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Marianne

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02.11.2001
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Marianne

Ihre Mutter meinte, dass das Kind Marianne heißen müsse.
Der Vater lallte was von Sohn gezeugt haben, wollte die Frau zur Abtreibung prügeln.
Es kam dann doch so, dass die Geburt stattfand.
Auch wurde das Hoffen der Mutter nach einem Mädchen erfüllt.
Auch bekam es den Namen Marianne. Marianne war sich allerdings nicht sicher, wie sie es denn anstellen sollte, den warmen Bauch der Mutter zu verlassen. Sie hatte Angst vor dem Geschrei da draußen, dem sie hier drinnen unbeholfen lauschen musste. Ihre Angst vor dem da draußen war so groß, dass sie ganz verdreht in ihrer Bauchhöhle lag. So halfen geflissentlich herbeieilende Turnusärzte, Marianne mit der Zange in das rechte Licht zu befördern. Die Geburt war hier gleichzeitig Spielwiese für ungeschickt hantierende Götter in Weiß und Mariannes Schutzengel hatte Urlaub. Aber das machte nichts, denn davon wusste niemand. Alles ging gut. Alles freute sich maßlos. Der nun Vater gewordene Mann versoff seinen Wochenlohn zur Feier des Tages. Eine ehemals einsame Freundin aus frühen Tagen kam die Mutter besuchen, gratulierte, tätschelte das entzückende Baby und verschwand trippelnd zu ihrem Liebhaber, der missmutig unten im Wagen wartete. Zurück blieb ihr Parfüm, also der penetrante Duft der großen weiten Welt. Und Mariannes Großmutter, die bislang still neben dem Bett gesessen hatte und das Kind mit sanftem Blick, aber doch sehr neugierig, betrachtete.
Nun gut. Marianne wuchs, wuchs in Vielem über sich hinaus.
Nur die rechte Hüfte schmerzte zusehends und das Bein, das unter dieser kraftvoll versuchte, mit allem, was Marianne tat, Schritt zu halten, wollte nicht die Länge seines gesunden Nachbarn annehmen. Auch mit einem kürzeren Bein lässt es sich leben, sagte die Großmutter, die Marianne zu sich aufnahm, nachdem sich der Vater als Freude über die Tochter zu Tode gesoffen hatte und die Mutter mit einem ungarischen Import- Exportkaufmann den penetranten Duft der großen weiten Welt zu suchen begann.
In die Freiheit will ich fliegen und in ein neues Leben, wie sie zu Marianne sagte. Und dabei hatte die Mutter das Parfüm ihrer trippelnden Freundin in der Nase.
Um mich im Stich zu lassen, wie Marianne ihr unglücklich antwortete und dafür wieder Hiebe einfing. Geh’ nur, schrie die Großmutter der Mutter Mariannes nach und dann nahm sie das verschreckte Mädchen in ihre schweren Arme, drückte es und sagte, während sie versuchte, die Tränen von Mariannes Wangen zu wischen, Hab’ keine Angst. Du hast ja mich. Und ich bin für dich da.’

Marianne vertraute auf die Großmutter und liebte sie sehr. Marianne hatte bescheidenen Erfolg in der Schule und irgendwie hatte sie auch nur Bescheidenes vor für später. Erste kleine Liebschaften zerbrachen an Mariannes Vertrauen darauf, sich auf jeden verlassen zu können. Auch an der irreparabel verkümmerten Hüfte zerbrachen manche Liebesschwüre. Auch an dem zu kurzen rechten Bein, obwohl sie diesen Notstand mit einem erhöhten Stöckel am Schuh recht und schlecht auszugleichen suchte. Zu verstecken selbst war nichts. Dafür schlingerte Marianne zu breit beim Gehen und ihre um den Arm hängende Handtasche flog bei jedem Schritt auf und ab. Aber sie arbeitete nunmehr im Sekretariat eines Reisebüros und dazu brauchte sie keine gleich langen Beine. Doch wenn sie im Cafehaus saß, mit aufrechten Schultern und die Beine unter dem Wickelrock versteckt, dann spähten die Männer zu ihr und auffordernde Blicke verfingen sich in Mariannes dichtem schwarzem Haar. Sie war im Grunde eine schöne Frau und dass das unter dem Wickelrock nicht so ganz dazupassen wollte, war nicht ihre Schuld.

So konnte Marianne aus einem kleinen, aber aufrichtigen Glück schöpfen, welches ihr die Großmutter, vergesslich geworden aber nicht weniger liebevoll geblieben, täglich aufs Neue auf den Tisch stellte. Eines Tages bezog Marianne eine eigene Wohnung, nur für sich, aber auch ausgestattet mit einem Zimmer für die regelmäßigen Besuche der Großmutter.
Ein paar Tage später lernte Marianne zur Vervollkommnung des schon großen Glücks einen Mann kennen.
Einen Mann, den die Flucht aus einer totgelaufenen Liebe direkt in ihre wartenden Arme stolpern ließ.
Der Mann besaß ein dunkelgrünes Auto. In dem hörte er, wann immer er damit fuhr, die mystische Musik der schottischen Highlands. Marianne begann, diese Musik zu lieben wie auch er es tat. An einem Sonntag im Oktober fuhr er mit ihr in eine entfernt liegende Stadt.
Er lud sie zum Essen in ein Restaurant und Marianne begann, während sie den Tafelspitz zerschnitt, zu ahnen, dass es dieser eine Mann sein könnte. Denn dieser Mann tat, als ob es ihr Schlingern nicht gäbe, tat, als hätte sie die schönsten Beine der Welt. Dieser Mann hielt liebevoll ihre Hände, öffnete ihr Türen, durch die sie meinte, nie zuvor gegangen zu sein. Wenn er von den Highlands erzählte, lauschte sie mit geschlossenen Augen seiner Stimme und meinte, dabei die Gischt der sich brechenden Brandung zu spüren.
Wenn er von seiner Vergangenheit sprach, in der auch eine Frau vorkam, glaubte Marianne alles mit dem Urvertrauen, wie nur sie und Großmutter es hatten. Sie, weil ihr Großmutter es so gelehrt hatte. Großmutter, weil diese ohne Zangenhilfe in das Licht der Welt gerückt wurde. Manchmal, wenn der Mann von Vergangenem erzählte und Marianne dazu Fragen stellte, ging sein Blick dabei geradewegs ins Leere und Marianne musste Gesagtes wiederholen.
Aber das machte ihr nichts aus. Es war seine Zeit, von der er sprach, oder nur stumm davor saß, wenn er darüber alles vor Marianne ausgeleert hatte. Damit hatte Marianne nichts zu schaffen. Das Jetzt war für sie wichtig. Dem Jetzt schenkte sie ihr Vertrauen.
Ihr Jetzt war er.

Sie begann diesen Mann zu lieben.
Sie überreichte ihm ihre unversehrte Liebe wie ein lange aufbewahrtes Geschenk. Ob er ihre Liebe so wollte, wie sie ihm diese darbot, wusste sie nicht. Doch sie glaubte, dass er, so wie sie, dachte und fühlte. Auf diesem Glauben baute sie ihre Liebe auf. Auch, weil es schön für sie war, mit ihm ins Bett zu gehen. Weil sie seine Küsse brauchte, seine Arme, die behutsam das weiche Kissen unter ihre verkümmerte Hüfte schoben. Weil sie es unendlich liebte, wenn er ganz zärtlich in sie eindrang und ihr fragend ins Ohr flüsterte, ob es denn ginge und die Schmerzen nicht zu groß wären. Weil sie sich gerne schön machte für ihn. Kleider anprobierte, in die zu schlüpfen sie davor nicht gewagt hätte. Für einen Mann, der für sie gut roch und ihr all die Aufmerksamkeit gab, nach der sie sich gesehnt hatte.

Sie begann nicht nur, ihn vorbehaltlos zu lieben. Sie begann, ihr Leben nach seinen Bedürfnissen auszurichten. Seine Interessen wurden die ihren, seine Meinung floss in ihre Argumentation ein und bildete damit im Wesentlichen die ihre. Und wenn sie ihn ansah, sah sie zu ihm auf. Ihr Augenweiß war dann noch weißer und sie erinnerte ihn an einen Hund, der an sein Herrchen glaubt. Im gleichen rasanten Tempo, in dem dies geschah, nahm sein Interesse an ihr ab, wollte er aus ihren Armen weg, weil er glaubte, darin zu verbrennen.
Weil er seine Imitation in ihren Worten erkannte, ihrem Blick nicht standhielt, aber auch ihr Schlingern nun bemerkte, das nicht das seine war. Weil er seine Liebe als eine andere definiert hatte, eine, die vorüberging, und sie davon nichts wusste. Weil sie dort noch vertraute, wo er bereits Notlügen zuließ.
Marianne merkte es lange nicht.
Das Bett war ihr Auffanglager, das sie für ihn eingerichtet hatte. Dafür, dass er wieder kam und eine weitere Nacht blieb. Als sie begriff, dass er sich bereits Meilen von ihr entfernt hatte, war es zu spät. Ein gemeinsames Abendessen mit seinen Freunden half über nichts hinweg. Marianne bemühte sich. Großmutter hatte gemeint, dass mit einem liebevoll zubereiteten Essen vieles noch zu verhindern wäre. Die gebratene Pute war vorzüglich im Geschmack, die Salate fein gewürzt und der Wein dazu trefflich ausgesucht. Er besoff sich, schäkerte mit der Frau eines Freundes, nahm Mariannes Bemühungen nicht wahr. Im Gegenteil. Er benahm sich so, wie sie es von ihrem Vater kannte, machte sie lächerlich, indem er sie beim Tanzen wie eine Puppe über den Boden schleifte und sie mit wilden Blicken bestrafte, als sie meinte, für den Abwasch seine Hilfe zu brauchen. So machte sie den Abwasch allein. Als die Schmerzen in Mariannes Hüfte zu groß wurden, half ein noch nicht betrunkener Freund des Mannes beim Wegräumen der Teller und Pfannen. Marianne hätte gerne geweint. Doch das würde sie ein andermal machen, beschloss sie.
Durch die Gassen schleppte der angekommene Winter sein erstes Weiß.

Er kam ein letztes Mal an einem Nachmittag zu ihr.
Marianne hatte sich jedes Detail dieses Nachmittags gemerkt, konnte der Großmutter alles erzählen. Er trug einen schwarzen, weitgeschnittenen Mantel, hatte sich frisch rasiert und duftete danach. Ich muss weiter, sagte er. Es ist seine Angst vor mir, dachte Marianne. Seine Augen waren zusammengekniffen und seine Hände hatten die Kälte der Zange, mit der verspielte Turnusärzte Marianne ins fahle Licht der Welt gerückt hatten. Draußen schaukelten die Straßenlaternen wie Boote im waagrechten Schneetreiben. Auf einer saß Mariannes Schutzengel und sah alles.

Der Mann roch nach Cognac. Nicht stark, aber Marianne merkte es. Seine Stimme klang spröde und er tauchte seine Nasenspitze schnuppernd in den Scheitel ihres Haares.
Er tat dies so zärtlich, Großmutter. Als ob er mich das erste Mal wahrgenommen hätte.
Nach ihm wird kein Anderer so wichtig sein, wie er es für mich gewesen ist. Er hat mir eine kleine Zeit mit einem großen Glück geschenkt. Und er hat mir von den Highlands erzählt. Ich konnte dabei die Brandung des Meeres sich an den Felsen brechen hören, die Gischt spüren. Ich war trunken von dieser Liebe zu ihm und habe mich selbst dabei vergessen, bis ich ihn gerade dadurch auf mich aufmerksam machte. Dann erst sah er mein rechtes Bein.
Dann erst, Großmutter.
Und denk dir, in der Nacht habe ich meinen Namen rufen gehört. Immer wieder. Es war seine Stimme, die mit den Flocken an der Scheibe verrann. Ich lag im Bett, Großmutter. Ich konnte nicht aus dem Fenster schauen. Ich konnte nicht aus dem Bett steigen. Ich konnte mein rechtes Bein nicht bewegen. Die Schmerzen waren grässlich, als sein Rufen verebbte.
Dann erst habe ich geweint. Dann erst.

 

Hallo Aqualung!

Du hast einen sehr berührenden Text geschrieben. Das konnte nicht im Glück enden für Marianne, nicht in diesem Deinem Text.

"Ihr Jetzt war er" sagt viel aus, denke ich. Dieses vorbehaltose Lieben, Hoffen, auch sich selbst aufgeben, das letztich zuviel an Liebe, das die Liebe zerstört.

Die Gefühle von Marianne, diese unendliche Liebe, die unendliche Trauer, alles das kommt bei mir an, Aqualung, so gut ist es. Ich werde es noch öfer lesen.

Sein Verhalten finde ich irgendwie... interessant? Mir fällt kein Begriff dafür ein. Zuerst die Liebe (oder nur Trost?) und das Akzeptieren, und dann, als ihre Liebe für ihn zur EInschränkung wird, Flucht, Hartherzigkeit, nicht-anders-können. Irgendwie kann ich ihn nicht als Mistkerl sehen. Auch nur als Verlierer.

Ein sehr guter Text!

liebe Grüße, Anne

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo Maus und einen schönen Abend,

man sagt mir nach, nicht über die Liebe und das damit verbundene Schöne schreiben zu können. Ich hab's also wieder versucht und gleich vorsichtshalber in der Rubrik Sonstiges plaziert. Weil der Alltag für manche ein anderer als der meine ist.
Ich bedanke mich bei dir für dein feed-back.
Es ist nicht wirklich mehr dazu zu sagen.
Wenn du diesen Text wieder liest,habe ich damit genug erreicht.

Liebe Grüße - Aqua

 

Hallo Aqua!

Eine Situation, wie es sie massenhaft gibt. Einer hat ein Handicap, über das der andere aus lauter Liebe hinwegsieht, solange, bis die Liebe nicht mehr so groß ist, daß sie es verdecken kann.

Jedoch verbindest Du den Anfang, die Zangengeburt, den Vater, usw., zu wenig mit dem späteren Geschehen. Es liest sich, als wolltest Du erst eine ganz andere Geschichte schreiben, als sie es dann geworden ist. - Kurzum: Wenig durchdacht.

Überhaupt liest sich der Anfang wie ein Grundgerüst zu einer Geschichte, eine Aufzählung der Dinge, die man beschreiben möchte. Du hast Dir die Arbeit gespart, die aufgezählten Dinge näher auszuführen, und hast uns einfach die Aufzählung selbst gepostet... Für andere Autoren beginnt da die eigentliche Arbeit.

Daß man mit einer Zangengeburt den Säugling "in das rechte Licht befördert", finde ich einen seltsamen Ausdruck, der Dir aber scheinbar sehr gefällt, da Du ihn mehrmals wiederholst. Mir fiel er hingegen eher als unangenehme Wiederholung auf.

Meine restliche Kritik spar ich mir, da Du ja ohnehin nicht überarbeiten willst - wozu sollte ich mir dann die Arbeit machen...?

Liebe Grüße,
Susi

 

hallo aqualung, ich war einige zeit nicht mehr auf kg aktiv, da ich einfach keine zeit dazu fand. und jetzt bin ich als erstes gleich auf deine geschichte gestossen.

sicher - es ist eine alltagsgeschichte, wie susi ja auch schreibt. Im gegensatz zu susi finde ich gerade deinen reporterhaften stil gut, der nichts anderes tut, als tatsachen und empfindungen wie perlen auf eine schnur aufzureihen. mit den gelungenen wiederholungen (schutzengel, parfum, geburtszange, suff, .....) schaffst du interessante verknüpfungen und verknotungen in dieser perlenschnur, so dass für den leser am ende eine runde darstellung der situation von marianne nachvollziehbar ist - aber auch die situazion von tausenden von frauen die lieben, kletten und am ende verlieren.

für mich war das wieder ein "echter" aqualung-text. danke und gruß
ernst

 

Hallo Ernst Clemens,

ich habe jetzt erst dein Posting zu meiner Geschichte entdeckt, da ich ziemlich selten in der Rubrik Sonstiges herumschnüffle. Vielen Dank für deine Worte zu diesem Text. Ja, die Verknüpfungen und Verknotungen, die du erkannt hast, ziehen sich als roter Faden durch die Geschichte. Für viele Frauen und Männer bleibt am Ende die Niederlage. Ich denke, dass Marianne wirklich lieben kann, der Mann es jedoch nie versucht hat. Sie ist standhaft, er der Getriebene.

Lieben Gruß an dich - Aqua

 

Hallo Aqualung,
Deine Geschichte handelt gebündelt viele negative Erfahrungen ab, die eine der schönsten Erfahrungen im Leben, die Liebe, zum Scheitern verurteilen.

Schade, dass deine Prot. nur daraus lernt, die Gefühle zu verstecken.

Goldene Dame

 

Hallo Goldene Dame,

ja, gebündelte negative Erfahrungen. Auch die schönste Erfahrung darf letztendlich scheitern. Marianne vertraut auf die Liebe und versteckt sie keineswegs. Marianne hat ihre Gefühle nie versteckt, wird es nie tun. Marianne hat geglaubt. An seine Liebe, die als Heuchelei enttarnt wurde. Für ihn hängt die Liebe von Äußerlichkeiten ab, deshalb ging sie zu Bruch.
Als ich den Text schrieb, habe ich an etwas, das vor Jahren passierte, gedacht.

Danke, dass du dich mit dem Text auseinandergesetzt hast. Es gibt viele Wege, ihn zu erkennen. Deiner ist einer davon.

Liebe Grüße - Aqua

 

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