Was ist neu

Niemandsland der Sinne

Mitglied
Beitritt
08.08.2002
Beiträge
888
Zuletzt bearbeitet:

Niemandsland der Sinne

Ich lege mich auf den Boden und lasse mich ein auf das, was Menschen vordergründig als Behinderung empfinden würden. Möchte am äußersten Rand der ganzen Tragweite erfahren was es bedeuten könnte.

Ich schließe die Augen, winkle mein Bein an und klemme meinen Fuß unter den Po. Mit geschlossenen Augen dazuliegen und sich nur auf ein Bein zu besinnen ist ein seltsames Gefühl. Ich mache mir bewusst, nicht einfach aufstehen zu können. Ein wesentlicher Bestandteil meines Körpers steht nicht mehr zur Verfügung. Ich versuche mein Bein fehlen zu spüren, nur mehr das andere Bein belasten zu dürfen. Das nicht einsetzbare Bein erscheint mir nach einer Weile als nicht vorhanden. Ich versuche mich zu erheben und habe Mühe nicht wegzukippen. Es ist eine große Kraftanstrengung nötig um mich an Möbelstücken hochzuziehen. Das Erheben aus der liegenden in die aufrechte Körperhaltung ist nur mit Ausdauer möglich, das Körperempfinden sehr intensiv.

Ich lege mich wieder auf den Boden, balle die Zunge gegen den Gaumen, stelle mir vor sprechen zu wollen, es aber nicht zu können. Ersticke innerlich nach bereits kurzer Zeit am Rauswürgen wollen der Sprache die ich mir nun verwehre. Es fühlt sich seltsam beengend an, ich spüre Unvermögen mich auszudrücken, stehe angespannt auf um aufzuschreiben wie unangenehm dieser Drang ist Worte zu erbrechen. Dann fällt mir ein, dass keiner da ist außer mir. Ich könnte die Schreibtafel niemand hinhalten, kann mich aber mit meiner eigenen Stimme auch nicht zur Vernunft, zur Ruhe gemahnen. Nur innerlich, reichlich wenig, wenn man keine Wahl mehr hat als diese.

Ich binde mir ein Tuch vor die Augen, weil ich bei ihrem einfachen Schließen immer wieder blinzle, mich selbst austrickse. Jetzt ist es tatsächlich finster und ich bewege mich durch meine vertraute Umgebung. Vor meinem inneren Auge sehe ich wo ich mich gerade befinde, jedoch ist das geistige Bild nicht so bunt wie es der Raum tatsächlich ist, sehe mehr Grau- und Blautöne. Ich verschätze mich völlig in den Dimensionen. Einmal habe ich das Gefühl schon längst gegen die Eingangstür stoßen zu müssen, dann stolpere ich gegen den Tisch der mir noch viel weiter entfernt schien. Es ist ein ganz anderes Empfinden als sonst das Essbesteck aus der Lade herauszunehmen. Wenngleich ich diese Tätigkeit meist ohne viel hinzuschauen mit innerer Sicherheit erledige, fühlt es sich blind völlig anders an.

Ich lege mich wieder hin und stopfe mir die Finger in die Ohren. Es ist schwer zu sagen welches Empfinden vom Druck der Finger erzeugt wird, und was taube Menschen tatsächlich an Rauschtönen erreicht oder ob sie nur Stille erfahren. Für mich ist es eine ganz neue Art der Wahrnehmung. Es ist als bewege ich mich in einer anderen Atmosphäre, einer anderen Dichte. Ich kann es anders nicht erklären. Als würde das fehlende Hören mein Sehen verändern. Ich gehe auf die Dinge zu, betrachte alles viel präziser. Meine gemalten Bilder wirken eindringlicher als sonst. Der Regen fällt leise auf den Boden der Brücke, die ölverpinselten Menschen scheinen mir auf eine andere Art nahe zu sein. Aber auch die Leere des Zimmers meiner Tochter nehme ich anders wahr. Diese künstlich hervorgerufene Taubheit bewegt mich tief.

Ein harmloses Experiment des sich Hineinfallenlassens in Zustände die wir als Behinderung verstehen, ist wie das Betreten eines Grenzlandes. Solange man sich jederzeit wieder herausholen kann, es in der eigenen Macht liegt die Einschränkung zu beenden, ihr nicht ausgesetzt zu sein, ist es wie das Betreten eines wundersamen Niemandslandes. Man ist erregt, aufmerksam und voll wachsamer Erwartung. Aber anders als beim Reisen möchte man das Land jenseits der Grenze nicht aufsuchen, ist froh jederzeit die Heimat aller Sinne und köperlicher Möglichkeiten wieder betreten zu können.

 

Hallo liebe Schnee.eule,

ich gebe es zu, andere Geschichten von dir haben mich weit mehr beeindruckt.
Hier beschreibst du sicherlich Erfahrungen mit Behinderungen, die man mit etwas guten Willen selbst machen kann, du beschreibst auch den Unterschied, den es ausmacht, jederzeit wieder zu seinen Sinnen zurückzukehren, aber mir erscheint diese Geschichte etwas routiniert.
Sie ist stilvoll geschrieben, keine Frage, sicher auch pädagogisch wertvoll, und doch fehlt ihr etwas, das mich mitfühlen oder mitdenken lässt.

Während meines Berufspraktikums im Blindenjugendheim hatten die Jugendlichen Spaß daran, als ich mit verbundenen Augen versuchte, alltägliche Beschäftugungen auszuführen. Trotzdem habe ich ein inhaltliches Bedenken, Behinderungen als Selbsterfahrung zu simulieren. Eines kann diese Form von Nachempfinden nicht leisten. Wenn du dir die Augen verbindest, hast du immer noch deine Erinnerung an die Farben, an die Formen.

Es tut mir leid, dir einen so negativen Kommentar zu schreiben, und zum Glück gibt es ja gerade von dir auch eine Menge Geschcihten, die mir gefallen.
Also freue ich mich schon jetzt darauf, dich wieder loben zu dürfen, und wünsche dir, dass diese Geschichte anderen Lesern wesentlich besser gefällt und mein Kommentar nur ein unmaßgeblicher Misston zwischen viele guten bleibt.

Trotzdem liebe Grüße,
sim

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo Sim!

Es ist schön, wenn du dir Gedanken zu meinem Beitrag machst, denn Lob möchte ich mich nie aussetzen dürfen, um dies z.B. nicht als Tadel verstehen zu müssen ;)

Ich habe versucht mich dem Thema nicht emotional, sondern aus der Perspektive der tatsächlich Unwissenden anzunähern. Dem Gefühl der Behinderung im alleräußersten Winkel meines Inneren zu begegnen, indem ich mich geistig mal darauf einlasse. Die wahre Bedeutung, die ganze Tragweite kann ich als nicht behinderter Mensch ohnehin nie begreifen.

Ich würde es nicht als Selbstversuch bezeichnen. Das wäre ein viel zu hoher Begriff dafür, sondern als leies Einfühlen. Und ich muss sagen, ich empfand es als sehr einprägsam. Die prinzipielle Vorstellung nicht hören zu können und es möglichst heraufzuprovozieren sind schon sehr unterschiedliche Zugänge für mich gewesen. Deine Arbeit mit behinderten Menschen prägt dein Bild natürlich anders, als mein spielerisches Umgehen damit. Was ich hier aufschrieb sollte niemals pädagogisch wertbar sein, keinerlei Anmaßung darstellen. Einzig mein Selbstverständnis vom Nichtbehindertsein einmal hinterfragen.

Alles Gute für dich - Eva

 

Hallo Eva!

Mir gefällt die kühle Distanz, mit der du die verschiedenen Situationen schilderst. Fast klingt alles ein wenig naiv. Eine Person testet verschiedene körperliche Beeinträchtigungen und beschreibt dabei - eben in ruhigem, distanzierten Ton - ihre Empfindungen, von denen sie teilweise schockiert ist und die sie teilweise auch nachdenklich stimmen.

Ich kann mich eigentlich nicht erinnern, einen vergleichbaren Text gelesen zu haben, obwohl wahrscheinlich alle von uns schon mal solche "Experimente" gemacht haben. Vielleicht wirkt die Geschichte deshalb auch irgendwie vertraut. In diesem Sinn ein großes Plus für die "Idee", die Empfindungen dabei zu beschreiben.

Mir ist aufgefallen, dass alle Absätze außer der letzte mit "Ich" beginnen. Das passt eigentlich ganz gut, weil es geht ja darum, eben dieses "Ich" - zumindest in der Vorstellung - einmal anders zu erleben.

Insgesamt ein mutiger Text, der mich durchaus auf seine seltsame Art beeindruckt.

lg
klara

 

Liebe Klara!

Fein, dass du reingeschaut hast. Wenn du mit naiv die Einfachheit umschreibst, liegst du ganz richtig. Ich habe mich geistig mit dem Thema auseinanderzusetzen versucht und mich gefragt, woran hindert es einen Menschen eigentlich, wenn er be - hindert ist? Unwillkürlich ging ich von der denkenden in die beschränkt handelnde Rolle über und stellte fest wie mühsam, aber auch erweiternd es ist, sich einmal auch physisch damit zu beschäftigen. Dieses Wiederspiegeln purer Empfindungen führt natürlich zwingend zu "Ich-Sätzen". Mir schien es aber wichtig diese nicht zu manipulieren oder weiterzugestalten, sondern sie in dieser Purheit stehen zu lassen.

Lieben Gruß an dich - Eva

 

Hallo Eva!

Schön, Deine Gedanken zu lesen. Dasintensive Wahrnehmen, das Verändern, die "Grenzerfahrung"... das kommt bei mir gut an.
Dennoch erscheinen auch mir viele Deiner anderen Texte eindrucksvoller, obwohl ich den ruhigen Fluss hier sehr schätze. Ich weiß nicht, woran es liegt...
Den Titel "Niemandsland der Sinne" finde ich übrigens sehr gelungen und stimmig. Niemandsland.

Alles Liebe
Anne

 

Servus Anne!

Nun woran es liegt, dass sich dieser Text von meinen Geschichten unterscheidet weiß ich schon.;)

Es gibt nichts wohin man sich verlieren kann, keine einfließenden Interpretationen. Die Problematik des Behindertseins ist leicht zu unterschätzen bzw. ebenso leicht kann man sich mit Mitleid nähern. Deshalb wissen die Menschen ja oft nicht wie sie einem fremden behinderten Menschen gegenübertreten sollen.

Ich wollte deshalb, wenn schon, dann nicht als Umweltbeteiligter von außen, sondern aus einem ganz feinen Haarriss der Eingeschränktheit heraus schreiben. Damit bleibt nur mehr die Realität und die ist anderes als meine Geschichten es sind.

Auch dir alles Liebe - Eva

 

Liebe Eva,
interessant, wie Du Dich mit dem Thema auseinandersetzt.
Ich bezweifle jedoch -wie Du ja auch in Deinen Kommentaren erwähnst- dass man sich ins "Behindertsein" hineinfühlen kann. Auch denke ich, dass man als "Nichtbehinderter" nicht die Grenzerfahrung machen kann, auch nicht in Gedanken.
Dennoch ein interessanter Text.
Grüße Heidi

 

Letzte Empfehlungen

Neue Texte

Zurück
Anfang Bottom