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Niemandsland der Sinne
Ich lege mich auf den Boden und lasse mich ein auf das, was Menschen vordergründig als Behinderung empfinden würden. Möchte am äußersten Rand der ganzen Tragweite erfahren was es bedeuten könnte.
Ich schließe die Augen, winkle mein Bein an und klemme meinen Fuß unter den Po. Mit geschlossenen Augen dazuliegen und sich nur auf ein Bein zu besinnen ist ein seltsames Gefühl. Ich mache mir bewusst, nicht einfach aufstehen zu können. Ein wesentlicher Bestandteil meines Körpers steht nicht mehr zur Verfügung. Ich versuche mein Bein fehlen zu spüren, nur mehr das andere Bein belasten zu dürfen. Das nicht einsetzbare Bein erscheint mir nach einer Weile als nicht vorhanden. Ich versuche mich zu erheben und habe Mühe nicht wegzukippen. Es ist eine große Kraftanstrengung nötig um mich an Möbelstücken hochzuziehen. Das Erheben aus der liegenden in die aufrechte Körperhaltung ist nur mit Ausdauer möglich, das Körperempfinden sehr intensiv.
Ich lege mich wieder auf den Boden, balle die Zunge gegen den Gaumen, stelle mir vor sprechen zu wollen, es aber nicht zu können. Ersticke innerlich nach bereits kurzer Zeit am Rauswürgen wollen der Sprache die ich mir nun verwehre. Es fühlt sich seltsam beengend an, ich spüre Unvermögen mich auszudrücken, stehe angespannt auf um aufzuschreiben wie unangenehm dieser Drang ist Worte zu erbrechen. Dann fällt mir ein, dass keiner da ist außer mir. Ich könnte die Schreibtafel niemand hinhalten, kann mich aber mit meiner eigenen Stimme auch nicht zur Vernunft, zur Ruhe gemahnen. Nur innerlich, reichlich wenig, wenn man keine Wahl mehr hat als diese.
Ich binde mir ein Tuch vor die Augen, weil ich bei ihrem einfachen Schließen immer wieder blinzle, mich selbst austrickse. Jetzt ist es tatsächlich finster und ich bewege mich durch meine vertraute Umgebung. Vor meinem inneren Auge sehe ich wo ich mich gerade befinde, jedoch ist das geistige Bild nicht so bunt wie es der Raum tatsächlich ist, sehe mehr Grau- und Blautöne. Ich verschätze mich völlig in den Dimensionen. Einmal habe ich das Gefühl schon längst gegen die Eingangstür stoßen zu müssen, dann stolpere ich gegen den Tisch der mir noch viel weiter entfernt schien. Es ist ein ganz anderes Empfinden als sonst das Essbesteck aus der Lade herauszunehmen. Wenngleich ich diese Tätigkeit meist ohne viel hinzuschauen mit innerer Sicherheit erledige, fühlt es sich blind völlig anders an.
Ich lege mich wieder hin und stopfe mir die Finger in die Ohren. Es ist schwer zu sagen welches Empfinden vom Druck der Finger erzeugt wird, und was taube Menschen tatsächlich an Rauschtönen erreicht oder ob sie nur Stille erfahren. Für mich ist es eine ganz neue Art der Wahrnehmung. Es ist als bewege ich mich in einer anderen Atmosphäre, einer anderen Dichte. Ich kann es anders nicht erklären. Als würde das fehlende Hören mein Sehen verändern. Ich gehe auf die Dinge zu, betrachte alles viel präziser. Meine gemalten Bilder wirken eindringlicher als sonst. Der Regen fällt leise auf den Boden der Brücke, die ölverpinselten Menschen scheinen mir auf eine andere Art nahe zu sein. Aber auch die Leere des Zimmers meiner Tochter nehme ich anders wahr. Diese künstlich hervorgerufene Taubheit bewegt mich tief.
Ein harmloses Experiment des sich Hineinfallenlassens in Zustände die wir als Behinderung verstehen, ist wie das Betreten eines Grenzlandes. Solange man sich jederzeit wieder herausholen kann, es in der eigenen Macht liegt die Einschränkung zu beenden, ihr nicht ausgesetzt zu sein, ist es wie das Betreten eines wundersamen Niemandslandes. Man ist erregt, aufmerksam und voll wachsamer Erwartung. Aber anders als beim Reisen möchte man das Land jenseits der Grenze nicht aufsuchen, ist froh jederzeit die Heimat aller Sinne und köperlicher Möglichkeiten wieder betreten zu können.