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Peinlich, peinlich

Beitritt
05.02.2003
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Peinlich, peinlich

Obwohl es schon 50 Jahre her ist,
habe ich diese Peinlichkeit bis heute nicht vergessen:

Ich war damals elf Jahre alt und hatte mich zusammen mit meinem gleichaltrigen Freund in der Stadt herumgetrieben.

Wir veranstalteten allen möglichen Blödsinn, wie z.B. das Weglaufen aus den Eingängen fremder Häuserblöcke (wo wir natürlich zuvor alle Klingelknöpfe auf einmal betätigten), wir überstiegen unterwegs Gartenzäune um Äpfel zu klauen und alles das, was Du früher bestimmt auch gemacht hast.

Irgendwann kam ich dann aber doch auf die Idee, einen Erwachsenen nach der Uhrzeit zu fragen, denn meine Eltern hatten mir unter Androhung von Strafe gesagt, dass ich um 21.00 Uhr wieder im Hause zu sein hatte.

"Es ist 22.30 Uhr" bekam ich freundlich gesagt und diese Auskunft verursachte sofort Panik in meinem Inneren.

Du musst wissen, dass damals noch die Strafe bei "Verfehlungen" - wie auch in vielen anderen Familien - meist aus einer gehörigen Tracht Prügel bestand.

Kurz und gut - ich brauchte eine wirklich gute Ausrede, und während des eilig angetretenen Heimweges dachte ich fieberhaft über eine gute Ausrede nach.

Nun stand ich atemlos vor der Haustür, und nachdem ich weitaus zaghafter als zuvor bei den fremden Häuserblöcken unsere Hausklingel betätigt hatte, hörte ich schon das mir sehr bekannte Schlurfen von Hausschuhen und wusste mit Sicherheit, dass es mein Vater war, der gleich die Tür öffnete.

Natürlich war er es.

Dann kam der gefürchtete Dialog:

"Wo kommst Duuuuu denn jetzt her?"

"Ich war bei Oma"

"So lange?"

"Ja".

"Wie geht es ihr denn?"

"Och, ganz gut, sie hat es wieder mit dem Magen - aber ich soll auch schön grüßen."

Es folgte ein kurzes Schweigen.

Mein Vater sah mich durchdringend an, aber gleichzeitig meinte ich in seinen Mundwinkeln so etwas wie ein Lächeln zu
erkennen.

Ich glaubte schon, mit dieser phantastisch guten Ausrede jeglicher Strafe entgangen zu sein.

Doch dann wurde mir auf einmal heiß und kalt zugleich, als er in sanftem Ton sagte:

"Na, dann komm mal rein, Oma ist nämlich hier".

Es gab keine Ohrfeige, aber ich wünschte mir damals sehnlichst ein tiefes Loch im Boden, um dort zu verschwinden.

Ich hatte einen hochroten Kopf,als mein Vater mich nun in die Stube führte (denn schließlich musste ich ja Oma wenigstens begrüssen) hörte ich von ihr nur diesen Satz:

"Junge!"
"Was machst Duuuu denn für Sachen?"


(c) K. Briesemeister/2003

 

Hmm,
die Geschichte ist ja ganz nett, wenn auch nicht allzu humorvoll, da sie sehr vorhersehbar ist und dem Leser ziemlich bald klar wird, wie sie später endet.
Dann habe ich mich ein bisschen über die Zeitenwahl am Anfang der Geschichte gewundert. War das Absicht oder Versehen?
Alles in allem würde ich sagen, die Geschichte sollte vielleicht noch einmal überarbeitet werden, entweder mit der Intention, die Pointe etwas hinauszuzögern, oder auch damit, die Art des Textes zu ändern, z.B. ließe sich ein Experiment mit den Zeiten durchführen oder es könnte auch zu einem Gesellschaftstext mit der Moral, das Lügen schlecht ist, werden.

Arthuriel

 

Hallo Klaus,

die Geschichte ist eine dem täglichen Leben entnommene Situation, die jedem, der die Pubertät hinter sich gelassen hat, bereits aus eigener Erfahrung bekannt sein dürfte - mit kleinen Abwandlungen. Aus diesem Grund ist auch der Ausgang der Geschichte absolut vorhersehbar.
Soll nicht heißen, dass sie schlecht ist. Du schreibst durchaus flüssig und ansprechend, nur entspricht der Inhalt der Geschichte dem, was junge Leute von älteren als (üblicherweise lästige) moralische ´Belehrung´ zu hören bekommt und was in der Regel so schnell wie möglich übergangen wird. Genau so empfand ich: schon zig-Mal gehört.

Im Bereich Humor ist es eher unter den Begriff ´alte Kamellen´ einzuordnen, in Gesellschaft ebenso. Ein anderer Bereich fällt mir dazu nicht ein, ergo: haut keinen vom Hocker, fesselt aber auch niemanden daran.

Fazit: Autor schreibt gut, sollte aber nach anderen, interessanteren Themen Ausschau halten.

Bitte nicht missverstehen. Will mit meiner Kritik nicht niedermachen, sondern versuchen, den Blick auf den Zeitgeist zu richten.

Gruß vom querkopp

 

Hi Rubinstein und Querkopp
Danke für die Kritik.
Bei der Geschichte handelt es sich um ein echtes persönliches Erlebnis.
Wenn ich sie erzählt hatte, waren die Leute
immer sehr überrascht über den Schluss, und haben laut gelacht - vielleicht, weil sie weniger Zeit hatten - so wie ihr beide - den Schluss vorauszuahnen.
Das ist interessant.
Man kann also eine kurze Erzählung, die mündlich immer Erfolg hatte nicht einfach in eine schriftliche Form bringen, die ebenfalls Überraschung erzeugt.
Fast ist das vergleichbar mit der Malerei: Ein abgemaltes Foto - wenn es zu realistisch wird - hat keinen Phantasiewert mehr.
So ist es hier wohl auch.

Rubinstein: das mit der Zeitwahl habe ich noch nicht verstanden. Kannst Du das
am Beispiel klären? Ich hatte vor, alles
in der 1. Vergangenheit zu schreiben.

Querkopp: Lies mal bitte meine anderen
Geschichten, indem Du einfach nach meinem Namen und Autor sortiert suchst.
Du findest unter Horror z.B. was.

Mir ist klar, dass Du mit Deiner Kritik nicht niedermachen willst - mir kann jeder sachliche Dinge schreiben so wie Du.

Eine unerwünschte Belehrung Jugendlicher
kann ich allerdings in meiner Story nicht erkennen - und sie ist mit Sicherheit nicht beabsichtigt - auch wenn ich den Leser da mal ausnahmsweise duze - das war nur ein Experiment.

Gruss
Klaus

 

Hi,
hier ist zum Beispiel ein Satz:

Wir hatten allen möglichen Blödsinn veranstaltet, wie z.B. das Weglaufen aus den Eingängen fremder Häuserblöcke (wo wir natürlich zuvor alle Klingelknöpfe auf einmal betätigt hatten), wir hatten unterwegs Gartenzäune überstiegen um Äpfel zu klauen und alles das, was Du früher bestimmt auch gemacht hast.
Hier Plusquamperfekt, was merkwürdig klingt, im nächsten Satz, ohne wirkliche Zeitänderung, Präteritum. Es handelt sich weniger um Vorzeitigkeit als um eine ganz normale Abfolge. Eine passende Kombination aus Perfekt und Präteritum für eine Geschichte in der Vergangenheit ist normalerweise üblich und besser. Es klingt sonst sehr seltsam und kann teilweise sogar nerven.
Und, genau wie Querkopp, will ich dir auch nichts böses, das hier ist mir nur beim Lesen aufgefallen.
Arthuriel

 

Mir ging diese Geschichte runter wie Öl. Nein, das ist kein Lob - ich weiß nur nichts damit anzufangen. Hättest es bestimmt mit etwas Ranzigkeit würzen können.

Du schreibst, Du hättest das wirklich erlebt. Das wusste ich leider mit den ersten Sätzen. Der mündliche Bericht und die erzählende Niederschrift sind einander völlig fremde Welten, da hast Du Recht. Will man von einer in die andere, gehört IMHO bedeutend mehr dazu, als zwischen Laut und Lettern zu wechseln. Möchte ich etwa etwas Niedergeschriebenes vorlesen, sollte ich zum Beispiel die Miene spielen und die Stimme wogen lassen. Will ich hingegen etwas bisher mündlich Überliefertes niederschreiben, wie hier einen Bericht / ein Erlebnis, würde ich ihn mit großzügig mit narrativen Elementen und Stilmitteln anreichern, damit das Lesen an sich schon Spaß macht, sonst kann man ja bei dem mündlichen Medium bleiben. Außerdem würde ich den Prot deutlicher zeichnen, als man es in der mündlichen Unterhaltung zu tun pflegt - ja, auch bei so einer kurzen Humoreske. So kann sich der Leser jedenfalls besser mit dem Protagonisten identifizieren, weißt Du ja.

Sonst konnte ich an keiner Stelle nicht mal die Mundwinkel verziehen, sorry. Vielleicht hauchst Du deiner Geschichte noch ein bisschen Geschichtenhaftigkeit ein? :shy:


FLoH.

 

Hi Rubinstein und Floh.
Rubinstein:
-----------
danke für den Hinweis über den Zeitwechsel.

Jetzt habe ich es verstanden.

Selbstverständlich gilt auch hier, dass ich Kritiken immer ernst nehme, und Dein Beitrag hat mir die Augen für noch mehr zukünftige Sorgfalt geöffnet.

Ich werden den Artikel dahingehend abändern.

Floh:
------
a)was bedeutet IMHO? (nach meiner Meinung?)
b)was sind genau narrative Elemente?
Im Lexikon heisst es lapidar:
"erzählend, in erzählender Form darstellend."
Habe ich denn nicht erzählt?
Bitte gib mal einen beispielhaften Satz für diese Geschichte, dann habe ich auch das kapiert.

c)ich wage es nicht zu fragen, aber das Wort Prot kenne ich auch nicht, habe es hier aber schon oft gelesen.
Ich vermute eine Abkürzung für Protagonist (zentrale Gestalt), aber ich
bin mir nicht ganz sicher.

Ich bitte Euch um Nachsicht für soviel Unbildung, aber wer nicht fragt, wird nie schlauer - und genau das möchte ich doch.
Im Übrigen, Floh, ist auch Deine Kritik durchaus lehrreich+willkommen+sachlich gewesen.

Ich danke Euch beiden.

Gruss
Klaus

 

Hallo Klaus,

a) engl. in my humble opinion = meiner bescheidenen Meinung nach

b)narrative Elemente sind Bausteine in einer Geschichte, die sie als Erzählung kennzeichnet.

Ein total anti-narrativer Satz ist der erste:

Na, also es mag schon bald 50 Jahre her sein, aber diese Peinlichkeit werde ich wohl nie vergessen
Warum? Dreierlei:
1. die umgangssprachliche Floskel ("Na, also...")
2. die persönliche Schätzung ("es mag schon...")
3. Hinweis auf die Zukunft ("werde ich wohl...")

=> Es war bereits fünfzig Jahre her, aber diese Peinlichkeit habe ich nie vergessen.

Narratives Mittel Nr. 1 ist die durchgängige Verwendung von Vergangenheitsformen. Das hast Du gemacht keine Frage, doch solche Worte wie "Irgendwann" (in diesem Kontext) oder "Kurz und gut" zerstören imho das erzählerische Flair und ich fühle mich von einem ungenehmen Saufbold im Stadium der Redseligkeit an den Stammtisch gefesselt.
Andere Mittel sind die Rückblende oder der Vorgriff. Mit solchen Dingen kann man bestimmt aus der langweiligsten Alltäglichkeit ein Feuerwerk der Spannung machen.

Aber, wie mir gerade einfällt, kannst Du natürlich ganz darauf pfeifen und die Geschichte in der Gegenwart aufziehen, was allerdings schwerer fällt (für mich zu mindest.

c) Yep.

Im Übrigen, Floh, ist auch Deine Kritik durchaus lehrreich+willkommen+sachlich gewesen.
Puuh, da bin ich ja froh. Denn ich kam mir selbst viel zu oberlehrerhaft vor :shy:.


FLoH.

 

Hallo Klaus,

ich finde deine Geschichte locker und heiter; es hat Spass gemacht sie zu lesen.

Gruss,..rab5

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo Floh und rabeck5

rabeck5
-------
Was soll ich gross sagen, wenn
du meine Geschichte locker und heiter findest.
Ich freue mich einfach sehr darüber -
jede Geschichte die man schreibt ist es schon wert, wenn man wenigstens einem eine Freude damit gemacht hat.

Das hat aber ganz bestimmt damit zu tun, dass ich zuvor schon aufgrund einiger Kritiken etwas verbessert habe.

floh:
-----
Du kannst sehr gut erklären - IMHO, lach.
Auch die Bildung einer narrativen Kette ist mir verständlich.

Mulmig wird mir allerdings bei Deinem verbesserten Satz:

=> Es war bereits fünfzig Jahre her, aber diese Peinlichkeit habe ich nie vergessen.

Irgendwie klingt das merkwürdig.

Wenn etwas fünfzig Jahre her war, dann ist es doch jetzt nicht mehr 50 Jahre her, sondern es war (irgendwann einmal)
50 Jahre her (meinetwegen ist es z.B. heute 60 jahre her).

Da ich aber doch JETZT sagen will, dass es 50 Jahre her i s t, da befinde ich mich doch sprachlich genau an einem Punkt; wo ich aus der Gegenwart (aus dem Jetzt) etwas über die Vergangenheit sagen will.
Insofern möchte und kann ich noch sagen:
=> Es IST bereits fünfzig Jahre her, aber diese Peinlichkeit habe ich nie vergessen.

Vielleicht könnte man dieses Problem auch leichter mit diesem Satz klären:
"Obwohl es schon 50 Jahre her ist,
habe ich diese Peinlichkeit bis heute nicht vergessen."

Darauf habe ich erst einmal den Satz in der Geschichte geändert.

Das wäre sinngemäß ja dasselbe.
Könntest Du damit leben?

Ich verstehe auch, dass narrative Elemente in einer Form zu sein haben -
aber gerade hier scheint das wohl das schlechte Beispiel zu sein.

Überlege das bitte noch einmal.

Danke für Deine Kritik - wer die nicht vertragen kann, der ist selbst schuld.

 

Hallo Klaus,

das „ist“ am Anfang wäre auch in Ordnung gewesen. „Obwohl“ ist aber passender.

„Als mein Vater mich, der ich einen ...“ - günstiger ist `Ich hatte einen hochroten Kopf, als mein Vater mich ... „.

Ansonsten ist Deine Geschichte halt eine kleine, persönliche Anekdote, vielleicht ganz gut für ein Familienjubiläum.

Tschüß... Woltochinon

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo Woltchinon,
danke für den Hinweis, ich war schon ganz verwirrt, weil alles andere, was floh sagte,ja richtig war.
Den Satz ("Mein Vater...") habe ich umgestellt, gefällt mir auch besser.

Ja, es ist nur eine kleine Anekdote, und
doch waren die Kommentare dazu sehr lehrreich.
Immer wieder zeigt sich, dass man ein "Werk"und wenn es noch so klein
ist, auch mal anderen zeigen muss, bevor
man überhaupt damit an die Öffentlichkeit geht.
Dieses Forum ist schon eine sehr gute Einrichtung.
Was mich bei der Gelegenheit ja mal interessieren könnte, wäre das Honorar, welches die einzelnen Autoren wohl bekommen, die die Ehre haben, in das Kurzgeschichtenbuch aufgenommen zu werden....

Gruss
Klaus

 

Die bekommen gar kein Honorar, nehme ich an. Die werden sogar beschnitten: Ihre Geschichte wird aus dem Forum gelöscht, prima, oder?

Das ist auch der einzige Grund, warum ich mir das Buch bis heute nicht gekauft habe und auch nicht tun werde.

Das ist wohl ein kleiner schwarzer Fleck in meiner Liebe zu kg.de.

Würde mir einer antragen, dass von meinen Geschichten eine ins Buch genommen wird, müsste man daher kräftig mit mir verhandeln. (es sei denn mich fängt die Ruhmsucht).

Der Anfang Deiner Geschichte erinnert wirklich an eine Geschichte, nur der Rest leider immer noch nicht. Entweder korrigiere das, oder begründe bitte, warum nicht.

Mit dem ersten Satz streite ich mich immer noch. Soll ich Dir was sagen? Ich finde ihn sowieso redundant, er kann meines Erachtens wirklich unter den Rotstift. Über den Fehler, die Geschichte nach der Hauptpointe ("...Oma hier...") nicht schließen zu lassen, will ich nur deshalb nicht hinwegsehen, weil ich ihn in meiner letzten Geschichte auch gemacht habe und mich nicht von trennen kann. Vielleicht machst Du es besser als ich? ;)

Wenn das meine Geschichte wäre, würde ich nicht den kleinsten Hinweis darin einbinden, dass Erzähler = Autor ist. Und soll ich dir was sagen? Auch in dieses Fettnäpfchen bin ich bei meiner letzten Geschichte getreten, wo ich mich mit meinem wirklichen Namen selbst eingebunden habe. Das habe ich in der Revision korrigiert, habe mir einen schönen telling name ausgedacht und gut ist. Nein, das hat mich erstens irritiert und zweitens habe ich mir gedacht: Das geht doch unter die Würde des Autors! Ich hätte mein "Peinlich, Peinlich", wofür ich übrigens einen schlüsselhafteren Titel gewählt hätte, wie eine ganz normale Geschichte aufgezogen, auf keinen Fall wie einen Stammtisch-Anektod. Das muss dem Humor nicht abträglich sein, vielmehr wirkte es so ungezwungener. Dein Text riecht mir nämlich doch ein bisschen nach: "Ich erzähl euch jetzt etwas Lustiges, hoho!"

Was mir noch aufgefallen ist:

"Es ist 22.30 Uhr"
Findet ihr das etwa nicht merkwürdig, einem Kind die Zeit im Digitalformat zu sagen? Das mach ich nicht mal zu Erwachsenen! Hier hätte ich auf jeden Fall "halb elf" geschrieben, aber darüber lässt sich streiten.

Fazit: Mit dieser Geschichte habe ich so meine Probleme, aber das heißt nicht, dass ich sie nicht schlecht finde! Ein paar erzählerische Fehler ausgemerzt und schon mein Prädikat "gern gelesen" verdient ;).


FLoH.

 

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