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Mord im Sessel
Mord im Sessel
Der Augenblick sie zu töten war nun endlich gekommen.
Ich war sicher, sie war ohne den geringsten Verdacht gegen mich.
Es musste schnell und relativ schmerzlos gehen, denn ich wollte nicht das sie litt, obwohl sie mich, wer weis wie lange, mit ihrer aufdringlichen Art und Weise, schikaniert und gequält hatte.
Sie hätte mich und das Haus verlassen sollen, als sie noch die Gelegenheit dazu hatte.
Jetzt war es zu spät; meine Geduld war zu Ende.
Und… wir waren allein im Haus.
Die Sonne verteilte draussen bereits mit letzter Kraft ihr wärmendes Licht, während im Kamin ein gemütliches Feuer knisterte.
Sie hatte es sich in dem großen Sessel gegenüber der Feuerstelle bequem gemacht. Dort genoss sie, scheinbar nichts ahnend, seit geraumer Zeit die sanfte Wärme, ohne den geringsten Ton von sich zu geben.
Ja, sie würde einen schnellen Tod haben, ganz sicher. Bei diesem Gedanken, spürte ich einen leisen Anflug von Macht. Ihr Leben lag nun ganz alleine in meiner Hand. Für eine kurze Zeit, war ich Herr über Leben und Tod. Ich alleine bestimmte, ob sie weiterleben, oder sterben sollte; und die Entscheidung fiel leider gegen sie aus.
Langsam, ohne das geringste Geräusch zu verursachen, trat ich an den Sessel heran und schaute vorsichtig über die hohe Rückenlehne und betrachtete ihren grazilen Körper, den Gott, mit solch einer Perfektion erschaffen hatte. Wie unvorstellbar lange hatte es gedauert, bis ein Geschöpf wie ich, oder sie, durch die göttliche Evolution ans Licht der Welt trat?
Und ich besaß nun die Macht, mit einem einzigen Schlag, dieses unvergleichliche Kunstwerk zu zerstören. Aber etwas zu zerstören, war schon immer einfacher, als etwas zu erschaffen.
Für einen Augenblick lief ich Gefahr, mich durch diesen spontanen Anflug philosophisch-moralischer Gedanken von meinem Plan abbringen zu lassen. Aber schließlich sagte ich mir, daß es doch nur eines von Milliarden von Leben hier auf der Erde wäre, das aufhörte zu existieren.
Hunderttausende wurden täglich geboren, Hunderttausende starben täglich. Würde sie da, aus der Sicht von Mutter Natur, die ohnehin verschwenderisch mit dem Leben umging, tatsächlich ins Gewicht fallen?
Mein Herzschlag erhöhte sich leicht, als ich langsam den Arm hob, die Schlagwaffe fest umschlossen. Ab hier gab es kein Zurück mehr für mich. Meine Armmuskeln spannten sich wie eine Zugfeder, meine Augen fixierten das Opfer, als könnte ich sie so damit zur Bewegungslosigkeit verdammen.
Dann schnellte mein Arm abwärts...
Für eine Weile starrte ich dumpf und Gedankenlos auf mein Gottloses Werk, als in diesem Augenblick überraschend die Tür geöffnet wurde. Mehr überrascht, denn erschrocken, fuhr ich herum. Es war Lisa, meine Freundin und Geliebte. Sie hatte das Haus betreten, ohne das ich es mitbekam. Ich hielt den Atem an. Was würde sie dazu sagen?
Stirnrunzelnd blickte Lisa auf den leblosen Körper im Sessel.
„Sieh nur, sagte sie mit zusammengekniffenen Augenbrauen.
„Wie soll ich nur diesen Blutflecken wieder aus dem Stoff bekommen?“
Damit wandte sie sich der Toten zu, bückte sich, nahm sie mit spitzen Fingern an den Beinen, ging zu dem geöffneten Fenster und warf die tote Stechmücke mit einem kurzen Ruck hinaus.