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Muse und Schweinehund
Muse und Schweinehund
Nick trommelte mit dem Bleistift auf der Tischkante, sein Bein wippte hektisch auf und ab. Seit Stunden zerbrach er sich den Kopf, wie er den Wolf töten könnte, ohne dass es einer dieser typischen Handlungen nahe kam.
“Verdammt”, murmelte er und warf den Bleistift entnervt aber zielgenau gegen die Wand. Allerlei farbenfrohe Abdrücke sämtlicher Stifte hatten sich auf der Tapete schon verewigt. Auch die Abdrücke des Lochers war zweifelsfrei zu erkennen und der Inhalt des Aschenbechers hatte mit einer grauen Schattierung zur Dramatik des Bildes beigetragen.
Seufzend hievte sich Nick aus seinem Stuhl und versuchte, den Bleistift hinter dem Schreibtisch hervor zu angeln. Schon stand da seine bessere Hälfte im Türrahmen und schüttelte mit hochgezogenen Augenbrauen den Kopf. “Ja, ich weiß", stöhnte Nick und ließ sich wieder auf den Stuhl plumpsen. Leise ging sie an ihm vorüber, strich beruhigend über seine Schultern und lehnte sich an den Schreibtisch. Widerwillig wandte sich Nick der Schreibmaschine zu.
Unsicher ließ er eine Weile die Hände über der Tastatur schweben. Doch schließlich senkten sich seine Finger und ruhten still auf den Tasten. Er senkte den Kopf und kniff die Augen zusammen, um endlich die zündende Idee zu erhaschen, die ihn erlösen würde.
Ein Funke schoss durch sein Hirn und seine Finger flogen wie seine Gedanken über die Tasten. Sätze reihten sich aneinander und auf einmal gab alles einen Sinn.
Endlich brauchte Nick nicht mehr darüber nachzudenken, worüber er schreiben musste. Nun flossen ihm die Worte nur so aus den Fingern.
Bilder und Wesen flogen aus seinem Kopf auf das Papier - er fühlte sich wie im Rausch. Er wollte niemals aufhören zu schreiben. Denn vor diesem Augenblick fürchtete er sich am meisten. Wenn der Fluss versiegte, die Geschichte stockte, seine Finger langsamer wurden und die Ideen fort blieben..
Nick wusste nicht, ob er gut war. Oder ob die Leute es lesen würden. Aber er wusste, er tat das Richtige. Lächelnd lehnte er sich zurück. Er musste jetzt nur noch das Ende erfinden, und schon war seine Geschichte fertig.
Langsam verebbte seine gute Laune. Ihm fiel einfach nichts ein und Hilfe suchend wandte er sich seiner Muse zu, die mittlerweile auf der Schreibtischkante saß.
Und wie so oft schnalzte sie mit der Zunge, schüttelte den Kopf und gab ihm einen Tipp. “Schatzkarte”, murmelte sie und Nick stöhnte auf. “Das ist doch total überholt, in jedem Abenteuerroman gibt es eine Schatzkarte!”
Er brauchte etwas Neues, worauf noch nie jemand gekommen war. Zumindest niemanden, den er kannte. Die Muse neben ihm schluchzte theatralisch auf, ließ sich von der Tischkante gleiten und Nick hörte ihre Absätze auf dem Fußboden davon knallen. Mist.
Nach einiger Zeit des Grübelns nahm Nick endlich das Hecheln neben sich wahr, und seine Hand senkte sich neben die Stuhllehne und traf samtiges, weiches Fell. Sehnsüchtig schaute Nick auf ihn herunter. Seinem Schweinehund.
Mit großen Augen und fast einem Lächeln auf den Lefzen schaute dieser Nick aufmunternd an, legte den Kopf auf die Seite und fing an zu fiepen.
„Ach verdammt, du hast ja recht“, brummte Nick liebevoll und tätschelte ihm den Kopf. Das war das Zeichen, nun voll aufzudrehen. Schweinehund sprang auf die Füße, drehte sich wie wild im Kreis, wuffte und knurrte gleichzeitig. Sein Stummelschwänzchen schwirrte. “Jahaa”, bestätigte Nick, stemmte sich aus dem Stuhl hoch und ließ sich zwei Meter weiter auf das Sofa plumpsen. Kaum geschehen, sprang der Köter mit vollem Gewicht auf seinen Bauch, drehte sich zwei Runden bis er so Platz nahm, dass seine Schnauze unter Nicks Nase hing.
Nick ächzte, doch wie er sich auch bewegen wollte, Schweinehund hatte es unter Kontrolle. “Ach was solls”, murmelte Nick und angelte nach der Fernbedienung. Der Kasten flimmerte mit irgendeiner Sendung vor sich hin und schon fühlte er sich wohler.
Zwei Stunden später hörte Nick seine Muse wieder kommen. “Meine süße Muse, komm zu uns und genieße den Abend”, rief er. Mit einem giftigen Blick zum Hund, drehte sich Muse um und verschwand.
Am nächsten Morgen erwachte Nick allein. Ihn überkam ein merkwürdiges, unsicheres Gefühl, als er daran dachte, sich an die Story zu setzen. Ohne seine Muse würde das nichts - das wusste er.
Aber als er sich umdrehte und über die Sofalehne linste, saß Muse schon wieder auf dem Schreibtisch und sah ihn auffordernd an. Nick stand auf und wunderte sich. Laut schnarchend, wimmernd und zuckend lag Schweinehund in seinem Körbchen. Er hatte Schweinehund noch nie schlafend erlebt. Achselzuckend ging er um ihn herum und steuerte auf seinen Schreibtisch zu.
Der Fressnapf neben Schweinehund war fast leer gefressen. Ein paar weiße Krümel zeugten noch von den Schlaftabletten, die Schweinehund in den Tiefschlaf getrieben hatten, aber Nick bemerkte sie nicht.
Die Muse lächelte zufrieden.
Strahlend schön saß sie dort und gab Nick die erforderlichen Eingebungen für seine Geschichten. Das Tippen und flüstern erfüllte den Raum und die Zeilen flossen auf das Papier.
Schweinehund erwachte und schleppte sich in die Küche. Er trottete zurück und sah, das Muse ihre Schuhe ausgezogen hatte. Die Beine angewinkelt, saß sie vertieft mit Herrchen am Schreibtisch.
Schweinehund leckte sich die Lefzen. Zögernd schlich er zum Schreibtisch, immer die Beiden im Auge behaltend. Er schnappte sich vorsichtig einen ihrer Schuhe und ließ sich langsam in seinem Körbchen nieder.
Erst das Geräusch des quietschenden Plastiks und das Knacken des Holzes, ließen Muse und Nick aufschrecken. Doch es war zu spät. Schweinehund hatte den Schuh schon genüsslich zerlegt und nur das rote Band, das aus seinem Maul hing, erinnerte noch an ihren sündhaft teuren Schuh.
Muse tobte und warf mit Locher und Aschenbecher, Schweinehund biss um sich und Nick lief hinaus. Der Nachbar hörte seine Rufe und eilte zu Hilfe. Nick schrie aufgeregt, da seien Muse und Schweinehund im Todeskampf und die beiden hätten sich ja nie gemocht. Als die Polizei und der Tierschutz die Wohnung betraten, war niemand zu sehen. Nur ein roter Schuh lag auf dem Boden. Nick stürzte von Raum zu Raum, doch sie waren beide fort.
Der Notarzt ließ ihn in eine Klinik bringen, in der Nick mit Meditationsübungen, Gruppengesprächen und Einzeltherapie verbrachte. Es dauerte lange, bis er über Muse und Schweinehund hinweg war. Nun wusste Nick, es gab sie nicht wirklich.
Sein letzter Tag war in der Klinik angebrochen. Die Entlassungspapiere waren geschrieben und nun sollte Nick abgeholt werden. Ein wenig mulmig war ihm schon, wenn er daran dachte, allein in seiner Wohnung zu sein. Doch er war sich sicher, es zu schaffen.
Nick betrat den Warteraum und wusste, hier stimmte was nicht. Mit gesenktem Kopf ließ er sich auf einen Stuhl in der Ecke nieder.
Nick versuchte, den anderen Patienten nicht anzusehen. Er spürte, wie er angestarrt wurde. Fest drückte er die Augen zusammen und sein Herz schlug schneller.
Nach endlosen Minuten hielt er es nicht mehr aus. Nick gab auf, öffnete die Augen, drehte seinen Kopf und sah ihn an.
Er war so niedlich, so knuffig, so süß mit seinen langen Ohren und plüschigem Fell. Mit Tränen in den großen Augen schaute er ihn an.
“Verdammt”, flüsterte Nick und drückte den Angsthasen ganz fest an sich.