für nicht möglich, aber der Gedanke ging auch nicht weg.

Am dritten Tag veränderte sich die Natur gewaltig. Das saftige Grün und die vollen Bäume verschwanden langsam, die Tiere mieden immer mehr seine Nähe. Stattdessen wurde alles zu einer kargen Landschaft, tote Bäume ragten hier überall. Die Pflanzen waren stets stachelig und hatten selten eine schöne Farbe. Es wirkte alles so trist und so traurig. Es war, als ob hier die unendliche Einsamkeit herrschen würde. Da wo er einst lebte war es wunderschön, farbenfroh und man lebte in einer herrlichen Freiheit. Hier allerdings bekam man ein beklemmendes Gefühl. Es war so leer und Immo überkam das Gefühl, als ob dies sein Gefängnis werden würde. Er fühlte sich hier alles andere als wohl. Selbst die Sonne hatte hier ein hässliches Gesicht. Sie war nicht so wunderschön strahlend wie Immo sie kannte. Sie wirkte wie vergiftet und ihre Farbe war eine Mischung aus Gelb und Schwarz. Und umso weiter er in dieses Niemandsland ging, desto dunkler wurde sie.

Bald sah er kein Tier mehr, kein Grün und keine braune Erde. Jetzt war der Boden voll mit Asche und Feuerflüsse durchwucherten das Gebiet. Es war kein einziges Lebewesen hier, nur er und dieses ewige, weite Nichts. Erst am fünften Tag begegneten ihn auch hier Lebewesen. Doch sie waren so ganz anders. In seiner alten Heimat waren die meisten Tiere eher zart und groß. Hier waren sie klein und wirkten als ob sie den ganzen Tag angeödet wären. Allerdings fühlte Immo sich ja auch nicht gerade wohl hier. Dennoch faszinierten ihn auch diese Tiere. Wie konnten sie hier überleben, was aßen sie? Erstaunlicher war allerdings wie sehr sie sich von den bekannten Tiere im Aussehen unterschieden. Sie hatten Zackenkämme auf ihren Rücke, spitze Zähne, machten eklige Geräusche und tapsten mehr, als das sie so flink und gewandt liefen wie die Tiere, die Immo kannte. Sie wirkten weitaus bedrohlicher, trotz ihrer eher geringen Größe.

Doch bald sah er auch die ersten Vögel. Auch diese sahen so ganz anders aus. Sie besaßen keine Federn, sondern große Flügel. Sie hatten große Ohren und gaben fiepsende Geräusche von sich. Was ihm aber besonders auffiel: Sie hatten zwei spitze Zähne...genau wie er. Was er aber irgendwie witzig fand, war die Tatsache, das diese Vögel am Baum herab hingen, anstatt auf ihnen zu sitzen. Es waren auch die ersten Tiere, die sich manchmal zu ihm gesellten. Auf dem zweiten Blick wirkten sie garnicht mehr so bedrohlich. Sie waren eben nur anders. Wahrscheinlich fürchteten diese Immo's Heimat.

Am sechsten Tag allerdings waren auch diese Tiere wieder verschwunden. Statt ihrer, waren Schwärme von weit größeren Vögeln zu sehen. Diese hatten wieder Federn, aber auch einen riesigen, oft grauen Schnabel. Sie gaben ein lautes Geräusch von sich, welches Immo so nie gehört hatte. Es war als ob man Schreien und es dabei gleichzeitig unterdrücken würde. Aber auch diese boten Immo ihre Gesellschaft an. Komischerweise schliefen sie so gut wie nie. Und selbst wenn sie es taten, waren sie äußerst reaktionsfähig. Und so spielte Immo ihnen manchmal einen Streich und weckte sie immer wieder auf. Am nächsten Morgen sahen sie dann irgendwie müde aus. So unmenschlich schienen sie garnicht zu sein, er konnte sich allerdings auch damit irren.

Dann, am achten Tag, waren natürlich auch diese verschwunden. Was dann folgte, hätte sich Immo niemals vorstellen können. Was er nun sah, war eine riesige Verbindung, der ersten Vögel und der ersten Tiere hier. Aber es war so riesig, das es mit Sicherheit 6- oder gar 7-mal so groß, wie er selbst war. Es hatte riesige Flügel, einen großen Mund, mit mächtigen Zähnen die sowohl nach oben, als auch nach unten standen. Es hatte einen muskulösen Körper und Klauen, die einen mit einem Schlag zerfetzen konnten. Doch es schien zu schlafen und dabei auch noch ein äußerst aktiver Schnarcher zu sein. Vielleicht war es das, was dieses riesige Tier eigentlich wieder symphathisch machte. Allerdings trat aus seinem Mund und seinen Nasenlöchern auch ein wenig Feuer aus. Immo hatte ja nun inzwischen vieles gesehen, aber auf das war er nun nicht vorbereitet. Er zog es vor, irgendwie drum herum zu gehen. Dann fragte er sich allerdings, ob er sich dann nicht verlaufen würde. Hier in dieser Einöde wäre das wohl weitaus weniger günstig.

Immo überlegte, was er machen sollte. Wecken wollte er es nicht, weswegen er sich erst einmal ein Feuer in einer kleinen Einbuchtung machte. Dieses Feuer konnte das Tier nicht sehen und er war auch froh darüber. Wer weiß, wie gut es darauf zu sprechen war und wie gut es auf IHN zu sprechen war. Doch irgendwie erwies sich dieses Tier als genauso untypisch im Verhalten, wie auch im Aussehen. Immo wartete nun schon seit drei Tagen und dieses Wesen wollte einfach nicht aufwachen. Immo nahm deshalb allen Mut zusammen und ging auf das Tier zu. Er blieb in einem gewissen Abstand, obwohl er genau wusste, das mit einem Schlag dieses Riesen, er immer noch locker erwischt werden würde. Er schrie also von Weitem, das es endlich aufwachen solle, er wolle mit ihm sprechen. Tatsächlich erhob sich das Tier. Seine Augen blinzelten und dann sah Immo etwas, was ihm auch neu war. Verwundern tat es ihn aber inzwischen nicht mehr. Die Augen waren so ganz anders. Jedes Tier, welches er bisher gesehen hatte, besaß runde schwarze Löcher, genau wie die Menschen. Dieses hier hatte aber ein schlitzartiges Loch und überhaupt waren die Augen weniger rund, sondern mehr nach hinten gezogen.

Während des Aufstehens bebte die Erde, sobald das Wesen die Füße auf und ab setzte. Es blinzelte noch ein paar Mal, schaute sich ein wenig um und sah dann direkt zu Immo. Zum Erstaunen von Immo, sprach dieses Tier. Sogar mit einer wirklich menschlichen Stimme, wenn auch äußerst tief. Es fragte ihn, wer er sei und was er hier wolle und (darüber schien es sehr verärgert) warum er es aufgeweckt hätte. Immo antwortete mit seinem Namen und gab an, das Chavus ihn hierher geschickt hatte. Das Wesen murmelte ein wenig und stellte auch sich vor. Sein Name war Draber. "Welch ungewöhnlicher Name," dachte sich Immo. Zu seinem weiteren Erstaunen, bot sich Draber an, ihn zu begleiten. Er sagte, das er wüsste, wo Immo's Ziel liegt. Immo hatte nichts dagegen, denn so war er geschützt, denn wer weiß, was ihn sonst noch erwarten würde. Und so zogen sie beide zusammen weiter.


Kapitel VI - Schreckensmächte

Drabor und Immo waren nun schon 5 Tage unterwegs. Während Drabor das nichts ausmachte, war Immo langsam anzusehen, das er die Strapazen nicht weiter mit machen könnte. Er hatte seit so vielen Tagen nichts mehr gegessen oder getrunken. Er war schon erstaunt, das er es überhaupt bisher ausgehalten hatte. Doch das Ende seiner Kräfte nahte. Drabor machte ihm Mut und sagte, das es nicht mehr so weit sei. Immo tröstete das nur wenig, aber so kam wenigstens wieder ein bißchen Kraft in ihm auf. Neue Tiere hatte Immo nicht entdecken können, dafür waren nun alle auf einmal da. Er wusste nicht, ob sie ihm gefolgt waren, oder ob hier tatsächlich noch mehr dieser wundersamen Tierwelt lebt. Doch irgendwie bemerkte er, das die meisten, die er sah sich ziemlich ähnlich waren. Doch wenn sie ihm folgten, warum taten sie dies? Und warum hatte eigentlich Drabor sich angeboten? Niemand kannte Immo hier und dieses Niemandsland sah nicht danach aus, als ob man hier jedem blind vertrauen konnte.

"Morgen sind wir da", kommentierte Drabor den müden Gang Immo's. Dieser war natürlich mehr als nur froh. Doch in dieser Nacht mussten sie noch ruhen und Immo müsste endlich einmal schlafen. Obwohl er Drabor nicht kannte, schlief er trotzdem ein und überließ seinem treuen Begleiter die erste Wache. Diese erstreckte sich allerdings auch über die ganze Nacht. Immo ging es nur unmerklich besser. Er hatte zwar endlich geschlafen, aber ohne Nahrung konnte er es nicht mehr lange aushalten. Und heute sollte angeblich der schwierigste Teil der Reise sein. Deswegen schlug Drabor vor, doch von seinem Lebenswasser zu trinken. Immo wollte dies nicht und er konnte es auch nicht. Schon der Gedanke, in dieses Wesen zu beißen, war schon ekelerregend. Drabor bemerkte dies und bot stattdessen an, Immo's Becher zu nehmen und dort sein Blut hinein zu füllen. So könne Immo es ohne weiteres trinken. "Aber ich habe überhaupt keinen Becher dabei!" berichtigte Immo Drabor. "Ach nein? Dann schau doch nochmal in dein Gepäck...", erwiderte Drabor. Immo schaute zweifelnd hinein...und tatsächlich. Dort drin war ein gelbschimmernder Becher, mit einem Kranz aus roten blinzelnden Steinen. So etwas hatte er noch nie gesehen. Das Material war so glatt und funkelte in der Sonne.

Immo fragte, woher diese Becher denn herkommt. Drabor bemerkte abfällig, das er ihn doch in seinem Gepäck hatte, also müsste Immo das doch auch wissen. Immo sagte nichts weiter dazu, denn er sah auch den Blick seines Gefährten. Der Becher wurde ihm eindeutig hinein geschummelt. Aber an sich war das auch egal. Drabor füllte den Becher mit seinem Blut und Immo trank es. Sofort fühlte er sich kräftiger, lebendiger und einfach fröhlicher. Das konnte unmöglich nur reines Lebenswasser sein. Und tatsächlich war es das auch nicht. Kurz nach dem Trinken erzählte Drabor von seinem besonderen Lebenswasser. Es hilft ihm unsterblich zu sein, gibt ihn Unmengen an Kraft und macht weise. Das alles übertrug sich nun auch auf Immo. Dann stellte Immo Drabor eine Frage, woher er denn käme und wie alt er überhaupt sei. Drabor antwortete nur, das er alles erfahren würde, sobald sie an ihrem Ziel wären. Einmal mehr bestätigte sich der Verdacht, das Drabor Chavus selbst war oder jemand, dem er sehr vertraue.

Diesen Gedanken behielt Immo allerdings für sich. Er wusste, das Drabor ihm sowieso nichts sagen würde. Er konzentrierte sich lieber auf das, was vor ihnen lag. Aus der Ferne sah er es schon. Ein riesiger Berg wälzte sich hinter einem kleinen Tal. Es war neblig dort und große Vögel umschwärmten die Gipfel. Aus dem tiefen Inneren des Nebels drangen schreckliche Geräusche: Schreie und es hörte sich fast so an, als ob da jemand sprechen würde. Immo war das nicht geheuer und er wunderte sich, wie sie denn da bitte innerhalb eines Tages und einer Nacht durch kommen würden. Nicht nur, das die Strecke sehr mühselig und lang erschien, viel mehr war die Frage, ob er das überleben würde. Er konnte sich nicht vorstellen, das dort, in diesem Nebel überhaupt etwas Schönes sein konnte. Es mussten schreckliche Ungeheuer dort hausen. Drabor bestätigte diese Gedanken noch bevor Immo sie aussprechen konnte. Er sagte, das noch nicht einmal er dort drin war. Er hatte den Berg stets aus sicherer Entfernung beobachtet und sah dort immer schreckliche Wesen, die riesiger waren als er selber Sie sprachen nicht, sondern boten gellende Schreie, die teilweise die Erde erbeben ließen. Doch der Nebel waberte immer zu sehr, als das Drabor Details erkennen konnte. Er nannte diesen Berg "Mou Malignitas" - Den Berg der Bösartigkeit.

Beide schauten sich noch einmal in die Augen. Beide warteten sie auch darauf, das einer sagen würde "Ich gehe vor...". Natürlich sagte das keiner und das war ihnen auch bewusst. Also gingen sie nebeneinander, wie sie es schon die ganze Zeit taten. Das Tal war wohl das ganze Gegenteil zu dem davor und stand in einem noch härteren Kontrast, zu dem, was jetzt noch kommen sollte. Es wurde wieder grün und ein kleiner Fluss lag vor diesem Berg. Das Wasser war herrlich, kühl und rein. Auch die Tierwelt war wieder so ganz anders. Sie passten zwar hierher, aber auch so etwas kannte Immo nicht. Bunte Vögel, die laute, helle Geräusche von sich gaben. Sie waren in Scharen zwischen den Bäumen oder am Wasser. Allerdings brauchte man nur kurz hinter den Fluss zu gehen und schon stand man auf schwarzer Asche. Der Berg war wie dort hingestellt. Er war nicht einfach entstanden. Es sah so aus, als hätte ihn jemand erschaffen. Immo glaubte nicht, das Chavus das war. Chavus hatte Fatuus brutal getötet, aber so etwas Schreckliches würde er hier nicht entstehen lassen. Nun standen beide vor dem Berg. Ein kleiner Weg war zu sehen und beiden stand ins Gesicht geschrieben, das sie am liebsten kehrt gemacht hätten. Immo hätte es nicht tun können, jedoch Drabor hatte die Wahl um um zu kehren. Er tat es nicht, trotzdem er Angst hatte. Immo glaubte jetzt nicht mehr, das Chavus selbst es war, aber Drabor war höchstwahrscheinlich damit beauftragt worden. Plötzlich sprang etwas auf Immo's Schultern. Er erschrak so sehr, das er fast umgefallen wäre. Dann bemerkte er, das sich nur einer dieser großen Vögel mit den grauen Schnäbeln auf ihn gesetzt hatte. Er drehte sich um und auf dem Rücken Drabor's machte gerade der federlose Vogel seine Rast und direkt hinter Immo schlich sich das kleine Tier mit dem Rückenkamm. Sie waren ihm also doch gefolgt. Nun gut, mehr Gefährten hieß auch mehr Gesellschaft. Obwohl er nicht galubte, das eines dieser doch recht kleinen Tiere überleben könnte.

So passierten nun alle 5 den Weg und begaben sich in den dichten Nebel. Kaum drinnen hörten sie weder den Fluss noch den Gesang der bunten Vögel. Die Sicht war jämmerlich und wenn sie auf einen Abgrund stoßen würde, war die Chance zum Runterfallen sehr hoch. Was sie aber viel mehr erschreckte, waren die schrecklichen Geräusche. Die großen Vögel auf den Gipfeln waren zwar nicht zu sehen, aber immer noch zu hören. Um diese machte sich Immo aber weniger Sorgen. Viel schlimmer war diese schreckliche Stimme, die unaufhörlich etwas sprach. Aber er wusste nicht was. Es musste eine andere Sprache sein. Er verstand es nicht, aber er bemerkte wohl, das gesprochen wurde. Zudem waren noch ganz andere Sachen zu hören. Quälende Schreie, Feuersbrünste und vieles mehr, was Immo aber nicht einmal in seinen Gedanken beschreiben konnte. Dennoch war es gespenstisch ruhig. Jeder Schritt war so deutlich zu hören, ja selbst sein kleiner tapsender Begleiter war überdeutlich zu bemerken.

Nach einem langen Marsch war kein Ende in Sicht. Weder Immo noch Drabor wussten, wie lange sie schon hier drin waren. Es musste schon ein halber Tag gewesen sein. Verwunderlich war zudem, das es stets bergauf ging, wenn auch langsam. Die Stimme, die man die ganze Zeit hörte, machte einen langsam wahnsinnig. Immo bemerkte allerdings, das sich manche Sätze schon wiederholten. Er konnte sich nicht alle merken, aber er dachte sich, das hier wohl immer ein und dieselbe kleine Passage ausgesprochen wurde. Es interessierte ihn aber langsam brennend, wer diese Zeilen von sich gab, warum er das tat und warum er es immer wiederholte. Die Worte schienen allerdings von überall zu kommen. Es war nichts auszumachen, woher sie wirklich kamen. Auch Drabor war es anzusehen, das er das nicht mehr lange aushalten würde.

Und wie auf Wunsch wurde auf einmal alles ganz still. Die Stimme versiegte, das "Singen" der Gipfelvögel verblasste und verschwand dann endgültig. Kein Schrei war mehr zu vernehmen...und auch kein Schritt mehr. Alle blieben stehen und Immo stampfte ein paar Mal auf den Boden, doch nichts war zu hören. Immo fragte Drabor, was hier los sei und war gleichzeitig froh, das Stimmen noch zu vernehmen waren. Drabor wusste keine gescheite Antwort und Immo wunderte das auch nicht wirklich. Wie sollte man schon etwas Schlüssiges aus diesem Berg ziehen? Sie gingen langsam weiter und lugten dann um eine Ecke herum. Als sie dort hinsahen, konnten sie ihren Augen nicht trauen. Der Nebel war dort verschwunden und der Berg war tiefschwarz. Kleine Feueradern durchliefen diese Stelle. Doch das war nicht das Eigentliche, worauf sie ihre Augen lenkten. Ihr Blick war an ein Wesen gefesselt, was dort in der Mitte stand. Es war grauenvoll.


Kapitel VII - Die andere Seite

Das Wesen war nicht viel größer als Immo, dennoch weitaus bedrohlicher, als sein großer Begleiter. Man konnte es kaum erkennen, aber statt eines Gesichtes, hatte es nur einen Schädel als Kopf. Die Kleidung dieses Dings war unbeschreiblich. Es schien genauso glatt zu sein, wie der gelbe Becher. Aber es war eher grau und es klapperte. Es stützte sich mit beiden Armen auf eine Art Axt. Doch diese war riesig und strotzte nur so vor scharfen Kanten. Zudem schien sie aus dem gleichen Material, wie seine Kleidung zu bestehen. Doch das Grässlichste war, das dieses Wesen eine Art Feuerschutz um sich hatte. Es war davon umgeben, aber es war kein normales Feuer. Es flackerte leicht nach hinten, obwohl kein Wind war. Und es war auch nicht so intensiv wie normales Feuer, es war mehr durchsichtig...

"Was zum...", und Immo verstummte, als er nach hinten sah. Seine Gefährten waren weg. Sie waren einfach verschwunden. Dann hörte man nur ein Lachen und Immo dachte sich, das so wohl Chavus lachen würde. Dabei fiel ihm allerdings auch ein, das er Chavus noch nie lachen hörte, geschweige denn lachen sah. Er schaute wieder nach vorne...und das Wesen war auch weg. Selbst die "Lichtung" war verschwunden und der Nebel waberte nun wieder überall. Die Vögel waren wieder zu hören und die Stimmen fingen auch wieder an. Immo war äußerst verwundert und schaute sich mehrere Male um. Doch es war nichts zu sehen, weder das Wesen, noch seine Gefährten. Nur dieser unheimliche Nebel und der Boden unter seinen Füßen. Immo rief ein paar Mal nach Drabor, doch natürlich antwortete niemand.

So ging Immo dann alleine weiter, es blieb ihm ja nichts anderes übrig. Nach kurzer Zeit ging der Berg dann auch endlich nach unten und Immo war sehr froh darüber. Nun gab es doch wieder Hoffnung heute noch an seinem Ziel anzukommen. In ihm ruhte aber eine schreckliche Angst, das er sich ohne Drabor verlaufen würde. Und zudem war der Berg ja noch nicht zu Ende. Ihn konnte noch vieles hier erwarten und ohne den Schutz seines riesigen Begleiters, war der Berg mehr als nur furchteinflößend. Dennoch war nach kurzer Zeit der Nebel plötzlich verschwunden. Auch als Immo nach hinten sah, war nichts mehr davon zu sehen. Nun bekam er es erst recht mit der Angst zu tun. Als so etwas das letzte Mal passierte, tauchte ein großes Wesen auf und seine Gesellschaft verschwand. Immo schlich geradezu den Weg entlang und bemühte sich, keinerlei Geräusche zu machen. Das erwies sich aber als schier unmöglich, da das Geknister unter seinen Füßen nicht zu vermeiden war.

Vorsichtig lugte Immo vor einem Felsen, der am Wegesrand lag. Dahinter war allerdings nichts Auffälliges zu sehen. Plötzlich hörte er neben sich ein stampfendes Geräusch. Wenn es auch nur kurz war, so war es dennoch deutlich genug, das es keinesfalls eine Einbildung sein konnte. Immo riss den Kopf zur Seite...doch es war nichts zu sehen. Er schaute sich um und auch da war nirgends etwas zu sehen. Er ging lieber weiter, denn er wollte hier nicht Ewigkeiten auf dem Berg verbringen. Und schon garnicht wollte er hier die Nacht verbleiben, falls es denn überhaupt so etwas wie Tag und Nacht an diesem Ort gab.

Nach kurzer Zeit war an der Seite des Weges eine Höhle zu sehen. Groß genug, das Immo doppelt rein passen konnte. Immo war einerseits erstaunt und andererseits auch wieder nicht, denn in jedem Berg gab es eigentlich auch Höhlen. An diesem Berg war allerdings alles sehr ungewöhnlich. Immo ging ein paar Schritte näher ran, doch es war nichts außer tiefster Schwärze zu erkennen. Er hatte deshalb auch nicht vor hinein zu gehen. Aber selbst wenn da drin ein Feuerchen geflackert hätte, dann wäre er auch nicht hinein gegangen. Er war sich ziemlich sicher, das er den Weg nehmen musste, also drehte er sich um und entfernte sich wieder. Doch nach ein paar Schritten geschah es dann: Riesige Pranken griffen nach Immo und rissen ihn mit in die Höhle, in diese ewige Dunkelheit...

Drabor sah zu Immo, doch der war plötzlich verschwunden. Im Hintergrund hörte er ein grässliches Lachen und als er nach dort schaute, war das Wesen verschwunden. Doch das interessierte Drabor nicht weiter. Er rief laut nach Immo. Doch der Berg schien seine Schreie zu schlucken und raus kam nur ein Flüstern. Es war abermals sehr ruhig geworden. Drabor stampfte auf den Boden, doch es war wieder einmal nichts zu hören. Er sah sich noch einmal um und entdeckte zu seiner Freude, das wenigstens die anderen noch da waren. Der kleine federlose Vogel hing sogar kopfüber an seinem Schwanz und schlief. Darüber musste Drabor ein wenig lächeln. Doch der Umstand, das Immo weg war, machte ihn sehr bedrückt.

Und so ging er weiter des Weges und alle folgten ihm. Der Nebel war schrecklich und zudem fingen diese komischen Stimmen wieder an. Auch die Vögel am Gipfel waren wieder zu hören und Drabor hoffte, das sie nicht auf die Idee kamen, hier herunter zu kommen. Eine ganze Weile gingen sie nun schon und irgendwann begann der Berg dann auch endlich, abwärts zu gehen. Kurze Zeit später sah Drabor einen Felsen an der Seite des Weges. Er dachte sich, wie Immo da jetzt wahrscheinlich sich vorsichtig anschleichen würde. Drabor brauchte das garnicht zu probieren, denn dafür war er ja doch zu viel zu groß. Doch kaum passierte er den Felsen hörte er plötzlich sein eigenes Stampfen. Er blieb abrupt stehen und direkt neben ihm waren Schritte zu hören. Doch es war nichts zu sehen. Zudem waren "seine" Geräusche auch wieder verschwunden. Drabor ging lieber schnell weiter, er wollte nicht länger an diesem Ort verweilen.

Nach vielen weiteren Schritten kam Drabor an eine Höhle, in die er allerdings nur schwer rein passen durfte. Und selbst wenn, hätte Drabor sich strikt geweigert, dort auch nur ansatzweise hinein zu gehen. Er lief lieber des Weges weiter und ließ somit die Höhle möglichst schnell hinter sich. Tatsächlich war sie aber nach wenigen Schritten einfach verschwunden. Stattdessen ragte eine nackte Felswand dort und das riesige dunkle Loch war einfach weg. Dafür wurde der Nebel noch dichter und Drabor musste jetzt sehr darauf achten, nirgends gegen zu stoßen. Immerhin wollte er diesen Berg lebend verlassen.

Doch der Nebel war ganz anders als vorher. Nicht nur, das er zunehmend dichter wurde, nein es waren auch plötzlich hässliche Fratzen in ihm zu erkennen. Sie kreisten um Drabor herum, doch dieser ließ sich nicht beirren und ging einfach weiter. Obwohl das eher Angst war und er eigentlich eher flüchtete. Nach vielen weiteren Schritten, Felsen, Steinen und Asche wurde der unheimliche Nebel endlich wieder weniger. Er wurde nicht nur weniger, sondern verschwand letztendlich vollkommen und stattdessen konnte man in kurzer Entfernung wieder die herrlich bunten Vögel hören und auch schon ein paar schöne grüne Bäume sehen. Drabor war heilfroh und ging nun um einiges schneller. Dort angekommen sah er das Gleiche wie am Anfang des Berges. Ein kleiner Fluss, bunte Vögel, grüne Bäume und direkt dahinter wieder die Einöde, die er als sein Zuhause bezeichnen würde. Doch was war mit Immo? War er immer noch auf diesem Berg? Drabor machte sich schreckliche Sorgen, doch dann entdeckte er etwas.

Dicht am Fluß, unweit des Weges lag jemand. Das konnte nur Immo sein und er war es auch. Jedoch bewusstlos und übersät mit Wunden. Sein gesamter Rücken war zerkratzt, er hatte Beulen am Kopf und seine linke Hand schien nicht nur einmal gebrochen zu sein. Drabor nannte sein Namen, redete auf Immo ein, doch dieser reagierte nicht. Die anderen Tiere kamen näher und der kleine putzige Kerl mit dem Rückenkamm fing an, Immo's Wunden zu lecken. Drabor gab ein wenig Wasser dazu um den Dreck fortzuspülen, doch Immo wollte nicht aufwachen. Die Nacht brach ein und so legten sich alle um Immo herum. Ganz besonders Drabor schützte ihn mit seinem riesigen Körper. Er konnte nur hoffen, das Immo am nächsten Tag aufwachen würde.


Kapitel VIII - Beschützer

Es war bereits seit mehreren Stunden die Sonne auf gegangen. Die bunten Vögel schnatterten munter und alle Begleiter waren bereits wach. Nur Immo war weiterhin bewusstlos und rührte sich nicht. Die Sorgen in Drabor nahmen zu. Was war nur mit Immo geschehen? Drabor überlegte eine ganze Weile hin und her. Am Ende entschied er sich dazu, Immo zu seinem Ziel zu bringen. Doch genau in diesem Moment hörte Drabor ein Geräusch, das er als äußerst unangenehm empfand. Es war nicht nur absolut ekelhaft, es jagte einen Schauer über den Rücken. Es hörte sich so an, als ob irgend etwas wachsen und seine Haut sich strecken würde. Es war ein komisches, fast knarrendes Geräusch. Es war direkt hinter ihm, doch er wagte nicht nach hinten zu schauen. Und als dann letztendlich ein dumpfes, sehr tiefes Grummeln dazu kam, zog Drabor es vor zu flüchten. Er breitete seine Flügel aus und war gerade im Begriff sich vom Boden zu lösen. Er war schon ein wenig nach oben gestiegen und wurde dann plötzlich am Schwanz gepackt.

Etwas riss ihn wieder nach unten und schleuderte Drabor auf den Boden. Immo fiel ihm aus den Händen, schlug mit dem Kopf auf den Boden und rutschte bis in die Nähe des Flusses, wo er dann liegen blieb. Drabor knallte mit seinem Mund hart auf das Gestein. Er stöhnte ein wenig und drehte sich dann um. Was er sah, war ebenso schauderhaft wie der Berg und seine Kreaturen. Der kleine federlose Vogel hatte sich zu einem riesigen Monster verwandelt. Doch es hatte zudem riesige Krallen bekommen, die gut und gerne so lang wie Drabor's Hals waren. Der Rest war geblieben, wenn auch um einiges größer und bedrohlicher. Drabor hatte wahnsinnige Angst, begab sich aber dennoch in Kampfposition, schon allein um Immo zu beschützen.

Drabor breitete seine Flügel voll aus, wodurch er gut dreimal so groß wirkte, wie zuvor. Sein Schwanz schlug nach vorne, gab ihm Halt, diente aber auch als Angriffswaffe. Sein Kopf schlich nach unten um somit eine ideale Kampfposition zu gewähren. Er fing an zu knurren und ließ kleine Feuerwalzen aus seinen Nasen und seinem Mund hervor schießen. Die Kreatur zeigte sich durchaus beeindruckt, wich aber keineswegs zurück. Stattdessen ging es selbst in Kampfposition. Die riesigen Krallen stützten sich auf den Boden und wirkten wie ein riesiger Käfig, bildeten zudem eine kaum zu durchdringende Mauer. Dahinter war direkt der Kopf, der laut zu knurren anfing. Es fletschte die Zähne und sogar die Augen fingen an zu leuchten.

So standen sich nun beide Kontrahenten gegenüber. Nur der kleine Rückenkamm zog sich zurück und legte sich verängstigt neben Immo. Die beiden Gegner schauten sich eine ganze Weile nur an und warteten darauf, das einer angreifen und somit vielleicht einen tödlichen Fehler begehen würde. Der Erste war dann natürlich das fremde Wesen. Es raste förmlich nach vorne und schwang seine riesigen Krallen. Drabor hatte eine äußerst gute Reaktion und konnte nach oben ausweichen, bevor eine der Krallen ihn durchspießen würde. Er schmiss sich auf das Wesen und drückte es mit seinem riesigen Körper nach unten. Er wollte es in den Hals beißen, doch das Wesen konnte eine Kralle in das Hinterbein von Drabor stechen. Drabor heulte auf und wich nach hinten. Er ließ mehrere große Feuerstöße, um dieses Ding fern zu halten. Das gelang auch und das Wesen blieb zurück. Doch Drabor humpelte, denn die Wunde war tief. Er wagte es nicht, selbsttätig anzugreifen. Er ging aber langsam nach vorne und seine Feuerstöße wurden kräftiger. Das Wesen ging immer weiter zurück...direkt auf den Berg zu.

Das Monster ließ das aber anscheinend nicht lange mit sich machen. Es fing an zu knurren und auf irgendeine Art und Weise auch zu lachen. Mit einem Mal ließ es die Pranken nach oben schnell. Drabor konnte nur kurz hinsehen, konnte aber nicht mehr reagieren als die vier riesigen Krallen nach unten stürzten. Sie erwischten Drabor an Kopf und Hals und drückten ihn auf den Boden. Er konnte sich nicht einmal wehren. Sein Schwanz schlug mehrere Male nach vorne, doch das Wesen wich den Attacken aus. Es schien eine unbändige Kraft zu haben. Der Kopf dieses Ungetüms kam näher und schnaufte direkt in Drabor's Ohr: "Yotu Demue isse onsó faju." Drabor verstand nicht, was das bedeuten sollte. Er kannte diese Sprache nicht. Doch den Gedanken konnte er nicht weiter spinnen, denn plötzlich biss ihm das Wesen in den Hals. Es riss ein großes Fleischstück heraus und Drabor's Lebenswasser färbte den Boden rot. Drabor sah nur kurz auf und dann klappten seine Augen zu.

Das Wesen selbst verwandelte sich wieder in den kleinen, niedlichen Vogel, der er zuvor war. Niemand würde jetzt noch etwas Böses hinter diesem süßen Ding vermuten. Es schwang die Flügel und hob ab. Es flog in Richtung des Berges und war auch schnell verschwunden. Es war ein grausames Schauspiel, das sich nun bot. Drabor lag in seinem eigenen Blut, das immer noch aus seiner klaffenden Wunde floss. Immo lag nahe des Flusses und er hatte sich durch den Sturz noch mehr Verletzungen zugezogen, zudem war er immer noch nicht wach. Neben ihm saß aber immer noch der kleine Rückenkamm. Seine Augen strahlten eine gewisse Traurigkeit aus. Er war hilflos, doch er blieb in der Nähe von Immo. Noch lebte Immo, doch würde er es auch weiterhin tun? Das kleine Ding legte sich direkt an Immo ran und machte es sich dort so gemütlich, wie es eben ging. Dann schlief es unter großer Trauer und Sorge ein.


Kapitel IX - Zu Hause

Es war wieder früh am Morgen, die Sonne lukte hinter weißen Wolken hervor und machte ein leichtes Schattenspiel. Zusammen mit dem gebrochenen Licht auf dem Wasser des Flusses, war es ein herrlicher Morgen. Immo war immer noch nicht wach. Er war allerdings nicht mehr bewusstlos, sondern schlief tief und fest. Irgendetwas hatte ihm wieder Kraft gegeben. Kurz darauf wachte Immo tatsächlich auf, wenn auch unter noch sehr großen Schmerzen. Er drehte sich um und erschrak fast zu Tode, als er entdeckte, das direkt neben ihm Chavus hockte. "Haben wir gut geschlafen, Immo?", fragte Chavus. "Immo, du hast mich sehr enttäuscht. Allein mein Versprechen, dir alles zu erzählen, rettet dein Leben. Verdient hast du es wahrlich nicht, aber du bekommst noch einmal eine Chance von mir. Gehe weiter in diese Richtung und du wirst dein Ziel finden. Nimm Lizvir mit, er hat die ganze Nacht über dich gewacht." Zeigend in östliche Richtung, verschwand Chavus in einer plötzlich aufwabernden dunklen Wolke.

Immo begriff zuerst nicht, was Chavus damit sagen wollte. Doch als er auf den toten Körper seines großen Begleiters sah, verstand er die Worte. Unter großen Schmerzen stand Immo auf und schlich zu Drabor. Er hockte sich vor dessen Gesicht und streichelte es. Er wusste nicht, was hier geschehen war, aber er wusste wohl, das er es Drabor schuldig war, zu seinem Ziel zu gelangen. Und so ging er wieder weg und wandte sich Lizvir zu: "So, Lizvir ist dein Name. Na dann komm, wir müssen gehen!" Immo nahm ihn hoch und setzte ihn auf seine Schulter. Beide wagten noch einmal einen kurzen Blick nach hinten. Als sie abermals den Leichnam erblickten, stieg pure Traurigkeit in ihnen hervor. Sie wandten ihren Blick schnell fort, zu dem Schuldigen, der dies verursachte...doch der war weg. Immo machte große Augen und drehte sich vollkommen um...Der Berg war verschwunden. Alles was übrig war, war eine riesige, steinige Einöde. Kein Gekreische von Gipfelvögeln, keine schrecklichen Stimmen oder Geräusche. Auf einmal kam diesen schrecklichen Worten in Immo hervor und sein Kopf war erfüllt von der grausigen Stimme, die er auf dem Berg hörte:

"Fifue isse me Liviv
Thel Secsecr me SileSile
Chavus me Demue"

Plötzlich fielen ihm diese Worte ein, obwohl er sie vorher nie vollständig verstanden hatte. In Gedanken versunken drehte er sich wieder um und ging dorthin, wo Chavus ihn hingewiesen hatte.

Immo ging tausende Schritte und er sah nichts außer völlige Einöde. Er verzweifelte allerdings nicht, sondern lief immer weiter und weiter. Er wusste und fühlte, das er in die korrekte Richtung ging. Und er war es Drabor schuldig und zudem wurde seine Neugier immer gewaltiger. Tatsächlich konnte er bald Umrisse eines riesigen Gebäudes erkennen. Fortan lief er immer schneller. Er konnte zwar nicht rennen, aber er ging einen flinken Schritt und man konnte immer mehr Details erkennen. Doch Immo sah nicht sehr genau hin, sondern wollte einfach nur dort sein.

Erst als er direkt vor eine Art Eingang stand, schaute er ehrfürchtig in die Höhe. Solch ein riesiges Gebäude hatte er noch nie gesehen...und auch noch nie solch ein Skurriles. Das fing schon beim Eingang an. Eine riesige Tür aus glattem Material. In ihr waren mehrere Stangen, so das sie mehr eine Art Zaun war. An den Seiten waren Säulen auf denen große Gebilde standen. Es waren die gleichen Wesen, wie Drabor eins war. Sie schienen diesen Ort irgendwie zu bewachen. Immo öffnete diese Tür und diese ließ dabei ein quietschendes Geräusch von sich. Immo ging hinein und ihm fiel dann auch gleich auf, das er über Steine ging. Sie waren alle in etwa gleich groß und auf der Oberseite geglättet. Sie waren eine Art Weg, der direkt zum eigentlichen Eingang des Gebäudes führte. Es war so ruhig hier und man hörte die Schritte auf den Steinen sehr genau. Sie waren das einzige Geräusch hier. Immo fühlte sich, als ob das hier eine Abart dieses schrecklichen Berges sei.

Er ging zielgerade auf eine noch größere Tür zu, als es diese Art Zaun schon war. Aber die hier bestand komplett aus Holz und sie war phänomenal. Muster waren drauf zu erkennen und die Tür war noch höher als Drabor. Noch beeindruckender war aber die Höhe des eigentlichen Hauses. Immo versuchte nach ganz oben zu schauen und davon wurde ihm nur schwindlig. Dieses Gebäude schien unendlich groß zu sein und an den Ecken waren Türme, die weit in den Himmel ragten. Ihre Spitzen waren von hier unten nicht zu erkennen. Immo öffnete die Tür und ging hinein. Diese ließ keine Geräusche von sich, jedenfalls keine ungewöhnlichen. Das typische Knarzen einer (sehr großen) Holztür war aber sehr wohl vorhanden. Als er nach innen schauen konnte, verschlug es ihm die Sprache. Ein ebenso riesiges "Zimmer" war zu sehen. An den Seiten waren große Treppen und unten führten vier Gänge in weitere Räume.

Den ganzen Tag verbrachte Immo in den ersten beiden Stockwerken und war jedes Mal auf's Neue überrascht. Überall waren große Räume, verzierte Wände, massige Statuen, die alle das Wesen von Drabor darstellten. Erst spät am Abend wagte sich Immo auf einen der Türme zu gehen. Er verbrachte etliche Schritte mit einer sehr langen Wendeltreppe. Als er nach einer Weile aus einem Seitenfenster sah, konnte er nicht einmal mehr den Boden sehen. Oben angekommen war er abermals erstaunt. Dieses Mal aber noch mehr. Er war beeindruckt, als er das nun vor sich liegende sah. Er konnte in gewisser Ferne, die anderen drei Türme sehen. Sie hatten alle einen Gang, eine Art Brücke zu einem weiteren Gebäude, das genau in der Mitte war und außerdem einfach in der Luft schwebte. Es war noch größer als das Haus darunter und ging weit in den Himmel hinein.

Er ging auf die Brücke und lief langsam zu diesem eigenartigen Gebäude. Es war verziert mit Tausenden von Zacken und bizarren Steinformationen. Es waren keine Muster drauf, sondern dargestellte Wesen. Sie sahen teils furchtbar aus, teils vertrauenserweckend und manche waren nur schwer zu erkennen. Er ging auf das Gebäude zu, jedoch sah er keine Tür. Die Brücke endete genau an der Eckmauer dieses Dings. Doch hier war alles glatt und es waren keine Darstellungen vorhanden. Immo berührte die Wand und auf einmal fing die Wand an zu leuchten. Leichter Nebel sprühte raus und dann war die Wand plötzlich weg. Immo konnte nun hineinsehen und was er sah, war wohl das, was Chavus ihm versprochen hatte.


Kapitel X - Göttersprache

Im Inneren dieses eigenartigen Gebäudes fielen einem viele Dinge sofort ins Auge. Das hier war noch spektakulärer als die verzierten Außenwände. Aber das wohl Beeindruckendste waren riesige Statuen. Sie alle ragten jeweil immer über einem Podest, auf dem jeweils ein Buch lag. Auch diese Gebilde stellten ausschließlich Gestalten wie Drabor dar. Sie schienen über diese Bücher zu wachen. Doch jedes hatte seinen eigenen Charakter. Denn unter ihnen war immer ein Loch aus denen verschiedene...Elemente kamen: Rauch, Wasser, Feuer, ein kleiner Funkennebel, irgendeine graue Flüssigkeit. In der Mitte des Gebäudes war ein weiterer Raum. Um ihn standen vier Bücher, exakt an allen vier Seiten ausgerichtet. Da drüber befanden sich keine Statuen, sondern Wesen, die Chavus sehr ähnelten. Sie sahen nicht exakt wie Chavus aus, aber sie waren dennoch sehr beeindruckend. Allerdings, direkt über dem Eingang dieses Raumes wachte eine Statue in Form von Chavus. Die Tür war eher normal groß, dennoch sehr beeindruckend. Sie war voll mit Schriftzeichen. Die Worte ähnelten der Sprache, die Immo nun schon mehrere Male gehört hatte: Einmal auf diesem Berg und einmal von Chavus selbst.

Immo ging direkt auf den Eingang zu. Nach ein paar Schritten, drehte er sich um und sah das, was er schon geahnt hatte. Die Wand war wieder vollständig da und der äußere Eingang verschwunden. Immo wunderte das nicht wirklich und so wandte er sich wieder dem mittleren Raum zu. Er stellte sich vor die Tür und sah sich in Ruhe die Statue darüber an und danach die Schrift auf der Tür. Erst jetzt, wo er davor stand, bemerkte er, das sie sich veränderte und anscheinend eine lange Geschichte erzählen würde. Nur die obersten Zeilen blieben beständig:

Tocnomb thel Worpala
Ofdel CreCrea
Tel Sso
Ofdel Fifue
Ofdel Fognie
Ofdel Molu
Ofdel Waagu
Tel Starestr

Doch in dem Moment wo Immo die dritte Zeile zu Ende gelesen hatte, verschwand sie. Und stattdessen erschien "Tel Eatie". Im gleichen Moment hörte Immo ein leichtes Rumpeln. Er sah dorthin und entdeckte die größte Statue, aus der reines sehr helles Licht kam. Er ging dort hin und sah wie das darunter liegende Buch langsam verblasste. Als er es anfassen wollte, zerfiel es zu Staub, der immer feiner wurde und dann endgültig verschwand. Das Licht leuchtete nicht mehr und stattdessen kam Erde heraus. Aus dieser entstand auf dem Podest ein neues Buch, mit neuem Titel. Und auch die Statue war ausgewechselt und war längst nicht mehr so beeindruckend. Immo war natürlich sofort klar, das hier ein Zusammenhang sein musste. Aber er kannte ihn nicht und außerdem war das ganze Gebäude sowieso sehr geheimnisvoll. Immo ging wieder zu der Tür, denn er wollte unbedingt wissen, was sich dahinter verbergen würde. Wenn eine Statue darüber wacht, die wie Chavus aussieht, dann musste das doch etwas Besonderes sein. Als Immo die Tür aufdrücken wollten, musste er allerdings fest stellen, das sie sich nicht öffnen ließ.

Was sollte dieses Gebäude? Was sollten diese Schriftzeichen und was bedeuten sie überhaupt? Immo blieb nicht lange in diesen Gedanken, sondern wandte sich den restlichen Büchern zu. Als erstes wagte sich Immo an die Bücher, die an der Außenwand standen. Sie trugen jeweils als Titel immer nur ein Wort. Immo sah sich natürlich gleich das Buch an, welches erst durch die Erde entstand und nicht wie die anderen gleich hier lag. Auf diesem stand der Titel "Earbor". Wie die innere Tür, ließ auch dieses Buch sich nicht öffnen. Auch die anderen Bücher gingen nicht auf. Deshalb wandte sich Immo an die Bücher, die an den mittleren Raum angelehnt waren. Zu seinem Erstaunen ließen diese sich sogar öffnen. Das Erste, welches links vom Eingang stand, hatte anscheinend dieselbe Sprache, wie diese Tür. Es war kein Titel da, aber ein Pfeil war zu sehen, der auf das rechte Buch zeigte. Das rechte Buch war ebenfalls in dieser Sprache geschrieben, der Pfeil zeigte allerdings in Richtung Tür. Das mittlere Buch hatte einen Titel: "Blatero" und dessen Pfeil zeigte zum linken Buch.

Als er das Buch öffnete, war er wirklich froh, das dieses Schriftwerk in seiner Sprache verfasst war. Aber wie alle Bücher, war auch dieses sehr dick und zudem auch noch sehr groß. Die Schrift war zwar auch groß, aber es war kein Buch, das man binnen kürzester Zeit hätte lesen können. Immo beschloss, das Buch mit nach unten zu nehmen und es dort in Ruhe zu lesen. Außerdem war Lizvir schon eine ganze Weile alleine und er wollte ihm Gesellschaft leisten. Also ging Immo wieder zu der Wand, wo einst der Eingang war. Doch dieser blieb verschwunden. Immo strich erst über die Wand und hämmerte dann dagegen. "Lass mich hier raus!", schrie Immo, die Wand blieb jedoch. Immo hatte eine Idee und legte das Buch wieder auf das Podest, wo es zuvor lag. Als er sich nun abermals dem Eingang zuwandte, erschien er wieder und ließ Immo hinaus. Immo war es vorerst unwichtig und ging über die Brücke...er konnte sich auch noch morgen damit befassen.

Er ging hinunter und landete wieder im Hauptraum. Dieser hatte sich plötzlich verändert. Ein Kamin war da, mitsamt angezündetem Feuer, ein Tisch stand davor und vor diesem eine Art sehr gemütliche Sitzgelegenheit. Auf dem Tisch lag etwas und Immo ging hin. Er sah zuerst Lizvir, der es sich vor dem Feuer gemütlich gemacht hatte und anscheinend schon fest schlief. Immo lugte zum Tisch hinüber und staunte nicht schlecht, als er entdeckte, das dort das Buch lag, mit dem er zuvor nicht aus diesem komischen Gebäude raus gelassen wurde. Immo wunderte sich nicht lange, denn er hatte auf der Reise hierher viele wundersame Dinge gesehen, da dachte er über das auch nicht mehr nach. Er setzte sich hin und nahm das Buch. Er las bis in die späten Nachtstunden und schlief letztendlich darüber ein.

Nach dem Aufwachen stand sein hell leuchtender Becher plötzlich auf dem Tisch...gefüllt mit Lebenswasser. Immo beschloss es zu trinken, denn er war sehr durstig. Wann hatte er das letze Mal etwas getrunken? "Das war, als ich Drabor traf!", dachte Immo und versank in Traurigkeit. Umso mehr war er dadurch wieder fest entschlossen, die Geheimnisse dieses Gebäudes zu ergründen. Er setzte sich wieder hin und las das Buch weiter. Er las viele Tage lang und es war immer dieselbe Prozedur: Immo schlief irgendwann ein und am Morgen war sein Becher gefüllt mit Lebenswasser. Aber selbst nach vielen Tagen und Nächten, war er nicht einmal an der Hälfte des Buches angelangt. Es schien so, als ob dieses während des Lesens immer länger und länger wurde. Aber ein paar Sachen hatte Immo schon heraus gefunden: Dieses Buch war quasi eine Art Übersetzungshilfe für diese ungewöhnliche Sprache. Es war die Sprache der Götter...aber warum "Götter"? Immo war sich sicher, das stets Chavus der einzige Gott wäre. Dem war anscheinend nicht so. Doch um mehr heraus zu finden, musste er dieses Buch zu Ende lesen um dann das zweite, das linke Buch zu verstehen. Und so musste Immo viele weitere Tage und Nächte damit verbringen, diese Sprache zu verstehen. Nach etlichen hundert Tagen war das Buch zu Ende und Immo ging schleunigst hinauf zum Turm, über die Brücke und in dieses erstaunliche Gebäude hinein.

Nun endlich konnte er sich an das linke Buch wagen.


Kapitel XI - Götterkunde

Obwohl Immo nun die Sprache der Götter kannte, war es trotzdem sehr schwierig dieses Buch zu lesen. Er las die ersten Sätze durch und erfuhr erst einmal, das dieses Buch abermals von Blaterus geschrieben wurde. Wahrscheinlich stellten die Statuen über diesen Büchern Blaterus dar. Bevor Immo aber weiter las, wandte er sich noch einmal der Tür zu. Die Schrift, die sich ständig verwandelte, konnte er nicht lesen. Es schien eine andere, eine zweite Sprache zu sein. Also ließ Immo seinen Blick zu den oberen Zeilen wandern. Es fiel ihm recht leicht, diese Zeilen zu übersetzen:

Nenn das Wort
Des Schöpfers
Der Erde
Des Feuers
Des Nebels
Des Mondes
Des Wassers
Der Sterne

Aber was bedeuteten diese Worte? In dem Moment, leuchteten Immos Augen auf. Er sah zu den anderen Büchern und entdeckte den Zusammenhang: Aus den Löchern kamen Erde, Feuer, Nebel, die graue Flüssigkeit stellte anscheinend den Mond dar, Wasser und kleine Sterne. Immo ließ das Buch fallen, das er noch in den Händen hielt und eilte zu den anderen Büchern. Er konnte sie öffnen. Das erste Buch, was er ansah, war das mit der Aufschrift "Fireri" und aus dem Loch kam ein kleiner Feuerstrahl. Als er das Buch ganz geöffnet hatte, war auf der ersten Seite ein Bild zu erkennen. Immo erschrak und ließ auch dieses Buch fallen. Es blieb geöffnet auf dem Boden liegen. Immo duckte sich hinunter und sah noch einmal auf diese Zeichnung. Das Wesen, was er hier sah, war das Wesen, welches er auf dem Berg entdeckte...kurz bevor Drabor verschwand. Hier sah es genauso grauenvoll und unbarmherzig aus.

In den nächsten vielen, vielen Tagen las er fortan dieses Buch. Immo erfuhr, das dies der Gott des Feuers sei und sein Name war der, den das Buch als Titel trug: Fireri. Immo erinnerte sich zurück und versuchte die Worte des Berges zu übersetzen: "Feuer ist mein Leben, Das Geheimnis meine Ruhe, Chavus mein Tod". Die ersten Worte bestätigten Immo's Gedanken: Fireri sprach diese Worte auf dem Berg, weshalb sie auch verschwanden, als er auftauchte. Die anderen beiden Teile waren da viel rätselhafter. "Welches Geheimnis und warum war Chavus sein Tod?", dachte sich Immo. Seine Neugier ging mehr und mehr dazu über, endlich zu wissen, wer Chavus denn nun ist. Er dachte an das zweite Buch von Blaterus und ließ "Fireri" somit außer Acht. Er raste den Turm hinauf und ging in dieses sagenhafte Gebäude. Das Buch lag wieder auf dem Podest, obwohl Immo es nie da rauf gelegt hatte. Als er das letzte Mal ging, ließ er es auf dem Boden liegen. Aber auch darüber machte sich Immo nur wenig Gedanken, hier war sowieso alles sehr rätselhaft. Er wandte sich dem Buch zu und öffnete es abermals. Das Buch von Fireri schloss er wieder zu. Unten wieder angekommen, war es so, wie er es erwartete: Statt "Fireri" lag nun das zweite Buch von Blaterus auf dem Tisch.

Er verbrachte wieder einmal viele Nächte mit dem Lesen dieses Buches. Hier wurde von einer alten Welt erzählt. Eine alte Welt, in der es nur Menschen gab, die wie Fatuus Schöpfung waren. Diese Menschen gab es zu tausenden und diese Welt war überall bevölkert von ihnen. Diese Welt existiert aber nicht mehr, sondern wurde vor vielen Jahrtausenden ausgelöscht. Nach vielen Jahrzehnten entstand dann diese Welt hier. Es gab außer dem Mond und der Sonne noch viel mehr solcher Gebilde, die zusammen mit Presalum entstanden. Als das Buch zu Ende war, gingen Immo eine Menge Fragen durch den Kopf: "Warum wurde die alte Welt zerstört? Wer erschuf die neue Welt?..." Das Quälendste war aber, das Immo nach wie vor nicht wusste, welche Rolle Chavus dabei spielte, woher er kam und was er eigentlich ist. Er wusste aber nun dennoch eine Menge mehr und bemerkte, das diese Welt sich von der alten nicht großartig unterschied. Drabor war ein sogenannter Drache, Lizvir eine Eidechse und der Vogel eine Fledermaus. Die Tiere seines Dorfes gab es auch schon in dieser alten Welt und auch die Natur war anscheinend die Gleiche.

Immo erinnerte sich an "Fireri" zurück, und besann sich, das dessen Heimat "Venus" genannt wurde. Diesen Ort soll es auch schon in der alten Welt gegeben haben. Immo war sich damals sicher, das "Venus" nur ein Gebiet auf Presalum wäre, doch nun wusste er, das es ein anderer Planet war. Doch was suchte dann dieser Gott hier? Immo's Wissensdurst war nun schier unbegrenzt und er nahm sich noch einmal "Fireri" vor. Er war damals nicht wirklich weit gekommen, doch nun wollte er es zu Ende lesen...ohne Unterbrechung. Nach dem er schon sehr viel über diesen Gott erfahren hatte, kamen lauter Bilder von grausigen und hässlichen Kreaturen. Es schienen Diener von Fireri zu sein, alles Kreaturen und Geburten des Feuers. Dann war das Buch plötzlich zu Ende.

Somit wandte Immo den anderen Büchern zu und erfuhr viel mehr über die anderen Götter. Sie alle hatten eine oder mehrere Heimaten, hatten Diener und eine Geschichte. Nur das letzte Buch war ganz anders. Es waren nun schon Jahre ins Land gegangen, als Immo sich dem Buch "Earbor" widmete. Und als er es öffnete, erwartete er auch hier gleich zu Anfang ein Bild des Gottes. Doch dieses erschrak Immo und das Buch fiel ihm aus den Händen. Er fiel hin und seine Augen vergrößerten sich immer mehr, umso länger er das Bild ansah. Die Zeichnung zeigte eindeutig Fatuus. Hier hieß er "Earbor"...der Erdengott. "Aber Chavus hatte ihn doch getötet, er hatte ihn grausam geschlachtet...", sagte Immo und bemerkte erst danach, das er laut sprach. Mit geöffnetem Mund sah er sich das Buch an. Es gab keine Geschichte. Es gab eigentlich nur zwei Wörter: "Earbor" und "Mensch". Der Mensch war seine Kreatur...und seine Einzige. Mehr enthielt dieses Buch nicht.

Immo war geschockt und konnte es kaum fassen. Fatuus...also Earbor, lebte noch und er war der Gott dieses Planeten? Warum hatte er dann keine Macht über Immo oder die anderen Dorfbewohner gehabt? Warum erschuf er diese eigenartige neue Rasse? Und wenn diese andere Rasse ein Mensch war, was war dann Immo. Er wurde abermals in Gedanken versetzt. Irgendwann schlief er dann diese Nacht ein. Er hatte schreckliche Alpträume, von Kriegen, Tod und Vernichtung. Am nächsten Morgen wachte er schweißgebadet auf. Er war sofort in Gedanken versunken, denn er wusste nicht, was diese Träume zu bedeuten hatten. Er sah die Kreaturen und die Götter, wie sie miteinander kämpften. Sah tote Körper, verwesende Leichen, Seelen die in Himmel ragten, verbrennende Wesen und fast unsichtbare Monster. Er erkannte jeden einzelnen Gott, erkannte jede Kreatur. Nur zwei Wesen sah er nicht: Chavus und Blaterus.

Immo ging nach draußen, da er es hier drin nicht mehr aushielt. Er hockte sich auf den steinigen Weg und sah in die Ferne, in diese weite Leere. Doch dann sah er jemanden auf sich zukommen. Er stellte sich hin und versuchte zu erkennen, wer oder was das sei. Erst nach einer Weile erkannte er die Umrisse besser und dann auch letztendlich wer der Wanderer war.


Kapitel XII - Rückkehr

Es war tatsächlich Fatu...Earbor, der dort aus der Ferne geschritten kam. Immo hatte nun wirklich mit Allem gerechnet, aber nicht damit. Ihm war schon klar, das Earbor ein Gott war, aber nach dem, was Chavus mit ihm angerichtet hatte... Er hätte trotz allem tot sein müssen. Aber selbst wenn, was hatte er hier zu suchen?

"Was willst du hier...Earbor?", rief Immo ihm entgegen, als der nahe genug war. "Oh, du kennst meinen wahren Namen!", antwortete Earbor. "Ja, also was willst du hier?" Die beiden standen sich in geeigneter Entfernung gegenüber, so das sie wie zwei Duellanten aussahen, die nur darauf warteten, das einer von ihnen, den entscheidenen Fehler machen würde. Keiner sah den anderen so an, wie es eigentlich normal wäre. Man sah nicht auf die Kleidung, Erscheinung, auf Gesichtsausdrücke oder Bewegungen. Man sah sich nur tief in die Augen. Und obwohl diese nur als kleine Punkte wahr zu nehmen waren, konnten beide Kontrahenten viel entdecken. Verachtung, aber auch Ehrfurcht. Respekt, aber auch blanker Hohn. Vieles spiegelt sich in den Augen wieder und beide waren aufmerksame Beobachter. "Man kann so viel in den Augen entdecken, das die Menschen glauben, man kann Gedanken lesen!", pflegte Chavus immer zu sagen.

"Ich will dir etwas zu diesem Gebäude sagen! Es ist so alt, wie ich existiere. Ich weiß, das Chavus es errichtet hat. Ich weiß auch, was dort drin ist. Und ich kenne auch den Inhalt des mittleren Raumes. Dort drin liegt ein Buch, in dem du alle Antworten finden wirst, nach denen du je gesucht hast. Es ist eine Art kleine Geschichte...sehr schön geschrieben übrigens." Earbor grinste dabei ständig leicht und in Immo's Augen war Neugier gefangen. Der Körper zeigte nur einen absolut eiskalten und zu allem bereiten Immortalis. Doch seine Augen zeigten, das er am liebsten sofort nach oben verschwunden wäre, um diesen verdammten Raum zu öffnen. Er kannte inzwischen des Rätsel's Lösung, dessen war Immo sich ganz sicher. Er schaute ganz kurz zur Seite. Ein unaufmerksamer Beobachter hätte dies nicht einmal bemerkt. Aber Earbor war nicht dumm und nutzte die Situation aus...als Immo wieder zu ihm sah, war er bereits verschwunden.

Jetzt konnte Immo sich die Blöße geben. Er rannte wieder hinein. Doch in dem Moment wo er die Tür zu schloss, merkte er etwas hinter sich. Der kleine federlose Vogel...also die Fledermaus war wieder da. Sie setzte sich auf seine Schultern. Zuerst erschrak Immo, doch als er das vertraute Gesicht sah, musste er ein wenig grinsen. Auf einmal war der Gedanke an den mittleren Raum verschwunden. Immo setzte sich also wieder an den Tisch. Lizvir lag schon wieder am Feuer und schlief. Doch als die kleine Fledermaus ihn entdeckte, wirkte sie sauer. Obwohl ihr Gesicht keine direkten Formen annahm, waren auch hier wieder die Augen das Ausschlag gebende. Sie schienen geradezu aufzublitzen, sie waren in eine Art Feuerschlucht verwandelt worden. In diesen Augen spiegelte sich blanker Hass. Lizvir wachte exakt in diesem Moment auf und sah sofort auf die Fledermaus. Er beachtete Immo kein bißchen, sondern schien mit seinen Augen wie festgenagelt an diesem kleinen, süßen Tier.

Die kleine Fledermaus hob von Immo's Schultern ab und schwang immer mehr nach oben. Dort verwandelte sie sich abermals und stieg währenddessen immer weiter nach unten. Immo glaubte nicht, was er dort sah. Die Augen fingen an zu glühen, als ob nichts anderes als Feuer dort herrschen würde. Die Zähne wurden länger, schärfer und die Krallen ebenso. Diese wuchsen zu einer enormen Größe an. Im gleichen Moment schienen die Flügel zu einer Art riesigem Schutzmantel zu werden. Das Geräusch dazu war einfach schauderhaft. Immo schüttelte es am ganzen Körper, er bekam Gänsehaut. Und hätte er keine solch große Angst, hätte er sich die Ohren zu gehalten. Doch er sah nur mit offenem Mund dort in die Höhe und ließ den Kopf langsam sinken, als dieses Etwas immer weiter gen Boden schwebte.

Doch auch Lizvir konnte dem Einiges entgegen setzen. Er schüttelte seinen Kopf und aus seinen Augen kam grüner Nebel. Auch er wurde größer, seine Beine wurden kräftig und riesig. Nach kurzer Zeit stand er auf zwei Beinen und war auf eine enorme Größe angewachsen. Sein Maul war riesig und voller scharfer Zähne. Er sabberte und ließ den Rauch auch aus seinen Nasenlöchern und seinem Mund kommen. Und dann fing sein Bauch an zu...zu...blubbern. Er schlug kleine Bläschen, deformierte sich. Dann öffneten sich vier tiefschwarze Löcher. Aus dem ersten kamen eklige behaarte, achtbeinige Wesen, die aus dem Loch fielen und auf das andere Monster zukrabbelten. Aus dem zweiten Loch kamen fingergroße, braune Flugwesen, die eine Art Stachel nach vorne hielten und direkten Kurs auf die ehemalige Fledermaus nahmen. Aus den anderen beiden Löcher kam eine Art Zunge. Sie waren dick, voller kleiner Bläschen, dazu triefend rot und voll mit grünem, dickflüssigem Brei. Aus dem Ende entstand dann jeweils ein Kopf, die genau wie Lizvir aussahen. Und so standen sich nun beide Kontrahenten gegenüber.

Allerdings nicht lange, denn die kleine Armada von Lizvir zog ihre Bahnen direkt zu diesem Ding. Die Achtbeiner krabbelten auf die Beine umschlangen die Krallen, griffen sich an den Füßen fest. Die Flieger waren bereits nahe des Kopfes und dieses Ding fuchtelte wild mit den Flügeln. Es machte einen höllischen Lärm aus gepeitschter Luft und Schmerzensschreien. Doch mit den wild um sich herum greifenden Flügeln verloren auch ein paar Krabbler den Halt. Sie flogen durch die Luft und eine von ihnen direkt neben Immo. Der schaute kurz zu diesem kleinen Tier und war abermals geschockt. Das waren keine Augen, das waren hunderte von Augen. Beine die, obwohl zu acht, perfekt koordiniert wurden. Kleine Zähne und krallenbewehrte Beine. Immo erschrak und schrie. Er war außer sich, so viel in den letzten Tagen konnte er nicht ertragen. Er stürzte nach oben und wäre fast auf den Tisch gefallen. In halb gebückter Haltung rannte er, fast kopfüberfallend, zu einem der Türme.

In dem letzten Raum waren alle Antworten? Er musste nach oben. Doch so sehr wie er angeekelt war von diesen beiden Kreaturen, so sehr faszinierte es ihn auch. Er hielt sich an der Wand fest und schaute zu diesem fürchterlichen Kampf. Die ehemalige Fledermaus...dieses Monster, konnte trotz allem sich noch sehr gut bewegen. Lizvir fühlte sich zu sicher und das nutzte dieses Wesen aus. Es tat so, als ob es einfach nur um sich herum schlagen würde. Doch stattdessen bekam Lizvir mit diesen riesigen Krallen einen mächtigen Hieb von der Seite. Er fiel, schlitterte ein wenig über den Boden und statt dem Auge, rann nun eine ekelhaft grüne Flüssigkeit aus dem nun entstandenen Loch. Doch Lizvir stand wieder auf. Es sah fürchterlich aus: er war halbblind und dieses Zeug rann ihm über sein Maul und tropfte von dort hinunter.

Plötzlich machte Lizvir einen gewaltigen Satz nach vorne. Die Köpfe, die aus Lizvir ragten, stießen in den Körper dieses eigenartigen Wesens. Sie kamen auf der anderen Seite wieder heraus. Die beiden Köpfe waren nun rot-grün vermischt. Innereien fielen von ihnen herunter, Lebenswasser tropfte auf den Boden. Die Kreatur sah hinunter und fing laut an zu knurren. Es sah direkt in Lizvir's Augen und dann hob es die Flügel mitsamt den Krallen. Diese wurden hinter Lizvir geführt und stießen dann erbarmungslos zu. Sie durchbohrten Lizvir, stießen aus ihm heraus. Sie bohrten sich weiter durch, drangen dann in diese Zungen und dann durchbohrte das Wesen sich selbst und seine Krallen kamen aus den Münder dieser Ersatzköpfe. Lizvir war gefangen, elendig dazu verdammt mit diesem Ding zu sterben...zusammen. Die Krabbler und die Flieger fingen kurz darauf an, zu zerplatzen. Aus ihnen spritzte eine dunkle braun-gelbe Flüssigkeit, die sich dann mit einem Mal entzündete.

In kürzester Zeit brannten Wände, Boden und Decke...obwohl alles aus Stein war. Mitten in diesem riesigen loderndem Licht standen die beiden Gegner. Es war schrecklich, das anzusehen. Sie wirkten wie ein tanzendes Paar, das dazu verdammt war, auf ewig miteinander vereint zu sein. Unmöglich sich von dem anderen zu trenen, mussten sie zusammen den Tod finden. Sie schienen um die Wette zu schreien, litten Höllenqualen. Das Feuer kam IN ihren Körper und ließ sie somit äußerlich und innerlich verbrennen. Am Ende war nur noch der Schatten ihres Körpers zu sehen, dann nur noch ihre Augen, die immer noch grimmig und hasserfüllt drein schauten...Und dann war nichts mehr.

Der Boden fing an zu wackeln und von den Wänden lösten sich Steine. Alles brannte, außer dem Turm. Immo ging hinein, da es seine einzige Überlebenschance war. Er rannte nach oben und als er in dem schwebenden Gebäude angekommen war, konnte er nur noch sehen, wie hinter ihm der Turm und die Brücke zusammen fiel. Immo war außer Atem und hockte sich zuerst auf den Boden. Er schaute in eine absolute Leere. Seine Augen zeigten Nichts, blieben ohne Gefühlsregung. Doch dabei blieb es nicht lange.

Immo ging auf den mittleren Raum zu.


Kapitel XIII - Erinnerungen

Auf dem Weg zum mittleren Raum, gingen Immo plötzlich Bilder durch den Kopf. Sie wurden immer intensiver, strichen allerdings nur vorbei. Er konnte sie nicht erkennen, geschweige denn deuten. Doch sie kamen immer häufiger und zwischen ihnen kamen immer wieder helle Lichtblitze auf. Immo wurde geblendet und ihm war garnicht aufgefallen, das er schon längst aufgehört hatte zu laufen. Die Bilder schossen geradezu an ihm vorbei. Und dann war auf einmal nur noch alles weiß. Immo tapste umher, er war blind geworden, dachte er zuerst. Doch woher kam dieses helle Licht? Er spürte mit einem Mal große Schmerzen in seinen Augen. Immo fiel auf die Knie und hielt sich die Augen mit den Händen zu. Das er sich dabei viele tiefe Wunden am Knie holte, bemerkte er nicht einmal.

Als er endlich wieder etwas sehen konnte, war er plötzlich ganz woanders. Immo sah hinab und schien irgendwie in der Luft zu schweben. Knapp unter sich befand sich der Berg, den er vor sehr, sehr vielen Tagen hinter sich gebracht hatte. Er sah kurz nach rechts und konnte dann sich selbst sehen. Er erinnerte sich wieder, denn etwas weiter vorne sah er schon die Höhle. Jetzt erst wurde ihm bewusst, das er vieles vergessen hatte. Das Letzte, an das er sich erinnern konnte war nämlich die Höhle. Dann erst wieder, als er mitten in der Einöde aufwachte. Dabei musste Immo abermals an Drabor denken, den er damals tot vorfand. Doch Immo winkte in Gedanken ab und schob das Bild von Drabor zur Seite. Er konnte noch rechtzeitig sehen, wie er selbst auf die Höhle zuging. Immo sah auch, wie er hinein sah und dann wegging. Und dann packten die riesigen Krallen zu...

Immo erinnerte sich sofort an das riesige Wesen, das aus der kleinen Fledermaus entstand. War dies hier dasselbe? Sehr wahrscheinlich, da die Fledermaus nach seinem Erwachen damals nicht auszumachen war. Immo schwebte in die Höhle. Es war nicht so dunkel, wie er es in Erinnerung hatte. Aber da das hier offensichtlich ein Traum war, wirkte das Ganze nicht so verwunderlich. Er musste sehr weit durch einen Gang, bis er endlich wieder Geräusche hörte. Er sah in eine riesige Höhle. Der Gang war sehr weit oben angebracht und so wirkte das hier wie eine Art Miniaturtal. Doch die Höhle wirkte künstlich, denn auf dem Boden war sie absolut glatt und gerade. Der Rest war ebenfalls absolut glatt und machte eine Art riesigen Bogen.

Auf dem Boden sah er das Monster, das auch gegen Lizvir kämpfte. Es schien sich auszuruhen und stand sowohl auf seinen "Füßen" als auch auf seinen Krallen. Davor hockte er...und er war wach. Wieso konnte er sich nicht mehr daran erinnern? Immo sah sich dort knieend auf dem Boden und die Gedanken schweiften abermals ab. Zu sehr belastete ihn das Ganze und er musste schon wieder an seine zwei Gefährten denken, die den Schutz mit dem Tod bezahlt hatten. Ganz besonders Drabor war ihm ans Herz gewachsen, obwohl er ihn kaum kannte. Doch durch ihn lernte er Vertrauen und bemerkte, das man nicht alles vorschnell beurteilen sollte. Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie er sich zuerst vor ihm versteckte. Trotz dieser Dinge, vertraute Drabor ihm sofort und zeigte sich sogar mit seinem Lebenswasser erkenntlich. Immo fiel auf, das er sich nie dafür bedanken konnte. Auch Lizvir konnte er nie danken und das machte Immo nur noch trauriger. Er hatte sie gehen lassen ohne etwas gegen ihren Tod getan zu haben. Er wusste, das Schuldgefühle unangebracht waren, aber er konnte sie nicht verhindern. Eine Träne rann ihm aus den Auge und rollte dann langsam über seine Wange. Er hatte in letzter Zeit so viele Dinge verloren: Familie, Freunde, seine vertraute Umgebung.

Doch in seinen Augenwinkeln konnte er bereits eine neue Gestalt sehen und so gerieten die Gedanken in den Hinterkopf. Die Gestalt, die aufgetaucht war, sah irgendwie aus wie ein Mensch, irgendwie aber auch nicht. Es war komisch: Sie sah eigentlich exakt wie ein Mensch aus, aber man wusste einfach, das es keiner war. Das Wesen hatte eine gewisse Ausstrahlung. Immo wurde zusehends sicher, das er es hier abermals mit einem Gott zu tun hatte. Allerdings war dieser hier in keinem der Bücher beschrieben, er erkannte ihn nicht. Der fremde Gott fing an zu sprechen: "Du hast etwas für mich zu erledigen, Immortalis! Hole das Buch für mich, so schnell du nur kannst. Ich brauche es!" So wie dieser Gott "das Buch" betonte, war sich Immo ziemlich sicher, das er das Buch in dem mittleren Raum meinen würde. Jetzt hatte Immo wenigstens eine Erklärung, warum er genau jetzt diesen Traum hatte. Plötzlich sah der Gott zu dem Gang und fing leicht an zu grinsen. Immo wurde flau im Magen, denn er war sich ziemlich sicher, das er mit diesen Blicken wohl kaum gemeint sein könnte. Aber vielleicht doch? Immo wusste es nicht, doch es verwirrte ihn.

Dann ging der Gott wieder und ließ dieses hässliche Ding und das Traum-Ich von Immo zurück. Das Wesen nahm Immo auf seine riesigen Krallen. Dann wippte es langsam hin und her. Immo fand das ekelerregend, denn es wirkte, als ob dieses Teil da unten so etwas wie Mutterinstinkte ausübte. Das Immo jemals in den "Armen" dieses Vieh's lag, ließ ihn erschaudern. Immo sah, wie seine Spiegelung in dieser Erinnerung immer mehr verblasste. Zudem schien er mehr oder weniger einzuschlafen. Plötzlich wurde das Monster wütend und schmiss ihn auf den Boden. Es nahm ihn noch einmal hoch und wippte ihn abermals. Diese Prozedur wiederholte es gut drei Mal und Immo wunderte sich, warum es das tat. Doch bevor dieses gestörte Wesen ein viertes Mal ausholen konnte, war das Traum-Ich plötzlich verschwunden.

Immo war auch plötzlich aus der Höhle raus und konnte dann sich selbst liegend auf dem Boden finden. Er befand sich wieder vor dem Berg und sah den Fluss, die Pflanzen und die Vögel, die darin und darüber schwirrten und sangen. Dann hörte er schwere Schritte, die vom Berg auf ihn zu kamen. Drabor kam gerade aus dem Berg hervor. Immo wollte ihn gerade anfallen, als er bemerkte, das dies nur eine Erinnerung war. Aber wenn es eine Erinnerung war, wie konnte er dann diesen Teil hier sehen? In der Höhle war er noch wach, doch jetzt lag er dort auf dem Boden...bewusstlos. Doch das Schlimmste sollte ja noch kommen. Immo musste mit ansehen, wie Drabor um ihn trauerte und letztendlich sah er den ganzen Kampf in dem Drabor gestorben war. Er musste hilflos mit ansehen, wie sein Freund schwer getroffen wurde und dann langsam dahinsiechte. Es machte ihn verdammt wütend. Er war sauer und entwickelte nicht zuletzt einen gewissen Hass gegen diese ganzen Götter. Und er war sauer über Chavus. Warum hatte er ihm nicht sofort alles gesagt? Warum hatte er Fatuus nicht vorher schon so mißhandelt? Warum ließ er alle seine Gefährten sterben? Er schien sonst so mächtig und klug, aber in den letzten Tagen zweifelte Immo immer mehr daran.

Zuletzt konnte er nur noch sehen, wie seine Spiegelung und Immo aus dem Traum erwachte. Er sah direkt zu diesem verflixten mittleren Raum.


Kapitel XIV - Das Buch

Immo stand auf und ging direkt auf den Raum zu. Nach wenigen Schritten brach er zusammen und bemerkte erst jetzt, das er sich an den Knieen verletzt hatte. Sie bluteten leicht, waren aufgekratzt und schon leicht bläulich. Unter einigen Schmerzen besann sich Immo aber wieder und stand auf. Er ging nun wesentlich langsamer und schleppender als zuvor. Es sah mehr so aus, als ob er seine Beine hinterherziehen würde, anstatt sich auf ihnen zu stützen. Endlich war er an der Tür angekommen und lehnte sich an sie. Er bemerkte, das er die Geschichte, die an der Tür entlang wanderte, nie gelesen hatte. Und jetzt hatte er auch keine Lust dazu, denn er wollte endlich wissen, was sich dahinter verbarg. Er sah noch einmal auf die unveränderlichen Zeilen und sagte dann alle Götternamen auf, geordnet nach den hier aufgeführten Elementen.

Die riesige Statue von Chavus bewegte sich. Eigentlich bewegte sich ja nur der Kopf und die Augen sahen dann direkt zu Immo. Kurz darauf erschien ein Spalt und teilte das Tor in zwei Hälften. Dann war noch ein kurzer Ruck zu hören und es wurde wieder still. Immo sah noch ein bißchen verwundert zu der Statue. Doch schnell wandte er sich der Tür zu und drückte vorsichtig dagegen. Mit einer rehhaften Zaghaftigkeit öffnete sich die Tür immer weiter und Immo konnte mehr und mehr in dem Raum entdecken. Die Wände waren wunderschön dekoriert und kleine schwebende Punkte erhellten den Raum. Sie waren wie viele kleine Sonnen, die nur hier zu existieren schienen. Es entstand ein wunderschönes Schattenspiel und diese kleinen Leuchtpunkte schienen irgendwie ein wenig miteinander zu spielen. Sie stupsten sich gegenseitig an und jagten sich. Es war ein witziges und zugleich beeindruckendes Schauspiel.

Genau in der Mitte des Raumes, war ein wunderschön verzierter Buchständer. Und auf ihm lag das Buch mit dem Titel "Chavus". Darunter ein Symbol, welches aber irgendwie keinen Sinn ergab. Es war mehr als ob dort hunderte von Ranken abgebildet waren. Sie schienen sich in eine Art Chaos zu stürzen, aber ob das die richtige Interpretation war, wusste auch Immo nicht. Er nahm die erste Seite zwischen die Finger und schlug das Buch langsam auf...

Plötzlich sah Immo nichts mehr, außer ein grellend weißes Licht. Es blendete ihn nicht, aber er war davon umhüllt, als ob er darin schwimmen würde. Es schien ewig zu dauern, doch irgendwann sah er wieder Bilder vor sich:

"...etwa schon wach, oder?"
"...tust du hier mitten in der Nacht?"
"...bist ein Narr."
"...du musst verschwinden von hier."
"...Drabor nennt man mich!"
"...nimm doch deinen Becher!"
"...erinnere dich..."
"...hat die ganze Nacht über dich gewacht."

Immo sah Bilder von seinem Dorf, sah Bilder von seinen Begleitern. Er sah ihre Tode, sah wie er sie streichelte. Er musste noch einmal ertragen, was er in den vielen letzten Tagen durch gemacht hatte. Er wollte hier weg, doch wohin? Er konnte sich nicht bewegen und er schien in eine Art Traum gefangen zu sein. Auf einmal bemerkte er etwas Warmes an ihm herab laufen. Er sah nach unten und entdeckte, das sein Lebenswasser aus ihm floss. Er fasste an die Wunden und erschrak, als plötzlich kleine glatte Totenköpfe aus seinem Körper ragten. Sie sahen ihn an, schrieen ihn an und durchbohrten seine Hülle. Dann verschwand der Traum und er war wieder dort, wo es angefangen hatte. Jetzt sah er, das die kleinen Schädel an eine Art Kette befestigt waren. Prompt wurde Immo klar, was geschehen war und drehte seinen Kopf. Hinter ihm stand Chavus und seine grausamen Mitstreiter, die auch Fatuus zerschmettert hatten, waren durch ihn gedrungen. Immo konnte nichts mehr sagen, da er inzwischen zu schwach war. Doch kurz bevor er seinen Kopf sinken ließ, sah er die Augen von Chavus: Grün waren sie und sie zeigten eine Traurigkeit, die sich Immo nicht einmal in seinen schlimmsten Träumen hätte erahnen können. Dann verlor er seine letzte Kraft...Immo starb.

ENDE
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jaja ich weiß, den typischen gepflogenheiten einer kurzgeschichte folgt dieses stück nicht, aber von einer "echten" geschichte ist es mir persönlich doch ein wenig zu weit entfernt. ja mir ist klar, das bis zum ende nicht alles erklärt wurde, aber ich schreibe schon längst an einem nachfolger, der sich "Bellato" nennt. trotzdem habe ich es hier veröffentlicht weil es imho eine in sich abgeschlossene geschichte ist ;)...

 
Zuletzt bearbeitet:

Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich an dieser Geschichte gescheitert bin. Nicht genug Willenskraft, sie zu Ende zu lesen. Zu viel, zu langatmig... - nimm es bitte nicht persönlich.

Soweit ich allerdings gekommen bin, kann ich Folgendes sagen:
- Immortalis ist ein total benackter Name für jemand, der nur ein Unsterblicher von vielen ist.
- Es ist nicht spannend.
- Ich vermißte am Anfang die Erklärung, wo die Menschen herkamen, was ihr früheres Leben gewesen war, etc.

r

 

ja ok, ich gebe zu das immortalis kein besonders einfallsreicher name ist =). und was die menschen vorher "getan" haben wissen die menschen ja nich einmal selbst. zudem gehört es meiner meinung nach nicht hier in die geschichte. das es anfangs nicht spannend ist, war mir schon fast klar. nun müsste ich wissen, wie weit du gekommen bist...

 

Ich bin bis da gekommen, wo er spitze Zähne kriegt und dann ein Tier im Wald trifft. Da hab ich aber bereits seit mehreren Absätzen nur noch jeden dritten Satz gelesen (Anzeichen dessen, daß mich zwar interessiert, wie die Situation aufelöst wird, aber nicht bereit, mich dafür durch den ganzen Buchstabenberg zu fressen).

Daß sie es selbst nicht wissen, ist ja okay, nur mußt du das dann auch schreiben, sonst bleibt der Leser mit einem "Häää?" zurück.

Am Beispiel dieses Textes sehe ich wieder einmal sehr anschaulich, wie wichtig Stil und Erzähltempo sind, und wie wenig wichtig die Grundidee. Irgendwie muß der Leser ständig neugierig auf den nächsten Satz sein. Nicht das nächste Ereignis und nicht das Ende. Ja, das natürlich auch, aber deren Bedeutung ist letztlich erstaunlich gering.

Ich tue jetzt mal so, als würde dein Werk unter allen Umständen verlegt werden, und ich wäre ein Lektor, der absolut freie Hand hätte, solange der Inhalt nicht verändert wird. Das mache ich natürlich nur für das erste Kapitel:

Die Sonne schien durch das Fenster und man sah die kleinen Staubflocken im Lichtkegel vergnüglich tanzten. Immortalis legte die Decke zur Seite und setzte seine Füße auf den angenehm warmen Teppich, der ihn leicht zwischen den Zehen kitzelte. Es war ein schöner Morgen - aber das war er eigentlich an jedem Tag, seit er hier lebte.
Er schlurfte zum Stuhl und zog die darauf liegenden Sachen an. Dazu gehörte auch ein großer schwarzer Mantel, der ihn noch imposanter wirken ließ, als er aufgrund seiner Körpergröße ohnehin schon war. Dies war die Repräsentantenkleidung, die ihm einst von Chavus verliehen worden war.

Immortalis war erste Mensch, der hier auf Presalum gelebt hatte, und er war der Ranghöchste. Mit seinen über 1300 Jahren Lebenserfahrung auch der Weiseste. Allerdings waren hier alle Menschen weise, da selbst der jüngste von ihnen stolze 1000 Jahre alt war.
Der erdähnliche Planet Presalum war ein Paradies mit Wasser, Pflanzen und Tieren, und die Menschen lebten im Einklang mit der Natur. Sie verstanden sich mit den Tieren und pflegten sie, wenn sie krank waren. Niemals jagten oder töteten sie ein Tier, warum auch? Jeder hatte seinen Platz in diesem Paradies, auch wenn nur den Menschen die Unsterblichkeit verliehen worden war.
Chavus hatte einen Brunnen errichtet. Sein rotes Wasser war dickflüssig und von süßlichem Geschmack. Es machte die Menschen unsterblich. Deswegen hieß es auch "Wasser des Lebens".

Immortalis schritt aus seinem Haus, um sich das rege Treiben seiner Mitmenschen anzusehen. Natürlich waren längst alle aufgestanden, er war seit jeher der längste Schläfer. Er ging langsam über die Wiesen und die Wege, vorbei an den Häusern und nahm "Guten Morgen"-Rufe ebenso entgegen wie freche Bemerkungen, wie "Na, nicht etwa schon wach, oder?".
Je nachdem, grüßte Immo, wie er genannt wurde, herzlich zurück oder antwortete mit einem verschmitztes Lächeln. Den Kindern strich er über den Kopf.
Sein Ziel war der Brunnen mit dem Wasser des Lebens. Immo nahm sich einen kleinen Becher und trank. Dann setzte er sich auf den Rand des Brunnens und schaute sich um. Er sah die Kinder spielten, die Großen miteinander reden. Sie lachten und waren vergnügt. In diesem Paradies konnte man nicht unglücklich sein. Nicht einmal, wenn ein Tier starb. Es war nicht schön, aber Chavus hatte erklärt, das dies zum normalen Lebenskreislauf gehörte. Tiere vermehrten sich, und wenn sie unsterblich gewesen wären, hätten sie irgendwann den Planeten überfüllt. Das klang vernünftig.

Die 124 Menschen von Presalum hingegen konnten sich nicht vermehren, und jeder, der hier als Kind angekommen war, blieb auch ein Kind. Zumindest äußerlich, und was das kindliche Gemüt anging. Alle Menschen waren hier erschienen, indem sie Chavus in der Mitte des Dorfes abgelegt hatte. Sie waren entkräftet gewesen und mussten drei Tage lang gepflegt werden, doch danach lebten sie wie alle anderen. Doch seit nunmehr 1000 Jahren kamen keine neuen Menschen mehr.
Wo sie herkamen, und was sie vorher getan hatten, wußten die Menschen nicht mehr, doch es interessierte sie auch nicht sonderlich.

Die Kinder des Dorfes kamen zu ihm und fragten ihm Löcher in den Bauch über Chavus und seine Geheimnisse. Aber sobald Immo anfing zu erzählen, waren auch die Größeren nicht zu halten, und meistens versammelte sich dann das ganze Dorf um den Brunnen.
Denn nur Immo durfte mit Chavus selbst reden, und auch dies geschah nur alle fünfzig Jahre. Da bald wieder solch ein Jahr war, wurden die Kinder immer besonders neugierig. Immo war ein sehr guter Erzähler, er warf auch mal kleine Witzchen ein oder hantierte wild herum, was sehr albern aussah. Oft zog sich das bis in die späte Nacht hinein und man aß und trank zusammen und erfreute sich an den Geschichten in den lauen Winden in der Nacht.

Ein Mensch fehlte. Er war immer derselbe. Sein Name war Fatuus, und er war vor 1180 Jahren erschienen. Er war von Anfang an sehr weise gewesen, aber auch gerissen. Seine Erscheinung hatte stets etwas Kaltes und Bösartiges an sich, obwohl er einer der wenigen war, die sich auf den Lebenshauch verstanden, und verwundeten Tieren half. Er betreute auch den letzten Weg von toten Dorftieren.
Sein Haus besaß dieselbe düstere Ausstrahlung wie Fatuus selbst. Es war voller schwarzer Gegenstände und der Boden bestand aus nackten kalten Steinen. Überdies besaß es keine Fenster. Es war abscheulich war und angsteinflößend. Und in letzter Zeit waren schreckliche Geräusche aus diesem Haus zu hören. Schreie, die weder eindeutig einem Tier oder einem Menschen zuzuordnen waren.
Immo war keiner, der ungebeten das Haus eines anderen betreten hätte, auch wenn ihm die Vorgänge nicht geheuer waren. Aber die zahlreichen Beschwerden zwangen ihn, der Sache auf den Grund gehen. Und zwar bald. Es ahnte nicht, was ihn dort erwarten würde, doch es machte ihm gewaltige Sorgen.

r

 

mir war klar, das du die ersten kapitel wohl eher als schlecht einstufst, denn das mache ich auch selbst =). ich muss auch gestehen, das ich längst an einer verbesserung arbeite, da mir persönlich selbst vieles an dieser geschichte nicht gefällt. danke das du dir das erste kapitel so genau vorgenommen hast, denn jetzt ahbe ich wenigstens was zum verbessern ;). ich muss auch ehrlich gestehen, das ich bei dieser geschichte nicht viel herz hinein gelegt habe, sie wuchs erst zu spät zu einem "kind" von mir. andere geschichten von mir sind meiner meinung nach um längen besser. naja ich arbeite ja noch dran, also danke für die verbesserungen =)...

 

Hi GeneralZod!
Ja, ich kann mich releysium nur anschließen. Auch ich bin an habs nicht geschafft deine Story zu Ende zu lesen. Ich dachte immer, jetzt wirds dann hoffentlich spannend, aber da kam nichts. Ich bin bis da gekommen, wo Immortalis in diesem riesigen Gebäude ankommt. Außerdem sind mir auch sehr viele stilistische Schwächen aufgefallen. Die ganze Story ist einfach zu langatmig, obwohl man bestimmt was draus machen könnte.
Liebe Grüsse
Judy

 

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