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08.11.2001
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Mit einem schnellen Blick über die Schulter vergewisserte er sich, daß ihm niemand folgte. Auch jetzt, auf der fünften Tour, spürte er noch diesen sauren Geschmack im Mund. Die Straße hinter ihm war leer und er fühlte sich albern, denn wer sollte ihm schon folgen. Die anderen Male war es doch auch gutgegangen. Aber das Päckchen machte ihn nervös. Leo machte ihn nervös. Die Art, wie er ihm das Bündel in die Hand drückte. "Verlier's besser nicht!", war drohend. Ganz beiläufig. Aber mit diesem Unterton. Und jedes Mal, wenn er mit einem Päckchen Leos Haus verließ, glaubte er, jeder könne sehen, welche Ware er herumtrug.
Der Bahnsteig war leer. Nichteinmal der Penner, der sonst in der hintersten Ecke im Schatten in einer seiner Taschen kramte, war zu sehen.
Sechs Stationen, einige Blocks die Straße hinunter und durch einen viel zu dunklen Hof. Er haßte die Tour. Zu viele Orte, an denen er nicht gesehen werde wollte. Zu viele Kameras in den Stationen, von denen er nicht festgehalten werden wollte. Ecken, von denen er nicht wußte, wer dort wartete.
Aber niemand war ihm gefolgt und Stück für Stück entspannte er sich. Im Wagen ließ er sich in eine leere Sitznische fallen und sah sich um. Es nur eine Hand voll Menschen im Zug, aber jeder schien ihm verdächtig. Ihre Blicke verfingen sich flüchtig in seinem und sie schienen zu wissen, dass er heute nacht der Kurier war. Schienen zu wissen, was er bei sich trug, hinten in den Gürtel gesteckt.
Zwei Stationen lang beobachtete er angestrengt die anderen Fahrgäste und das Öffnen und Schließen der Türen. Niemand sprach ihn an, niemand kam näher, niemand sah länger herüber. Aber das mußte nichts heißen. Er zwang sich, die Augen zu schließen, konzentrierte sich auf die Geräusche. Zählte die Stationen. Um ihn herum war es jetzt weitgehend still. Menschen stiegen ein, aus, sahen ihn wohlmöglich an, könnten ihn erkennen, auch wenn er sie nicht sah. Deshalb hielt er den Kopf gesenkt, während die Adrenalinwellen durch seine Adern pumpten.
Der Zug kam zum Stehen. Er hörte, wie die hydraulischen Türen sich öffneten, aber er saß bewegungslos, unbeteiligt still. Er wartete bis zur letzten Sekunde, schnellte vom Sitz und durch die Türen hinaus, die hinter ihm zuglitten. Wäre ihm jemand bis hierher gefolgt, hätte er ihn abgehängt. Der Zug wirbelte ihm Davonfahren Papierschnipsel auf. Er war allein auf dem Bahnsteig und lächelte befriedigt. Nur noch ein paar Straßen, dann hatte er auch diese Lieferung rübergebracht. In Gedanken gab er das Geld aus, das er von Leo bekommen würde.
Er folgte dem Eisengitter, das den Bahnsteig von der Straße trennte und warf flüchtige Blicke auf die Plakate der Rockbands, die die Sicht durch das Gitter beinahe vollständig versperrten.
Die Drehtür, die ihn hinausließ, war mit dem Gitter verzahnt, um Schwarzfahrer aufzuhalten. Sie quietschte verhalten, als er sich dagegenstemmte.
Der Schlag, der durch seine Schulter fuhr, als die Tür blockierte, kam überraschend. Sekundenbruchteile später rückten die Gesichter vor das Gitter, nahm er die Eisenstange wahr, die zwischen die Tür und das Gitter geklemmt war, durch das sie zurück auf den Bahnsteig drehte. Er stemmte sich mit aller Kraft gegen die Tür, aber sie gab keinen Milimeter nach.
Die Gesichter auf der Straße schoben sich näher heran. Er trat einen Schritt zurück, drückte sich gegen das rückwärtige Gitter. Die Tür würde die Stange freigeben und in wenigen Augenblicken würde er wieder auf dem Bahnsteig stehen. Er würde einen Vorsprung haben, bis sie durch die Tür gekommen waren. Aber anstelledessen war nur ein trockenes Klicken im Gestänge zu hören. Dies war die Ausgangstür. Sie würde nicht zurückdrehen. Keinen Milimeter. Aus Sicherheitsgründen.
Die Gesichter auf der anderen Seite schoben sich näher heran, waren jetzt dicht vor seinem Käfig. Einer von ihnen streckte eine Hand in seine Richtung aus, hielt sie ausgestreckt direkt vor das Gitter. Er rührte sich nicht, versuchte wenigstens, trotzig an ihnen vorbeizusehen. Die Hand rückte näher, öffnete und schloß sich auffordernd. Er bewegte sich nicht.
"Raus damit", die Stimme brach an den Betonwänden der Station, so leise sie war. Er blieb trotzig. "Keine Spielchen, Mann." – "Verschwindet", er legte allen Mut hinein. Ein trockenes Lachen vor dem Gitter. "Leo hat diesmal wohl einen ganz Mutigen aufgegabelt." – "Nein, einen ganz Dummen", konterte eine Stimme von weiter hinten im Pulk.
"Ok, Schluß mit den Spielchen", die Stimme wurde hart. "Wenn du schlauer bist, als du aussiehst, rückst du das Zeug raus und die Sache ist erledigt. Kurz uns schmerzlos."
"Was?", er fühlte den Punkt in seinem Rücken, wo das Päckchen in seinem Hosenbund steckte jetzt deutlich. Es begann zu glühen, bohrte sich in seine Haut.
In dem undefinierten Licht, das von der Straßenlaterne herüberschien, sah er die Klinge nur flüchtig aufblitzen, bevor sie den Ärmel seiner Jacke durchtrennte.
"Keine Spielchen!" Jetzt unterdrückte er nur noch mühsam das Zittern. Die Klinge schnellte nocheinmal herein, erreichte den Ärmel etwas höher, näher am Oberarm, beinahe die Haut. Er konnte nicht weiter zurückweichen.
Das Päckchen war gerade dünn genug, dass er es durch die Stäbe schieben konnte. Er preßte sich fest gegen das hintere Gitter, noch Minuten nachdem sie verschwunden waren. Sie hatten die Stange nicht herausgenommen, aber das kümmerte ihn nicht. Er konnte weder vor noch zurück. Nicht zum Kunden, denn er konnte nicht liefern. Nicht zu Leo, denn er hatte die Ware verloren. Als der Wachmann kam, hatte er sich am Boden zusammensinken lassen. Sprach kein Wort und rannte davon. Leo würde ihn finden.

 

Hallo arc en ciel,

eine wirklich spannende, kleine Geschichte, die Dir hier gelungen ist.
Leider wurde meine Frage nach dem Inhalt des Päckchens nicht beantwortet, naja - damit muß ich nun halt leben. :)

Was mir ganz besonders gut gefallen hat, ist, wie Du Deinen Protagonisten beschreibst, und zwar allein durch die Art und Weise, wie Du ihn denken läßt. Er denkt - und sicher spricht er auch so - in kurzen, hektischen Sätzen. Er ist gehetzt, ein Getriebener.

Drei Sachen sind mir noch aufgefallen:

"während die Adrenalinwellen durch seine Adern pumpten." - Die Formulierung finde ich unglücklich, denn das Adrenalin wird doch durch seine Adern gepumpt. Vielleicht könntest Du eher schreiben: durch seine Adern pulsten oder etwas in der Art....

"Kurz uns schmerzlos." - und(!)

"In dem undefinierten Licht," - das klingt so hölzern, wer sollte denn das Licht definieren? Ist es nicht eher undefinierbar?

Ich habe die Geschichte gerne gelesen!

Liebe Grüße
Barbara

 

Ich habe nun schon länger keine Geschichte mehr gelesen und kritisiert, aber da ich heute für die Schule eine Kriminalgeschichte schreiben muss kam ich auf die Idee im bereich "Spannung" mal etwas näher nachzuforschen wie Spannung so aufgebaut wird.

Deine Geschichte erzeugt richtige spannung dadurch, dass der Leser erfahren will aws in dem Päckchen enthalten ist. Doch leider wird er am Ende enttäuscht und kann sich nur selbst fantasieren was es beinhaltet. Schlecht finde ich dieses Prinzip nicht, es erzeugt eher eine Art Dramatik, da man weiß, dass es etwas, für Leo und den Angreifern sehr wichtiges ist, und auch das Leben des Protagonisten davon abhängt.

ich habe mir gedacht, dass eine Sorte von Droge im Päckchen wäre, da ich mir sonst schwer einen solchen Überfall erklären kann. Natürlich könnte alles mögliche darin sein; vielleicht sogar eine immense Summe von Geld oder Edelsteine, was aber womöglich nicht zutrifft, weil er die Längste Zeit über das Päckchen in der Tasche nicht bemerkt hat oder es ihn Körperlich belastet hat.

Stilistisch kann ich nicht viel sagen, da ich selbst da noch keine große Erfahrung gemacht habe, aber einige Kleinigkeiten sind mir aufgefallen:

Es nur eine Hand voll Menschen im Zug
Es waren nur eine Hand voll Menschen im Zug

wohlmöglich
womöglich

Der Zug wirbelte ihm Davonfahren Papierschnipsel auf.
im

Milimeter
Millimeter

anstelledessen
anstelle dessen

Mir hat die Geschichte gefallen. Ich werde auf die Idee, inspiriert durch deine Geschichte, ein offenes Ende zu gestalten wohl zugreifen. Demnach, Danke. :)

Liebe Grüße,
Caner

 

hi!
danke für Eure Kritiken. Mich verblüfft es völlig, daß niemand sich mit der Nase darauf gestoßen fühlt, was in dem Päckchen ist. Ich hatte so klar auf einen Drogenkurier gesetzt, daß mir da gar keine Zweifel kamen.
Danke für die Fehlersuche... ich kämpfe im Moment mit einem US-Betriebssystem, das mir keine deutsche Rechtschreibkorrektur bietet, aber die seltsamsten Autokorrekturen vornimmt... aber das schließt natürlich nicht "Wohlmöglich" ein, das ich seit 100 Jahren falsch schreibe ;)
Kümmere mich um die Änderungen.
Schön, daß ich Dich "inspirieren" konnte, Caner,

Lieben Gruß,
Frauke

 

hi arc en ciel,

Ich hatte so klar auf einen Drogenkurier gesetzt, daß mir da gar keine Zweifel kamen.
Ich denke, dass das mit zum Schwierigsten beim Schreiben und Überarbeiten einer Geschichte gehört, dem Leser so viel an Information mitzugeben wie nötig und gleichzeitig so wenig wie möglich, um die Spannung hoch zu halten. Es ist deshalb so schwierig, weil die Geschichte im eigenen Gedankenuniversum ja wunderbar funktioniert und für das eigene Gefühl, die kleinen Geheimnisse, die man einbaut, schon viel zu offensichtlich sind, dass man sich ständig unsicher ist, ob es wirklich nötig ist, dies und das noch zu erwähnen.

Denn ehrlich gesagt ist es ganz und gar nicht klar, dass in dem Päckchen Drogen sein sollen. Warum sollte das klar sein? Wo in der Geschichte gibt es einen Hinweis darauf? Es könnte alles mögliche beinhalten.
Andererseits ist dieses Detail im Grunde ja gar nicht wirklich wichtig.

Ganz nett finde ich die Analogie, dass er in seiner Falle, zwischen Tür und Gitter, weder vor noch zurück kann, genauso wenig, wie er in der Realität weder zum Kunden noch zu Leo gehen kann.
Allerdings versteh ich den vorletzten Satz nicht. Da fehlt etwas zwischen dem drittletzten und dem zweitletzten Satz. Nämlich die Beschreibung, dass ihn der Wachmann befreit und er dadurch davonlaufen kann. Kann man sich natürlich denken, dass das so abläuft, hab ich aber nicht beim ersten Mal Lesen. Ist aber vielleicht mein Denkfehler gewesen.

Grüße
Visualizer

 

hi!
Was ich nicht so recht verstehe, ist die Frage danach, was in dem Päckchen ist.
Fakt ist, daß sich aus der Geschichte ergibt, daß es gewissen Menschen darauf ankommt, ein kleines Päckchen von einem zum anderen transportieren zu lassen. Und dabei nicht erwischt zu werden.
Und andere scheinen es auf den Inhalt abgesehen zu haben.

- mal ganz empirisch: was außer Drogen soll das denn heutzutage sein?
- und außerdem: würde es viel ändern, wenn es Diamanten wären?

Das Ende ist mit Absicht nur bruchstückhaft. Grundsätzlich wird die Geschichte in der 3. Person Singular, aber aus seiner recht subjektiven Perspektive erzählt. Und das sind Momente, die er in einer anderen Perspektive wahrnimmt, als zB der Wachmann...

Lieben Dank fürs Lesen & Kritisieren,

Frauke

 

Hallo.

Eine recht spannende Geschichte, bei der man sich fragt, ob der Protagonist sein Ziel am Ende derreichen wird.

Im Gegensatz zu den Vorrednern hat es mich auch nicht wirklich interessiert, zu wissen, was in dem Päckchen ist. Vielleicht bin ich auch einfach nicht neugierig genug :).

 

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