Kuala Lumpur
Es gibt da einen Menschenschlag, der ist mir äußerst suspekt. Das Weibchen gebärt, kauft ein, kocht und trägt Birkenstocks. Das Männchen trägt einen Schnäuzer. Menschen sind das, die ihre Kaffeefilter in passenden, mit Bauernmalerei verzierten, Holzetuis aufhängen. Unter den Hängeschrank. Die gleichen Menschen besitzen auch ganze Schrankwände, Eiche radikal, und beleuchtete Glasvitrinen mit Modellflitzern oder mundgeblasenen Glaspferdchen. Alles hat seinen Platz. Wie auch in deren Lebensverlauf alles geordnet scheint. Nettes Nachbarschaftsverhältnis, einmal jährlich zwei Wochen Urlaub, egal wo, Hauptsache da, wo man schon die letzten sieben Jahre war. Ich weiß nicht, wie diese Art von Mensch das hinbekommt. Diese Präzision an Vorhersehbarkeit. Diese Berechenbarkeit des Lebens und des Universums inklusive aller Paralleluniversen.
Ich meine, hey, Schubladen dienen dazu, Dinge aufzubewahren. In meinen befinden sich zum Beispiel auslaufende Batterien, abgebrannte Streichholzbriefchen aus Paris, kleine, eingeschweißte Kalenderchen aus dem letzten Jahrtausend, der alte Wecker meiner letzten Ex und alte Penisringe mit Noppen aus glücklichen Tagen mit meiner vorletzten Ex. Außerdem Kerzen, ein paar Liebesbriefe, diverse Quittungen, ein altes Handy, ein Laserpointer und und und... Manchmal glaube ich, genau hier lassen sich die Unterschiede im Denken ableiten. Wo der Schnäuzer gezielt in eine Schublade greift und den ausgereiften Gedanken hervorholt, sehr alt aber frisch poliert, muß ich erst ein bißchen in der großen Kiste in meinem Kopf wühlen um schließlich irgendetwas in der Hand zu halten, daß der Idee eines Gedankens eventuell nicht unähnlich sehen würde, wäre es ein bißchen entstaubt. Diese Vorgehensweise findet übrigens auch eindeutige Parallelen zu meiner Behausung. Die ist scheinbar streng nach Sheng Pfui eingerichtet, als ob ich seit Jahren daran arbeiten würde, die Chaostheorie zu beweisen. Ich überlege, ob ich ein Schild an meiner Tür anbringen soll, mit der Aufschrift: VORSICHT! SIE BETRETEN EINEN FELDVERSUCH!
Wenn ich mal alle Brücken niederreiße und weggehe, werde ich wahrscheinlich in Kuala Lumpur wohnen. Wegen dem symphatischen Namen. Klingt irgendwie abgelockert und ziemlich schlampig. Als wenn das ein Bayer mit gezwirbeltem Schnäuzer und Gamsbart am Hut hinter mir herrufen würde, wenn ich, den Koffer in der Hand, aus meiner Wohnung renne, die einen Augenblick später explodiert und dem Chaos eine eigene, ganz neue Ordnung gibt.