Was ist neu

Mike

Mitglied
Beitritt
20.05.2003
Beiträge
12

Mike

„LECK MICH DOCH AM ARSCH!“ schrie mir mein Telefonhörer entgegen. Dann war es still. Nicht einer der Vögel zwitscherte, die jeden Morgen einen Heidenlärm vor meinem Haus veranstalten. Die Sonne sandte ihr letzten Strahlen auf meinen Gummibaum. Ich versuchte, die ganze Magie dieses Momentes zu erfassen, die Tragik, die Demut. Manchmal gibt es Momente, die einem fast das Herz brechen.
Ich stellte mein Telefon ab. So wusste ich wenigstens, warum mich niemand anrufen würde. Es lag ein gewisser Trost in dieser Geste.
Ich fand mich in einer Bar wieder, mein drittes Glas stand vor mir, dabei war ich erst eine halbe Stunde da. Ich warf eine Münze in die Jukebox, ich wollte den Schmerz bis zum letzten Tropfen auskosten, den Kelch bis zur Neige leeren, und Gainsbourg fragte, nun, wie war‘s mit ihm, war er besser als ich, hast du das wirklich alles gemacht? Bis zum Schluss? Ich kriegte eine Hühnerhaut und fragte mich, ob es der richtige Moment sei, in Tränen auszubrechen. Oder lieber den Kopf an die Wand schlagen? Ich konzentrierte meinen Geist auf die gelbe Flasche gerade vor mir und versuchte, sie durch Telepathie in Scherben zerspringen zu lassen. Ich versuchte mich an die Bücher zu erinnern, in denen steht, dass alles eine positive Seite hat.
Jemand stellte ein neues Glas vor mich, eine Hand lag auf einem Arm, und neben mir sass ein Typ und meinte
- he, dir geht’s ja wirklich beschissen...
- lass mich bloss in Ruhe, knurrte ich ihn an.
- Nun komm schon...
Ich nahm mir mal die Zeit, ihn anzuschauen, ein Blonder, Dünner, mit tiefseeblauen Augen. Ich glaubte sogar einige goldene Funken darin zu erkennen. Es beruhigte mich, dass er gar nicht mein Typ war. So die Sorte, die jeden Sonntag ihre Wäsche heim zu Mama bringen und sich mit Tupperwares für die nächste Woche eindecken.
- Also, danke für den Drink. Was ist das überhaupt?
- Wasser... du verträgst keinen Alkohol mehr, sag ich mal.
Ich nahm das Glas in die Hand, drehte mich zu ihm und schaute ihm tief in die Augen. Ein leises Klirren tönte, als das Glas auf dem Boden aufschlug. Ich drehte mich wieder zurück zur Bar und bestellte noch einen Pastis. Ich hatte schon immer eine Vorliebe für pflanzliche Heilmittel.
- Den offerier ich dir, sagte der Typ
Er gab nicht auf. Das war doch ein sympathischer Zug.
- Na gut, wenn es sein muss...
- Weisst du, ich glaub du brauchst Hilfe.
- Und du glaubst, du könntest mir helfen?
- Kann schon sein... Wenn du mich lässt?
- Glaub ich nicht, aber trotzdem, ich werd dir die Chance geben, hör mal zu. Angefangen hat es vor zwei Jahren. Das war eine Zeit, da hab ich mir geschworen, ich lass mich nie wieder auf was ein, ich lass mir nie wieder das Herz brechen, siehst du, was ich meine? Und da bin ich IHM begegnet.
- Und?
- Der Mann meiner Träume, gross, dunkel, südländischer Typ, mit sinnlichen Lippen und Augen wie ein Gangster... Intelligent, humorvoll, was will man mehr?
Sein Bild stand mir vor den Augen, und mein Magen zog sich zusammen. Der Blick des Blonden triefte vor Verständnis.
- Es war Liebe auf den ersten Blick, ich weiss noch wie er mich fragte, darf ich der sein, der dich diesen Winter wärmt? Nun, wir kamen zusammen, wir gingen aus, wir amüsierten uns, im Bett war er ein Engel, es hat mich noch keiner so geleckt wie er, und doch, irgend etwas stimmte nicht. Irgendwie hatte ich immer ein schlechtes Gefühl.
- Da solltest immer darauf hören, auf deine Intuition...
- Danke für den Tip! Nun, ich wollte ihm vertrauen, ich wollte nur das Beste glauben, ich fragte nicht, wo er alle seine Wochenenden verbrachte, an denen ich nichts von ihm hörte. Ich glaubte auch dann nicht, als seine Ex mir sagte, dass er ein notorischer Schürzenjäger sei, dass er an jedem Finger fünf Frauen hängen habe, und dass er jeden Abend in einem anderen Bett schläft, nein, das durfte einfach nicht wahr sein. Bis eine flüchtige Bekannte von mir von ihrem neuen Typen vorschwärmte, wie toll er ist, wie gut er ist, und mir sein Foto zeigte, und ich auf diesem Foto Mike erkannte...
- Oh du Arme, sagte er mit Tränen in den Augen.
Oder bildete ich mir das nur ein? Auf alle Fälle legte er seinen Arm um meine Schultern und setzte eine Miene auf, die Trost ausstrahlen sollte.
- Erspar mir dein Mitleid.
Erschreckt nahm er seinen Arm wieder weg und bestellte noch was zu trinken. Ich begann ihn irgendwie zu mögen. Er hatte wirklich goldene Funken in den Augen, und dichtes blondes Haar. Und eigentlich ist es auch nicht wirklich schlimm, wenn einer klein karierte Hemden und Bundfaltenjeans trägt, das muss noch gar nichts heissen. Wenn ich seine Mutter wäre, würde ich wohl auch wollen, dass er sich anständig kleidet.
Ich hörte gerade noch, wie Gainsbourg aus der Jukebox flüsterte, die körperliche Liebe ist eine Einbahnstrasse, ergebt euch, der Verzweiflung entkommt ihr nie...
- Na gut, ich beglückwünschte sie zu ihrem neuen Lover und begann, einen Racheplan zu schmieden.
Der Raum drehte sich leicht um mich, ich begann mich wohl zu fühlen, nichts konnte mich mehr aufhalten. Ich hielt die Bar mit beiden Händen fest, damit sie endlich still stand.
- Es war so: Wir waren mit ein paar Freunden bei seinem Bruder zum Abendessen eingeladen, bei seinem kleinen Bruder, und, weisst du, sie gleichen sich wirklich, nicht der Mund, aber die gleichen Augen, die gleichen Schultern, und ich setzte mich beim Essen neben seinen Bruder, das fiel ihm nicht mal auf, er war mit der Frau eines Kollegen beschäftigt. Wir unterhielten uns, ich brachte das Gespräch auf Sex, auf was er liebt, ich legte ihm meine Hand aufs Bein, so...
Ich legte ihm meine Hand aufs Bein, weit oben, so dass ich die Ausbuchtung seines Penis spürte, der bewegte sich wie ein lebendes Wesen, ich spürte, wie er hart wurde – das irritierte ihn, er schleuderte irre Blicke durch das Lokal, er nahm meine Hand und warf sie auf mein Bein zurück.
- He, spinnst du!
- Mach nicht so einen Skandal, ich wollte dir nur zeigen, was ich gemacht hab... sag nicht, dir gefällts nicht! Nun gut, ich legte seinem Bruder so meine Hand auf sein Bein, unter dem Tisch, ich schenkte ihm gut ein, damit er auch genug trinkt, und nach dem Essen tanzten wir in der Wohnung, Rock’n’Roll zuerst, dann Slows, weisst du, so die uralten Platten, die guten, und Mike wurde nun langsam misstrauisch, während dem ganzen Abend hab ich nicht ein Wort mit ihm gesprochen. Und ich tanzte nun eine Slow mit seinem Bruder, ich erregte ihn, rieb meine Hüften gegen seine, ich küsste seinen Hals, ich spürte immer mehr Mikes Blicke auf meinem Rücken, bis er zu mir kam und zu mir sagte, „komm, wir gehen, du bist betrunken“, und ich ihm ins Ohr flüsterte „kann sein, auf alle Fälle geh ich nicht, ich werde Sex haben mit deinem Brüderchen, noch heute Nacht“, und das alles immer noch während des Tanzens. Ich liess Mike stehen und nahm seinen Bruder bei der Hand, der war wirklich betrunken, hin und weg, und ich führte ihn in sein Schlafzimmer...
Ein kleines Lächeln zauberte sich herbei in Gedanken an die Szene, ich war feucht geworden, unwillkürlich rieb ich mit meiner Hand meine Vagina, ich versuchte einen Finger in meine Spalte zu tauchen, ich hatte vergessen, dass ich Hosen trug. Ich stellte fest, dass keine Musik mehr lief.
- Komm, Kleiner, tu mir einen Gefallen, drück mir „Sex Shop“ von Gainsbourg auf der Juke Box, ich kann nicht mehr gerade gehen...
Ich suchte nach einer Münze, doch er war schon aufgestanden, die Musik erfüllte den Raum mit Zärtlichkeit. Er kam zurück, er setzte sich und schaute mich an. Er schüttelte den Kopf.
- Du bist schon ne Nummer... Und – und Mike liess dich einfach machen?
- Was blieb ihm denn schon übrig? Er war sauer, hat sich irgend so ne Tussi geschnappt, und mit der angefangen zu knutschen... Das war mir egal, du kannst dir nicht vorstellen wie, ich bin mit seinem Bruder ins Schlafzimmer gegangen Wir fielen aufs Bett, er küsste mich, lange schöne Küsse, er hat einen ganz besonderen Geschmack... Ich öffne meine Bluse, er nimmt meine Brüste mit beiden Händen und massiert sie, er küsst die Spitzen, während ich versuche, meine Hand zwischen seine Beine zu schieben und seine Eier in die Hand zu nehmen, er hatte einen massiven Ständer, steinhart... Es war ein seltsames Gefühl, es war, wie wenn ich mit Mike im Bett war und doch nicht, sie haben die gleichen Art, eine Frau zu berühren, aber sie fühlen sich leicht anders an, kannst du dir das vorstellen?
Er stöhnte leise. Ich sah, dass er sich die Szene wirklich sehr gut vorstellte. Sein Blick hing im Nirgendwo, seine Hände bewegten sich seltsam nervös, wie zwei verletzte Vögel, die ein Nest suchen und keines finden. Ich lachte ihm ins Gesicht.
- Ich muss sagen, sie sind beide gleich begabt im Bett, er hat mich dann ausgezogen, der Bruder von Mike, und er begann mich zu lecken, zuerst nur mit der Zunge, rund um die Klitoris und in meine Spalte hinein, dann mit zwei Fingern in meiner Spalte, zwei Fingern im Anus, und die Zunge auf der Klitoris, er war gut, noch besser als Mike sogar, der hat mir immer weh getan im Anus, bei ihm ertrug ich das nicht... Doch sein Bruder schaffte es, mich so zu erregen, ich zitterte nur noch, ich war tropfnass, ich spürte seinen Kopf zwischen meinen Beinen, seine Zunge, seine Finger, ich spürte, wie der Orgasmus bald kommen sollte... Und da öffnete Mike die Tür zum Schlafzimmer, ich schaute ihm genau in die Augen.
- Was? Und dann?
- Ich hab den Orgasmus vorgetäuscht, ich konnte nicht mehr... Mike schloss die Tür wieder, und dann war er weg. Gegangen. Bestell mir doch noch was zu trinken, mein Schatz.
Nun hätte ich etwas Wasser vertragen, aber ich wollte mir keine Blösse geben. Noch ein Pastis. Mein Herz raste im Galopp, der Schweiss unter meinen Achseln stank. Die Bar drehte sich nicht mehr, aber mir war übel. Muss wohl an den schlechten Erinnerungen liegen. Ich stürzte mich auf die Erdnüsschen und dachte daran, wieviel Typen, die sich nach dem Pissen nie die Hände waschen, schon ihre Finger in der Schale hatten. Der Durchschnitt liegt ungefähr bei neunzehn, wurde mir gesagt. Ich konzentrierte mich auf meinen Atem.
Er brach das Schweigen als erster.
- Du bist schon ne arme Sau. Hast du noch was von ihm gehört?
- Ja, er hat heute angerufen. Und gefragt, was das soll. Und ich erklärte ihm, dass ich mir nur einmal die Freiheit genommen habe, das zu tun, was er die ganze Zeit tut. Und er meinte frech, er habe nie mit meiner Schwester geschlafen.
- So ein Arsch!
- Du sagst es. Nun gut, wir stritten noch was miteinander, und er meinte, ich könne ihn irgendwo, und das war‘s.
Der kleine Blonde schaute mich bekümmert an. Er legte nochmals ganz schüchtern seinen Arm um meine Schulter. Die Berührung widerte mich an, aber ich liess ihn machen, ich mochte mich nicht mehr bewegen. Ein Krümel war in meinem Hals hängen geblieben, ich versuchte ihn zu schlucken. Ich wünschte, ich wäre schon daheim. Ich wünschte, ich wär nie geboren. Warum ist das Tragische so nah am Lächerlichen? Warum bringt mich ein Erdnusskrümel dazu, solch unwürdige Grimassen zu schneiden?
- Komm zu mir, da kannst du dich ausheulen, wenn du willst.
- Nein, kommt nicht in Frage.
- Ehrlich, und ich mach dir auch nichts. Ich will dir helfen.
- Umso schlimmer. Ich geh jetzt. Und danke fürs Zuhören.
- Keine Ursache...
Ich quälte mich auf, legte eine Note auf den Tisch und ging hinaus. Er versuchte nicht, mich aufzuhalten. Ich schaffte ungefähr zehn Schritte, bevor ich mein Elend erbrach. Zum Glück war ein Brunnen in der Nähe.
Daheim legte ich mich aufs Sofa, ich schnappte mein Telefon, um zu schauen, wer angerufen hatte. Logisch, niemand, es war abgeschaltet. Im Fenster leuchtete ein silberner Mond, und es herrschte eine Stille von der Klarheit eines Bergbachs. Ich legte mich auf mein Sofa und trank einen Schluck Wasser. Mike, sagte ich vor mich hin. Mike.

 

Hallo LaChatte,

willkommen auf kg.de. Auch wenn diese Rubrik ziemlich untypisch für mich ist: Deine Geschichte gefällt mir, weil sie sich nicht mit platter Darstellung von Sex begnügt, sondern das alltägliche Nebeneinander von Lust und Emotionen zeigt (selbst in ihrer Sehnsucht nach Mike spielt die Protagonistin mit der Erregung des Fremden in der Bar), und gleichzeitig die unlösbare Verknüpfung dieser beiden Aspekte: Ganz cool will die Heldin es Mike heimzahlen, aber am Ende ist doch wieder sie selbst es, die leidet.

Schöne Grüße
Roy

 

Hallo LaChatte,

gelungener Einstand hier auf KG und damit gleichzeitig auch von mir ein herzliches Willkommen für dich. :)

Deine Geschichte ist flüssig und spannend geschrieben, auch das Thema ist gut umgesetzt.
Ein wenig enttäuschend fand ich nur, dass du den sog. Unbekannten so treudoof dargestellt hast, ich fand das etwas überzogen.
Dafür ist gut rausgearbeitet gewesen, wie zerbrechlich die Gefühlswelt der Protagonistin im Laufe des Baraufenthalts abläuft. Zunächst ist sie noch nicht so betrunken, um nicht für sich zu registrieren, dass ihr der Mann gar nicht gefällt, dann verschmilzt der Alkohohl und ihre Anlehnungsbedürftigkeit dazu, dass sie den Typen sympathisch findet und bevor sie ihn sich sozusagen "schönsaufen" kann, ist sie so betrunken, dass der Zustand ihrer trunkenen Besinnungslosigkeit ihr jegliche Entscheidungskraft nimmt.
Gut gemacht und ich bin gespannt, was noch so von dir kommen wird.

Lieben Gruß
lakita

 

Liebe KritikerInnen

noch ein öffentliches, grosses DANKE für eure netten Worte!

Und, Iakita, ich werd mir den Unbekannten zu Herzen nehmen und ihn das nächste Mal etwas besser kennen lernen, bevor ich ihn beschreibe

Grüsse
LaChatte

 

Salut ma Minette ;)

Tolle Geschichte, hat mir echt gut gefallen! Ich bin jetzt in der Erotikliteratur nicht so bewandert, daß ich eine hochliterarische Kritik abgeben könnte, aber die Atmosphäre, die Gefühle u.s.w. hast du echt gut beschrieben. Ich finde auch nicht, daß der Unbekannte wirklich stereotyp ist. Vielleicht solltest du ihm noch irgendein individuelles Merkmal zuschreiben. Aber das langt dann auch, finde ich.
Ach ja, ein bißchen gestört hat mich, daß du keine Anführungszeichen verwendest. Ist irgendwie so ungewohnt. Aber das ist wirklich das einzige, was ich zu meckern habe.

Lieber Gruß, Menedemos.

 

Letzte Empfehlungen

Neue Texte

Zurück
Anfang Bottom