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Orwells Welt im Negativ

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30.09.2002
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Orwells Welt im Negativ

Als der Bus sein Tempo verringerte und schließlich anhielt und als der Fahrer im Clowngestüm grinsend verkündete Nur ein kleiner Stau, es geht gleich weiter. Und als ich in der Ferne, dort, wo die Autoschlange endete, die mannshohen Absperrungen und die Männer, die wie Ameisen wirkten, sah, wusste ich, dass die Zeit gekommen war. Gefasst und aufgewühlt zugleich stieg ich aus dem Bus und stellte mich in eine der bunt bemalten Telefonzellen, um meine Freundin anzurufen.
„Keine Zweifel?“ fragte sie, nachdem ich ihr das Geschehene geschildert hatte und hörte sofort, dass sie versuchte den wehmütigen Unterton in ihrer Stimme zu unterdrücken.
„Keine Zweifel. Der Zeitpunkt ist gekommen.“
„Okay meinte sie ich bin in zehn Minuten bei dir.“
„Bringst du es mit?“
„ Ja sicher. Es ist unser letztes Relikt, der Schlüssel zum Tor der Vergangenheit. Wie könnte ich es vergessen?“
Ich spürte, dass sie ein Träne unterdrückte und legte rasch auf. Lief zurück zum Bus, der noch immer auf dem selben Flecken Asphalt stand. Asphalt, der nicht mehr grau war, sondern blau oder gelb. Manchmal auch grün. Hauptsache farbig.
Während ich auf meine Freundin wartete, beobachtete ich den jungen Mann, der mir gegenüber saß. Er blätterte in einem Lifestyle-Magazin, stopfte sich eines dieser fettigen Würstchen in den Mund, die man seit neuestem in allen öffentlichen Verkehrsmitteln sogar gratis bekommt, und pfiff den Sommerhit, den alle unentwegt pfiffen. Auf der Straße. Im Büro. Im Restaurant. Geschaffen in Laboren, um jeglichen Unmut mit heiteren Tönen fort zu spülen.
„Wissen sie eigentlich, dass wir einer ständigen Bedrohung ausgesetzt sind und dass diese Bedrohung jeden Moment in bittere Realität umschlagen kann?“
Der junge Mann warf mir nur einen irritierten Blick zu.
„Sie sind wohl verrückt? Bedrohung? Wo? Ich weiß nichts von einer Bedrohung, also gibt es sie auch nicht.“
„Wie denn auch?“
„Was meinen sie damit?“
Ich spürte das wache Auge der Kamera in meinem Rücken.
„Sie schauen sie doch jeden Tag diese Sendungen im TV an. Talkshows, glitzernde Galas, Comedy?“
„Ja sicher. Wer tut das nicht?“
„Und sie treffen sich jeden Abend mit Freunden in ihrer Stammkneipe, um ihr Freibier zu trinken, das es ebenfalls gratis gibt.“
„Ja, ja. Wie jeder hier.“
„Und sie fahren jedes Jahr in den Süden, weil der Staat ihnen Rabatte gewährt.
Sicher. Worauf wollen sie hinaus?“
Er schien tatsächlich interessiert zu sein.
„Worauf wollen sie hinaus“ fragte er noch einmal, als ich ihm nicht sofort antwortete.
Die Kamera hatte mich fixiert und ich wusste, dass mir nicht mehr viel Zeit zu sprechen blieb.
„Nun ja, wie sollten sie auch von einer Bedrohung wissen. Sie sind ja zufrieden. Zufrieden in und mit ihrer kleinen, schillernden Welt, es gibt also keinen Grund sich über irgendetwas Gedanken zu machen.“
Nur ein kurzes Stirnrunzeln, dann rauschte der Sommerhit popbunt durch den Bus und wie auf Kommando sprang mein Gegenüber auf und begann zu tanzen. Wie die anderen Fahrgäste. Und nach wenigen Sekunden bildete er mit ihnen ein wildes Knäuel, das durch den Bus hüpfte und denen das Wort Bedrohung fremd war. Ein Knäuel, das mich verärgert anblickte, weil ich sitzenblieb. Aber nur deshalb wusste ich von unserem Ende. Weil ich sitzengeblieben war, als alle anderen aufgestanden waren und einem System folgten, das sich die Schwäche des Menschen zu Nutze gemacht hatte: Niemand war leichter zu manipulieren.
Ich starrte aus dem Fenster in die schillernde Welt. In der Ferne leuchtete ein Riesenrad, links der Straße blinkten bunte Reklametafeln. Menschen saßen in ihren Autos und lachten, weil sie nicht anders konnten. Ich hasste sie nicht, die Welt. Ich hasste die Menschen, die ihren Zustand zu verantworten hatten. Und das waren nicht die Menschen, die ich dort sah. Jedenfalls nicht nur.
Meine Freundin tauchte in der Autokolonne auf und lehnte ihr Fahrrad an den Bus . Sie wirkte aufgewühlt, taumelte fast resigniert hinein, versuchte jedoch gefasst zu wirken, als sie sich zu mir setzte. Die tanzenden Menschen nahm sie gelassen zur Kenntnis. Wie ich hatte sie sich an den Anblick ausgelassener Massen gewöhnt. Abgefunden hatte sie sich damit lange Zeit nicht.
„Ich habe Rauchwolken aufsteigen sehen, noch ein ganzes Stück hinter den Absperrungen. Kann sein, dass sie noch etwas länger brauchen, bis sie hier sind.“
Sie sagte das so nüchtern wie möglich, doch wusste sie genau, dass ihr Vorhaben zum Scheitern verurteilt war.
„Ja, das könnte sein. Vielleicht brauchen sie noch eine Stunde. Vielleicht zwei. Vielleicht ist es aber besser, sie lassen sich nicht allzu lange Zeit. Ich glaube, ein kurzer Abschied wäre das beste für uns.“
Wir schwiegen einen kurzen Moment.
„Mark?“ In ihrem Blick lag der Ausdruck eines letzten Wunsches. „Ich möchte hier nicht sterben. Nicht im Bus. Nicht unter Menschen.“
Nun war das Wort sterben zum ersten Mal gefallen. Wir hatten es bisher gescheut in der kranken Hoffnung, es würde noch einmal an uns vorüberziehen. In der Hoffnung, es sei alles gar nicht so schlimm. Nun sah es uns an und grinste überlegen. Und wir wussten, dass es nicht vorüberziehen würde. Ob wir es nun aussprachen oder nicht.
„Wo willst du denn hin?“
Sie überlegte einen kurzen Moment und antwortete dann „Ich bin vorhin an einem kleinen Hügel vorbeigefahren. Direkt hinter der Kurve. Bitte, lass uns dort hingehen! Keine Menschen, kein buntes Zeug.“
Ich nickte und wir verließen den Bus, schritten durch die Autoreihen und warfen den Menschen stille Blicke des Abschiedes zu, denn wir waren sicher, sie nie mehr wiederzusehen. Und obwohl die Menschen so waren, wie sie jetzt waren, freute uns der Abschied nicht. Nicht im Geringsten.
Der Hügel war ziemlich klein. Ein strahlende grüne, seichte Anhöhe, auf deren Kuppel einige Baumreihen standen. Die Sonne verlieh ihr einen majestätischen Glanz. Es passte nicht. Der Hügel nicht, das Wetter nicht. Schon gar nicht der Glanz. Alles war so schön. Vergänglich schön.
Wir setzten uns ins Gras und fassten nach der Hand der anderen. Wir wollten uns jetzt nicht mehr verlieren. Der Griff war fest.
„Hast du es dabei?“
Ohne zu antworten, kramte Nina in der Tasche ihres Rucksacks und fischte ein Foto heraus. Es war keines dieser überbunten, nachträglich kolorierten, strahlenden Hochglanzbilder, die sich jeder stolz einrahmte und ins Wohnzimmer hing. Nein, es war ein schwarz-weiß Fotos, aus der Zeit, als man schwarz-weiß Fotos noch nicht verboten hatte. Als die Medien noch nachdenklich sein durften. Als die Menschen noch ihre Toten beerdigen durften und sie nicht sofort abgeholt wurden. Als Albernheiten nicht am Fließband produziert und versandt wurden.
Das Foto war drei Jahre alt. Exakt 3 Jahre, 2 Monate und 5 Tage. Es zeigte uns beide an einem menschenleeren Strand, wie wir einfach im Sand lagen und die Sonne auf die Haut schienen ließen. Damals ging es uns wirklich gut und es war unser letzter unbeschwerter Urlaub.
Dieses Bild hatte so etwas einzigartiges. Heute existierten keine menschenleeren Strände mehr. Jedenfalls nicht, als die Reise dorthin noch gestattet wurde. Zwei Urlaube standen jedem Bürger zu. Jetzt entspannten sie sich in künstlichen Ferienparadiesen nahe der großen Städte und das gefiel ihnen sogar fast besser. Jedenfalls nahmen sie es ohne Murren hin und brachen jedes Wochenende mit vollgestopften Koffern dorthin auf.
„Ich liebe dieses Foto meinte ich ich glaube die Welt war besser, als es noch keine Farbfotos gab, auch wenn die meisten Leute das anders sehen. Damals kannte man die Farbe schwarz noch. Wann habe ich zuletzt etwas schwarzes gesehen?
Die Leute, die sehen doch immer etwas anderes, als sie eigentlich sehen sollten. Gut, Farbfotos sind noch natürlich. Die Welt ist Farbe. Aber all das andere ist künstlich hergestellt worden, um die Wirklichkeit zu verdecken. Wenn sie doch nicht alle so verdammt blind wären.“
Sie versuchte sich zu beruhigen, ich drückte ihre Hand und meinte, dass jetzt nicht die Zeit sei, um daran noch einen Gedanken zu verschwenden.
„Meinst du eigentlich, wir hätten das alles verhindern können?“ fragte sie. Ich hatte diese Frage immer gefürchtet und versucht ihr aus dem Weg zu gehen. Aber jetzt musste ich mich ihr stellen.
„Haben wir nicht alles getan? Haben wir nicht ständig unsere Freunde darauf aufmerksam gemacht, haben wir nicht ständig unsere Plakate aufgehängt, nicht ständig Flugblätter verteilt, bis man uns irgendwann geschnappt hat und erst wieder herausgelassen hat, als wir geschworen hatten, in Zukunft nicht mehr aus der Reihe zu tanzen. Es gibt da einen Song, da singt jemand: Try the best you can, the best you can is good enough. Ich denke wir haben alles getan.“
Ich spürte, dass es plausibel klang, doch ebenso spürte ich, dass es uns nicht weiterhelfen würden. Wir konnten uns noch so sehr in der Analyse der Vergangenheit vertiefen, ändern könnten wir ohnehin nichts mehr. Die Vergangenheit hatte Tatsachen geschaffen. Und das wusste auch Nina. Wir wussten beide, dass wir den Hunger nach Leben nicht mehr stillen konnten. Den Hunger nach Leben.
„Meinst du, dass die Erfindung des Farbfotos Schuld an allem ist?“
Ich stutzte. Darüber hatte ich bisher noch nie nachgedacht. Aber irgendwie konnte man doch nicht alles auf irgendwelche Erfindungen schieben? Nicht auf die Erfindung von Fernsehgalas. Von bunten Laser-Shows. Von Kinofilmen. Und all dem anderen bunten, unterhaltsamen Zeug.
„Ich denke, dass die Menschen nicht ganz unschuldig sind. Sie hätten sich nicht blenden lassen sollen. Sich nicht so schnell zufrieden geben sollen. Weißt du, ich glaube, diese Entwicklung hat ihren Anfang genommen, als die Menschen aufgehört haben, große Ziele zu stecken. Als sie der Zufriedenheit nicht mehr entweichen wollten. Wahrscheinlich hört man auf nachzudenken, wenn man zufrieden ist. Man wird sozusagen desensibilisiert, was versteckte Ungerechtigkeiten, bestimmte Fehlentwicklungen angeht. Warum auch. Schließlich geht es einem gut, da stört so was nur. Glaubst du nicht?“
Sie überlegte und meinte dann: „Du hast recht. Ganz gewiss sogar. Der Mensch muss ständig Fragen stellen, ständig etwas auszusetzen haben an seiner Situation. Sonst wird er träge. Sonst hört er auf überhaupt irgendwas zu denken und dann merkt er auch nicht mehr, was um ihn herum geschieht.“
Sie unterbricht kurz und setzt dann fort „Dann hat eigentlich alles mit dem Rückzug ins Privatleben begonnen.“
Sie nimmt meinen verdutzten Blick auf. „Verstehst du? Der Rückzug ins Privatleben bedeutet auch eine Beschränkung der Ziele. Die man schnell erreichen konnte, weil sie so klein waren. Ein schickes Auto. Ein Haus mit Vorgarten. Passable Nachbarschaft. Das ist doch heutzutage alles kein Problem mehr. Und wenn einem dabei noch geholfen wird.
Vom Staat zum Beispiel.“
Das ganze war erschreckend und doch hatten wir es bereits zum größten Teil gewusst. Dass hier jemand seine Finger ihm Spiel hatte. Dass hier jemand manipulierte. Dass hier jemand etwas verheimlichen wollte. ETWAS.
Als das erste feindliche Gefährt den Schutzwall durchdrang, als das erste Flugzeug am Horizont auftauchte und als die ersten Schüsse in der Ferne halten, wussten wir, dass das ETWAS uns erreicht hatte und sahen uns ein letztes Mal an und konnte nicht anders, als zu weinen. Das ETWAS war der Feind. Der Feind, der uns immer verheimlicht werden sollte, wie der Krieg den unser Land mit ihnen führte. Und nun ließ er sich nicht mehr aufhalten.
Unser Hunger war nicht gestillt und er würde nie mehr gestillt werden.

 

Hallo Sebastian!

Hm, gute Geschichte. Die Parallele zu "1984" ist klar erkennbar, zum Inhalt muss ich wohl nicht viel sagen - eine klassische Dystopie eben.
Eine Anmerkung zum Schluss allerdings: Erst sagst du, dass das "Etwas" das ist, das verheimlicht; im nächsten Satz, dass es das ist, das verheimlicht wird. Was denn nun? Der Staat oder der Feind? Klar, beide haben übergeordnete Macht und Kontrolle, also den gleichen Status, stehen aber auf entgegengesetzten Positionen. Da solltest du dich vielleicht entscheiden. Will es die Menschen blind halten oder vernichten? Eins geht nur.

Mfg
xka

 

Aber durch den Krieg verliert man ja nicht nur Geld...

Industrie wird ja angekurbelt

 

@Hank: Daran verdient die Waffenindustrie, nicht der Staat. Ich glaube kaum, dass diese ein Interesse daran hat, den Staat zu unterstützen...?

Mfg
xka

 

und wenn ein staatlicher Waffenproduzent waffen produziert?

 

Dann nennt man das Kommunismus und der Staat wird eh von Amiland bombardiert. :naughty:

Aber diese Diskussion hat nix mehr mit der Geschichte zu tun. Ich schlage vor, dass hier wieder mehr Platz gelassen wird für Kritiken. Da hätte der Autor bestimmt auch nix gegen...

Mfg
xka

 

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