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Lebensmüde
Früher fuhr ich oft stundenlang durch die Nacht. All diese Menschen zu sehen, wie sie sich amüsierten, irgendwo hin eilten, ihrer nächtlichen Arbeit nachgingen, hinter beleuchteten Fenstern fern sahen oder zusammen mit der Familie an einem Tisch sassen… Mitten im Leben zu sein und doch abgeschottet in der eigenen kleinen Welt auf vier Rädern, sicher, alleine, aber nicht einsam, gab mir ein wohliges Gefühl. Ich konnte all meine Gedanken sortieren, im Selbstmitleid versinken, unterstützt durch die Musik, so melancholisch wie irgend möglich, und doch machte mir der immerwährend Puls der Stadt klar, dass das Leben weitergeht, die Welt sich immer weiter drehen wird, völlig egal, was mit mir ist. Die Gewissheit, nichts Besonderes zu sein, nur ein kleiner Tropfen in einem Meer aus Schicksalen, beruhigte mich und gab mir die Kraft, weiter zu machen, was auch war oder noch sein mochte.
Selbst das war vorbei. Nichts war mehr so wie es früher mal war. Mein Leben ging gerade den Bach runter, und ich hatte nicht die geringste Lust, daran irgendetwas zu ändern.
Drei Jahre war es jetzt her, seit Jenny mich verlassen hatte. Einfach so. Bis heute wusste ich nicht weshalb. Sie hat es mir nie gesagt. Vielleicht hätte ich mal danach fragen sollen. Aber was änderte das schon. Ausserdem wusste sie es wahrscheinlich selbst nicht.
Ich liebte sie nicht mehr, aber sie war trotzdem noch da, irgendwie. Hinderte mich daran, wenigstens zu versuchen, eine neue Beziehung einzugehen, auch nur das Geringste für eine andere Frau zu empfinden. Das verstand ich nicht. Es war irgendwie unlogisch. Trotzdem war es so. Überhaupt war die einzige Empfindung, zu der ich seit Langem in der Lage war, die Verachtung für meinen Chef. Wahrscheinlich arbeitete ich deshalb noch in dem Laden. Weil ich dadurch wusste, dass ich noch nicht völlig emotionslos geworden war. Der Job an sich war scheisse.
Trotz der Kontinuität meines Stimmungstiefs und des Mangels an Emotionen, manchmal empfand ich tatsächlich so etwas wie Zuneigung. Nämlich dann, wenn meine Katze nach ihren nächtlichen Streifzügen hin und wieder lautstark nach Streicheleinheiten verlangte, was selten genug vorkam. Ein Kuscheltier war sie nicht gerade. Dennoch war sie für mich wichtig, viel wichtiger als mir bewusst war. Das wurde mir letzte Woche klar, nachdem ich sie tot im Wohnzimmer liegend fand, nach einem beschissenen Tag im Büro – einem Tag wie jedem anderen also. Warum sie gestorben war, konnte mir der Tierarzt auch nicht sagen. Nur eins war klar: Auch die Katze hatte mich verlassen. Einfach so.
Dass es jetzt auch noch anfing zu regnen, passte hervorragend zu meiner Stimmung. Seit fast zwei Stunden sass ich in dem dunklen Hauseingang des Geschäftshauses und dachte an überhaupt nichts. Mein Auto hatte ich irgendwo ein paar Strassen weiter abgestellt, ich war mir nicht mehr sicher wo. Während des Tages herrschte hier reges Treiben; in dem Haus befanden sich eine Anwaltskanzlei, das regionale Redaktionsbüro der grössten Tageszeitung der Gegend und eine Gemeinschaftspraxis von Ärzten. Fast glaubte ich, etwas von der Energie zu spüren, die von den vielen Leuten zurückgeblieben war, die hier Tag für Tag ein und aus gingen.
Obwohl die Strasse auch jetzt noch belebt war – ein Stück weiter unten hatten einige Bars noch geöffnet und die Spätvorstellung des Kinos um die Ecke war wohl gerade zu Ende –, sah mich niemand. Ganz kurz war es wieder da, dieses wohlige Gefühl, das ich von meinen nächtlichen Fahrten her kannte. Die Kälte der Mauer, an der ich mich anlehnte, und die gleichzeitig für einen Moment auflodernde Wärme in mir drin, verursachten mir eine Gänsehaut. Der Unterschied zu früher war das Fehlen der inneren Überzeugung, dass alles wieder gut wird. Vielleicht nicht gleich, aber irgendwann auf jeden Fall. Den Silberstreifen am Horizont gab es für mich nicht mehr. So fühlt man sich also, wenn man des Lebens müde ist, dachte ich im Stillen.
Plötzlich fühlte ich mich beobachtet. Ich blickte hoch und sah auf die Strasse hinaus. Keiner da. Aus den Augenwinkeln nahm ich eine Veränderung war. Etwas war anders als vorhin. Mir blieb vor Schreck beinahe das Herz stehen, als ich sie sah. Sie sass, keine drei Meter von mir, auf der anderen Seite des Hauseingangs und schaute mir direkt in die Augen. Wie ich nicht bemerken konnte, dass sie sich dahin gesetzt hatte, wusste ich nicht. Ich war wohl so in Gedanken versunken, dass ich für einen Moment überhaupt nichts mehr um mich herum wahrnahm.
Sie sagte kein Wort, sah mich einfach unverwandt an. In ihrem Gesicht nicht die kleinste Regung. Erst, einen ganz kurzen Moment lang, wollte ich empört sein über diese Störung, diesen ungebetenen Eintritt in meine Welt, in der doch eigentlich nur ich und sonst niemand etwas zu suchen hatte. Aber in ihrem Blick lag irgendetwas, vielleicht eine Art Verständnis, das in mir ein Gefühl einer eigentümlichen Zusammengehörigkeit auslöste. Es störte mich nicht, dass sie da war. Gleichzeitig empfand weder den Drang noch die Notwendigkeit, etwas zu sagen.
Nach einer Ewigkeit, die kaum mehr als ein paar Sekunden dauerte, nahm sie ihren Blick von mir und schaute auf die Strasse hinaus, wie ich es kurz zuvor getan hatte, und ihre Augen nahmen einen verträumten Ausdruck an. Sie sah etwas anderes als das, wohin sich ihr Blick richtete. Was es war, wusste nur sie. Ich beobachtete sie, was sie nicht zu stören schien. Sie war schön. Etwa gleich alt wie ich, aber irgendwie strahlte sie eine Weisheit aus, die viel älter schien. Sie kam mir vertraut vor, was ich mir aber nicht erklären konnte, denn ich war sicher, sie nicht zu kennen.
Meine Welt war noch kleiner geworden, bestand jetzt nur aus ihr und mir selbst. Was jenseits des Hauseingangs lag, im trüben, durch den Regenvorhang verzerrten Licht der Strassenlaternen, existierte für mich nicht mehr. Ich habe keine Ahnung wie lange wir so da sassen, zusammen auf kleinstem Raum, jeder in sich selbst versunken. Auf der Strasse war schon längst niemand mehr zu sehen.
»Ich möchte den Sonnenaufgang sehen.« Erst war ich nicht sicher, ob die Worte an mich gerichtet warten. Sie flüsterte sie nur, sah mich dabei nicht an. Ich sagte nichts.
»Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben noch nie einen Sonnenaufgang gesehen. Ich meine so richtig. Den Übergang von völliger Dunkelheit zum Licht. Hast du das schon mal erlebt?«
Ich überlegte einen Moment bevor ich antwortete: »Nein.« So hatte ich das wirklich noch nie erlebt.
»Wo gehen wir hin«, wollte sie wissen.
»Ich weiss nicht mal in welcher Richtung Osten liegt«, antwortete ich.
»Aber ich. Lass uns runter zum See gehen. Auf der anderen Seite des Ufers geht die Sonne auf«, schlug sie vor.
Wir redeten kein Wort auf dem gemeinsamen Weg zum See, und auch nachdem wir uns auf die Bank vor dem kleinen Wäldchen gleich beim alten Steg gesetzt hatten, auf dem im Sommer manchmal einige Jungs aus der Gegend Fische zu fangen versuchten, blieben wir lange still. Beide lauschten wir dem Regen, vor dem uns die schon braun gewordenen Blätter an den Ästen über unseren Köpfen schützten. Das Rauschen der Tropfen im Wald hinter und auf dem See vor uns hatte etwas beinahe Hypnotisches.
»Hast du ein Handy dabei?«
Ihre Frage riss mich aus meinen Gedanken. Woran ich dachte, weiss ich nicht mehr. Dachte ich überhaupt was? Ich kann mich nicht erinnern.
»Wieso?«
»Ich sterbe. Bald.«
Sie sagte das so, als sei es überhaupt nichts Besonderes und keiner weiteren Erklärung bedurfte. Genauso gut hätte Sie mich gerade darüber informieren können, sie habe vergessen den Müll raus zu stellen.
»Da fehlt mir jetzt irgendwie der Zusammenhang.«
Im Nachhinein habe ich mich immer wieder gefragt, weshalb ich mir ausgerechnet darüber Gedanken machte, statt nach dem Grund ihres baldigen Tods zu fragen. War ich so sehr mit mir selbst beschäftigt, dass mir ihr Schicksal egal war? Lag es einfach daran, dass Sie es mir in einer Selbstverständlichkeit mittteilte, die dem Ganzen den Schrecken nahm?
»Es kann jederzeit passieren. Gleich, in fünf Minuten oder in ein paar Wochen, vielleicht sogar erst in zwei Monaten. Falls es aber heute passiert, möchte ich, dass du einen Krankenwagen rufst und dann gehst.«
»Aha. Ich soll dich also einfach liegen lassen und dann nach Hause gehen. Vielleicht noch ein lecker Brötchen essen, mich hinlegen und so tun als ob nichts wäre?«
»Man sollte nichts essen, bevor man sich schlafen legt.«
»Okay, dann also kein Brötchen.«
»Besser ist das.«
»Warum?«
»Weil man nicht gut schläft, wenn der Körper verdaut.«
»Nein, ich meine, warum sagst du mir so was?«
»Weil ich nicht möchte, dass du das Gefühl hast, dich um mich kümmern zu müssen, sollte es heute Nacht passieren. Macht eh keinen Sinn, weil wenn es soweit ist, ist es definitiv vorbei. Ich habe ein Hirn-Aneurysma, das nicht entfernt werden kann und voraussichtlich bald platzen wird: Hirnblutung, aus die Maus. Ausserdem weiss ich, dass ich sterben werde und es ist okay für mich.«
Tausend Fragen schwirrten mir durch den Kopf: Woher kommt das Aneurysma? Was ist das eigentlich genau? Wieso kann man es nicht entfernen? Wie ist das, zu wissen, dass man stirbt? Und wie kann das »okay« sein? Aber ich stellte keine dieser Fragen. Als ich sie ansah und sie mich anlächelte, wusste ich, dass sie nicht darüber reden wollte. Sie wollte überhaupt nicht reden.
Wie lange wir einfach so da sassen, ohne ein Wort zu sagen, beide ganz weit weg in der eigenen Gedankenwelt und doch ganz nah beieinander, weiss ich nicht. Die Zeit spielte keine Rolle. Wichtig war nur die Vertrautheit zueinander, die wir beide spürten, aber weder erklären konnten noch wollten. Als sich die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne zeigten, in warmem gelb und rosa, lehnte sie ihren Kopf an meine Schulter.
»Machst du weiter?«
»Womit?«
»Mit deinem Leben.«
Ich schaute auf das Wasser hinaus. Es regnete kaum noch. Die wenigen Regentropfen, die sich aus den letzten Wolken stahlen, verursachten Kreise, die immer grösser wurden, bis sie vollständig verschwunden waren und eine ruhige Wasseroberfläche hinterliessen, in der sich der Himmel des neu anbrechenden Tages spiegelte.
»Ja.« Die Erleichterung, die ich bei dieser Antwort empfand, ist unbeschreiblich. Noch vor ein paar Stunden hätte ich wohl etwas anderes gesagt. Ich sah aus den Augenwinkeln, dass sie mich wieder anlächelte. Ein zufriedenes Lächeln. Dann schloss sie die Augen. Kurz danach war sie tot.
Ich stand auf und legte ihren Kopf behutsam auf die Bank. Dann wählte ich mit unterdrückter Nummer den Notruf und meldete, beim Joggen sie mir eine reglose Frau auf einer Parkbank aufgefallen. Ich sei ohne gross nachzudenken weitergerannt, aber das Bild liesse mir irgendwie keine Ruhe. Vielleicht sei es besser, wenn man sich das mal ansehe. Danach legte ich auf und machte mich auf den Heimweg. Zuhause angekommen, legte ich mich ins Bett und schlief sofort ein.
Als ich am nächsten Tag aufwachte, glaubte ich im ersten Moment, das alles geträumt zu haben. Aber es war kein Traum. Seltsamerweise empfand ich keine Trauer. Irgendwie wusste ich, dass es für sie wirklich okay war zu gehen. Eines liess mir aber keine Ruhe: Ich wollte ihren Namen wissen. Sie vielleicht, irgendwann, auf dem Friedhof besuchen und mich von ihr verabschieden. Also ging ich zum Krankenhaus. Am Empfang fragte ich nach, ob heute Morgen eine junge Frau eingeliefert wurde, die an einer Hirnblutung starb. Ich gab mich als Freund der Familie aus, der benachrichtigt wurde. Die Mitteilung auf meinem Anrufbeantworter sei etwas undeutlich gewesen, deshalb wüsste ich nichts Genaueres. Die ältere Dame hinter der Glasscheibe tippte kurz etwas auf ihrer Tastatur ein und blickte dann verwundert auf den Bildschirm.
»Tut mir leid, da sind sie wohl im falschen Krankenhaus gelandet. Wir hatten tatsächlich einen Todesfall einer jungen Frau aufgrund einer Hirnblutung heute früh. Müsste so in etwa bei Sonnenaufgang gewesen sein. Aber die Patientin wurde nicht eingeliefert, sondern lag seit zwei Wochen auf der Intensivstation im Komma. Ein ungewöhnlicher Zufall. Dann ist Ihre Bekannte wohl in die Uniklinik gebracht worden. Soll ich für Sie dort kurz nachfragen?«
Wie betäubt stammelte ich irgendwas wie »Nein danke, ich mach das selbst« und ging nach draussen. Mir war nicht klar, woher ich die Gewissheit nahm, aber ich war mir sicher, auch in der Uniklinik würde man nichts von einer Frau wissen, die auf einer Parkbank tot aufgefunden worden war.
Vor dem Eingang des Krankenhauses blieb ich stehen. Mir lief es kalt den Rücken hinunter. Aber so schnell die Angst kam, so rasch war sie wieder weg und wich einer unerwarteten Ruhe und einer tief empfundenen Dankbarkeit. Ich sah hoch und blinzelte in die Herbstsonne, die mir direkt ins Gesicht schien, spürte ihre warmen Strahlen. Und ich lächelte. Zum ersten Mal seit Monaten.