Marianne
Ihre Mutter meinte, dass das Kind Marianne heißen müsse.
Der Vater lallte was von Sohn gezeugt haben, wollte die Frau zur Abtreibung prügeln.
Es kam dann doch so, dass die Geburt stattfand.
Auch wurde das Hoffen der Mutter nach einem Mädchen erfüllt.
Auch bekam es den Namen Marianne. Marianne war sich allerdings nicht sicher, wie sie es denn anstellen sollte, den warmen Bauch der Mutter zu verlassen. Sie hatte Angst vor dem Geschrei da draußen, dem sie hier drinnen unbeholfen lauschen musste. Ihre Angst vor dem da draußen war so groß, dass sie ganz verdreht in ihrer Bauchhöhle lag. So halfen geflissentlich herbeieilende Turnusärzte, Marianne mit der Zange in das rechte Licht zu befördern. Die Geburt war hier gleichzeitig Spielwiese für ungeschickt hantierende Götter in Weiß und Mariannes Schutzengel hatte Urlaub. Aber das machte nichts, denn davon wusste niemand. Alles ging gut. Alles freute sich maßlos. Der nun Vater gewordene Mann versoff seinen Wochenlohn zur Feier des Tages. Eine ehemals einsame Freundin aus frühen Tagen kam die Mutter besuchen, gratulierte, tätschelte das entzückende Baby und verschwand trippelnd zu ihrem Liebhaber, der missmutig unten im Wagen wartete. Zurück blieb ihr Parfüm, also der penetrante Duft der großen weiten Welt. Und Mariannes Großmutter, die bislang still neben dem Bett gesessen hatte und das Kind mit sanftem Blick, aber doch sehr neugierig, betrachtete.
Nun gut. Marianne wuchs, wuchs in Vielem über sich hinaus.
Nur die rechte Hüfte schmerzte zusehends und das Bein, das unter dieser kraftvoll versuchte, mit allem, was Marianne tat, Schritt zu halten, wollte nicht die Länge seines gesunden Nachbarn annehmen. Auch mit einem kürzeren Bein lässt es sich leben, sagte die Großmutter, die Marianne zu sich aufnahm, nachdem sich der Vater als Freude über die Tochter zu Tode gesoffen hatte und die Mutter mit einem ungarischen Import- Exportkaufmann den penetranten Duft der großen weiten Welt zu suchen begann.
In die Freiheit will ich fliegen und in ein neues Leben, wie sie zu Marianne sagte. Und dabei hatte die Mutter das Parfüm ihrer trippelnden Freundin in der Nase.
Um mich im Stich zu lassen, wie Marianne ihr unglücklich antwortete und dafür wieder Hiebe einfing. Geh’ nur, schrie die Großmutter der Mutter Mariannes nach und dann nahm sie das verschreckte Mädchen in ihre schweren Arme, drückte es und sagte, während sie versuchte, die Tränen von Mariannes Wangen zu wischen, Hab’ keine Angst. Du hast ja mich. Und ich bin für dich da.’
Marianne vertraute auf die Großmutter und liebte sie sehr. Marianne hatte bescheidenen Erfolg in der Schule und irgendwie hatte sie auch nur Bescheidenes vor für später. Erste kleine Liebschaften zerbrachen an Mariannes Vertrauen darauf, sich auf jeden verlassen zu können. Auch an der irreparabel verkümmerten Hüfte zerbrachen manche Liebesschwüre. Auch an dem zu kurzen rechten Bein, obwohl sie diesen Notstand mit einem erhöhten Stöckel am Schuh recht und schlecht auszugleichen suchte. Zu verstecken selbst war nichts. Dafür schlingerte Marianne zu breit beim Gehen und ihre um den Arm hängende Handtasche flog bei jedem Schritt auf und ab. Aber sie arbeitete nunmehr im Sekretariat eines Reisebüros und dazu brauchte sie keine gleich langen Beine. Doch wenn sie im Cafehaus saß, mit aufrechten Schultern und die Beine unter dem Wickelrock versteckt, dann spähten die Männer zu ihr und auffordernde Blicke verfingen sich in Mariannes dichtem schwarzem Haar. Sie war im Grunde eine schöne Frau und dass das unter dem Wickelrock nicht so ganz dazupassen wollte, war nicht ihre Schuld.
So konnte Marianne aus einem kleinen, aber aufrichtigen Glück schöpfen, welches ihr die Großmutter, vergesslich geworden aber nicht weniger liebevoll geblieben, täglich aufs Neue auf den Tisch stellte. Eines Tages bezog Marianne eine eigene Wohnung, nur für sich, aber auch ausgestattet mit einem Zimmer für die regelmäßigen Besuche der Großmutter.
Ein paar Tage später lernte Marianne zur Vervollkommnung des schon großen Glücks einen Mann kennen.
Einen Mann, den die Flucht aus einer totgelaufenen Liebe direkt in ihre wartenden Arme stolpern ließ.
Der Mann besaß ein dunkelgrünes Auto. In dem hörte er, wann immer er damit fuhr, die mystische Musik der schottischen Highlands. Marianne begann, diese Musik zu lieben wie auch er es tat. An einem Sonntag im Oktober fuhr er mit ihr in eine entfernt liegende Stadt.
Er lud sie zum Essen in ein Restaurant und Marianne begann, während sie den Tafelspitz zerschnitt, zu ahnen, dass es dieser eine Mann sein könnte. Denn dieser Mann tat, als ob es ihr Schlingern nicht gäbe, tat, als hätte sie die schönsten Beine der Welt. Dieser Mann hielt liebevoll ihre Hände, öffnete ihr Türen, durch die sie meinte, nie zuvor gegangen zu sein. Wenn er von den Highlands erzählte, lauschte sie mit geschlossenen Augen seiner Stimme und meinte, dabei die Gischt der sich brechenden Brandung zu spüren.
Wenn er von seiner Vergangenheit sprach, in der auch eine Frau vorkam, glaubte Marianne alles mit dem Urvertrauen, wie nur sie und Großmutter es hatten. Sie, weil ihr Großmutter es so gelehrt hatte. Großmutter, weil diese ohne Zangenhilfe in das Licht der Welt gerückt wurde. Manchmal, wenn der Mann von Vergangenem erzählte und Marianne dazu Fragen stellte, ging sein Blick dabei geradewegs ins Leere und Marianne musste Gesagtes wiederholen.
Aber das machte ihr nichts aus. Es war seine Zeit, von der er sprach, oder nur stumm davor saß, wenn er darüber alles vor Marianne ausgeleert hatte. Damit hatte Marianne nichts zu schaffen. Das Jetzt war für sie wichtig. Dem Jetzt schenkte sie ihr Vertrauen.
Ihr Jetzt war er.
Sie begann diesen Mann zu lieben.
Sie überreichte ihm ihre unversehrte Liebe wie ein lange aufbewahrtes Geschenk. Ob er ihre Liebe so wollte, wie sie ihm diese darbot, wusste sie nicht. Doch sie glaubte, dass er, so wie sie, dachte und fühlte. Auf diesem Glauben baute sie ihre Liebe auf. Auch, weil es schön für sie war, mit ihm ins Bett zu gehen. Weil sie seine Küsse brauchte, seine Arme, die behutsam das weiche Kissen unter ihre verkümmerte Hüfte schoben. Weil sie es unendlich liebte, wenn er ganz zärtlich in sie eindrang und ihr fragend ins Ohr flüsterte, ob es denn ginge und die Schmerzen nicht zu groß wären. Weil sie sich gerne schön machte für ihn. Kleider anprobierte, in die zu schlüpfen sie davor nicht gewagt hätte. Für einen Mann, der für sie gut roch und ihr all die Aufmerksamkeit gab, nach der sie sich gesehnt hatte.
Sie begann nicht nur, ihn vorbehaltlos zu lieben. Sie begann, ihr Leben nach seinen Bedürfnissen auszurichten. Seine Interessen wurden die ihren, seine Meinung floss in ihre Argumentation ein und bildete damit im Wesentlichen die ihre. Und wenn sie ihn ansah, sah sie zu ihm auf. Ihr Augenweiß war dann noch weißer und sie erinnerte ihn an einen Hund, der an sein Herrchen glaubt. Im gleichen rasanten Tempo, in dem dies geschah, nahm sein Interesse an ihr ab, wollte er aus ihren Armen weg, weil er glaubte, darin zu verbrennen.
Weil er seine Imitation in ihren Worten erkannte, ihrem Blick nicht standhielt, aber auch ihr Schlingern nun bemerkte, das nicht das seine war. Weil er seine Liebe als eine andere definiert hatte, eine, die vorüberging, und sie davon nichts wusste. Weil sie dort noch vertraute, wo er bereits Notlügen zuließ.
Marianne merkte es lange nicht.
Das Bett war ihr Auffanglager, das sie für ihn eingerichtet hatte. Dafür, dass er wieder kam und eine weitere Nacht blieb. Als sie begriff, dass er sich bereits Meilen von ihr entfernt hatte, war es zu spät. Ein gemeinsames Abendessen mit seinen Freunden half über nichts hinweg. Marianne bemühte sich. Großmutter hatte gemeint, dass mit einem liebevoll zubereiteten Essen vieles noch zu verhindern wäre. Die gebratene Pute war vorzüglich im Geschmack, die Salate fein gewürzt und der Wein dazu trefflich ausgesucht. Er besoff sich, schäkerte mit der Frau eines Freundes, nahm Mariannes Bemühungen nicht wahr. Im Gegenteil. Er benahm sich so, wie sie es von ihrem Vater kannte, machte sie lächerlich, indem er sie beim Tanzen wie eine Puppe über den Boden schleifte und sie mit wilden Blicken bestrafte, als sie meinte, für den Abwasch seine Hilfe zu brauchen. So machte sie den Abwasch allein. Als die Schmerzen in Mariannes Hüfte zu groß wurden, half ein noch nicht betrunkener Freund des Mannes beim Wegräumen der Teller und Pfannen. Marianne hätte gerne geweint. Doch das würde sie ein andermal machen, beschloss sie.
Durch die Gassen schleppte der angekommene Winter sein erstes Weiß.
Er kam ein letztes Mal an einem Nachmittag zu ihr.
Marianne hatte sich jedes Detail dieses Nachmittags gemerkt, konnte der Großmutter alles erzählen. Er trug einen schwarzen, weitgeschnittenen Mantel, hatte sich frisch rasiert und duftete danach. Ich muss weiter, sagte er. Es ist seine Angst vor mir, dachte Marianne. Seine Augen waren zusammengekniffen und seine Hände hatten die Kälte der Zange, mit der verspielte Turnusärzte Marianne ins fahle Licht der Welt gerückt hatten. Draußen schaukelten die Straßenlaternen wie Boote im waagrechten Schneetreiben. Auf einer saß Mariannes Schutzengel und sah alles.
Der Mann roch nach Cognac. Nicht stark, aber Marianne merkte es. Seine Stimme klang spröde und er tauchte seine Nasenspitze schnuppernd in den Scheitel ihres Haares.
Er tat dies so zärtlich, Großmutter. Als ob er mich das erste Mal wahrgenommen hätte.
Nach ihm wird kein Anderer so wichtig sein, wie er es für mich gewesen ist. Er hat mir eine kleine Zeit mit einem großen Glück geschenkt. Und er hat mir von den Highlands erzählt. Ich konnte dabei die Brandung des Meeres sich an den Felsen brechen hören, die Gischt spüren. Ich war trunken von dieser Liebe zu ihm und habe mich selbst dabei vergessen, bis ich ihn gerade dadurch auf mich aufmerksam machte. Dann erst sah er mein rechtes Bein.
Dann erst, Großmutter.
Und denk dir, in der Nacht habe ich meinen Namen rufen gehört. Immer wieder. Es war seine Stimme, die mit den Flocken an der Scheibe verrann. Ich lag im Bett, Großmutter. Ich konnte nicht aus dem Fenster schauen. Ich konnte nicht aus dem Bett steigen. Ich konnte mein rechtes Bein nicht bewegen. Die Schmerzen waren grässlich, als sein Rufen verebbte.
Dann erst habe ich geweint. Dann erst.