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Nationalismus in Phasen
Er streift durch die verlassenen Straßen, es ist Ende Juni und doch sah er sich gezwungen einen Schirm und eine warme Jacke mitzunehmen. Der mit tiefgrauen Wolken verhangene Himmel schien seine Stammtischtheorie bestätigen zu wollen: Die Klimaerwärmung zeigt sich höchstens alle 3 Jahre, also frühestens wieder 2013. Sein Weg führt ihn weiter, immer tiefer in die Stadt hinein, doch nirgends eine Menschenseele, die einzige Person, der er begnet, ist eine alte Frau, sie grüßt freundlich und fragt wo alle seien. „Beim Spiel“, antwortet er kurz angebunden. Obwohl die Frau das nicht zu verstehen scheint, gibt sie sich zufrieden und geht auf ihren Rollator gestützt weiter. Jetzt aber schnell, denkt er, nach einem kurzen Blick auf seine Uhr.
Mit zunehmender Nähe zu seinem Zielort sind nun auch Leute auf der Straße zu sehen, viele tragen einen Schal, obwohl dies der Temperatur nach nicht nötig ist. Alle sind uniformiert in weiß oder grün – grün ist dieses Jahr neu, es gefällt ihm gut, es verbreitet Hoffnung. Die Gesichter der Menschen sind von Euphorie verzerrt, in den Augen Hoffnung, in den Mündern Alkohol. Er sieht es sich gerne an, doch normalerweise von zu Hause, dort kann er allein oder mit einigen wenigen Freunden wirklich zuschauen, beobachten, analysieren. Doch heute hat er sich überreden lassen, vielleicht ist es ja seine letzte Möglichkeit dieses Jahr, wer weiß. Es wird laut um ihn herum, plötzlich findet er sich in mitten einem Meer aus Weiß und Grün wieder, warum hat er etwas Blaues an? Er fühlt sich nicht wohl. „Da bist du ja, wo hast du gesteckt?“, brüllt ihm ein Freund ins Ohr, der nach Bier und Zigaretten riecht. Er schreit etwas Unwichtiges zurück, seine Worte gehen im Jubel unter. Warum jubeln sie, fragt er sich, er schaut in die Richtung in die alle anderen auch schauen und sieht in mindestens 90 Meter Entfernung eine riesige Leinwand. Doch aus dieser Entfernung scheint sie winzig, er erkennt wenige Punkte auf einem großen grünen Hintergrund, ein Pfiff ertönt, Jubel.
Es hat also begonnen, und schon nach einer halben Minute sehnt er sich nach seinem ruhigen Zimmer mit Fernseher. Die tolle Stimmung kann ihn nicht mitreißen, die „Deutschland, Deutschland“-Sprechgesänge gehen ihm auf die Nerven, Konzentration auf das Spiel ist unmöglich.
Er liebt den Sport und hofft, dass Deutschland gewinnt. Doch ein Gemeinschaftsgefühl als Nation kennt er nicht, die Vergangenheit spukt ihm im Kopf herum. „Bin ich der einzige, dem hier unbehaglich zu Mute ist, bei all dem plötzlichen Nationalstolz und Patriotismus?“, fragt er sich. Ohnehin ist er unter verschiedensten Freunden und Bekannten mit diversen Migrationshintergründen aufgewachsen. Sein Freund, der gleich neben ihm steht ist im Alter von 5 Jahren nach Deutschland gekommen -doch man sieht es ihm nicht an- und scheint im Moment der größte Patriot zu sein. Er erträgt den Lärm, die Enge, und die mangelnde Sicht nicht mehr. Er geht zum Bierbrunnen und lässt sich gleich zwei machen, nachdem er fünf Minuten warten musste.
Am Eingang gibt es Stress, die beiden glatzköpfigen Securities in schwarzen Alpha-Bomberjacken streiten lautstark mit einer Gruppe Tennagern. Die 11 Personen starke Gruppe hatte die Idee sich in den Trikots der Mannschaft zu kleiden, jeder verkörpert einen anderen Spieler. „11 Freunde müsst ihr sein“, denkt er zwischen zwei Schlücken allein an der Bar. Er lächelt als er bemerkt, dass ein Junge, der eindeutig südländischer Abstammung ist ein Özil-Trikot trägt, ebenso passend sind Boateng und Khedira gekleidet. Ihm gefällt das sehr gut, doch dem Türstehern scheint es ein Dorn im Auge zu sein: Sie wollen Khedira, Boateng und Özil nicht hineinlassen. „Wir sind in Deutschland geboren, und stolz darauf.“, sagt Boateng in akzentfreiem Deutsch. „Wir sind in Deutschland geboren und stolz darauf ein wirklich deutsches Fest hier zu feiern. Nur mit wirklichen Deutschen!“ schnauzt der zwei Meter große und ein Meter breite Türsteher die drei an, und in freundlichem Ton zu Müller, Neuer, ja sogar zu Klose und Podolski: „Ihr dürft selbstverständlich gerne reinkommen, Jungs.“
Er hat beide Biere geleert, schüttelt den Kopf über so viel Ignoranz und Engstirnigkeit und geht nach Hause, vielleicht schafft er es noch zur zweite Halbzeit.
Deutschalnd verliert, doch wen kümmert das: Am ersten Tage einige Tränen, am zweiten Tag ist alles vergessen, und man braucht schließlich nur zwei Jahre auf die nächste Chance zu warten.
In seinem Stammtisch wird weiter diskutiert über die Klimaerwärmung, die Politik, die Ehefrauen und den „Nationalismus in Phasen“ wie sie ihn nach einer hitzigen Diskussion und reichlich Gerstensaft getauft haben. Als er die Geschichte erzählt hat, war die Empörung groß gewesen, doch einige Freunde sind froh ob des neuen Zusammengehörigkeitsgefühls in der Nation; jetzt geht es bergauf, sagen sie. Endlich kann man wieder stolz auf sein Land sein, sagen sie. Er schüttelt nur still den Kopf, er hat vor Jahren gelernt, dass die Licht- aber auch die Schattenseiten in wenigen Wochen vergessen sind, leider. Die falschen, leeren Hoffnungen werden in zwei Jahren wieder aufleben, aber auch die Diskriminierung.
Die Gesichter von Boateng, Khedira und Özil vor den riesigen Türstehern wird er nicht vergessen, doch warum hat der Durchschnitts-Deutsche in dieser Hinsicht ein Kurzzeitgedächtnis von wenigen Wochen, fragt er sich enttäuscht.
Doch die Vergangenheit, die wichtige Vergangenheit scheint niemals ganz vergessen, zum Glück, denkt er, nicht ohne ein wenig Stolz auf seine Generation.