Nancy tanzt
"Nancy tanzt
'Hey Alex, komm schau dir mal Nancy an, sie ist total fertig, wir müssen sie irgendwie aufheitern.
Als er mir das sagt verschwindet er direkt wieder in den Massen und geht Richtung Ausgang. Das ist wieder mal typisch das versteht er also unter 'wir'. Was soll’s ich schaue mir Nancy an und sie sieht, schon den ganzen Abend tatsächlich verdammt mitgenommen aus…
'Hey Nancy!' ich streichle ihre Hände und versuch ein aufheiterndes Lächeln hinzukriegen. Sie hebt ihren Kopf schaut mich eine Weile an und lächelt schließlich auch. Ich frage sie was los ist. 'Die Musik hier die geht mir schon den ganzen Abend überhaupt nicht ab.'
'Wirklich? Wieso was hörst du denn normalerweise?'
'Techno finde ich klasse.'
'OK, lass uns zum DJ gehen und ihm sagen er soll Techno auflegen.'
Sie steht auf und wir gehen beide Richtung DJ. Ich frag Nancy ob sie was Bestimmtes hören will sie sagt es mir, aber ich versteh kein Wort denn ihre Stimme geht im lauten Getöse der Lautsprecher unter. Ich nicke als ob ich verstanden habe und geh rüber zum DJ.
'Hey Mann, kannst du mal Techno auflegen?'
'Klar kann ich, ich wird das schon irgendwie ins Programm einbinden…'
Ich bedanke mich drehe mich rüber zu Nancy und versuch mein 'Allesistbestens –Lächeln' aufzusetzen.
Sie lächelt auch, ich sage ihr dass der DJ in ein paar Minuten Techno laufen lässt und frage sie gleichzeitig ob sie nicht Lust hätte mit mir eine Weile nach draußen zu den anderen rüberzugehen.
Wir gehen nach Draußen an die frische Luft, vor dem Eingang stehen Leute in Grüppchen, die Luft ist ungewöhnlich warm für diese Jahreszeit aber es ist trotzdem kühl. Am Himmel ist kein einziger Stern zu sehen, nur ab und zu kommt der Mond für ein zwei Augenblicke hervor. In dieser Nacht ist er ungewöhnlich groß und gelb und wenn er hinter den großen schwarzen Wolken für einen Augenblick auftaucht, hat man das Gefühl das man in einem Gruselfilm sitzt.
Wir versuchen die anderen ausfindig zu machen. Es stehen allerdings so viele Leute hier dass es so scheint als ob man eine Nadel im Heuhaufen sucht.
Wir gehen weit vom Eingang weg, wo sich nur noch wenige Leute aufhalten.
'Nancy…?'
'Ja?'
'Wo genau aus Düsseldorf kommst du?'
'Ich lebe nicht direkt in Düsseldorf, ich lebe in einem kleinen Vorstadt Ort. Mit der S-Bahn zehn Minuten von Düsseldorf entfernt.
'Wie kommt es dann das du so weit von zu Hause arbeitest?'
'Ich wollte unbedingt eine Ausbildung als Pferdewirtin machen ich habe an alle möglichen Gestüte Bewerbungen geschickt bekam aber nur absagen bis ich schließlich ins Internet ging und auf meinen jetzigen Arbeitplatz gestoßen bin. Ich habe die Telefonnummer die auf der Homepage stand sofort angerufen und man hat mir gesagt dass ich mal für zwei Tage rüberkommen soll. Mir hat das Gestüt von Anfang an gefallen. Und schließlich habe ich die Zusage gekriegt dort zu arbeiten…'
Und was ist mit deinem Freund?
'Der heißt Dennis und eigentlich wären wir schon seit dem Juli dieses Jahres verheiratet aber einen Monat vorher haben wir riesigen Streit gehabt, aber zum Glück sind wir nicht auseinander gegangen.'
'Schön' sage ich mit einem dezenten Lächeln.
Und sie lächelt zurück. Und mit diesem Augenblick werd ich plötzlich irgendwie romantisch, auf einmal scheint es so dass nur ich und sie auf dieser Welt existieren und ich vergesse alles um mich herum ich möchte nur noch hier stehen und ihr einfach zuhören.
Meine Illusion wird jäh durchbrochen als mich von hinten jemand anschubst.
'Hey Alex!!!' Wo warst du? Wir haben dich überall gesucht. Und ich hab sogar eine 'Tussi' für dich gefunden. Komm ich stell sie dir vor!'
'Leute ihr kommt echt zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Ich war gerade in einem Gespräch mit Nancy vertieft.'
'Über was habt ihr denn geschwätzt? Egal auf jeden fall sind wir mal zum richtigen Zeitpunkt gekommen.'
Wir stehen eine Weile rum bis Christoph vorschlägt dass wir mal zu Waldemars Auto rübergehen sollten.
Ich lehne mich an den offenen Kofferraum und versuch an das Gespräch von mir und Nancy wieder anzuknüpfen.
'Wie gefällt es dir hier bei uns im Saarland?' Sie schweigt, schließlich sagt sie dass es ziemlich hart für sie ist wenn sie so weit von ihren Leuten entfernt ist. Sie erzählt mir von ihren Problemen vom Hof, wo sie ab und zu 'kleine Missverständnisse' mit der Tochter ihres Chefs hat. Und sie erzählt mir von ihrer Mitbewohnerin, die ziemlich arrogant ist und sich bei der Tochter des Chefs einschleimt.
Man merkt das ihre Stimmung nicht nur von der Musik abhängig ist, sondern dass sie deshalb so schlecht drauf ist weil eine menge dinge bei ihr nicht stimmen.
Ich frage sie ob sie Geschwister hat, sie erzählt mir von ihrem kleinen Bruder, und ihre Gesichtszuge werden zusehends besser, bis sie mir sagt dass sie auch noch einen jüngeren Bruder hatte, der aber bei einem Autounfall gestorben ist als er sechs Jahre alt war. Ihre Augen werden feucht aber sie weint nicht. Das ist jetzt zwei Jahre her sagt sie…
Ich würde sie gerne in den Arm nehmen wie ein guter Freund aber ich kann nicht, ich kenne sie im Prinzip erst seit einem Tag ich bin nur ein bekannter aber noch lange kein Freund. Ich möchte was sagen aber mir fehlen die Worte und ich weiß nicht was ich zu ihr sagen kann aber ich fühle mit ihr, ich schaue sie an, sie schaut mich an … aus Waldemars Musikanlage kommt Techno, viele Leute haben ihre eigene Methode um mit ihrem Schmerz fertig zu werden, die einen weinen die anderen lachen und Nancy … Nancy tanzt."