Mitwirkungspflicht
„Das ist heute so.“
„Da kann man nichts machen.“
„Irgendwann trifft es jeden.“
„Ich wünsche dir viel Glück.“
"Du machst das schon."
Was sollten sie auch sonst sagen, die Familie, die Freunde, die Nachbarn...? Er selbst konnte gar nichts sagen. So viele Jahre hatte er sich gefürchtet. Zu recht. Jetzt war es so weit. Keine Arbeit mehr. Wann die Abfindung aufgebraucht war liess sich ausrechnen. Seine Chancen waren gering, es gab zu viele wie ihn, zu viele, die nicht mehr gebraucht wurden. Er wollte nicht aufgeben, er bemühte sich, er versuchte es, jeden Tag erneut, er konnte gar nicht anders.
Baumann hatte den Antrag schon vor über eine Woche ausgefüllt, Tag für Tag hat er sich nicht überwinden können, ihn einzureichen. Das war das letzte Eingestehen seines Versagens. Er musste sich das Eingestehen. Er musste an den Stadtrand fahren, dahin, wo die Anträge abgegeben wurden. Alle erforderlichen Belege waren ordentlich in einer Mappe abgeheftet. Sein Lebenslauf und seine Kontaktdaten lagen ebenfalls bei. Er war einer von Dutzenden, die im Foyer warteten. Er schaute sich um, ging auf den Empfang zu und entdeckte den Apparat, der auf Knopfdruck eine Nummer hergab. Er drückte den Knopf und bekam eine Nummer. Nach der Anzeigetafel waren fast fünfzig vor ihm. So viele warteten aber nicht. Jemand stand auf und ging zu den Schaltern, er setzte sich auf den freigewordenen Platz, weil sonst keiner Anstalten machte ihn zu besetzen. Links neben ihm sass eine junge Frau, die vor sich auf den Boden starrte. Rechts sass ein junger Mann und nickte ihm zu.
"Hier warten aber weniger Leute als angezeigt wird", sagte Baumann.
"Mensche gehen wieder. Andere werden weggebracht. “Das erste mal hier?”
Baumann nickte.
“Dann machen Sie sich mal auf was gefasst.”
“Auf was denn?”
Der Mann seufzte und flüsterte: “Es wird immer schlimmer.” Er schaute sich lauernd um, dann flüsterte er noch etwas leiser: “Zwangsarbeit. Sie deportieren uns.”
Er sagte nichts. Er wurde Teil des Schweigens der Wartenden. Er stand auf, stellte sich an die Wand. Endlich erschien seine Nummer auf der Anzeigetafel. Daneben die Schalternummer. Er stellte sich vor das Pult und erklärte was er wollte, legte die Mappe hin und den Ausweis dazu. Eine junge Frau griff danach. Sie tippte etwas ein. Sie druckte etwas aus. Sie legte das mit dem Ausweis auf das Pult und nannte eine Zimmernummer. Alles ohne einen direkten Blick. Hinterher hätte er nicht sagen können, ob sie blaue oder braune Augen hatte.
Er war jetzt registriert. Er durfte den Flur betreten, der zu den Aufzügen führte. Die Kabine fasste zwölf Personen. Er trat als letzter ein und fuhr nach oben. Der Wartebereich. Er zog eine Nummer. Er zählte 28 Wartende. Er stellte sich an die Wand. Er war der neunte, der auf einen Sitz wartete. Und dann weiter. Bis seine Nummer aufgerufen wurde. Von einem Security. Neben dem stand ein zweiter, der die Hand in der Tasche hatte. Baumann zeigte seine Registrierung vor. Einer der beiden zeigte auf eine Tür auf der anderen Seite des Wartebereichs. Eine Tür, die nicht geöffnet wurde, seit Baumann hier war. Er ging hin und öffnete sie. Dahinter lag ein stiller Flur, etwas düster, es roch nach alter Luft. Die Türen waren nummeriert. Er klopfte an, drückte die Klinke herunter und trat ein.
“Guten Tag.”
Keine Antwort. Er setzte sich auf den Sitz vor dem Schreibtisch und betrachtete den Sachbearbeiter dahinter. Etwa sein Alter. Offenbar sehr beschäftigt. Der Mann löste den Blick wierwillig vom Bildschirm und musterte sein Gegenüber lächelnd.
“Guten Tag, Herr...”
Baumann nannte seinen Namen. Er legte die Registrierung vor. Der Sachbearbeiter wiederholte den Namen und rief ihn auf. Dann studierte er die Mappe.
“Gut”, sagte er. “Mal sehen was wir machen können.”
Er tippte mit flinken Fingern, er las auf dem Schirm, der von der anderen Seite des Schreibtischs nicht einsehbar war. Er stellte Fragen und bekam Antworten. Dann bekam Baumann die Vereinbarung. Er überflog die zwei Seiten Text und unterschrieb. Der Sachbearbeiter händigte ihm das Duplikat aus. Dazu bekam er die Terminkarte. Der nächste Termin war eingetragen. In vier Wochen.
“Wann...”
“Sie werden benachrichtigt, Herr Baumann.”
Er zögerte, dann bedankte er sich und ging zur Tür. Er warf noch einen Blick auf den Sachbearbeiter, der nur Augen für seinen Bildschirm hatte. Er ging leise, schloss die Tür beinahe sanft und seufzte. Dann wurde es plötzlich hell. Scheinwerfer blendeten ihn. Eine Menschenmenge, die nur schemenhaft zu erkennen war, gaffte ihn an. Es war still, aber diese Stille rauschte. Dann explodierte etwas hoch über ihm und Farben zuckten ihm über die Augen, ein schrille Fanfare dröhnte los und Beifall brandete ihm entgegen. Eine Gestalt näherte sich ihm von der Seite. Er hielt die Hand vor die Augen und erkannte Kevin Kern. Im nächsten Moment hielt ihm Kern vors Gesicht und rief begeistert: “Das ist er!” Er grinste Baumann an und rief noch begeisterter: “Sie sind es!”
Das Publikum applaudierte. Kevin Kern machte ausholende Gesten und feuerte die Leute an. Tausende. Sie jubelten und die Scheinwerfer blendeten. Aber das war nicht echt. Rund um erstreckte sich eine riesige Halle, er sah Fernsehkameras und Techniker, aber er atmete die abgestandene Luft eines Korridors.
“Wissen Sie was Sie sind?” fragte der Kern und stellte sich blöd, er wusste genau, dass Baumann keine Ahnung hatte was da vor ging. Baumann mochte den Kern nicht, er hatte ihn noch nie gemocht. Er hatte Lust ihm in die Fresse zu treten. Aber er stand nur da und schüttelte den Kopf. Er versuchte gar nicht erst irgendwas zu sagen. “Sie wissen es nicht!” freunte sich der Moderator. “Wissen Sie wer Sie sind?”
“Ja.”
“Dann verraten Sie es uns. Oder nicht?” fragte Kern das Publikum.
Baumann nannte seinen Namen in den Beifall. Kern wiederholte ihn. “Und was haben Sie für einen Beruf?”
“Wo bin ich hier?”
“Das kann ich Ihnen sagen, Herr Baumann. Sie sind in der Deutschlandhalle.”
“Nein.”
“Doch”, widersprach der Moderator. “Nicht wirklich, aber in echt. Und wissen Sie warum?”
“Nein.”
“Weil sie der Zehnmillionste sind, Herr Baumann! Sie haben den zehnmillionsten Antrag auf Arbeitslosengeld drei gestellt! Sie haben Geschichte gemacht!” Kern beschwichtigte den Beifall und fragte: “Und wissen Sie wer noch hier ist?”
“Nein.”
“Ihre Nachbarn, ein alter Schulfreund und Ihr letzter Chef! Und natürlich Ihre Familie. Was sagen Sie dazu?”
Baumann sagte nichts. Er streckte den Arm aus und machte einen Schritt nach vorn. Er berührte etwas weiches. Eine nachgiebige Folie. Die Deutschlandhalle, das Publikum und der Moderator liessen sich einrücken und verbiegen. Baumann liess die Hand sinken, dann drehte er sich um und ging durch die Tür.
“Was soll das?” sagten Baumann und der Sachbearbeiter gleichzeitig.
Baumann wartete auf eine Antwort.
“Sie müssen da wieder rein.”
“Nein.”
“Doch. Mitwirkungspflicht. Entweder gehen Sie darein, oder Sie bekommen keine Leistung. Ausserdem werden wir Schadenersatz geltend machen.”
Baumann überlegte. Dann schüttelte er den Kopf. Der Sachbearbeiter drohte mit dem Sicherheitsdienst. Baumann schaute sich um. Er stand auf. Er nahm den Stuhl. Er schwang den Stuhl und schmetterte ihn mit bestialischer Kraft auf den Schreibtisch. Es krachte. Der Bildschirm flog vom Tisch, Papiere wurden aufgeweht, Stifte schleuderten wie Geschosse durch den Raum. Der Sachbearbeiter rollte ein Stück nach hinten, er starrte Baumann an und rang einen Moment um Fassung.
“Das hilft Ihnen nicht weiter”, sagte sie schroff. “Denken Sie an Ihre Bedarfsgemeinschaft!”
Der Mann war ein Profi. Baumann liess die Überreste des Stuhls fallen. Der Sicherheitsdienst war schon auf dem Weg.
Baumann schüttelte den Kopf. "Nein."
Das Publikum wartete. Der Moderator improvisierte. Die Regie telefonierte. Der Sicherheitsdienst riss die Tür auf. Der Sachbearbeiter stand auf. Er zeigte auf das offene Fenster. Der Sicherheitsdienst schaute hinaus. Sie machten Meldung und warteten auf Anweisungen. Die liessen nicht lange auf sich warten. Bereit halten. Sie wurden zu Kevin Kern durchgestellt. Der Moderator hatte eine Sensation zu berichten.
Die Show ging weiter. Frau Baumann und die beiden Kinder wurden auf die Bühne gebeten, Stühle wurden herbei gebracht, ein kleiner Tisch aufgestellt. Der Ablauf war durcheinander geratene. Die Musik war dramatisch und wurde tieftraurig. Kameraleute gingen in Position für die Nahaufnahmen. Kevin Kern zeigte der Nation seinen Trauerblick.
“Frau Baumann, Thomas, Nicolle... Ich muss euch was sagen...”