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Nachtausflug
Er ging völlig normal, doch da um diese Uhrzeit die Stadt im allgemeinen ruhiger ist, hörten sich die eigenen Schritte, vielleicht durch den Alkohol an Intensität verstärkt, wie ein trotziges Stapfen an.
Das verwirrte ihn, denn war er nicht aus dem Haus gezogen, um eben dieses wütende Stapfen abzulegen? Stattdessen war er glücklich und frei, wie seit langem nicht mehr, betrachtete unbefangen den schwach beleuchteten Weg, die dunklen Bäume, die am Wegesrand standen, fühlte sich unabhängig, zuversichtlich und vernahm nichts, außer den Hauch einer abendlichen Kulisse und sein lautes, unermüdliches, wütendes Stapfen. Hörten die Leute, die ihm entgegenkamen, es nicht? Es musste sie doch stören, er stellte sich vor, wie unangenehm es ihm ausgerechnet in dieser Nacht wäre, käme ihm eine provozierend stapfende Person entgegen.
Er war in einer Gruppe gekommen, die hatte sich aber in der Nacht verloren, oder besser gesagt, er hatte sie verloren, sie ging irgendwo voraus, er kam irgendwann hinterher. „Wie immer,“ dachte er. Allerdings mochte er sich in seiner Rolle, hatte es doch etwas beschauliches, konnte er doch seine Stärke beweisen, er, der in schnellem, erwärmenden Schritt, stampfend, allein gegen die dunkle Nacht und ihren kalten Wind bestand. Er durfte nicht zu laut stampfen, sonst würden entweder die Entgegenkommenden, oder sogar seine Kumpanen auf ihn aufmerksam werden. Das wollte er nicht, oder stapfte er unterbewusst, nicht aus Wut über seine Probleme, an die er sich um keinen Preis erinnern wollte, um deren willen er überhaupt sein Haus verlassen musste und sich dieser Gruppe angeschlossen hatte, sondern eben aus Geltungsdrang?
Nur gut, dass man solche Fragen, wie jedes Problem mit sich und der Welt, einfach bei Seite schieben konnte, war es Nacht und war man betrunken, doch eine kritische negative Grundhaltung merkte er jetzt doch in sich aufsteigen, wie in den Sekunden, nachdem man überrascht und erschreckt wurde.
Wollte man wissen, wie man sein eigenes Stampfen zu deuten hatte, und traute man sich nicht die einem entgegenkommenden, unbekannten, Menschen auch nur genauer anzusehen, weil sie betrunken waren, in der Nacht bedrohlich wirkten oder man selbst am Tage zu scheu war sich mit ihnen auseinanderzusetzen, musste man eben wieder zu den ungeliebten bekannten vorstoßen, die einen zurückgelassen hatten, auch wenn man noch so dankbar dafür war, dachte er sich.
Er beschleunigte seinen ohnehin schon schnellen Schritt noch, so dass er fast rannte. Die Kumpanen jedoch konnte er nicht erblicken. Statt dessen kam er bald an den See, dessen Ufer seinen Weg in zwei Teile teilte, von denen er unentschlossen war, welchen Weg er nehmen sollte, wusste er doch nicht welchen die Kumpanen genommen hatten und sahen beide doch gleichermaßen, dunkel, ungewohnt und heimtückisch aus. Sollte er zurückwandern? Aber wie musste das aussehen, wenn ein Mensch zuerst in die eine und dann in die andere Richtung stampfte?