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Paradox: Die Maschinistin
Es war eine Woche nach der Ernte, die beste Zeit, über den Kauf von Mehl zu verhandeln.
„Wir benötigen 12 Säcke im Monat“, sagte Nariel und zeigte ihrem Vater eine Seite von dem Buch, daß sie seit einem Jahr mit allen möglichen Zahlen voll schrieb. „Darüber wird es zu teuer, weil sie den Rest selbst brauchen; darunter lohnt sich der Transport nicht.
Nagrond blätterte in dem Buch. Es war ihm ein Rätsel, wie Nariel aus dem Zahlengewirr 12 Säcke folgern konnte, aber im letzten Jahr waren seine Gewinne deutlich gestiegen. Nicht daß Gewinne viel bedeuteten, aber vielleicht würde ihm das Gelegenheit geben sie mit einem verarmten Adligen zu verheiraten. Nagronds andere Kinder waren in den Tempel oder zur Armee gegangen. Und seine jüngste Tochter war schon immer ein wenig seltsam; sie zeigte für überhaupt nichts Talent oder zumindest Interesse. Erst als er sie auf eine Handelsreise mitnahm, zeigte sich ihr Talent für Zahlen.
„Brauchst Du mich noch?“ frage Nariel. Ohne eine Antwort abzuwarten, lief sie in Richtung einiger Kinder. Es war Nagrond überhaupt nicht recht, daß seine Tochter mit Menschen spielte, aber ihr etwas zu verbieten war sinnlos. Wenigstens hatte sie nicht ständig ihre Nase in Büchern.
„Sechs zu eins!“ rief der größte der Jungen triumphierend, als er den Strohball zwischen zwei Steinen durch trat und fuhr sich wie jedes mal durch seine nussbraunen Haare.
„Natürlich gewinnt ihr, ihr seid ja auch zu dritt“, sagte ein Mädchen mit Sommersprossen.
„Da kommt wer“, sagte der kleinste Junge und schob sich seine übergroße Mütze aus den Augen. Aus der Richtung, in die er zeigte lief ein Mädchen auf sie zu. Sie trug ein weißes Kleid und hatte lange blonde Haare mit zwei langen Fransen, die ihr ins Gesicht hingen; eindeutig niemand aus dem Dorf. Als sie näher kam, sahen die Kinder auch die spitzen Ohren. Elfen waren in der Gegend kein ungewohnter Anblick, aber sie hatten noch nie eine gesehen, die so groß war wie sie selbst.
„Willst Du mitspielen?“ fragte das sommersprossige Mädchen, „Dann sind wir auch zu dritt.“
Die Elfe antwortete in einer fremden Sprache. Nach einer Pause antwortete sie in der Händlersprache. Als sie merkte, daß die Kinder sie immer noch nicht verstanden, trat sie gegen den Ball. Die Geste war eindeutig. Sie spielten eine halbe Stunde, bis sie ein lautes Pfeifen hörten.
Nariel hatte noch nie ein solches Geräusch gehört, noch konnte sie sich ein Tier vorstellen, das es verursachte. Es ließ ein weiteres Pfeifen hören, offenbar kam es näher. Jetzt konnte Nariel ein Schnaufen hören, was immer es war, es musste gleich um die Biegung der Straße kommen. Nariels Angst und Neugierde rangen miteinander. Dann kamen auch noch die Leute mit vollen Säcken aus ihren Häusern. Hatten sie etwa vor, das Untier zu füttern? Jetzt war sich Nariel sicher, daß sie es sehen musste. Es bog mit einem lauten Getöse um die Ecke; Nariel blickte auf einen Koloss mit einer braunroten Haut, auf dem ein kleiner Mann saß, der ihn lenkte. Sie hätte niemals gedacht, daß ein solches Ungetüm überhaupt existieren könnte. Der Reiter brachte es mitten auf dem Dorplatz mit einem Zischen zum stehen. Aus dem Wagen, den es zog, stiegen zwei weitere Männer und halfen den Leuten, die Ähren aus den Säcken in den breiten Mund auf dem Rücken des Monstrums zu schütten.
Jetzt erkannte Nariel, daß es gar kein Tier war, sondern eine Maschine und ohrfeigte sich innerlich selbst für diese Dummheit. Das musste ein zwergischer Dampfdrescher sein. Folglich waren die drei Männer Zwerge. Nariel kannte Zwerge nur aus den Geschichten ihres Großvaters, da hieß es aber, daß alle Zwerge Bärte, die fast bis auf den Boden reichten, hatten.
Ein langes Rohr spie Rauch in die Luft, während die zahlreichen Räder und Stangen unablässig arbeiteten. Ein Zwerg schaufelte Kohle in die Feuerbüchse, kontrollierte ein paar Pfeile, die sich vor weißen Tafeln bewegten und drehte gelegentlich an einem Rad. Der zweite half den Menschen das Getreide in den Trichter zu schütten. Der dritte beaufsichtige die anderen beiden und ließ jedes der Kinder an der Pfeifenkette ziehen. Nachdem alle einmal gezogen hatten, wurde ihnen langweilig und sie spielten weiter, doch Nariel hatte nur noch Augen für die Dreschmaschine.
Erst mal keine Kohle mehr!“ rief Glem dem Heizer zu. Zwei Jahre und Glem musst ihm immer noch die einfachsten Sachen erklären. Er mochte es sehr, mit seiner Dreschmaschine durch das Land zu fahren und junge Maschinisten auszubilden, aber irgendwie hatte er die beiden größten Orkhirne der gesamten Purpurberge erwischt. Erst jetzt fiel ihm auf, daß eines der Kinder immer noch vor der Maschine stand.
Als moderner Zwerg wusste Glem natürlich, daß die ganzen Geschichten, die von den Alten über Elfen erzählt wurden unmöglich alle stimmen konnten. Dennoch hatte er Schwierigkeiten, Elfen und Maschinen in seinem Kopf zu vereinbaren. Sicher nur jugendliche Neugierde, er selbst war als Kind gerne auf Bäume geklettert, bis er diese Unsitte aufgegeben hatte.
„Mehr Kohle, der Druck wird zu niedrig!“ rief er dem Heizer zu.
Als sie nach einer halben Stunde keine Anstalten machte zu gehen, beschloss er sie anzusprechen.
„Wirklich ein Prachtstück, nicht wahr? Man merkt kaum, daß sie schon fünfzig Jahre auf dem Buckel hat“, sagte er und schlug mit der Flachen Hand auf die Verkleidung, worauf sich ein Nebel aus Rost löste.
„Haben Sie die Maschine gebaut?“ fragte sie.
„Zusammen mit meinem Vater. Für meinen Sohn habe ich ein funktionierendes Modell der Maschine gebaut.“
„Glauben sie, ich könnte auch so eine bauen?
Normalerweise hätte er diese Frage mit ‚Ja’ beantwortet und dem Kind ein Buch, von dem er immer ein paar auf dem Wagen hatte, gegeben. Aber diese Person würde das Buch sowieso nicht verstehen. Er musst versuchen, das Gespräch zu beenden, ohne allzu unfreundlich zu werden. Wie jeder wusste, war die beste Art Kobolde loszuwerden, sie zu langweilen, vielleicht funktionierte das auch mit Elfen. Also erzählte er ihr, daß ein Liter Wasser 1600 Liter Dampf ergibt, wie sich aus den ersten Saugfässern über Dampfpumpen die modernen Dampfmaschinen entwickelten, daß Maschinisten aus Sicherheitsgründen nur kurze Bärte tragen durften. Seine Ausführungen hatten nicht die erwünschte Wirkung, sie wollte immer mehr hören. Wenn doch seine Assistenten nur auch so aufmerksam wären. Er erklärte weiter, wie der Dampf aus dem Kessel den Kolben bewegte.
„Ich glaube, der Druck wird zu hoch“, stellte Nariel fest.
Glem sah auf die Anzeigen, sie hatte Recht.
„Wenn man mal für ein paar Minuten nicht hinsieht! Holt gefälligst die Kohlen Raus! Wollt ihr den Kessel zerknallen!?“ brüllte er.
Hastig drehte er an den Ventilen, während die anderen die Kohlen heraus ragten. Nach ein paar Minuten wischte er sich erleichtert den Schweiß von der Stirn.
Wie Du siehst, habe ich zu tun. Und schlag Dir die Sache am besten aus dem Kopf, ich bringe niemandem ein Handwerk bei, dass ihn nicht ernähren kann.“
„Viele von den Bonzen tragen neuerdings Taschenuhren, aber es gibt niemanden, der sie reparieren kann. Viel komplizierter als eine Dampfmaschine kann das auch nicht sein.“
„Du gibst wohl keine Ruhe. Na meinetwegen.“ Glem ging zu dem Wagen und kramte eine kurze Weile darin herum. Schließlich kam er mit einem zerfledderten Buch wieder. „Die wurden eigentlich übersetzt, um Assistenten die Händlersprache beizubringen. Das eins klar ist, damit tue ich dir keinen Gefallen.“
Nariel nahm das Buch und blätterte darin rum.
Nagrond betrachtete seine Tochter, die neben ihm auf dem Wagen saß. Sie hatte sich wieder schmutzig gemacht. Er musste aufhören, sie auf Reisen mitzunehmen, bevor es zu spät wahr, ihr solche Sachen wieder abzugewöhnen.
„Wenn ich groß bin, werde ich Maschinistin“ erklärte sie.
Es war zu spät.