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Nur eine Nacht
Ich spüre sie in meinem Arm. Erahne mehr, dass sie da ist, weil die Müdigkeit mitten in der Nacht jeden Gedanken wie im Nebel erscheinen lässt. Es ist viertel vor drei.
Irgendwie hatte ich diesem Abend entgegen gefiebert. Ich bleibe zwar immer relativ locker, wenn ich mich zum erstenmal mit einer Frau verabrede, aber sie versprach Besonderes. Allein deshalb, weil es das erste Treffen dieser Art seit zwei Jahren war.
Ich wartete am Bahnhof, war aber eine halbe Stunde zu früh. Rauchte ein, zwei Zigaretten und überlegte wie der Abend ablaufen konnte. Was ich wollte, war klar. Männliche Gedanken. Sie war 13 Jahre jünger und hatte einen hinreißenden Hintern, den ich mir täglich in der Uni anschauen musste. Ihre Ausstrahlung, ihre Bewegungen - alles war erotisch an dieser Lady.
Dann kam Sie, lächelte, man bemerkte nur leicht, dass sie nervös war. Verständlich. Studentin und Dozent, das allein sollte schon dafür ausreichen - auch wenn wir immer freundschaftlich und lustig miteinander umgingen, musste dies schon eine schwierige Situation für sie sein. Ziemlich viel Klischee auf einmal. Die Flirtphase hatte nur 10 Tage gedauert. Ein paar Mails mit Andeutungen, bei Plaudereien im größeren Kreis durch die Blume Bereitschaft für mehr deutlich gemacht, dann die Verabredung per sms geplant.
Sie regt sich in meinem Arm. Jetzt sieht sie so aus, wie ich sie mir gewünscht habe: Fast noch vollständig angezogen, die dunkle Hose von Flusen übersät, die Knöpfe geöffnet. Ein kurzes, verknittertes Leibchen über dem weißen BH. Die langen blonden Haare wild durch einander gewirbelt, Augenränder von der langen, schlaflosen Nacht. Verhurt. Sie schaut mich an. „Immer“ flüstert sie, ganz sanft, vorsichtig und verletzlich. Ich sage nichts.
Wir fuhren 50 Kilometer in eine Stadt, in der ich früher häufig unterwegs war, wo uns beide aber niemand kannte. Die Wohnung eines Freundes stand dort leer – auch das war ein Grund für diese Wahl. Wir fuhren mit dem Cabrio über Landstraßen, hörten ruhige Musik und plauderten. Distanz überwinden, sich warm reden, zusammen lachen und etwas Stimmung schaffen. Die ersten zwei Stunden.
Es wurde kälter. Wir fuhren zu einem netten Lokal, tranken etwas und sie bekam Erdbeeren mit Sahne und Zimt. Mit einem Strahlen in den Augen verschlang sie ihren Schatz und obwohl wir uns schon ein Jahr kannten, bemerkte ich erst jetzt wie süß sie war. So schön ihre Lippen. Ob ich sie heute küssen würde? Eigentlich konnte nichts schief gehen, wir hatten in den letzten beiden Tagen heftiger geflirtet, waren per sms anzüglich geworden und hatten per Mail auch schon locker über das gemeinsame Übernachten gesprochen.
Sie erzählte von vergangenen Männern, von der Familie und ihrem Leben – negative Erfahrungen waren genug dabei. Ich, mehr auf Zielkurs, redete von schönen Dingen, machte unsittliche Bemerkungen und beobachtete ihre Reaktionen. Was sie genau dachte, konnte ich nicht heraus finden.
„Mitnehmen“, flüstert sie in meinem Arm. Die letzten zwei Stunden waren sehr schön. Küssen, sanfte und vorsichtige Berührungen, Kuscheln. Kein Sex. Obwohl wir immer kurz davor sind. Sie wehrt im letzten Moment immer sanft ab, ich dränge nicht weiter. Ich spüre, wie ich mich selbst kaum noch halten kann, ich spüre aber auch, dass ihre Worte weiter gehen, als die Nacht heute und vielleicht noch eine Wiederholung bei Gefallen.
Schließlich verließen wir das Lokal und gingen an die frische Luft. Draußen sofort das Umarmen. Nachts um zwei auf dem vollkommen stillen Parkplatz. Wir waren die Letzten, nur das Barpersonal stand noch drin. Wir umarmten uns im Regen, küssten uns heftig und gingen dabei verschlungen langsam zum Wagen, bis ich spürte, wie sie mich gegen die Wagentür drückte. Erregung schon nach Sekunden. Kein Beobachten mehr, nur noch fühlen und küssen, kein Streicheln sondern feste Berührungen.
Lippen auf Lippen, Hände auf Körper. Sie öffnete mein Hemd, ich streifte ihr den BH ab. Berührte ihre Brüste, nein massierte sie fest. Dichter nieselnder Regen, alles nass. Hier auf dem Parkplatz? Wir hielten wieder inne. Das Barpersonal kam heraus. Kurz standen wir äußerlich zer- und innerlich aufgewühlt im gleißenden Schweinwerferlicht der abfahrenden Wagen. Dann herrschte wieder die halbdunkle Stille.
Erregung bei den Gedanken an den Parkplatz. Gefühlt, was ich mir vorher nur in Tagträumen vorgestellt hatte. Spüre sie auch jetzt, wie sie langsam atmet, an der Zigarette zieht. Schaue an ihrem Körper hinab. Wie sich ihre Brüste unter dem Hemd heben, ihr Bauch ohne einen Makel, die leicht geöffnete Hose, den Ansatz des weißen Slips. Begehrenswert.
„Soll ich Dich in ein Bettchen bringen?“ fragte ich sie. Ohne zu sprechen, willigte sie ein, lehnte ihren Kopf beim Laufen an meine Schulter. Letztes Nachdenken war angesagt. Ich war die Tage bis zum heutigen Treffen unschlüssig. Sollst du es tun? Meine Lust, meine Neu-Gier, meine Erlebens-Gier schrien ja. Es war zu nah, warnte ich mich selbst. Der Job. Sie kannte meine Frau. Wenn etwas herauskam, stand meine gesamte derzeitige Existenz auf dem Spiel. Für eine Nacht?
Die Entscheidung fiel. Wann konnte ich mir schon einmal selbst etwas abschlagen? Das ich ein Miststück bin, war mir klar. Damit hatte ich noch nie ein Problem – solange es möglichst niemand erfuhr. Die Lust würde siegen. Ich ließ mich treiben und unternahm nichts dagegen. Das "dafür" würde von alleine kommen.
Sie dreht sich in meinem Arm, setzt sich auf und sieht mir in die Augen. Schön ist sie. Nicht das Gesicht aller Durchschnitte, das die meisten Männer - wissenschaftlich bewiesen - am schönsten finden. Aber die Lippen, die Augen, der Blick. Sie ist eine wirklich aufregende Frau. Aber ich spüre auch, wie verletzlich sie ist. Musik läuft im Hintergrund. Songs, die vor zehn Jahren mal aktuell waren.
Ich lerne sie weiter kennen, während wir uns wild küssen, uns berühren. Wie seltsam eine erste Berührung immer ist. Wenn man die gewohnte Distanz aufgibt, fremde Lippen auf den eigenen spürt, Finger, die nackte Haut berühren. Hören, wie jemand bisher ganz Fremdes atmet und seufzt, wenn man Hals und Nacken küsst. Ich lerne sie kennen, so als ob ich sie heute zum ersten mal in meinem Leben sehe. Wie anders ein Mensch doch ist, wenn er beginnt, sich fallen zu lassen.
Verschwommene Gedanken, geprägt vom Gefühl des Halbschlafes, von ruhigen, entspannten Minuten mit geschlossenen Augen. Dann wieder die Erregung erneuten Küssens und Berührens. Sie zu spüren, zu fühlen, wie sie mich spürt. Lust steigt auf. Alle Sinne nur noch auf den Körper gerichtet. Die Beobachtung der Situation aufgegeben.
Die Nacht wird länger und ich warte auf den nächsten Schritt, kann es kaum noch erwarten. Vorsichtig berühre ich sie tiefer und fühle ihre Reaktionen. Sie zieht mich an sich, wird wilder, heftiger. „Immer“ flüstert sie erneut. Ich gebe zum ersten Mal eine Antwort. Spontan, denn eigentlich darf ich es nicht tun, will ich haben, was ich begehre. „Immer geht nicht“, sage ich. Sie sieht mich kurz an. Wird wieder sanfter und ruhiger. Legt sich in meinen Arm. Sie zieht sich wieder zurück – nicht von mir – sondern weg vom Erotischen hin zur Geborgenheit. Dann wieder dämmern in der Musik. Eine nächste Zigarette zu zweit. Entspannung und Begreifen des Erlebten.
Wir schlafen gegen fünf Uhr ein. Unbefriedigt aber irgendwie zufrieden. Vier Stunden Schlaf, dann einen schlechten Kaffee aber ein gutes Gefühl in Herz und Bauch. Als sie zwischendurch kurz wieder einnickt, sitze ich auf dem Boden vor dem Bett, Kaffee, Zigaretten und beobachte sie. Ihre Augen geschlossen, die Haare wild, ihr Herz ganz still. Die Sonne scheint herein, Musik ganz leis, die Zeit hält inne. In diesem Augen-blick berührt sie mein Herz.
„Ich habe mich noch nie so geborgen gefühlt wie in dieser Nacht“, schreibt sie mir am nächsten Tag. „Gut das wir nicht weitergegangen sind“, antworte ich, „du weißt, dass du dich nicht verlieben darfst.“
„Das passiert auch beim Küssen und Kuscheln“, ist ihre nächste Nachricht.
Nein, wir haben uns nicht wieder verabredet „Es ist wahrscheinlich besser so“, lauten unsere letzten sms. Ich denke oft an diese eine Nacht.