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Nur ein Augenblick...
Tick
Die Sonne stand schon tief, und ihr rotes Licht ergoss sich über die erwachende Landschaft. Hier und da flog eine Amsel zeternd in den nächsten Baum. Die Zeit schien zu fließen wie ein golden schimmerndes Rinnsal.
Tack
Müde und irgendwie geborgen sog ich die feucht kühle Abendluft in meine Lungen und schloss die Augen. Eine leichte Brise streifte meine Haut und spielte mit ein paar vereinzelten Haaren.
Tick
Plötzlich durchbohrte mich ein Schrecken. Ich schaute auf die Uhr...
Tack
...schon so spät!
Tick
Ich komme zu spät!
Tack
Gehetzt rannte ich los...
Tick
...schaute immer wieder auf die Uhr...
Tack
...der Sekundenzeiger schreitete gnadenlos voran.
Tick
Ganz außer Atem...
Tack
...riss ich die Türe auf und...
Tick
...da stand er! Sein Kopf wandte sich der Türe zu. Unsere Blicke trafen sich. Die Welt hörte auf sich zu drehen, verschwamm wie ein Spiegelbild in einem See, in den man einen Stein geworfen hat. Alle Farben waren auf einmal so klar und kräftig, bildeten eine Einheit und tanzen miteinander, tanzten um ihn herum, verbanden sich mit ihm, durchdrangen ihn, durchdrangen seine Augen, die mich erblickten, deren Blick eine Glut durch meinen Körper trieb und Eiswasser durch meine Adern fließen ließ. Ein Schlag traf meine Brust und erschütterte meinen ganzen Körper, dass meine Beine nachzugeben drohten. Die Entfernung zwischen uns schmolz wie Eis in der Wüste, und er schien so unerreichbar nahe. Meine Blicke wollten sich mit ihm verketten und wollten ihn nicht loslassen. Nie mehr. Ich schien mich aufzulösen, drohte nicht mehr zu existieren, bevor ich in neuer stärkerer Kraft aufglomm und ein Feuer in mir aufloderte, um fordernd an mir zu zehren, um mich von nun an voran zu treiben, das ihm Schritt für Schritt näher sein wollte. Dann riss mein Stolz...
Tack
...mich weiter, und der Augenblick war unauslöschlich, vorbei.