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Muttertag
Ja. Ich bin bekennende Muttertagsbegeherin. Habe nie verstanden, warum sich viele Frauen dagegen wehren. Für mich sind es drei große Erfahrungen die eine Frau in ihrem Leben machen kann. Tochter, Geliebte und Mutter zu sein.
Ich war so gerne schwanger, dass ich meine Tochter gar nicht hergeben wollte, als die neun Monate um waren. Oder aber, sie war so fasziniert vom bequemen Parasitenleben, dass sie es als gar nicht so wichtig ansah, das Licht der Welt zu erblicken. Also fuhren mein Mann und ich nach zwei Wochen Überzeit ins Krankenhaus, um künstlich herbeizuführen, was keinen natürlichen Lauf zu nehmen schien. „Sie können ruhig noch nach Hause gehen“ sagte die Krankenschwester zu meinem Mann, „es dauert schon noch ein paar Stunden.“ Ich drehte mich um und erklärte, dass ich dann auch wieder gehe, denn ich bleibe hier sicher nicht alleine zurück und knallte die Tür ins Schloss. So erzwungen durften wir gemeinsam die von Schmerz, Vorfreude und Angst geprägte Wartezeit hinter uns bringen, bevor sich Andrea bequemte ihre Freiheit zu genießen und mir meine zurückzugeben. Die Hebamme flötete: „Das ist ja ein entzückendes, kleines Mädchen.“ Nachdem wie ich mich fühlte, hatte ich eben ein zweihundert Kilo wiegendes Elefantenbaby zur Welt gebracht.
Da hielt ich es also im Arm, das Kind, welches ich mir immer erwünscht hatte. Und es war mir ganz fremd. Ich begriff es nicht, es war doch gewachsen in mir, erwartet voll Ungeduld und nun das. Es schien als hätte ich eine Puppe zur Aufbewahrung übernommen.
Als sie vielleicht eine gute Woche alt war, rutschte sie mir beim Baden aus der Hand und tauchte kurz unter Wasser. Meine Hysterie kannte kaum Grenzen und ich rief sofort einen befreundeten Sanitäter an, der Mühe hatte, mich wieder zu beruhigen. Damals hatte ich erstmals das Gefühl, verantwortlich zu sein, einen richtigen Menschen vor mir zu haben. Und ich empfand erstmals Liebe für Andrea.
Diese wurde fortan auch gleich überstrapaziert. Kaum verließ ich das Zimmer, schrie sie. Ich war wahrscheinlich die einzige Frau in der Straße, die unter der Dusche stand und schwitzte. Bloß schnell wieder raus aus dem Bad und dem Baby zeigen, dass es nicht allein ist. Vor allem aber, um das Plärren nicht mehr hören zu müssen, es im Arm ruhig werden zu lassen, es lieb zu haben.
Andrea zeigte auch gerne ihre Zuneigung. Zum Beispiel, indem sie mit ihrer kleinen Hand wie ein Saugnapf an meiner Wange hing und mir alle fünf spitzen Babynägel einsetzte oder im Ansabbern meiner endlich wieder passenden T-Shirts. Wenn sie mich besonders liebte, riss sie mein Halskettchen ab, oder mit aller zur Verfügung stehenden Kraft an meinen Haaren. Was für ein kleines Monster hatte ich da bloß geboren, dachte ich, schmuste es ab, sog den Duft von Babyöl ein, streichelte zärtlich über die feine Haut.
Andrea war eines jener Kinder, die ansatzlos, das Sitzenkönnen einfach überspringend, laufen lernen. Und das möglichst weg von den Eltern. Ständig schlug sie sich irgendwo an oder fiel kerzengerade um, weil sie ja nicht sitzen konnte. Sämtliche Bücher von Montessori hatte ich inzwischen zerfetzt oder verschenkt. Hatte die nie richtige Kinder zum Üben? Stattdessen verfolgte ich die Kleine mit Argusaugen, um sie vor Verletzungen zu schützen und sie zu trösten, wenn es mir nicht rechtzeitig gelang einzugreifen.
Als Andrea größer wurde und wir viel im Freien unterwegs waren, schaute ich, wie andere Mütter ihre Kinder dazu bewegten, weiterzugehen, nicht stundenlang am Ort zu verharren. Sie spielten das allseits bekannte „Baba-a, die Mami geht jetzt“-Spiel. Nun, ich, die Mami, ging durch den halben Schönbrunner Schlossgarten, und es war meiner Tochter völlig wurscht. Sie saß, irgendwelche Krähen beobachtend, im Kies und wusste sichtlich ganz genau, dass ich schon wiederkäme, früher oder später. Mit der Zeit hatte sie mich gut erzogen und ich passte mich ihrem Gehrhythmus an. Wenn ich mit ihr ein Museum besuchte, dann ebenfalls in ihrem Schritttempo. Wir verbrachten vor den Objekten in Summe die gleiche Zeit wie andere Besucher auch. Nur durchstreiften wir die Säle dazu ungefähr zehnmal, während die anderen Menschen bloß einmal durchgingen, um alles zu sehen.
Wenn wir in Kärnten unseren Sommer verbrachten, liebte sie es ungemein, am Forellenteich beim Totschlagen der Fische zuzusehen. Es war ernüchternd, mit welch großem Interesse sie die Handlung verfolgte. Schauten wir uns aber einen kindgerechten weihnachtlichen Rentierfilm an, still und herzlich in seiner Machart, heulte sie vor Rührung den ganzen Heimweg, war durch nichts und niemand zu beruhigen.
Zum Geburtstag bekam sie jedes Jahr eine Torte und war jedesmal traurig, dass es die Lieblingstorte des Vorjahres war, denn heuer liebte sie doch eine andere. Über ihre Geschenke war sie aber dennoch immer ganz glücklich. Sie kuschelte sich dann mit ihrem warmen, weichen Körper an uns und busselte uns ab, bevor sie diese fast ehrfurchtsvoll in Besitz nahm.
Einmal holte ich sie mit der Rodel vom Kindergarten ab und erledigte am Heimweg Einkäufe. Sie hatte eiskalte Finger, und ich wollte ihr Handschuhe drüberziehen, um sie zu wärmen. Da brüllte sie los und wehrte sich, weil es ihr das Anziehen auf den klammen Fingern unangenehm war. Einmal mehr geriet ich ins Schwitzen, schimpfte und stapfte zornig durch den Schnee, sollte sie doch frieren. Nachdem ich eine Weile grollend heimwärts schritt, kam eine alte Frau auf mich zu und sagte: „Ihr Kind, also ihr Kind, wirft all ihre Einkäufe weg“. Als ich mich umdrehte, lag mein halber Einkauf wie eine Markierungslinie auf dem Gehsteig verteilt. Ich sammelte alles ein, zerrte die zornig schreiende Andrea nach Hause, drückte sie meinem Mann in die Arme und sagte: „Da – dein Kind“ und sperrte mich eine halbe Stunde heulend im Bad ein.
Auch in den Geschäften war der Einkauf mit ihr nicht einfach. Im Kaufhaus spielte sie mit den Kügelchen einer Hydrokultur und warf sie händeweise unter das kopfschüttelnde Publikum. Immerhin half sie mir beim Einsammeln, bevor sie plötzlich verschwand. Wir fanden sie letztlich in der Auslage, wo sie den Hereinschauenden Grimassen schnitt und ihre Wange an der Scheibe platt drückte.
Und ich liebte sie. Selbst wenn sie frühmorgens um fünf Uhr mir sonntags die Augen hochzog, damit sie sehen konnte, ob ich noch schlafe, oder in aller Stille am Fensterbrett sitzend, erst ihren Puppen und dann sich selbst einen amerikanischen Armeehaarschnitt verpasste, ich liebte sie.
In der Schule wurde sie, die mit zwei Jahren, kaum mehr als brabbelbrabbel und Luftabon sagte, wenn sie einen Luftballon wollte, zum Sprachrohr jener, die selbst den Mund nicht aufbrachten. Verteidigte die, welche unter dem Angriff der Lehrer oder anderer Mitschüler standen und verschaffte sich überall Achtung durch Aussprechen von Wahrheiten.
Jahrelange Kämpfe ums Lernen erledigten sich ganz von allein, als sie endlich, auf Teufel komm raus, lernen durfte, wie es ihr passte. Sie machte nichts. Und als ich dachte, jetzt geht alles schief, entwickelte sie einen Ehrgeiz der mich sprachlos machte. Sie war besessen und freute sich nach Monaten des Nichtstuns über den dadurch entstandenen Stress.
Als sich mein Mann und ich trennten, war sie sechzehn und wir brachten ihre komplette Umlaufbahn durcheinander. Sie musste sich in diesem Durcheinander ihre Gestirne selbst neu einrichten, ihre eigenen Fixsterne finden. Die geordneten Laden, die Schatullen in denen sie ihren Alltag einordnen konnte, gab es nicht mehr. Und aus dem Chaos ließ sie Neues entstehen. Sie erfand eigene Systeme das Leben auf ihre Art zu bewältigen, und sie entwickelte sich zu einer selbstbewussten und herzlichen jungen Frau. Ihr Gerechtigkeitssinn führt sie im Herbst auf die Uni, wo sie in Gesetztestexten die Maßstäbe und Regeln der Gesellschaft erlernen wird. Und mindestens die Hälfte davon wird sie gleichzeitig in Frage stellen. So ist sie eben.
Ich liebe sie, wenn sie sich wie ein Kleinkind die Augen ribbelt, wenn sie müde ist. Oder, wenn sie heimkommt, ihre Sachen in eine Ecke wirft, vor Mitteilungsbedürfnis schier zu platzen scheint. „Hör mir mal zu, Mama bitte, das musst du dir anhören“ lacht sie dann. Gestenreich und mit riesigen Augen berichtet sie dann über ihren Alltag. Von Dingen, über die sie sich minutenlang zerkugeln kann. Oder sie lehnt sich an mich und legt ihren Arm um meine Schulter und beredet all die Sorgen der ganzen Welt. Enden tun diese Gespräche meist mit befreienden Gedanken und letztlich mit herzlichem Lachen.
Und wenn sie wie, jetzt, wo ich in meinem Mutterglück zerfließe, die Kastentüre aus Plexiglas zuknallt und herumtobt wie eine geistig Verwirrte, bloß weil sie irgendeine Hose nicht findet, die vor ihren Augen hängt, dann liebe ich sie auch. Wenngleich mit hochgezogener Augenbraue und vorwurfsvollem Blick. Ich liebe es einfach, ihre Mutter zu sein.