Neuland
Bevor man seine Zelte abreißt und den Lagerplatz verläßt, um nie wieder dorthin zurückzukehren, sollte man prüfen, ob man auch wirklich gehen will.
Ich habe die Heringe aus dem Boden gezogen, mein Zelt fein säuberlich zusammengelegt, meinen Lageplatz aufgeräumt und bin voll Enthusiasmus davongeschritten in einen dunkelroten Sonnenuntergang und in eine Zukunft, von der ich sicher war, daß sie schöner selbst als dieses Dunkelrot sein würde.
Jetzt bin ich hier und kann nicht mehr zurück. Ich kann es nicht, weil ich mein Gesicht verlieren würde, vor denen, die ich zurückgelassen habe. Außerdem weiß ich, daß es hier besser für mich ist. Es ist größer, pluraler, farbiger, aufregender, offener, atemberaubender, herausfordender, cosmopolitischer. Es ist Mehr. Es ist ich.
Aber es ist nicht Heimat. Ich kann nicht zurück. Ich habe vergessen, wo es ist, wo ich hergekommen bin. Ich bin so voller Zuversicht aufgebrochen, daß ich mir den Weg nicht gemerkt habe, ich habe meinen Lagerplatz so gründlich aufgeräumt, daß ich nicht mehr weiß, wie er ausgesehen hat. Mein kleines Zelt habe ich auf dem Weg mit jemandem getauscht, der genau in die andere Richtung wollte. Ich bekam dafür eine größeres, ein farbigeres, ein aufregenderes.
Ich weine, ich schaue in mich hinein, um etwas von diesem Ort in mir zu finden, so daß ich etwas Ähnliches suchen kann. Aber alles was ich entdecken kann, sind vage Umrisse, aus deren Silhouette ich nicht einmal schließen kann, ob Baum oder Stuhl, ob Fluß oder See, ob Gras oder Erde. Und es steigen Gefühle in mir auf, die ich dort durchlebt habe. Der Preis einer Erinnerung ist -so sagen die Leute- die Erinnerung an den Schmerz, die sie mit sich trägt. Aber selbst diese Erinnerung ist wunderschön. Sie ist nicht vage wie die Bilder, nein, sie ist atemberaubend. Doch es ist nichts da, an dem ich sie festmachen könnten. Und das macht sie trostlos.
Ich habe in meinem Leben noch nicht viel gelernt, aber ich habe eine Lektion erhalten, die nicht jeder in seinem Leben erhalten darf: Ich bin nur dort ich, wo ich mich fühle. Überall anders bin ich Nichts. Denn das ist die einzige Möglichkeit als Mensch Nichts zu sein: Wenn man sich nicht fühlt.
Darum reiße ich hier meine Zelte ab, um zu suchen, nicht, um den Ort zu suchen, von dem ich kam - nein,ich weiß, ich werde ihn nicht finden, ich habe ihn zu sehr verletzt - sondern einen Ort, an dem ich wieder bin, einen Ort, an dem ich wieder fühle.