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Porzellan

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15.02.2003
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Porzellan

Unten im Treppenhaus wird die Haustür geöffnet. Sie hat es genau gehört, das Klicken, auf diesen Augenblick hat sie gewartet. Er ist es, kein Zweifel. Diesmal wird sie es tun, sie wird ihn ansprechen. Auf dem Weg zur Tür angelt sie den Mantel vom Kleiderhaken; Wie ein zum Trocknen aufgehängter Tintenfisch sieht er dort aus. Das ist nicht gut, aber auf den Boden kann sie ihn auch nicht tun. Während sie noch die Kommode nach dem Schlüssel abtastet, reißt sie die Tür auf. Einen Augenblick später steht sie bereits auf dem Flur; hastig zieht sie die Wohnungstür hinter sich zu.

Sie hört seine stampfenden Schritte im Treppenhaus. Sie lauscht. Die Schritte werden lauter und verstummen. Sie denkt: Jetzt ist er im ersten Stock. Sie zögert das Ausatmen hinaus. Noch ein Stück.
Dann setzt er sich wieder in Bewegung, mit schweren Schritten steigt er hinauf, Stufe um Stufe, immer wieder klatscht seine Hand auf das Treppengeländer; Wie ein Fisch, den einer totschlagen will. Sie macht sich bereit. Tut so, als würde sie gerade nach dem Schlüssel suchen. Als er um die Ecke biegt kann sie seine Atemzüge hören, ganz nah, ruhig und gleichmäßig sind sie. Trotz der schweren Tasche, die er um den Hals trägt. Er ist stark wie ein Held.

Sie dreht sich um und versucht überrascht zu lächeln. Ihr Lächeln ist verkrampft, es passt nicht auf ihren Mund, es hat die falsche Form für ihren Mund.
Er überragt sie um zwei Köpfe, sie fühlt sich klein, fast ist sie versucht zu winken. Hier bin ich, will sie rufen, hier unten.
Seine Bewegungen sind langsam, beim Laufen schwingen seine Arme träge durch die Luft wie die Segel einer Windmühle.
Hallo, stößt sie hervor.
Er bleibt stehen, blickt zu Boden. Vor ihre Füße. Seine Augen weiten sich überrascht, er runzelt die Stirn.

Sie bemüht sich weiter zu lächeln. Hallo ist zu wenig, das weiß sie.
Ist heute etwas für...mich...dabei?
Beim letzten Wort versiegt ihre Stimme, ist nur noch ein heiseres Krächzen, verlegen senkt sie den Blick. Er mustert sie wie ein seltenes Tier, dann schüttelt er eilig den Kopf.
Es entsteht ein kurzes Schweigen, sie zieht den Mantel fester über der Brust zusammen. Er soll nicht sehen, wie ihr Herz klopft.
Sein Gesicht ist blass und schmal, die Lippen darin wirken wie zwei große rote Schlauchboote. Sie ist sicher: mit solchen Lippen kann man nicht ertrinken.
Die Augen darüber sind schwarz und tief wie Brunnen ohne Boden. Man könnte sich in sie hineinfallen lassen. Das wäre wie fliegen, denkt sie. Wie fliegen.

Sein Räuspern reißt sie in die Wirklichkeit, er zuckt die Achseln, rückt die Tasche auf seiner Schulter zurecht und dreht sich auf dem Absatz um. Behäbig steigt er die Treppe wieder hinab.
Und dann lächelt er doch noch einmal kurz.
Sie blickt auf ihre Füße. Sie sind nackt, alle beide.

Am Nachmittag klopft es an der Tür. Sofort weiß sie, dass er es ist. Trotzdem nähert sie ihr Auge vorsichtig dem Spion. Sie hält die Luft an und verflucht ihr Herz für sein lautes Klopfen. Durch die Linse wirkt sein Gesicht seltsam gekrümmt, erst auf den zweiten Blick erkennt sie ihn. Die Katze ist ihr an die Tür gefolgt, sie streicht um ihre Beine wie ein Schwarm Fische, ihr Fell ist warm und samtig. Sie muss eine ganze Weile so gestanden haben, auf einmal kneift er die Augen zusammen, sein Gesicht kommt langsam näher, die Nase wächst zu einem Berg heran, alles andere wird verdrängt, die Stirn, die Augen, der Mund, der ganze Mensch ist nur noch Nase.

Erschrocken weicht sie einen Schritt zurück. Dabei tritt sie auf die Katze, stößt einen verblüfften Seufzer aus, das Tier springt fauchend auf.
Als sie die Tür öffnet, stellt sie erleichtert fest, dass seine Nase wieder ihre normale Größe angenommen hat und den Blick auf Mund, Stirn und Augen freigibt. Er hat einen Koffer bei sich, ein altes Modell aus abgewetztem Leder, mühsam zusammengehalten von verkratzten Messingscharnieren.
Sie will ihn gerade herein bitten, da hat er schon den Koffer in der Diele abgestellt und die Jacke abgelegt. Die Katze ist auf die Kommode gesprungen, macht einen Buckel und stellt die Rückenhaare auf. Misstrauisch starrt sie in seine Richtung. Er beachtet sie nicht weiter und sieht sich in der Wohnung um.
Das Wohnzimmer ist dort hinten, ruft sie hinter ihm her, als sie wieder zu Atem gekommen ist. Er hat es auch so gefunden.

Sie sieht ihm dabei zu, wie er den Koffer ins Wohnzimmer schleift, die Metallbeschläge an den Seiten kratzen über die Fliesen der Diele wie Kreide über eine Schiefertafel. Im Wohnzimmer legt er den Koffer flach auf den Boden und klappt ihn auf. Sie löst sich vom Türrahmen und kniet neben ihm nieder, um zu sehen, was er dabei hat.
Alles ist sorgfältig eingeschlagen in braunes Packpapier, es sind verschiedene Gegenstände, kleine und große. Ganz oben liegt ein Hemd. Er legt es beiseite und beginnt mit dem Auspacken. Als erstes kommt ein großformatiges, goldgerahmtes Foto zum Vorschein, es zeigt eine Frau mit grauen Haaren und lächelnden Augen. Die Lippen sind dick wie Schlauchboote. Seine Mutter. Als nächstes eine große Napoleonuhr aus dunklem Holz, durch das sie alt und wertvoll wirkt. Sie lauschen dem Klopfen des Sekundenzeigers.
Warum tickt sie so entsetzlich laut, fragt sie.
Damit ich nicht vergesse, dass die Zeit vergeht.

Dann sind da noch die Porzellantiere. Er reiht sie auf dem Regal auf. Allesamt Hunde, sechs oder sieben Stück, stehende, sitzende, liegende. Ihre Gesichter sind so gemalt, dass es aussieht, als würden sie lächeln. Einer hat nur drei Beine, das vierte ist abgebrochen. Er stellt das Foto zu den Figuren und lehnt den dreibeinigen Hund dagegen.
Wir hatten zu Hause immer Hunde, sagt er, ich mag Hunde.

Die Katze gibt keine Ruhe. Sie wird in die Küche gesperrt, drinnen wirft sie sich gegen die Tür und miaut wie eine ganze Horde Katzen. Als es dunkel wird, führt sie ihn ins Schlafzimmer. Sie legt ihre Kleider ab, zieht die Vorhänge zu und weist aufs Bett. Die Federn ächzen unter seinem Gewicht. Als er sich über sie beugt, verdeckt er das Deckenlicht wie eine dunkle Wolke vor der Sonne. Es ist dunkel, sie schließt die Augen, spürt seine Lippen auf der Haut und denkt an Sommerregen. Seine Haut ist wie Porzellan. Glatt und weiß und kalt.

Mitten in der Nacht schlägt er die Augen auf. Es ist kalt; aus dem Wohnzimmer dringt gleichmäßig und laut das Klopfen der Uhr. Er setzt den Fuß aus dem Bett, leise, um sie nicht zu wecken. Ihre Decke hebt und senkt sich wie der Bauch eines großen Tieres. Ohne Licht zu machen tastet er sich den Flur entlang zur Küchentür. Beim Aufziehen scheuert sie leicht über den Fliesenboden. Er öffnet sie nur zur Hälfte, schlüpft hindurch und schließt sie hinter sich wieder. In blassen Streifen fällt das Mondlicht durch das Küchenfenster, das Waschbecken blinkt in mattem Silber, über die Wände rollen dunkelblaue Wellenkämme, die Gardinen zittern im Wind, alles wabert und bewegt sich, wie in Auflösung begriffen.

Vor dem Kühlschrank liegt die Katze wie eine schwarze Perücke. Als er die Kühlschranktür öffnen will, schreckt sie auf und packt sein Bein. Sie faucht und schlägt um sich, schlägt die Krallen tief in seine Haut. Er stöhnt, wirbelt mit der Katze am Bein zur Anrichte und greift nach dem Handtuch. Er packt das Tuch und peitscht damit auf das Tier ein bis sich seine Krallen lockern. Sie löst sich von dem Bein und ist mit einem Satz neben ihm auf der Anrichte. Blitzschnell bückt er sich und drückt ihr das Tuch auf den Kopf, presst es auf die feuchte Nase. Lange verharrt er so, lange. Sehr lange. Bis sich die Katze nicht mehr rührt.

Die Tür schabt leise über die Fliesen.
Sie ist wach und lehnt in der Küchentür, starrt auf seine Hände.
Was machst du da?
Er hebt das Handtuch.
Ich habe die Katze erstickt.
Sie reibt sich die Augen, die Pupillen sind groß und schwarz wie aufgemalt. Sie reflektieren das Mondlicht. Wie Katzenaugen. Als sie den toten kleinen Körper sieht, senkt sie den Blick und beginnt leise zu schluchzen.

Er steht auf, geht ruhig an ihr vorbei auf den Flur und von da aus ins Wohnzimmer.
Sie folgt ihm und beobachtet von der Tür aus, wie er seinen Koffer packt. Alles wickelt er wieder sorgfältig ein, bevor er es im Koffer verstaut. Das Foto, die Uhr, die lächelnden Hunde aus Porzellan, die stehenden, die sitzenden und die liegenden.
Als er den Koffer schon wieder schließen will, eilt sie zum Regal und langt nach dem dreibeinigen Hund, er ist umgefallen und liegt auf der Seite. Warte, stößt sie schluchzend hervor, du hast einen vergessen. Sie wimmert, ein verletztes Tier.
Er hält inne und zieht die Augenbrauen hoch. Ärgerlich entreißt er ihr den Hund. Gib her, sagt er, du machst ihn kaputt. Der ist aus Porzellan. Das ist zerbrechlich.

 

Servus Wolkenkind!

Wie sich die Wertigkeiten einzelner Menschen doch unterscheiden können. Wie unterschiedlich ihre Reaktionen, wenn ihnen etwas entrissen wird. Jeder verrückt auf seine eigene Art. Besonders hat mir der Satz gefallen, indem die Katze um die Beine streicht - wie ein Schwarm Fische. Auch in der Krake am Kleiderständer findet sich deine ganz eigene, schöne Sprache wieder.

Lieben Gruß an dich - Eva

 

Hallo wolkenkind!

Von Sprache und Stil her hat mir die Geschichte sehr gut gefallen... aber ich bin nciht sicher, ob ich mancher inhaltlichen Zusammenhänge, v.a. die Beziehung der beiden durchschaut habe...
Sympatisch sind mir beide nicht, ihr Verhalten bleibt irgendwie leer und kalt. Die einzige, die sympatisch ist, ist die Katze... ein Porzellanhund und eine Katze. Ich werd nciht ganz schlau draus....

 

Hallo wolkenkind,

die Frau erträumt sich Halt durch Stärke, doch diese Stärke ist rücksichtslos, nimmt der Frau das Lebewesen, welches ihre etwas Wärme gab. Zwei Erwartungshaltungen sind nicht kompatibel, der `normalste´ der drei geschilderten Akteure (verteidigt den Kühlschrank!) wird zum Opfer, wie so oft...

Du verwendest eine schöne Sprache, die der ganzen Szene etwas abgehobenes gibt, im Hintergrund sind ganz andere Mechanismen wirksam, als die einfachen Tätigkeiten (Figurenaufstellen, usw.) vordergründig vermuten lassen.

Eine Winzigkeit am Anfang: „... wird die Haustür geöffnet. Sie hat es genau gehört ...“ - hier finde ich `die Frau´ (oder ähnliches) günstiger, weil „sie“ sich auch auf die Haustür beziehen könnte.

Tschüß... Woltochinon

 

Hallo schnee.eule, Maus und Woltochinon

Vielen Dank fürs Lesen, freut mich, dass die Intention relativ gut rüberkommt.
Dass die Katze zum Sympathieträger avanciert, hätte ich nicht gedacht :)
Die nächste Geschichte handelt von Goldfischen...

Ich denke, es wird deutlich, dass der Mann der Postbote ist, mehr ist am Anfang nicht zwischen den beiden.

@woltochinon
Am Anfang ist es schwer, was anderes als "sie" zu schreiben. Mir fällt jedenfalls spontan nichts besseres ein. Sicher könnte die Haustür gemeint sein, ganz eindeutig geht es leider selten zu.

Liebe Grüße
wolkenkind

 

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