Mach's gut, Edda
Ich stehe an ihrem Grab und betrachte den schlichten, grauen Stein, der wie ein stolzer Soldat in seiner einfachen aber auf Hochglanz polierten Uniform in der frisch aufgeworfenen Erde steht. Er ist noch neu, noch nicht von der Witterung gezeichnet wie seine Artgenossen auf den umliegenden Gräbern.
Die Beerdigung war vor zehn Tagen.
Ich bin ein paar Tage zu spät gekommen.
‚Edwina Weiss’ steht da in schwarzer, nüchterner Grabsteinschrift. Darunter das Geburtsdatum und der Todestag. Sonst nichts.
Edwina Weiss! Edwina! Wie konnten sie dir das nur antun?
Der eisige Wind drückt sich wie der kalte Körper einer Schlange unter meinen hochgeschlagenen Mantelkragen und läßt mich frösteln. Ich versuche, den Stoff noch dichter an meinen Nacken zu drücken.
Ob ihr jetzt auch kalt ist?
Mein kurzes Lachen manifestiert sich als helle Wolke, die sich schnell über den frischen Blumen wieder im Nichts verliert.
Nein, dir ist bestimmt nicht kalt! Nicht meiner Edda.
Mach´s gut Edda. Egal, wo und bei wem du jetzt bist. Ich bin mir ganz sicher, sie werden ihren Spaß mit dir haben. Es war mir eine Ehre, dich gekannt zu haben.
Mach´s gut!
Ich wende mich von dem Grab ab und gehe den schmalen Kiesweg zurück zu meinem Wagen. Obwohl es im Inneren nur unwesentlich wärmer ist, lasse ich den Motor noch aus. Ein wenig möchte ich noch die Stille auf mich einwirken lassen. Hier, in ihrer Nähe.
Die Windschutzscheibe beschlägt an den Rändern. Der noch freie Teil erlaubt mir einen Blick auf die schmale Straße, die zu beiden Seiten von kahlen Bäumen gesäumt wird. Die Äste sind bedeckt mit einer dünnen, weißen Schicht aus Eiskristallen. Nur an einigen wenigen Stellen haben sie sich von der kalten Haut befreit, haben sie wie mit einem tiefen Atemzug platzen und von sich abfallen lassen. Bald kommt der Frühling. Im Sommer vereinen sich die Blätter über der Straßenmitte zu einem grünen Dach, das die Straße überspannt wie ein endlos langer Baldachin.
Ich denke an Edda. An meine erste Begegnung mit ihr.
Ich saß auf dem Balkon meiner Drei-Zimmer-Wohnung unter dem Sonnenschirm und freute mich auf mein neues Buch. Es versprach, ein perfekter, ruhiger Sonntag zu werden. Ich hatte gerade die Beine hoch gelegt und mir den Roman gegriffen, als das Telefon läutete. Gott sei Dank hatte ich es mit auf den Balkon genommen, so dass ich nicht wieder aufstehen mußte.
„Arnt Schneider“
„Arnt Schneider? Sie kenne ich ja noch gar nicht!“
Die Stimme gehörte zweifellos einer älteren Frau, auch wenn sie noch sehr fest und bestimmt klang.
Ich mußte lächeln.
„Na dann werden Sie mir sicherlich die Frage erlauben, warum Sie mich eigentlich anrufen. Mit wem spreche ich überhaupt?“
Ich hörte ein deutliches Schnauben. „Junger Mann! Ich kann Sie im Moment nicht sehen, Ihnen also auch nicht definitiv sagen, mit wem sie sprechen. Wenn Sie aber wissen möchten, wer ich bin und sich lediglich nicht richtig ausdrücken können, dann will ich Ihnen das gerne sagen. Ich bin Edda Weiss.“
Ich versuchte krampfhaft, nicht laut in den Hörer zu lachen.
„Aha. Frau Edda Weiss. Gut, Frau Weiss, dann sagen Sie mir doch jetzt bitte: Mit wem wollten Sie denn reden?“
„Das ist eine komische Frage, junger Mann. Mit der Susanna natürlich. Warum sonst sollte ich wohl ihre Nummer wählen?“
Ich lehnte mich in die Polster zurück und schüttelte den Kopf. So etwas hatte ich noch nie erlebt.
Es dauerte einige Sekunden bis ich glaubte, meiner Stimme wieder einen halbwegs ernsthaften Klang geben zu können.
„Aber Frau Weiss, hier gibt es keine Susanna. Wirklich nicht. Sie müssen sich verwählt haben.“
„Pappelapapp, verwählt! Dass Ihr jungen Leute immer wieder Alter mit Senilität gleichsetzt. Ich rufe Susanna jede Woche einmal an. Immer am Sonntag. Immer unter der gleichen Nummer. Und heute gehen Sie ans Telefon. Ich hoffe, Sie haben dafür eine plausible Erklärung. Also? Ich warte!“
Ich hielt den Telefonhörer vor mich und starrte ihn an. Das war unglaublich! Wie sollte ich dieser alten Dame klar machen, dass sie ...
Mit einem Ruck war der Hörer wieder an meinem Ohr. „Nun hören Sie, Frau Weiss, es gibt hier wirklich keine Susanna. Ich schwöre es Ihnen. Ich würde vorschlagen, Sie legen jetzt auf und wählen noch einmal. Sie werden sehen, dann wird sich bestimmt Ihre Susanna melden. Ist das eine Idee?“
Nachdenkliches Schweigen. Dann: „Gut. Gehen Sie Susanna in der Zwischenzeit rufen?“
„Nein, das tue ich nicht, weil es hier keine, keine, keine Susanna gibt.“
„Und Sie sind auch nicht zufällig ihr neuer Freund?“
„Nein, Frau Weiss, ich bin wirklich nicht ihr neuer Freund. Ich lebe hier ganz alleine. Hier gibt es keine Birgit, keine Gabi und am allerwenigsten eine Susanna. Ich hoffe, Sie haben das nun verstanden und wünsche Ihnen einen schönen Sonntag.“
Schnell drückte ich den roten Knopf um das Gespräch damit zu beenden.
Den Telefonhörer behielt ich in der Hand, die ich ohne zu zögern darauf verwettet hätte, dass ich nach einigen Sekunden wieder einen Anruf bekommen würde.
Als sich nach etwa zwei Minuten noch nichts getan hatte, legte ich das Gerät zurück auf den Tisch. Sie hatte sich also tatsächlich verwählt. Ich schlug mein Buch auf und begann darin zu lesen. Allerdings ohne großen Erfolg. Immer wieder mußte ich an Edda Weiss denken und schmunzeln. Schließlich legte ich das Buch zur Seite und schloß die Augen.
Ich war fast eingeschlafen, als mich der schrille Ton der Türklingel hochschrecken ließ.
Das sollte ein ruhiger Sonntag sein? Unwillig zog ich mich aus dem Gartenstuhl, ging durch die Wohnung ins Treppenhaus und dann nach unten zur Hautür.
Als ich die Tür öffnete, stand eine weißhaarige Frau vor mir.
Ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken sagte ich: „Frau Edda Weiss?“
Sie lachte mich an und nickte eifrig. „Jawohl. Und sie sind der nette, junge Mann, mit dem ich mich eben unterhalten habe, stimmt´s?“
„Das bin ich. Und ich bin ...“
Mit einer Handbewegung wischte sie meine Entgegnung weg und hielt mir dann mit der anderen Hand eine weiße Tüte vors Gesicht.
„Hier drin sind feine Streuselteilchen. Wenn sie uns eine Tasse Kaffee machen, teile ich sie mit Ihnen.“
Ich muß sie wohl ziemlich dümmlich angesehen haben, denn sie lachte wieder.
„Hören Sie, es gibt keinen Grund an Ihrem oder meinem Verstand zu zweifeln. Ich mache das jeden Sonntag. Ich nehme mir das Telefonbuch suche mir jemanden heraus, der in meiner Nähe wohnt. Dann rufe ich dort an. Meistens sind die Leute nicht sehr freundlich, aber manchmal habe ich Glück und finde jemanden, der so nett ist wie sie. Den besuche ich dann. Wissen sie, die meisten Menschen in meinem Alter sind sehr einsam. Ich nicht. Ich habe viele Freunde. Und vielleicht habe ich heute einen neuen dazu gewonnen.“
Mir wird bewußt, dass die Frontscheibe mittlerweile komplett angelaufen ist. Ich muß noch einmal über Edda lachen. Damals vor vier Jahren habe ich sie mit nach oben genommen und uns Kaffee gekocht. Wir haben fast den ganzen Sonntag auf dem Balkon verbracht und danach noch viele Sonntage mehr. Sie konnte wunderbar erzählen und ich hörte ihr gerne stundenlang zu. Sie hatte eine Art, das Leben zu genießen, von der ich sehr viel gelernt habe. Sie war so – jugendlich.
Ich drehe die Seitenscheibe herunter und blicke noch einmal in die Richtung, in der ihr Grab liegt.
Mach´s gut, Edda.
Und – grüß mir Susanna!