- Zuletzt bearbeitet:
- Kommentare: 16
Mariahilferstraße
Peinlich betreten blickte Cornelia zur Auslage einer Jeansbutike. Überrascht hatte sie das Gesicht einer ihrer einnächtigen Affären, ein blonder Jüngling, dessen Namen sie sich nicht einmal gemerkt hatte, angeblickt. Die Begegnung war ihr unangenehm. Der junge Mann schritt rasch an ihr vorbei. Erleichtert setzte Cornelia ihren Bummel durch die Mariahilferstraße fort. Im Grunde hatte sie nichts Bestimmtes vor, wollte sich nur ein wenig zerstreuen.
Unbarmherzig brannte die Sonne auf den flirrenden Asphalt. Cornelia hatte Kummer. Ihre Anstellung in der Datenverarbeitungsfirma stand auf wackeligen Beinen. Emma, ihre Kollegin, die sie anfangs stets freundlich angelächelt hatte, schmiedete schlimme Ränke hinter ihrem Rücken. Cornelia hatte Tags zuvor davon erfahren, sich deshalb frei genommen. So gelang es ihr, zumindest für diese kurze Zeit Abstand von den Unbilligkeiten zu gewinnen. Sie und Emma waren zugleich in den Betrieb eingetreten. Zu Beginn schien Emma trotz ihres harschen Wesens einigermaßen umgänglich, besonders Cornelia gegenüber. Cornelias Hilfsbereitschaft, ihre Gutmütigkeit, machten sie allseits beliebt, auch beim Abteilungsleiter und dessen Vorgesetzten. Doch Emmas Wohlwollen war geheuchelt. In Wahrheit betrachtete sie Cornelia als Stolperstein auf ihrem Wege nach oben. Hatten doch beide sich dieselben Aufgaben zu teilen. Emmas Wesen war forscher, nüchtener, von heimlichem Ehrgeiz geprägt. Cornelia war aufgrund ihrer umgänglicheren Art beliebter als Emma, was dazu führte, daß Emma Cornelia mehr und mehr als Gefahr für ihre Aufstiegsabsichten betrachtete. Emma war befördert worden, als der Abteilungsleiter den Betrieb verließ. Sie war nun Cornelias Vorgesetzte. In Anwesenheit aller Kollegen pflegte sie Cornelias Arbeit zu kritisieren, suchte nach dem auch noch so unbedeutenden Fehler, damit sie ihre Untergebene vor allen Mitarbeitern der Abteilung bekritteln konnte.
Mit Männerbekanntschaften hatte sie ebenfalls kein Glück. Es schien niemand richtig zu ihr zu passen. Zeit ihres Lebens war Cornelia Außenseiterin. Zwei Mal in ihrem Leben hatte sie eine engere Beziehung. Ihre erste große Liebe, Franz, der stets ihren etwas pummeligen Körper bemängelte. Cornelia machte ihm zuliebe Diäten, bis er sie schließlich einer anderen wegen verließ. Eineinhalb Jahre später trat Udo in ihr Leben. Udos Statur war kräftig, sehnig. Cornelia bewunderte ihn, fühlte sich magisch von ihm angezogen. Er fand in Cornelia jene von Selbstzweifeln zerfressene Seele, an welcher er sein zerstörerisches Machtbedürfnis ausleben konnte. Udo liebte es, Cornelia bloßzustellen, sie vor seinen Freunden zu erniedrigen. Er betrachtete Frauen nicht als ebenbürtig. Betrogen hatte er sie, fand es nicht einmal wert, seine Affären vor ihr zu verhehlen. Bis Cornelia die Beziehung beendete. Starke Gefühle des Nichtentsprechens, der Minderwertigkeit quälten sie ihr ganzes Leben hindurch. Cornelia fühlte sich einsam, hatte nur wenige Bekannte.
Zerstreuen, vergessen, für einen Tag lang an nichts denken, war ihr Ziel. Einkaufen ließ, für einen kurzen Moment lang, ein unerklärlich heftiges Glücksgefühl in ihr aufkeimen. Aus diesem Grunde verbrachte Cornelia ihren freien Tag auf der Mariahilferstraße. Menschen hasteten an ihr vorbei, schlenkerten bunte Einkaufstaschen und Plastiksäcke in ihren Händen. Manche hielten angespannt die Augenbrauen zusammenziehend Mobiltelefone an ihre überhitzten Ohren. Automobile schoben sich über den glühenden Asphalt. Presslufthämmer ließen Ohren kurz ertauben. Das Eurocenter musste umgewandelt werden. Ein runder Bau von unbeschreiblicher Schmucklosigkeit. Verschiedenste Firmen hatten schon an dem hässlichen Klotz herumgedoktert. Nach jeder verheißungsvollen Verwandlung war ein Allerweltseinkaufszentrum daraus geworden, in welchem Allerweltsgeschäfte, Allerweltswaren feilboten.
„Geh, hast a paar Zent für was zum Essen?" Das unscheinbare, bleiche Mädchen hatte sich aus der im rhythmischen Strome fließenden Masse ausgerechnet Cornelia herausgepickt. Erwartungsvoll blickte sie Cornelia an. Müde, grüne Augen, vom Straßenschmutz ergraute Kleidung, orangefarbenes Haar. Ihr Nasenring blitzte im Sonnenlicht. Cornelia schüttelte stumm den Kopf, ging ihres Weges. „Trampel, depperter!", rief ihr die junge Bettlerin nach.
Beatrix Muhses Dominae warfen lüsterne Blicke von blauem Plakathintergrund. ,Zwei Vibratoren zum Preis von einem‘ prangte in grellroten Lettern von der gegenüberliegenden Seite der Straße. Geruch asiatischer Schnellküche übertünchte für einen Moment lang den Gestank der Abgase. Ein Betrunkener schlief auf einer der blau lackierten Bänke unter dem Schatten eines Baumes. Seine abgewetzte Kunstledertasche lag neben ihm auf der Sitzfläche. Cornelia betrat das Modehaus J und N. Frischer Wind wehte aus Klimaanlagen, ließ Cornelias schweißnasse Bluse erkühlen. Ein kurzer, angenehm kalter Schauer rieselte über ihren Rücken. Gemächlich ließ sie die Kleiderhaken klirren, auf welchen die Leibchen ihrer Größe lustlos baumelten. „Wird schon passen", dachte sie, nachdem sie sich das schwarze Baumwollleibchen aus Indien vor dem mit Fingertappern übersäten Spiegel an die Brust gehalten hatte.
In elegantem Modeschöpferanzug, die geschmackvoll teure Aktentasche unter den Arm geklemmt, wühlte ein Mann mittleren Alters in einem Aluminiumgitterkorb, in dem ein Berg schwarzer Damenhöschen im Sonderangebot verschleudert wurde. Verstohlen blickte er um sich, hielt die Höschen hinter seiner Aktentasche versteckt. Grimmig drehte er sich zu Cornelia um, die ihn amüsiert beobachtete. Eine Duftwolke aus Schweiß und edelstem Rasierwasser hinter sich lassend, hurtete er zur Kassa. Gesenkten Hauptes legte er die Höschen auf den Kassentisch. Gleichgültig registrierte die ein wenig unwillig gelangweilt wirkende Verkäuferin die Ware mit dem Lesegerät. „Zwölfachtzig, biitteee!" Der elegante Herr ließ das Wechselgeld liegen, verließ eilig das Kaufhaus. Die elektronische Überwachung gab aufgeregte Piepser von sich. Ein rotes Alarmlicht zuckte auf.
„Entschuldigen Sie!", rief der Wachebeamte dem schneidigen Herren zu. „Machen Sie bitte die Tasche auf!" Cornelia unterdrückte gewaltsam ihre Lust, in schallendes Gelächter auszubrechen. „Ob der sich auch noch Schuhe mit hohen Absätzen kauft?", mutmaßte sie heimlich in sich hineinkichernd. Das Gesicht des Herren war rot angelaufen. Erfüllt von Scham senkte er seine Blicke zu Boden. Die Wangen bibberten. Beschämt ließ er den Wachebeamten Einblick in die Aktentasche gewähren. „Die Strümpfe haben Sie hier gekauft?", fragte dieser unwirsch und fischte schwarze Nylonstrümpfe aus der Aktentasche. „Aber...", stotterte der Herr. Mit nervös zittriger Hand wachelte er ihm einen Kassabon unter die Nase. „In Ordnung!", brummte der Wächter entschuldigend, „das passiert schon mal. Die Systeme sind halt verschieden." Schweißüberströmten Gesichtes rannte der Herr in Richtung des Taxistandplatzes auf der anderen Straßenseite.
Cornelia befühlte das schwarze Leibchen in ihrem Papiersack, als sie das Geschäft verließ. Sie würde es aufheben, nicht sofort am nächsten Tag anziehen. Sie hatte die Gewohnheit Dinge zu horten, aufzuheben für schlechte Zeiten, die möglicherweise kommen könnten. Ihre kleine Wohnung war vollgestopft mit Gegenständen, die sie während einer ihrer zahlreichen Kaufräusche erworben, aber nie verwendet hatte. Konservendosen stapelten sich in ihren Küchenschränken. Milchpulver, haltbare Kondensmilch, Dosen von Gemüse, Obst, Tomatenmark. Ihre Kleiderkästen barsten, die Schubladen waren überfüllt mit leeren Tonband- und Videokassetten, sowie CD-Rohlingen. Cornelia hatte all die gehorteten Gegenstände fein säuberlich geordnet und an einem eigens für sie bestimmten Platz eingeschlichtet. Auf diese Weise konnte sie ihre panische Angst, alles zu verlieren, ein wenig bändigen.
Sie hatte sich ihre kleine Wohnung auf Kredit gekauft. Vor ein paar Jahren, als ihre Stelle noch sicher schien. Liebevoll hatte sie die beschränkten Räumlichkeiten ihrer Wohnstatt eingerichtet, jedem Gegenstand aus ihrem Besitze den richtigen Platz zugewiesen. Nun hatte sie Furcht davor, die Kreditrückzahlungen nicht mehr bewerkstelligen zu können. Hing ihre Anstellung Emmas wegen doch an einem seidenen Faden. Cornelia war umgänglich, sanftmütig, doch auf Grund ausgesprochen schlechter Erfahrungen misstrauisch und in sich gekehrt. Manchmal ging sie des Abends aus. Alleine. In Lokalitäten, die gerade besonders beliebt waren. Zuweilen lernte sie auch Männer kennen, mit welchen sie die Nacht verbrachte. Einige empfand sie als liebenswert, doch siegte stets ihre Angst, verraten, enttäuscht, oder ausgenutzt zu werden. Deshalb igelte sie sich in ihrer kleinen Welt ein. Mit all ihren gehorteten Dingen. So könne ihr nichts geschehen, meinte sie stets. Es sei besser so.
Dichter und hektischer wurde die Menschenmasse, die sich über das glühende Pflaster der Mariahilferstraße wälzte. Cornelia betrachtete die Auslage eines Schuhgeschäftes. Zum Anprobieren von Schuhen hatte sie keine Lust. An der Kreuzung zur Neubaugasse trat ihr ein junger Mann mit roten Locken in den Weg. Auf seinem gelben Leibchen stand in grünen Lettern ,Grüner Friede’.
„Hallo du, willst du etwas für die Umwelt tun?" Cornelia kramte ihre Geldbörse hervor, nestelte nach Münzen.
„Nein", warf der Aktivist ein. „Schau her", gickste er grinsend und hielt ihr eine Mappe vor die Augen.
„Füll das hier aus. Unterschreib eine Kontoeinzugsermächtigung, für ein paar Euro im Monat. Da tust was Gutes!"
„Nein, das will ich nicht!", grummelte Cornelia abweisend.
„Aber nur ein paar Euro, zehn Euro im Monat..." Der Rotschopf ließ nicht locker. Keck hielt er ihr den Kugelschreiber entgegen.
Kopfschüttelnd setzte Cornelia zur Fortsetzung ihres Bummels an, als ihr der Jüngling in den Weg trat. Sie wich ihm aus.
„Nur ein paar Euro im Monat!" Er ließ nicht locker.
„Lass mich in Ruh!", fluchte Cornelia wütend. Die Hartnäckigkeit des jungen Mannes begann ihr Angst zu machen.
„So wird sich nie was ändern!", rief er ihr hinterher, als er bereits sein nächstes Opfer anpendelte.
„Möchtest du einen Bauchtanzkurs gewinnen?", quietschte sie die nächste Stimme an. Bleiche, dünnknochige Hände streckten ihr eine Broschüre entgegen. Cornelia drehte sich weg, ging weiter, peilte den Jupiter-Großkauf an. „Eine Musik-CD zur Entspannung", dachte sie.
„Hast an Tschik?", grölte ihr ein in abgerissenen, schwarzen Hosen gekleideter Glatzkopf nackten Oberkörpers ins Gesicht.
Sie betrat das Geschäft, ohne ihn zu beachten. Pupertierende Pickelgesichter scharten sich lachend um ein Elektronikspiel, das man zum Ausprobieren in die Mitte des Verkaufsraumes gestellt hatte. Cornelia durchwühlte die Stapel feilgebotener Tonträger. Sie entschied sich für Blues, zwei CDs. Man gönne sich ja sonst nichts, meinte sie, als ein Anflug schlechten Gewissens ob zu hoher Ausgaben sie nach dem Bezahlen gestichelt hatte.
Cornelia träumte von der Liebe. Den Mut, jenes Wagnis einzugehen, hatte sie jedoch nicht. Ihre Angst war ihr stets im Wege. Sich jemandem zu öffnen, war sie nicht im Stande. Jedes Mal, wenn sie sich vorstellen konnte, doch jenes süß verlockende Abenteuer einzugehen, zog sie sich zurück, errichtete schützend eine undurchdringbare Wand um ihr Inneres. Menschen, lehrte sie ihre Erfahrung, seien Wölfe, man nähere sich ihnen nur zaghaft und mit größter Vorsicht. Innerhalb ihres nur sehr spärlichen Bekanntenkreises kam es oftmals zu Krisen, Streit und Trennungen. Niemandem von ihnen war es gelungen, all die Träume und Versprechen aufrechtzuerhalten. Wie dünne Seide zerrissen zarte Bande, die sich zu Festerem zu formen schienen. Gelogen wurde, betrogen, verlassen und verwundet. Cornelia beließ es beim Träumen.
Mit leeren Augen blickte sie vor der U-Bahnstation stehend auf die Mariahilferstraße, wie sie sich behäbig hinaufkurvte. Die Menschenmassen, die gleichgültig auf ihrem breiten Pflaster trampelten, die Autolawine, die sich ächzend auf ihrem Asphalt in beide Richtungen quälte.
Cornelia war müde geworden. Ermattet von all den Waren in den Schaufenstern, von dem undurchdringlichen Wald an Preisschildern, Plakaten, Lichtreklamen, vom Lärm der Kraftwägen und Lautsprecher. Sie ließ sich von der Menge in die stickige U-Bahn quetschen.
Zurück in ihrer kleinen Welt, packte sie die neu erworbenen Gegenstände aus, wies ihnen den ihr richtig erscheinenden Platz zu. Ein nur kurz verweilendes Glücksgefühl. Cornelia legte sich auf das wohlige dunkelgrüne Sofa. Sie presste den flitterbesetzten orientalischen Zierpolster in ihre Arme und schloss ihre Augen. „Hier ist es gut", dachte sie. Am nächsten Tag würde sie Emmas hämisches Grinsen erwarten.